Fake facts

Scroll for English just after the picture of Albert Einstein and Kurt Gödel

Es gibt eine nicht sofort ins Auge springende Gemeinsamkeit zwischen den drei Gemälden, d.h.:

Raffael Sanzios Schule von Athen (1511, Stanza della Segnatura, Vatikan);

Mikhail Nesterovs Philosophen (1917, Tretjakov-Gallerie, Moskau);

Johannes Grützkes Böcklin, Bachofen, Burckhardt und Nietzsche auf der Mittleren Brücke in Basel (1970, Kunstmuseum Basel).

Sie stellen Begegnungen dar, die in der abgebildeten Form nicht stattfanden. Gleichzeitig Begegnungen, die im übertragenen Sinn genau so stattfanden. Platon und Aristoteles unterschieden sich darin, ob die Allgemeinbegriffe von oben kommen, oder ob sie konventionelle Abstraktionen des Gegebenen darstellen. Aber nebeneinander argumentierend – Raffael säumt sie sogar mit einer anachronistischen Schar von Akademikern und Peripatetikern in einer römischen Halle, die vom technischen her nur in der Spätantike, vom ästhetischen her nur in der Renaissance möglich wäre – waren sie nicht zu sehen.

Sergej Bulgakov und Pavel Florenskij, die von Nesterov abgebildeten Philosophen, waren im Silbernen Zeitalter Mitstreiter im nichttraditionalistischen Verständnis eines orthodoxen Glaubens, der mit den nomologischen sowie den Sozialwissenschaften im Gespräch bleibt. Später sollten sie Dissidenten des Sowjetregimes werden. Aber nicht im Wald unterwegs waren die zwei Freunde an dem Maitag des Jahres 1917, sondern in Florenskijs Garten.

Bachofens Mutterrecht, Nietzsches Kulturkritik, Burckhardts Betonung der Kulturgeschichte für die Zeitgeschichte und aller drei Antimodernismus passen zueinander unabhängig von ihrem Zusammenfallen im Basel der 1870er Jahre. Die Vogel-Gryff-Prozessions-Pose lässt eine Nähe vermuten, die allerdings nur in ihrer Korrespondenz und in ihren Schriften spürbar wird.

Fotos sind nicht Gemälde. Sie bilden nur stattgefundene Begegnungen ab, so z.B. die vieldokumentierten zwischen Einstein und Gödel an der Princeton Uni. Allerdings sind beide Theorien, die Relativitätstheorie und die Unvollständigkeit von formalen Sprachen, kein bisschen einander näher gekommen dadurch. Wenn man mich fragt, welches der Bilder oben oder unten am meisten „Fake“ ist, würde ich sagen: das Foto.

Enough with scrolling

The three paintings of this post have something very interesting in common. Especially juxtaposed to the photograph.

The first painting is Raffael Sanzio’s School of Athens (1511, Stanza della Segnatura, Vatican).

The second is Mikhail Nesterov’s Philosophers (1917, Tretyakov-Gallery, Moscow).

The third is Johannes Grützke’s Böcklin, Bachofen, Burckhardt and Nietzsche on the Middle Bridge in Basel (1970, Kunstmuseum Basel).

They represent encounters that, factually, never took place. At least not in this form. Encounters, at the same time, that did take place in an ideal form. Plato and Aristotle did have a dispute on whether universals were real entities from above, at least in a sense of „above“, or conventional abstractions. But Raffael depicts the disputants anachronistically surrounded by all possible academics and peripatetics in an architectonical environment that was technically possible only in late antiquity and aesthetically desirable only in the Renaissance.

Sergei Bulgakov and Pavel Florensky, Nesterov’s figures in the countryside, were encouraging each other with their life and work. Both were champions of a new reading of Eastern Orthodoxy and scientists: the former an economist, the latter a mathematician. The former managed to be admired by Lenin before writing books on a religious understanding of national economy and fleeing the USSR already ordained a priest. Lenin expressed his disappointment about Bulgakov’s conversion in a series of malicious comments found in his letters to his sister and his mother. Florensky managed to be powered by Trotsky as an expert in electromagnetism for the Soviet state electrification company to always go to his office in a cassock similar to the one in the painting, to write books on mysticism and contradiction, finally to be eliminated under Stalin’s terror regime. Back in May 1917, the two friends had met – together with the painter – in Florensky’s garden near Moscow, not in the countryside.

