Useful things

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Alltagsgegenstände sind zweifellos nützlich. Ihr Inhalt kann freilich umstritten sein. Sainsburys Buch über Paradoxien, meine Tasse, bis vor Kurzem mit Espresso gefüllt, die Mauer der Münchener Synagoge.

Dass der Hauptnutzen aus dem umstrittenen Kern kommt, ist allerdings unumstritten.

Sainsbury gelingt es, Paradoxien zu lösen. Ich beneide ihn so sehr wie Correggio Raffael beneidete. Wie Correggio muss ich allerdings – aus Neid und von meiner Qualifikation her – sagen: „Anch‘ io sono un pittore“.

Paradoxien lösen ist nicht das Wichtigste in Sainsburys Buch. Das Wichtigste ist zu erkennen, dass die Paradoxien sprachabhängig sind – was ihre Lösungen auch sprachabhängig und damit stets umstritten macht. Ich selber habe gleich zwei verschiedene Lösungen des Lügners publiziert: eine im Sinn der dialogischen Logik und eine mereologische. Ich habe aber nie behauptet, dass meine Lösungen des Lügners sprachunabhängig sind. Sie sind’s. Sie bleiben umstritten und das ist gut so.

Auch der religiöse Glaube ist in einem Sinn umstritten. Früher besuchte ich die orthodoxe Synagoge in München mit einem guten Freund. Inwiefern von Gott gesagt werden könne, dass er existiert, und ob das orthodoxe Judentum die richtige Art sei, Gott zu verehren, darüber hatte er kein schlagendes Argument – ja er wollte keines haben, zumal er reformierter Jude war. Das Umstrittene war der Gewinn.

Es ist auch umstritten, ob ein doppelter Espresso gut oder schlecht für mich ist.

ENOUGH WITH SCROLLING

Everyday things are doubtlessly useful. It’s their content which is controversial. Sainsbury’s book on paradox, my cup of coffee, the wall of the Munich synagogue.

The main benefit comes from the controversial heart of the useful cover.

A task in which Sainsbury is very successful is to solve paradoxes. I’m so jealous of him! As jealous as Correggio was when he saw a painting of Raffael. And, like Correggio, I have to say, out of jealousy but also just because I’m qualified: „Anch‘ io sono un pittore“.

The solutions of the paradoxes is not the most important thing in Sainsbury’s book. The most important thing is to see that paradoxes are dependent on language. Thereby, their solutions are also dependent on language – to remain controversial. I also have published („Anch‘ io…“) two solutions of the Liar: one with tools from game semantics, the other with reference to the mereology of sentences. Never, never, never ever have I claimed that they are the ultimate solutions. They’ll always remain controversial.

Religious belief has also to remain controversial in a sense. Earlier, I used to visit the orthodox synagogue of Munich with a friend. He didn’t have an ultimate argument for the claim that God existed in this or in the other way. He didn’t even have an argument that God has to be worshipped in the way orthodox Jews worship Him. And he didn’t want to think about arguments of this kind – first of all because he was socialized in a reformed Jewish community. The benefit was the controversy.

It’s also controversial whether a „doppio espresso“ is good or bad for me.

Entbehrung – on the ontology of privations

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Humor zu entbehren, heißt eindeutig, man ist irgendwo ganz falsch gelandet. Miesmuscheln zu entbehren ist weniger tragisch. Warum wohl? Weil Humor offensichtlich ein wichtigeres Merkmal unserer Natur ist als Miesmuschelnessen. Das muss ich als notorischer Miesmuschelnesser sagen. Einerseits hat also die Entbehrung mit unserer Natur zu tun. Wenn wir etwas nicht haben, was wir für zu unserer Natur gehörig halten, dann ist die Entbehrung größer, als wenn wir das für weniger zu unserer Natur gehörig halten.

Einerseits hat also die Entbehrung mit unserer Natur zu tun, andererseits hat sie nichts mit unserer Essenz zu tun. Denn wenn ich etwas entbehre, was zu meiner Essenz gehört, dann bin ich bereits nicht mehr derselbe – oder dasselbe.

Am Mittwoch hatte ich die Gelegenheit, die mir Professor Psarros von der Uni Leipzig dankenswerterweise gegeben hat, diesen und anderen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Noch bemerkenswerter finde ich den Gedanken, dass die Entbehrung nur eine individuelle Natur, kein Genus betrifft. Denn die Entbehrung impliziert stets ein Nichtvorhandensein: Wenn Stevie Wonder blind ist, dann ist es nicht der Fall, dass Stevie Wonder die Fähigkeit zum Sehen hat. Das Satzsubjekt ist hier wohlgemerkt ein Individualausdruck. Dass es nicht der Fall wäre, dass einige Sänger die Fähigkeit zum Sehen hätten, wenn einige Sänger blind sind, gilt allerdings nicht. Was mir fehlt, fehlt in Folge dessen nur mir – und zwar aus logischen Gründen.