Bachofen’s matriarchy hypothesis, Nietzsche’s Kulturkritik, Burckhardt’s emphasis of culture in history and the entire triad’s hostility to modernity would fit together also if the three of them hadn’t coincided in Basel in the 1870s. They were probably never seen all together on the old bridge in the depicted way – but they can be read in that way.

Photographs are not paintings. They only depict real events, e.g. Einstein’s well documented walks with Gödel at the Princeton campus. These walks never brought relativity and incompleteness together, the two core concepts of the most famous theories of the two giants. If you ask me which of the four pictures above is the most fake of all, I’d say the photograph.

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Wine and drugs and Aristotle

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Von Platons Symposion bis Roger Scrutons Ich trinke, also bin ich legt die Philosophiegeschichte eine Zuneigung zum Wein an den Tag. Das mag zu erwarten sein. Die Philosophie nahm ihren Anfang in Athen und Athen ist ohne Wein undenkbar. Mein euböischer Opa – wohl kein direkter Nachfahre athenischer Kolonisten auf der Insel, aber immerhin ein Abkömmling venetokretischer Siedler – war auf seinen Wein sehr stolz. Die Hauptsorte für Opas Wein war die attischte aller Traubensorten: Savvatianó. Savvatianó mussten zwei Jahrzehnte nach Großvaters Tod auch die Weinreben sein, die mein Vater auf dem Vorhof der Markopulo-Fabrik pflanzen ließ. Die Kunststofffabrik mit Savatianó-Trauben auf dem Vorhof inmitten einer riesigen Ebene voller Savvatianó-Pflanzen – Markopulo ist Attikas Weingegend par excellence – war ein Ort, wo im September die Kunststoffproduktion nicht im Vordergrund stand.

Anders als Kunststoff, war die Ideenproduktion, wie ich schnell in meiner akademischen Laufbahn entdeckte, mit Wein besser vereinbar. Die Oberseminare von Theophilos Veikos, einem Marxisten, an der Uni Athen gingen stets in einer Taverne in Kaisariani zu Ende. Die dortigen Gespräche übertrafen um Einiges den offiziellen Teil an Qualität. In München war es bei Andreas Kemmerling nicht anders: Das Oberseminar wurde jede Woche bei Mario – „Gargiulo – siziliano“ – fortgesetzt, für die letzte Sitzung des Semesters kamen die Weine in die Ludwigstraße 31 herein und wurden während der Sitzung aufgemacht. Gewissermaßen auf die Fortsetzung der schönen Sitte stößt, wer das Institut für den letzten Gastvortrag vor Weihnachten besucht.

Wer der Droge Alkohol nicht abgeneigt ist, kann doch keine Argumente gegen andere Drogen haben, oder? Wenigstens nicht gegen alle! So kann man wohl vermuten.

Weit verfehlt. Den Konsum von sämtlichen Drogen verurteile ich aufs Schärfste. Außer von Alkohol. Das ist zum Teil kulturell, nehme ich an. Wein hat in meinem Hinterkopf mit Philosoph, Poet, Liebhaber zu tun; mit Platon, Athenaeus, Jesus. Mit etwas jedenfalls zwischen Athen und Jerusalem. Cannabis dagegen, geschweige denn Opiate, assoziiere ich mit Rembetes aus Afyon (der Name bedeutet im Türkischen „Opium“) bestenfalls mit Thomas De Quincey. Der literaturgeschichtliche Unterschied ist nicht klein.