Es kann daher sein, dass der Humor meinen Artgenossen nicht fehlt. Das macht das Leben in Entbehrung schwieriger. Man ist allein in dem, was einem fehlt. Ein Leben in der Umgebung von Menschen, denen es nicht mal auffällt, dass anderen Menschen andere Sachen fehlen, ist – na ja…

Egal! Zurück zur seriösen Philosophie. Ein schöner Leichenschmaus war’s gestern in den Ammergauer Alpen. Humorvolle, tolle Leute haben ihren Lehrer und Freund auf seiner letzten Reise verabschiedet. Nur einer fehlte. Man kann zwar nicht im Ernst behaupten, dass einer in seiner eigenen Beerdigung fehlte und zwar aus verschiedenen Gründen: Einerseits war er körperlich da, andererseits setzt eine Beerdigung voraus, dass einer in einem Sinn nicht da ist.

Aber das sind keine logischen Gründe.

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When you miss humour you know that you’re definitely in the wrong place. When you miss mussels the suffering is not that big. Why is this? Well, humour is obviously more important to your being human than eating mussels. And I do like mussels. Very much indeed!

Privation, obviously, is akin to our nature. When we miss something of which we think it’s more relevant to our nature, we suffer more than when we miss something of which we think it’s less relevant to our nature. At the same time, privation has nothing to do with our essence. When I miss something which is a part of my essence, I’m somebody else altogether!

Last Wednesday I had the opportunity given to me by professor Psarros of the University of Leipzig to express these and more thoughts on privation. I’m grateful to him for this. One of the thoughts which stroke me most was that, obviously, privation is a characteristic of individuals but not of entities which can be described by generic terms. The reason for this – and a purely logical one – is that privation implies that something is not the case. If Stevie Wonder is blind, then it is not the case that Stevie Wonder can see. However, if I fail to use the individual term and say that some singers are blind, then the subsequent that it is not the case that some singers cannot see is not the case. Privation is always individual.

Of course, this would make life in privation more difficult. Your fellow humans can be unable to miss humour and a life among people who are not used to think that different people miss different things is – well…

Forget it! Back to serious philosophy:

It was a nice funeral yesterday in the Ammergau mountains. Humorous, great people gave their teacher and friend the last farewell. We missed one. Of course, in a way, you cannot say that someone was missing in his own funeral – for several reasons. First of all, he was there. And, secondly, a funeral presupposes the fact that someone’s missing.

Now, these reasons are not logical.

The lonely professor’s nachlass as a problem of multimodal logic

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Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass mein langjähriger Freund und Mentor Hans Burkhardt vor ein paar Wochen verstarb. Zur schnellen Orientierung in der Thematik: Sein Leichnam ist von der Polizeit im Appartment entdeckt worden, wo er allein wohnte; keine Erben; kein Testament.

Der Verstorbene war ein Freund und Schüler Joseph Bocheńskis, des legendären polnischen Philosophen, der im schweizerischen Friburg wirkte und zwei sehr ungleiche Spezialgebiete hatte: Logik und Sowjetmarxismus. Erstere hat er geliebt, letzteren gehasst, was die Motivation hinter Bocheńskis Gutachten gewiss erklärt, das Bundeskanzler Adenauer sehr nützlich für das KPD-Verbot fand.

Das ist alles Geschichte natürlich – eine Geschichte, deren unbekannte Seiten vielleicht in Hans Burkhardts Nachlass schlummern, in einem versiegelten Appartment voller Papierkram, der vielleicht bald zerstört werden wird.

Hans war außerdem jahrelanges Mitglied des Lorenzen-Instituts in Erlangen und anschließend an der LMU. Das macht ihn zum meines Erachtens einzigen Wissenschaftler, der beiden antagonistischen Instituten der deutschen Wissenschaftstheorie angehörte.

Also schrieb ich an Leute, die vielleicht etwas unternehmen können, um den Nachlass meines Freundes vor der Zerstörung zu retten. Was kann ich sonst noch tun als jemand, der nicht in München, sondern in Erfurt lehrt, der auch keinen Rechtsanspruch hat? Ein Freund behauptet, dass ich mehr tun kann, als Emails aus dem Bauch heraus zu schreiben: die Münchener Professorenschaft anders kontaktieren, mit Journalisten sprechen, Leute mobilisieren usw.

Das kann ich alles nur theoretisch. Ich habe eine Familie zu ernähren; eine Karriere zu unterstützen. Dass meine Zuflucht aus dem Land, in dem die Unis klientelistische Zoos sind, ausgerechnet ein anderes Land war, in dem der Träger des exotischen Nachnamens dreimal (nicht zweimal!) besser als ein Einheimischer sein muss, um zu überleben, war nicht meine Wahl. Es hat sich ergeben. Ich meine, dass mein Leben bereits zu schwer ist, als dass ich mich noch mehr mit der Erretung dieses Kapitels deutscher Geistesgeschichte beschäftigen könnte. Ich habe meine Pflicht getan.

Nachdem das Wort „Pflicht“ gefallen war, sagte der Freund, dass Hans die Kantische Ethik hasste.

Das tat er fürwahr! Hans war ein sehr konsequenter Katholik. Sein moralischer Standard war der Heilige, der Selbstlose – nicht der seine Pflicht erfüllende Kantianer. Allerdings habe ich ein philosophisches Argument dafür, dass die chrlistliche Ethik Heiligkeit und Selbstlosigkeit nicht konsistenterweise fordern kann.

Der Selbstlose ignoriert soziale Konventionen. Er geht ohne großes Nachgrübeln die Gefahr einer Scheidung oder eines sozialen Aus ein. Um es zu ermöglichen, dass eine Gemeinde irgendwo in der Dritten Welt einen besseren Zugang zu Trinwasser hat, verzichtet der Selbstlose auf den Geigeunterricht seiner Kinder – keine Frage! Und die Kinder sollen die Violine auch noch verkaufen.

Wenn das aber und Ähnliches gefordert werden kann, dann gibt es Fälle, in denen „A soll p“ impliziert: „A ist unter Beibehaltung dessen, was aus sozialen Gründen nötig erscheint, unmöglich, so zu handeln, dass p“. A muss mit anderen Worten sich selbst und seine sozialen Bindungen überwinden. Wenn die deontische Logik allerdings eine konservative Erweiterung der Logik des aus sozialen Gründen notwendig Erscheinenden ist, dann impliziert die deontische Logik alle sozialen Notwendigkeiten. Nun ist die Forderung an jemanden, heilig zu werden, damit gleichbedeutend, gerade derartige soziale Notwendigkeiten zu überwinden, was offensichtlich einen Widerspruch nach sich zieht. Daher ist es inkonsistent zu fordern, jemand solle heilig werden.

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ENOUGH WITH SCROLLING

As frequent readers of this blog already know, my long-time friend and mentor Hans Burkhardt died a few weeks ago. A quick orientation: the body was found by the police in the flat in which he lived alone, no heirs are left, likewise no testament.

The deceased was a friend and disciple of Joseph Bocheński, the prolific Polish philosopher of the University of Friburg in Switzerland who was an expert in two very unequal fields: logic and Soviet Marxism. He loved the first, hated the second and this is how Bocheński helped chancellor Adenauer in his struggle to have the Communist Party of Germany banned by the Supreme Constitutional Court of back then West Germany.

This is history, of course, but a history whose traces can probably still be read in Hans Burkhardt’s nachlass, in the sealed flat whose content can be destroyed from time to time to give way to new tenants.

Hans was for years also a member of the Lorenzen institute in Erlangen and a member of the LMU institute of philosophy – to my knowledge the only person who participated in both antagonistic schools of German philosophy of science.

I wrote emails to people who might have the power to rescue the nachlass. What else can I do as someone who’s affiliated to another institute and who has with no legal claim? A friend says that I can do more than writing impulsive emails. I should have tried to approach stakeholders, opinion makers, mobilize more people and, and, and…

However, I have a family to support, I have a career to take care of, and the fact that my only refuge out of the country in which the universities are clientelistic zoos was a country in which you have to be thrice (not twice!) as good as a native in order to survive, wasn’t my choice. What I mean is that I live a life that’s too hard to afford rescuing this piece of German intellectual history all by myself. I did my duty.

My friend heard the word „duty“ and said that Hans hated Kantian ethics.