Ein tiefer gehendes Argument habe ich auch. Ich habe es bereits angedeutet: Beim Weintrinken kann man weiterhin geregelt, diszipliniert und mit einem aristotelischen Erkenntnisethos diskutieren – sogar geistig präsenter und geistreicher als vorher. Nüchterner fast, insbesondere wenn man nach altgriechischer bzw. modernserbischer oder -kroatischer Art trinkt: gewässert. Erst nach dem dritten oder vierten Glas wird es etwas schwieriger mit der Logik. Cannabis macht den Geist dagegen von Anfang an stumpf.

Ende eines März war’s. Beginnender Frühling in Langadas in Nordgriechenland. Mariä Verkündigung, Kasernenausschmückung mit Bildern von Helden des Unabhängigkeitskrieges in Fustanella und gewaltigen Schnurbärten und große Militärparade in Saloniki. Immer, wenn die Offiziere weg waren, blieb eine ganze Menge Arbeit für mich. An dem Tag musste ich eine Liste der noch verbleibenden Urlaubstage pro Kompanie erstellen und nebenher die Taugenixe der eigenen Kompanie im Auge behalten, die keine Vorzeigeexemplare für die Parade und ergo in der Kaserne geblieben waren. Es klingelt das Telefon:

– Baretti-Kaserne, Bereich S1.

– Ja, Gerogiorgakis, mein Junge, ich bin’s.

– Herr Kommandant, zu Befehl (man muss das mit einer Mischung aus Langeweile, Müdigkeit und doch einer gewissen Ehrfurcht aussprechen – nicht zu großer Ehrfurcht, sonst ist es kitschig).

– Jaaaa, es war schön; sehr schön… Jedenfalls bin ich mit dem General da, der wiederum mit dem Minister lange geplaudert hat… (eine lange Pause, etwas Unangenehmes will er mir sagen) Du, in so vierzig Minuten sind wir zu dritt da, du weißt, der General hat mich dem Minister vorgestellt wegen vorbildliche Einheit bla-bla-bla. Guck, dass ich das Gesicht nicht verliere. Saubere Klos, keine Pornohefte unter den Matratzen, das Übliche. Nicht zu viel. … Wart‘ mal, wieso bist du im Büro? Solltest du nicht in deiner Kompanie sein? Egel, also, Gero (das heißt gleichzeitig „Alter“ auf Griechisch), vierzig Minuten, OK?

Die Kompanie! Den ganzen Tag hatte ich natürlich im Büro zu tun… Ich brachte die zweihundert Meter hinter mich, um sofort festzustellen, dass die Rosensträucher nicht begossen waren. Der Stubendienst hockte in der Vorhalle.

– Warum bist du hier und nicht drinnen?

– Ich gucke nach den Waffen.

– Quatsch! Ausgerechnet du.

Skoulas nannte niemand nach seinem Nachnamen. Man nannte ihn „den Pianisten“, weil er einer war. Sein Bezug zu seiner G3 war sehr kritisch. Das Ding war an Stellen verrostet, der Besitzer hatte keine Ahnung oder keine Lust, das in Ordnung zu bringen. In den Schießübungen hieß es, auch hinter ihm sei es unsicher…

Erst recht vor ihm. Ob in den Schießübungen oder beim Aufmachen der Tür in die Stube. Der Qualm war dickflüssig.

Ich machte die Fenster auf. Schlaffe Gesichter ließen meine Schimpfkanonade über sich prasseln. Ich wurde laut und lauter, selbst lauter als es in der Infanterie Usus ist. Ich nahm viel Luft in meine Sängerlungen auf und ließ voller Entsetzen mein ganzes Volumen den Raum füllen, meine Enttäuschung kundgebend. Aber es war zwecklos. Zombies wären präsenter. Ich ging raus. Wenigstens die Rosen begießen. Ich nahm den Schlauch – das weiß ich noch.

Plötzlich stand Skoulas neben mir: „Feldwebel, lass jemanden die Rosen gießen, der nicht bekifft aussieht. Und überhaupt, die Rosen, nicht das Pflaster“. Ich überließ ihm die Rosen und ging unter die Dusche.

Aus diesem kleinen Abenteuer (meiner einzigen Berührung mit Cannabis) weiß ich: Wenn die geistige Präsenz das Kriterium sein, dann ist etwas Wein ein Segen. Denn die Logik ist ein Agon und Wein macht tapfer. Die kleinste Menge jeder anderen Droge dagegen ist chemischer Epikureismus.

Der Minister und seine Gefolgschaft ließen sich an dem Tag nicht blicken. Gott sei Dank war irgendwas in diesen vierzig Minuten dazwischen gekommen.

Jedenfalls hat sie niemand registriert.

Enough with scrolling

From Plato’s Symposium to Roger Scruton’s I Drink therefore I Am, the history of philosophy bears witness of oenophilia. Since philosophy, the discipline and the life form, began in Athens and Athens is unthinkable without wine, this is to be expected. My Euboean grandfather, no direct descendant of Athenian colonists, nevertheless one of Venetocretan settlers on the island, much appreciated the Attica variety savvatianó for his grape mixture – Greeks love wine made of various varieties. Savvatianó had to be the variety my father cultivated two decades after grandpa’s death in the yard of his plastics factory. It was in between the biggest savvatianó monoculture of the universe – almost a reason to be happy there was a factory there. September though was a month in which producing polyethylene tupperware wasn’t the main task of my father’s workers.

Unlike plastics, ideas were easier to produce while engaged in wine production or consumption. Theophilos Veikos’s, a Marxist’s, master class at the UoA always continued discussion in a tavern in Kaisariani. Andreas Kemmerling’s candidates‘ seminar at the LMU continued at Mario’s pizzeria – the guy came from Sicily and his surname was Gargiulo, which sounded at least as exotic as „gavagai“, alright… For the last session of the term we didn’t have to go to Mario since the wine was delivered in the classroom to be consumed there during the session. The custom is still alive and one can participate to a softer version of it (less stuff to drink, more to eat) by simply visiting the last invited lecture of the institute before Christmas.

People affirming some consumption of alcohol cannot be totally negative towards other drugs – one may think. Finally, they’re all drugs, isn’t it?

I must say, this is the way it is. They’re all drugs. But I have two arguments to underline my claim that alcohol is philosophically kosher whereas anything else is not. The first is cultural, historical. The second is, let’s say, deeper.

I happen to associate wine with the properties of being a philosopher, a poet, a lover. In other words with Plato, Athenaeus, Jesus. Anyway, something between Athens and Jerusalem. But I associate cannabis, let alone opiates with rembetes from Afyon (the word means opium) in Athens in the 30s. Thomas De Quincey would be a more literary association but the level doesn’t get much higher than that.

I have one more argument against drugs, despite my plea against abstinence.

When you drink wine you remain in a sense sober for the first two or three glasses, let alone when you drink it the ancient Greek or the modern Serbian or Croatian way, i.e. watered. And it’s only after this level that you get problems in applying rules of Aristotelian syllogistic. With drugs other than wine you say farewell to conversation and its rules from the very beginning.

It was the beginning of the spring, the day of Annunciation, the commemoration of the revolution. The barracks were empty. Tall guys and those who had nothing very important to do participated to the big military parade in Thessaloniki. Weirdos and workaholics had remained back.

On this day I had to make a list of days off but not taken yet. And, of course, I had to keep an eye on the ones who had remained. I was concentrated to the former task when the phone rang.

– Baretti-Barracks, S1.

– Yes, Gerogiorgakis, my boy, it’s me.

– At your orders commander (when you say this, it must be with a mixture of respect and habit as to not sound an old-fashioned, too-many-movies guy).

– Well, it was beautiful like always, you missed something, I’m telling you. Ah, what I wanted to tell you is, well … I’m here with the general who’s been talking with the minister. OK? So, the general introduced me, „what an extraordinarily performing unit“ and stuff, you get the point, isn’t it? In forty minutes we’ll be with you because the minister expressed the wish to visit an „extraordinarily performing unit“ on an off-duty day. Take care that nothing embarrassing comes up. So, Gero (this means „old man“ and this is how he abbreviated my surname when he wanted to show he trusted me), I leave it to you. Clean toilets, no porn under the matrasses, no rifles around. Not too much – usual stuff. By the way, why do I find you at the office and not with the platoon? Anyway, till later.