Certainly he did. Hans was a very devote Catholic. His moral standard was the holy person, the selfless, not the Kantian who simply does his duty. However, if Christian ethics demands people to be selfless and holy, then it is not consistent. I have an argument for this. The following:

The selfless ignores social conventions. The selfless would take the risk of a divorce or of a public outcry without regrets. She would prefer to spend the fees for the violin course of her children in order to finance the improvement of the water supply of a community somewhere in the Third World. And her children would have to sell the violin. This shows holiness, of course. But is it consistent to demand holiness? If yes, then „A ought to p“ implies „It is impossible to A under the condition of certain habits considered to be compulsory by society, to act so that p“. But if deontic logic is a conservative extension of the logic of social necessities, then deontic logic implies all social necessities. However, demanding someone to be holy is to demand her to negate some social necessities. This is an obvious contradiction. Therefore, it is inconsistent to demand someone to be holy.

Religious hatred as a decision-theoretical problem

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Entscheidungstheoretisch aufgeklärte Religionswissenschaftler weisen manchmal darauf hin, dass Hassprediger in einer dem Gefangenendilemma ähnlichen Situation stecken. Der Hassprediger A befürchte, dass der Hassprediger B antagonistisch wäre und die gesamte Zielgruppe in seinem Sinn radikalisieren würde, falls sich A kooperativ geben würde. Um dieser „Gefahr“ vorzubeugen üben sich beide, A und B, in rituellem Hass um die Wette – d.h. sie spielen nichtkooperativ, selbst wenn sie wissen, mehr für ihr Publikum gewinnen zu können, sollten sie sich versöhnlich geben, d.h. sollten sie kooperieren.

Nachdem er darauf hingewiesen hat, schlägt der entscheidungstheoretisch aufgeklärte Religionswissenschaftler vor, Absprachen zwischen den Predigern und ihren Herden, aber auch zwischen Gläubigen und „Ungläbigen“ zu ermöglichen. Tatsächlich stellt die Möglichkeit einer Absprache spieltheoretisch einen Weg aus dem Gefangenendilemma heraus. „Lasst die Leute zueinander kommen, Vorurteile abbauen, die gemeinsamen Interessen feststellen“ lautet die Devise zu einem kooperativen Spielverlauf, weitab vom Gefangenendilemma und der damit zusammenhängenden lauernden Radikalisierung der Prediger und der verschiedenen Religionsgemeinschaften.

Was dabei übersehen wird, ist, dass sich Vorurteile nicht einfach durch Zusammenkommen abbauen lassen. Spieltheoretisch ausgedrückt lässt sich keine kooperative Spieltaktik durch das Ermöglichen von Absprachen durchsetzen. Die Absprachen müssen auch noch erfolgreich sein und dazu müssen sich die Spieler überwinden.

Dieter Frey, mein Professor im Fach Sozialpsychologie an der LMU München, erwähnte das Projekt der Stadt Bremen, Neonazis zum Abbau von Vorurteilen einen Türkei-Urlaub zu finanzieren. Das Meer, die Zypressen, der blaue Himmel, all das gaben die Projektteilnehmer nach der Beendigung der Maßnahme an, positiv in Erinnerung zu behalten – so Freys Bericht damals in der Pause einer Seminarssitzung zum Thema Stereotype. Aber was die Leute im schönen Land anging, darüber sollen sich die wilden Jungs einig gewesen sein, die seien schlimmer als erwartet gewesen. Intergroup contact trage, so Frey damals, nicht zur Beilegung von Vorurteilen bei. Was der Sozialpsychologe anhand von empirischen Daten studiert hat, weiß der Hassprediger intuitiv: verwandelt er sich in eine Friedenstaube, dann verliert er seine Anhänger an die Konkurenz.

Trotzdem habe ich ausgerechnet im geschilderten Komplex Grund zum Optimismus. Im Gegensatz zum Spieltheoretiker beschäftigt sich der Religionswissenschaftler durchaus mit dem Inhalt der Glaubenssysteme von Hasspredigern. Der Religionswissenschaftler weiß also, ob das Glaubenssystem des Hasspredigers eines ist, das Liebe groß schreibt oder nicht. Aber ein Hassprediger eines im Wesentlichen Liebe predigenden Glaubenssystems generiert kognitive Dissonanz und hat langfristig keine großen Chancen, sein Publikum zu behalten.

Fazit: Der Spieltheoretiker und der Sozialpsychologe sind Pessimisten, die den Optimismus des Religionswissenschaftlers auf Naivität zurückführen. Der spieltheoretisch informierte Religionswissenschaftler muss passen. Der sozialpsychologisch aufgeklärte Sozialwissenschaftler kann sich allerdings rühmen, ein Optimist ohne naiveté zu sein.

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Religious studies, insofar as they are informed by decision theory, see radical religious officials involved in a situation akin to the prisoner’s dilemma. Each of them is concerned that the next will be antagonistic if he would favour a more conciliatory tactic. Since, if this is true, the group would be radicalized anyway, the official has any reason to be noncooperative towards his own colleagues and towards the „infidels“ as well in order not to lose his audience. This will be the case, then, even if they know that the benefit from a reconciliation and from a cooperative game would be greater.

Religious studies scholars often recommend contact as a cure. Ingroup contact between the officials, of course, to enable a common strategy, but also intergroup contact between the „fidels“ and the „infidels“ to ensure that this strategy will be conciliatory. It’s true, a contact between the players shows a way out of the prisoner’s dilemma. However, it doesn’t go without an argument that contacts help put attitudes or prejudice aside. And this is why a contact is not an agreement.

Dieter Frey, my Social Psychology professor at the LMU Munich, mentioned once in a coffee brake – the session was on stereotypes – a project run by the municipality of Bremen: The authorities paid ex-Nazis who were in a reintegration program a vacation in Turkey. The beaches, the cypresses, the blue skies were highlighted very positively by the participants in their monitoring reviews after the project. Negative feelings towards the natives, however, were more open after than they were before the trip. As I said, it doesn’t go without an argument that intergroup contact helps get over prejudice and probably it doesn’t help at all. This is why the radical preacher will fear that he will lose his job if he would mutate from a war falcon to a peace dove.

There’s a reason to be an optimist whatsoever. Unlike game theory, religious studies are very occupied with the content of the belief set at stake. If the ability to love others independently of their backgrounds is important in this belief set, fanatic preachers are doomed to increase cognitive dissonance some day or another. Their chances to keep their audience are, in the long run, low.

I conclude that game theorists and social psychologists have reasons to be pessimists and to see some naiveté in the optimism expressed by religious studies scholars. Religious studies informed by game theory have to be pessimistic as well. However, insofar as religious studies are informed by social psychology there is a good reason to propagate optimism again.

Opening the black box

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Und schon wieder habe ich den Flugschreiber entdeckt.

Der Flugschreiber heißt „black box“ auf Englisch und Verhaltenspsychologen nennen auch die Seele „black box“, meinend: das Undurchsichtige. Letzteres wäre die falsche Assoziation. Mit dem Titel des heutigen Beitrags meine ich eher das Gegenteil. Erinnerungen an liebe Verstorbene sind bei mir wie das Auffinden des Flugschreibers nach einem Flugzeugabsturz im Sinne, dass mir alles viel durchsichtiger, strukturiert, in seiner rechten Ordnung vorkommt. Hier die Witze, da die Bitterkeit, hier die politischen Überzeugungen, da das Persönliche. Das ist mir ein paarmal passiert – ich sehe nicht ein, warum ich schon jetzt Freunde für immer verlieren soll – und es passiert abermals mit meinen Erinnerungen an Hans Burkhardt, der vor einer Woche plötzlich verstarb.

Doppelpromoviert als Mediziner und Philosoph, an der LMU Modalontologie und Leibniz lehrend, in Mereologie publizistisch tätig, für mich war Hans zunächst fachlich, später auch als Freund unersetzlich.

Medizin hatte er im München der 50er Jahre studiert, Philosophie bei Bocheński im Fribourg der 60er. Später schloss er sich dem Erlanger Institut für Philosophie an und verbrachte lehrreiche (in jedem Sinn des Wortes) Jahre just zu der Zeit, als der Erlanger Konstruktivismus weltweit bekannt und von München aus bekämpft wurde. Menschen, die ich in meinen Studentenjahren als graue Eminenzen und lebende Legenden las, waren seine Lehrer oder seine Kommilitonen oder er selber.

Skurrile Geschichten über diese Menschen erzählte er gern, wenn er mal seine Blackbox öffnete: Es waren die Geschichten mit Bocheński in der Rolle des Helden als schrulliger Dominikaner in seinem VW-Bus vor der NATO-Zentrale oder in seiner Mönschskutte im Gespräch mit sowjetischen Diamat-Philosophen. Dann waren die Geschichten mit Paul Lorenzen in der Hauptrolle eines Umwerters aller Werte. Lorenzen, der von Hans mit den Worten zitiert wurde: „Hier machen wir Geometrie, nicht Philosophie“. Warum das ein Witz war, erforderte Insiderwissen. Aus dem Lorenzen-Deutsch wohlwollend übersetzt hieß nämlich diese Aussage so etwas wie: „Hier machen wir konstruktivistische Grundlagen der Wissenschaft, nicht Mystik“. Aber wer Hans kannte, wusste, wie er das Lorenzen-Deutsch verstand. Etwa so: „Hier machen wir konstruktivistisches Abrakadabra, nicht Grundlagen der Wissenschaft“.