The platoon… I walked the couple of hundred yards to them. They hadn’t watered the roses in the morning, I immediately noticed. The attendant was in the foyer.

– Why are you sitting here? Why aren’t you with the others?

– Checking the rifles.

– Are you kidding me?

Skoulas hated rifles. His own was rusty, his interest for this competed with his inability to use the weapon and it was said that in shootings you weren’t secure even behind him. We called him „the pianist“ because he was one.

I opened the door to „the others“. The smoke was like a heavy-metal band stage show. Zombies who had to be my platoon looked at me with a mixture of apathy and antipathy. I started to give the information, upset, frustrated, struggling for fresh air of which this room provided little. I opened the window and went out to water the roses. Suddenly, Skoulas stood next to me and requested to water the flowers himself. Apparently, I didn’t happen to pour water on the soil but on the pavement instead. I went for a shower.

No, you can’t really say that I’ve tried cannabis. But this unpleasant story taught me that, unlike wine, cannabis makes one unable to make arguments – or to argue! Logic being a struggle, an agon, I think that philosophical culture correctly discriminates cannabis and hails wine.

The minister and the general and the commander didn’t drop by, by the way. At least nobody noticed them.

An silentium sit entium

English in italics, German recte.

Das ist die Art, wie manch ein Platoniker oder Logizist das berüchtigte „stumme“ Musikstück 4’33“ von John Cage ansieht:

This was a Platonist’s or logicist’s way to understand what the rules or the instructions for John Cage’s 4’33“ are.

Es folgt das Verständnis eines Konstruktivisten vom demselben Stück.

And here’s an intuitionist’s understanding of the same piece of music, which might seem kind of poor, of course:

Unser Konstruktivist machte die Augen zu und spielte eben 4 Minuten und 33 Sekunden lang keine Musik… Damit erkannte er in Cages Stück nichts, was musikalisch zu verstehen wäre. Das ist vielleicht spießig.

Aber wenigstens werden sich zwei Konstruktivisten anders als Platoniker oder Logizisten nie streiten, ob die hier ganz oben oder eher die nachfolgende Partitur akkurater ist:

But intuitionists would at least not run danger to fight whether the first or the last sheet would give the real structure of the piece. Logicists and Platonists are famous for their accounts about the properties of nonbeing.

Which is of course much more reflected. And more of an issue.

Platoniker und Logizisten sind eben reflektierter als Konstruktivisten. Und streitbarer auch.

ΜΟΥΣΙΚΗΝ ΠΟΙΕΙ ΚΑΙ ΕΡΓΑΖΟΥ

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Deutsch unmittelbar nach dieser zentralgriechischen Landschaft


Das Zitat im Titel war der Ratschlag einer Stimme in Sokrates‘ Traum in Platons Dialog Phaidon. Im Neugriechischen klingt es nach einer rhodisch oder zypriotisch angehauchten Aufforderung zu musizieren und zu arbeiten. Und gerade diese beiden Sachen sind schwer aus der Zeitmaschine heraus, in der ich seit letztem Donnerstag verweile, als ich meinen Vater verlor.

Vor allem schweben mir Sachen vor, die mir früher als machbar vorschwebten. Was für eine Naivität verbirgt doch der Blick auf unsere Vergangenheit! Wie enttäuschend es ist zu wissen, man habe „möglich“ mit „machbar“ verwechselt!

Ein Sinn fürs Neugriechische ist sehr oft irreführend, wenn der Kontext ein altgriechischer ist. Besser wäre der Rat der Stimme in Sokrates‘ schlafenden Ohren so zu verstehen:

Mach die Werke der Musen und strenge dich dabei an. 

Das erscheint wiederum machbar.