Aus den Erlangern war Hans in den späten Jahren nur Wilhelm Kamlah gegenüber noch wohlgesonnen. Kamlah war Wissenschaftstheoretiker und Religionshistoriker – „ein besserer Religionshistoriker als Wissenschaftstheoretiker“. Wie Kamlah, so lehrte auch Hans bis ins hohe Alter. Und wie Kamlah, so respektierte auch Hans die kritisch überdachte Theologie.

Freilich verbesserte die Sympathie für Kamlah nicht das Urteil des Logizisten und Ontologen für den Erlanger Konstruktivismus. Als ich meinen Artikel „The Byzantine Liar“ publizierte, scherzte er, auf die Idee habe man kommen müssen, konstruktivistische Ansätze zur Logik in „byzantinisch“ umzutaufen, um sie lesenswerter zu machen. Es störte ihn an der konstruktivistischen Wissenschaftstheorie die Vermengung von Epistemischem, Heuristischem und Assertorischem – so wie man so etwas von einem Münchener erwartet.

Münchener Linientreue kann ihm aber ebensowenig attestiert werden. „Schelling-Nachfolger“ nannte er scherzhaft die Leute, die nach den 90ern seine Münchener Kollegen waren, wohl wissend, dass das erstens Sprachanalytiker erzürnt; zweitens Schellingianer ebenso, wenn Sprachanalytiker damit gemeint sind.

Wenn du dein ganzes Leben über den Kausalitätsbegriff schreibst und im Vortrag ganz nebenbei zugibst, du weißt nicht, was die Kausalität ist, dann ist das kein Fall des persönlichen Versagens. Es ist ein Fall der schlechten Philosophie.

Hans erforschte, was Erfolgschancen hatte: Mereologische und ontologische Begrifflichkeiten wie „Grenze“ oder „Essenz“ in ihrer Anwendung auf den Organismus und unser Verständnis davon.

– Weißt du, warum es unzählige körperliche Krankheiten gibt, aber unter den Psychosen nur die Schizophrenie und die Depression?

– …

– Schäm‘ dich! Die wichtigste Literatur dazu hast du bereits gelesen und weißt es trotzdem nicht.

– Freud?

– Ach wo! Thomas von Aquin! Die Seele ist einfacher als alles andere. Im Vergleich zum Körper hat sie eben eine einfachere Struktur.

Ich weiß nichts über die Struktur eines Flugschreibers. Ich vermute ein relativ einfach gebautes Gerät, damit es nach einem Absturz intakt bleibt. Ich meine das im Anschluss an Francisco Suárez, der meinte, die Einfachheit der Seele sei ein Indiz für ihre Unsterblichkeit.

Wenn es nicht Hansens Einfluss gewesen wäre, hätte ich nie Suárez gelesen.

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I recovered the black box once again.

Now, if you have to think of the behaviorists‘ black-box metaphor for the psyche, this is the wrong association. It’s rather the opposite I mean. Like in the black box after a plane crash, whenever I think of a dear person who passed away, my memories are clear, structured, ordered like a documentary – unlike other memories that is. Here the jokes, there some bad feelings, here politics, there private matters. It has happened a couple of times with my memories of friends after their death – I’m not already in an age in which I would be supposed to start losing friends for ever, am I? – and this is the way I think of past moments with Hans Burkhardt who passed away last Saturday.

Hans was a PhD. in medicine and a PhD in in philosophy, taught at the University of Munich (LMU) modal ontology and Leibniz and published on mereology. All this made him indispensable in my eyes – as a scholar intially, as a friend eventually.

He studied medicine in the 50s in Munich and philosophy in the 60s in Fribourg with Bocheński. Later, in a period very crucial for the positon of the Erlangen constructivism worldwide, for its rivalry with Munich, in a period in which he learned a lot – in every sense of the word – he joined the Lorenzen institute. People whom I read as a student as living legends or éminences grises were his teachers or his colleagues or himself.

He loved tellings stories about these eminent people whenever he opened his black box. Stories about Bocheński as the strange Dominican monk in his Volkswagen bus in front of the NATO headquarters in Brussels or discussing in his cassock with Soviet dialectical materialists. Then, there were the stories about Paul Lorenzen as a revaluator of all values, being quoted with the following words: „We’re doing geometry here, not philosophy“. This was meant to be a joke from Hans’s side. In Lorenzen’s usage namely the benevolent translation of these words would be: „We’re doing constructivist grundlagen here, not mysticism“. Knowing Hans, however, you knew how he translated Lorenzen’s dictum: „We’re doing constructivist hocus pocus here, not grundlagen„.