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The phrase quoted in the title was the advice of the voice in Socrates‘ dream according to Plato’s Phaedon. In Modern Greek, the phrase sounds like a (rather Cypriot or Rhodian) way to say: „Play the music and do your job“. But it is difficult to play music or do a job if your mind is in a time machine and rethinks grief, hopes, disappointment and old elaborate plans that seemed possible back then.

However, one’s feeling of modern Greek is a bad advisor if the phrase to translate is in Classical Greek. The voice said rather something to be properly understood as: „Do what the Muses stand for and take pains to do so“.

And this is something that can be done even in the time machine I got in after last Thursday when I lost my father.

37° 51′ 30″ N, 23° 48′ 6″ E or: At the edge of Plato’s cave

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Wie jeder Leser von John Henry Wrights uraltem Artikel „The Origin of Plato’s Cave“ (Harvard Studies in Classical Philology, 17 (1906): 131-142) weiß ich seit meiner Studentenzeit, dass viele Forscher die Höhle, welche die Szenerie des legendären Gleichnisses zu Beginn des Buches VII von Platons Republik bildet, an einer Stelle orten, die ein paar Kilometer von meinem Athener Zuhause entfernt liegt. Generationen von philosophischen Philologen haben seit der Ausgrabung der Stelle Anfang des 20. Jahrhunderts Wrights Vermutung beherzigt und propagiert.

Besucht hatte ich die Gegend oft, ohne jemals über die Höhle zu stolpern. In einem Sinn war das jetzt ein Kategorienfehler: Über eine Höhle kann man nicht stolpern und gerade von dieser Höhle kann man nur verschluckt werden – mit wahrscheinlich fatalen Folgen. Es handelt sich um ein Loch, das, an kleinen Felsvorsprüngen vorbei, zunächst einmal zehn Meter tief in die Erde führt.

Unabhängig vom Kategorienfehler ist der Wanderweg zur Höhle nicht ausgeschildert. Interessiert daran, die Höhle zu finden, war ich darüber hinaus nie. Bei Platon gehe es ja nicht um echte geknebelte Menschen unter einem Felsvorsprung einer echten Höhle, sondern um ein Gleichnis: Gleichsam Höhlenbewohnern sollen wir Menschen in unseren Meinungen gefangen sein, sollen Schatten für echte Ware und für wahre Menschen halten. Auf eine echte Höhle, die Platon im Sinn gehabt haben soll, komme es nicht an.

Aber die Jahre vergehen und die Wanderungen meiner Familienangehörigen, die immer noch in der geschichtsträchtigen Gegend wohnen, werden mehr. Die Folge: Sie entdeckten die von mir lang verschmähte Höhle und wollten sie mit mir besuchen.

Mein Resultat aus der Ortsbegehung: Wären gefesselte Leute da unten gewesen, hätten sie mich nur als Schatten wahrgenommen, aber keine Chance gehabt, mich selber, mein Original, zu sehen. Platon hat das Augenmerk auf die Höhleninsassen gelenkt, diese Ignoranten, die bequemlichkeitshalber die Schatten dem Wahren vorziehen. Für ein paar Sekunden wurde ich dagegen das Wahre hinter dem Schatten. Etwas, was kein Schatten ist, bin ich ja auch dadurch, dass ich einen Schatten werfe.



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Since John Henry Wright’s stone-age paper  „The Origin of Plato’s Cave“ (Harvard Studies in Classical Philology, 17 (1906): 131-142) many philosophical philologists or philological philosophers identify the cave described by Plato in the opening of Republic VII with a hole in the earth, few miles from what is now my parents‘ place – and has been my place as a teenager.

The spot had been excavated some five years before Wright published his paper. Wright appears to have visited the cave and to have descended into it – archaeologists had probably temporarily bridged a gap that makes now the attempt to reach the ancient stairs extremely risky. It’s rather a hole in the earth, tells us Wright, that goes seventy feet deep and served since pre-classical times as a sanctuary.