In the late years of his criticism against the Erlangen program, he had some respect for Wilhelm Kamlah. Kamlah was a philosopher of science and a historian of religion – „better in the role of a historian of religion than in the role of a philosopher of science“. Like Kamlah, Hans taught until very late in his life. And, again like Kamlah, he was sympathetic towards a self-critical theology.

But even when he expressed a sympathy for Kamlah, Hans was too much of a logicist and an ontology scholar to have a positive judgment towards the Erlangen program. When I published my paper titled „The Byzantine Liar“ his joke was that it’s a perfidious idea to rename constructivist approaches to logic „Byzantine“ in order to make them worthier to be read. What annoyed him in the constructivist philosophy of science was the mixing of epistemic, heuristic and assertoric elements – just like any scholar from Munich is supposed to be.

It would be the wrong impression, however, to say that he toed the line of the Munich institute, to which he moved only in the 90s. He called his Munich colleagues „successors of Schelling“ – the joke makes analytic philosophers angry; and it also makes idealists angry when they know that you also mean analytic philosophers by it.

When you occupy yourself for your whole life with causality only to say in passing that you don’t know what causality is, then no personal failure is the issue. In that case, only bad philosophy is the issue.

Hans investigated questions which had in his mind chances to be solved. Lately he was obsessed about mereological and ontological notions like „limit“ or „essence“ as applied on living organisms and our understanding thereof.

– Do you know why we have a very large number of infections but only two kinds of a psychosis: schizophrenia and depression?

– …

– Shame on you! You’ve read all the essential literature on the matter and you still don’t know.

– Freud?

– What are you talking about? Thomas Aquinas! The soul is more simple than anything else. It’s simply of a simpler structure than the body.

I know nothing about the structure of a black box. I assume that it’s a rather simply structured instrument in order for it to remain useful after a plane crash. My analogy to this would be Francisco Suárez’s view that the simplicity of the soul makes it reasonable to assume that it is immortal.

If it weren’t for Hans’s influence, I’d never have read Suárez in my life.

Hans Burkhardt (*22. Juni 1936 – +2. Mai 2015)

Er hatte Pläne. Wir hatten Pläne.

Ich bin am Boden zerstört und kann’s nicht fassen.

Ein paar Emails aus jüngster Zeit:

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On 20.04.2015 18:34, Burkhardt, Hans wrote:

Lieber Stamatios,

wir sollten jetzt im Mai mit den Treffen beginnen. Zweimal im Monat würde genügen, wenn wir jedesmal 15 Beiträge abhandeln. Da es bisher 131 Beiträge sind, brauchen wir ca 10 Sitzungen.
Danke noch für die Beigabe. Am nächsten Tag habe ich in meinem Auto 4 rote Plastikhütchen gefunden. Das Fest war sehr schön.

Herzlich, Hans

Am 2015-04-23 02:11, schrieb Stamatios Gerogiorgakis:

Lieber Hans,

auf unsere Treffen freue ich mich sehr.

Die Hütchen kannst Du beim nächsten Mal mitnehmen und mir geben. Ich habe mich danach erkundigt, wie diese in dein Auto haben gelangen können. Ich habe drei verschiedene Geschichten gehört. Das werden wir wohl nie endgültig klären.

Beim Fest wurde nicht getanzt. Nikos, mein Schulfreund und Informatiker, hat sowieso nie griechische Tänze getanzt und Ruth hätte ich alles zeigen müssen. Svetlana hätte was gekonnt, weil die Reigentänze auf dem Balkan trotz erheblicher Unterschiede doch Ähnlichkeiten aufweisen, aber sie musste früh gehen.

Auch mit meiner Gitarre bin ich nicht herausgerückt. Ich war wohl viel zu sehr der Bratenexperte und hatte auch in der ganzen Karwoche zu wenig geschlafen. Ich meine, ich habe nicht einmal daran gedacht!

Sag mir, bitte, Bescheid, wann unser erstes Treffen stattfinden soll.

Dein

S.

On 23.04.2015 13:30, Burkhardt, Hans wrote:

Lieber Stamatios,

Schön, daß Du Sich auf die Treffen freust. Übrigens müssen wir uns nicht jedesmal in München treffen. Ich kann gerne mal einen Tag nach Moosburg kommen. Wir entscheiden das jeweils nach den Sitzungen.

Herzlich, Hans

Der Nutzenmaximierer

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Ob ich weiterhin ein orthodoxer Christ bin, fragt meine Studentin, nachdem sie per Twitter und Facebook feststellte, dass ich eine Buddha-Statuette und die Statue einer balinesischen Göttin besitze.