I know the area well, mostly from excursions with parents, then with friends. But since I’ve known that there is something like a Book Seven of Plato’s Republic and that this is the place Plato most likely had in mind for the legendary simile in Book Seven, I never looked for the cave and never stumbled upon it. And this is so not only because you can only vanish in this hole before you stumble upon anything. I also considered the existence of a cave that would correspond to Plato’s description irrelevant. I mean, Plato’s simile is not about the cave itself. It’s about prisoners in a cave that is located in a way that the prisoners can’t look out (they’re held below a part of the stone that protrudes over their heads) but can see the shadows of those who are out of the cave and prefer it this way. Once released they realise that the light outside the cave is uncomfortably dazzling. You don’t need the scenery to imagine the scene!

But members of my family discovered the cave by their own and they said I had to visit it with them. After all these years I became more sympathetic towards the so-called realia of literary criticism, I suppose…

And there it was! My shadow! If you had climbed down the cave (and had survived doing so – the place is slippery) you’d have been able to see my shadow but you’d have failed to see me.

It felt comfortable to know that I’m the real thing, not a shadow of myself and I’m wondering how it happens to feel the opposite sometimes.

Spooky minds

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Die Philosophie des Geistes ist nicht mein Metier und ich hatte auch nie die Ambition, irgendwas richtig Originelles dazu beizutragen. Im Gegensatz zur philosophischen Logik oder auch zur Religionsphilosophie ist sie ein für meinen Geschmack zu spekulativer Gegenstand mit mafiaähnlichen, polemisch argumentierenden Lobbys.

Das bedeutet nicht, dass ich keine Meinung zu den Problemen der Philosophie des Geistes hätte. Ich behaupte zwar, dass sie nicht besonders beeindruckend oder durch und durch fundiert ist, meine Meinung, aber sie ist wenigstens reflektiert und im Einklang mit meinem Leben.

Sie ist eine Art Monismus soft. Wir sind im Großen und Ganzen unser Leib, aber nicht alles Mentale ist auf den Leib reduzierbar. Wer wissen möchte, warum ich so denke, sollte am besten Aristoteles, Donald Davidson und Martha Nussbaum lesen.

Damit stelle ich meine orientalische Rechtgläubigkeit auf den Prüfstand. Nun bin ich orthodoxer Christ lediglich kurz vor und nach Ostern, aber in ein paar Sachen bin ich orthodox das ganze Jahr. Starke Formen des Dualismus wie etwa den von der Fegefeuerlehre vorausgesetzten halte ich für dubiose scholastische theologumena. Das Ende des Lebens von x ist das Ende der mentalen Prozesse von x.

Trotzdem denke ich, dass es dualistische Rechenschaften über unseren Geist gibt, die kohärent und vielleicht auch adäquat sind.

Pädagogische Maßnahmen vom Schulbesuch bis zur Theatervorstellung basieren etwa auf der Grundannahme, dass die Menschen zur Freiheit herangeführt werden können und zwar durch ihre Fähigkeit, sich selbst zu bilden, zu verändern, zu formen, zu finden – hier lasse ich den performativen Widerspruch des Lehrers als Anführers zur Freiheit außer Acht.

Mich selbst formen kann ich nur wenn ich ein Ich besitze oder wenigstens die Anlage dazu. Analytische Psychologen nennen diese „Es“ und zeichnen ein Bild davon, das weniger chiaro und mehr scuro ist.

Wer nicht als der Caravaggio, sondern als der Giotto der Psychopädagogik gelten will, der erzählt in platonischer oder steinerscher Manier, woher die von der Umgebung unabhängige Seele kommt. Die Ideen- oder die Reinkarnationslehre sind in dieser Hinsicht Säulen, die einen konsistenten pädagogischen Ansatz stützen.

Seit ein paar Wochen stelle ich in meiner waldorfpädagogischen Lektüre fest, wie nebensächlich die wissenschaftstheoretischen Probleme in diesem Kontext sind.