Nun muss ich ihr sagen, dass das nicht die wahren Hindernisse sind. Es ist eher die Begriffsanalyse, die Analyse überhaupt, welche einem traditionellen Glauben im Wege steht. Neuerdings bin ich zu der Einsicht gelangt, dass der Utilitarismus die eigentliche christliche Moral ist – was wohl im Rahmen eines orthodoxen Glaubens eine unmögliche Behauptung ist. Es folgt mein Beweis dieser Behauptung.

Beweis, dass mindestens die unglücklicheren unter den Menschen nur dann im christlichen Sinn konsistenterweise gottestreu sind, wenn Gott als Nutzenmaximierer gilt:

Sollte Gott kein Nutzenmaximierer sein, dann gibt es zwei Erklärungen dafür: Entweder existiert er gar nicht, oder er existiert zwar, ohne den Nutzen seiner Geschöpfe unbedingt zu maximieren (man denke an Hiob usw.) Ist Ersteres angenommen, dann kann man von keiner Treue sprechen. Ist aber Letzteres angenommen, dann muss man glauben, dass Gott entweder nicht an der Besserung der Lage seiner Geschöpfe interessiert ist, oder dass er zwar daran interessiert ist, allerdings verhindert, unsere Lage zu verbessern, weil, was wir erleben, bereits die bestmögliche Welt ist. Im ersten Fall ist es recht, Gott die Treue – obgleich nicht den Glauben an seine Existenz – zu kündigen. Im zweiten Fall macht unsere Treue nur Sinn, wenn angenommen wird, dass unsere Lage sonst noch schlimmer gewesen wäre. Für glückliche Menschen wäre das wohl eine vernünftige Option: „Warum soll ich all das Schöne verlieren, was ich habe?“. Für Unglückliche wäre allerdings die Treue gegenüber Gott in diesem Fall nur dann eine vernünftige Option, wenn sie mit der Angst verbunden wäre, der Schmerz könnte noch größer sein: „Vergiss meine Misere. Gott könnte mich auch noch krank oder noch kränker machen oder den Kindern was widerfahren lassen“. Zugegebenermaßen ist die Angst ein starkes Motiv zur Loyalität. ABER wenn Gott zurecht zugemutet würde, die Angst auf diese Weise auszuspielen…

..

…wer wäre dann von miesem Charakter?

Das ist nicht nur zum Jux gesagt worden. Ein allgütiger Gott mit schwierigem Charakter ist eine Art christlicher Zeus; schlimmer noch: eine contradictio in terminis. Ergo können unglückliche Menschen konsistenterweise treu zu Gott sein, nur wenn sie annehmen, er wäre ihr Nutzenmaximierer. QED

ZEUS UND JESUS

A student of mine wanted to know the other day whether I’m still an adherent to the Orthodox Church. She had realized that some artwork from our home, clearly to be seen in some of my postings on twitter and facebook, is not the best support for this claim. This concerns above all a little Buddha and a goddess from Bali.

Now, I have to tell the student that artefacts depicting gods are not really obstacles to my being an orthodox Christian. Conceptual analysis – or any kind of analysis – however is.

Lately I had the insight that Christian ethics must be utilitarian. This view cannot be seriously vindicated in a traditional Orthodox context. And I find it quite arguable. Here’s the argument for the reader to judge:

We want to establish that at least Christians who live in misery have no consistent faith in Jesus unless they think that He’s a benefit maximizer.

If Jesus were no benefit maximizer then there would be only two explanations for this: either He doesn’t exist at all or He exists alright, however He is not eager to maximize the benefit of His creatures (think of Job etc.) If we accept the first option, faith is not the issue anyway. The second option however, implies, once accepted, that you must have believed that God is either indifferent about His creatures and how they’ll improve their living or that He is interested after all but cannot intervene because this is already the best possible world. In the first case loss of faith – although not faith in God’s existence – is morally justified. In the second, faith is only reasonable if paired with concern that without God we’d be in a situation much worse than the one in which we are right now. Happy people would see a reasonable option in this: „I don’t risk losing what I have“. Unhappy people, however, would be reasonably said to have faith in God if they would be anxious to suffer more than they suffer now: „I don’t care about my misery. God could have made me regret my laments“. However, if God is ascribed an attitude like this then…

then…

then…

…then who would be of a bad character?

This is a joke, of course. But much more than a joke, goodness and a bad character would make Jesus a Christian Zeus. And, what is worse, the combination of these properties would be a contradictio in terminis. As one sees, the unhappy cannot be consistently faithful to the God of Christianity unless they accept Him as a benefit maximizer. QED