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Philosophy of mind has never been my cup of tea: too speculative, too many variables, and too mafia if you have something that you think is publishable…

The unpleasant sides of academic publishing notwithstanding, I do have my own views on the subject and they simmer down to a preference for a soft monism: matter matters but the mind is not wholly reducible. I mean, even in times I don’t necessarily affirm Eastern Orthodoxy – I’m Greek Orthodox mostly before and after Easter – I take death – Orthodox style – to be the end also of mental processes, the purgatory to be a dubious Roman-Catholic theologumenon. Nevertheless, I still think that the contents of our minds, even our emotions, can get independent of the consciousness that monitors them – Aristotle, Donald Davidson and Martha Nussbaum being here my heroes.

But as I read more and more Steiner’s pedagogical and anthropological writings – which I do on Mondays in the last weeks – I find that even spooky dualism has a point.

For, let’s say that your anthropology and understanding of education contains the quite reasonable premise that you can teach young people to be free, i.e. to be different than their parents (since you determine them to be free there’s a logical issue here, but let’s not get into it – at least not now). Freedom implies a nondeterministic description of the behaviour of the free – focusing on chance or on something the free curry with them independently of any environmental influences they receive. Psychoanalysts call this thing your subconscious and give a very dark picture of it.

Of course, you can avoid giving the psychoanalytic Caravaggio and try to brush some bright colours into the darkness. If you do so and find yourself speaking about the origin of what this nondeterminate thing in you is, you’ll be tempted to use a Platonic or a Hindu picture.

I don’t say that this picture has to be true. I just claim that incarnation or reincarnation can imply consistent stories under certain premises.

If Meno’s slave had been a girl

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Als Einziges setzt Sokrates in Platons Menon 82b4 voraus, der pais, den ihm sein Gastgeber präsentieren soll, solle Griechisch können. Pais ist Griechisch für „Junge“ und „Mädchen“. Erst ein Artikel oder der Kontext machen die Bezeichnung geschlechtsspezifisch. Mit einer kleinen Änderung hätten wir also im Originaltext statt eines Jungen ein Mädchen. Statt eines jungen Sklaven wäre es eine junge Sklavin, mit deren Hilfe Sokrates demonstriert hätte, dass das Verständnis der Mathematik kein Lernen voraussetzt, sondern lediglich einfällt.

Sokrates‘ Argument wäre durch diese Änderung nicht beeinträchtigt.

Das waren meine Gedanken gestern, nachdem ich in einer Buchhandlung zwei Übungsbücher für Mathematik gesehen hatte: Textaufgaben für Jungs und Textaufgaben für Mädchen.

Beim Durchblättern der Bücher ist mir aufgefallen, dass das Buch für die Jungs mehr Textaufgaben mit Geld und Autos enthielt, das Buch für die Mädchen mehr Textaufgaben mit Ponys. Hier handelt es sich um naive Alltagspsychologie, die vom Verlag gekonnt für die Produktdiversifikation angewandt wird.

Aber welcher Verlust auf einer epistemologischen Metaebene bei den Eltern, die auf den Gedanken kommen könnten, die Mathematik, eine Grundkapazität also, zu der alle Menschen ungeteilt Zugang haben, wäre so beschaffen, dass sie Mädchen anders mitgeteilt werden sollte als Jungen.

Und welcher Horror für das Geschlechterverständnis dieser Menschen…

g_slave_girl_dancing

Socrates‘ only demand towards Menon in Plato’s homonymous dialogue 82b4 is that the pais should speak Greek. Pais was the Greek word for „boy“ and „girl“, the disambiguation being given in the article or in the context. With a minimal alteration of the original text, Socrates would have shown with the help of a girl slave instead of a boy slave that mathematics requires reminiscence rather than learning.

The argument would be essentially the same.

These were my thoughts yesterday after I stumbled across these two books with mathematical problems in text form: Problems for Boys and Problems for Girls.

Browsing through them I noticed that the book for boys contained mostly problems with cars and money, the book for girls contained problems with ponies. What we have here is folk psychology which the publisher uses in order to diversify the product line.

But what a loss on an epistemological metalevel for those parents who come to think that mathematics, a basic capacity to which all rational beings have the same access, would require a different didactic approach depending on whether boys or girls are the audience.

And what a horror if you think of the views of such people on gender…