Human lives, useful and less useful

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Vor fast genau 21 Jahren, am 24. März 1999, begann die NATO damit, Luftangriffe gegen Serbien zu fliegen. Dem waren die jugoslawischen Sezessionskriege vorausgegangen – mehr können die Jüngeren in Geschichtsbüchern lesen.

Zu der Zeit hatte ich – gerade frisch promovierter Philosoph, ich weiß, dass es abstrus klingt – eine Firma mit Sitz in Belgrad. Mein Bruder leitete sie, das Geld kam von unserem Vater und von anderen Investoren. Sie sollten es bald verlieren, aber das ist jetzt nicht mein Thema. Kurz vor Beginn der Luftangriffe hatte ich in Wildbad Kreuth an einer von der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung veranstalteten Tagung zum Thema Südosteuropa und Politik – so etwas, ich weiß nicht mehr genau – teilgenommen. Ich weiß noch, dass Panos Kazakos, der marxistische Ökonom und, damals noch als Berater des griechischen Außenministeriums, Nikos Kotzias, später selber Außenminister und schrille Figur der griechischen kommunistischen Linken, dabei waren. In einer Pause habe ich den letzteren angesprochen. Ich vermutete, dass die Bomben bald zu fallen anfangen würden, also wollte ich wissen, ob es eine Chance gäbe, meinem lieben Bruder das zu ersparen. Er sagte ja und schoss eine griechische Handynummer los, die ich schnell aufgeschrieben habe. “Der Typ heißt Alex. Er organisiert gerade einen Bus, der unsere Diplomaten rausholt. Ruf ihn an.”

Ich habe stattdessen meinen Bruder angerufen, ihm die Nummer gegeben. “Kein Interesse, Stamati”, hat er gesagt. “Ich bleibe”.

Er blieb. Unversehrt. Aber, was er danach berichtete, war eigenartig. Erstens schätzte er die Chance als klein ein, dass ausgerechnet der Stadtteil Žarkovo bombardieren werden würde, und da lag er natürlich richtig. Er wäre unversehrt geblieben, selbst wenn er nie in den Bunker gegangen wäre. Was sage ich da?Unverletzt wäre er geblieben, selbst wenn er im Büro in der Innenstadt geblieben wäre – obwohl ihn dort manch eine nahe Detonation zum Nachgrübeln gebracht hätte, ob die Bomben tatsächlich nur auf Fernsehsender und Ministerien zielten.

Aber er musste in den Žarkovoer Bunker, sagte er. Denn die Frauen: vom Haus, vom Nebenhaus, von der Nachbarschaft, mit Geschrei und Fußtritten alle mit in den Bunker rissen. Auch alle, die der Meinung waren: Es ist wahrscheinlicher, dass ich mich beim Flüchten Hals über Kopf Hals oder Kopf verletze, als dass ein amerikanischer Pilot ein Wohngebiet zwanzig Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ins Visier nimmt.

Ich denke es mir folgendermaßen: In einer Urgemeinschaft des homo sapiens bestehend aus zehn Männern und einer Frau gäbe es maximal ein Kind jedes Jahr. In einer Urgemeinschaft des homo sapiens bestehend umgekehrt aus zehn Frauen und einem Mann gäbe es sehr wahrscheinlich zehn Kinder jedes Jahr. Dass die Frauen mit ihrem Verhalten zeigen, dass ihr Überleben wichtiger als das der Männer ist, ist wohl phylogenetisch bedingt.

Überreagierenden Frauen in der Corona-Krise gegenübergestellt, dürfen Männer diese anthropologische Komponente nicht vergessen. Jeder Soldat weiß doch die utilitaristische Maxime anzuwenden: Frauen, Kinder und Alte müssen fortgeschickt werden. Aber die Analogie zwischen Corona-Krise und soldatischem Brauchtum hinkt. Frauen, Kinder und Alte sind in der jetzigen Krise nicht gemeinsam in der schützenswerten Gruppe, sondern die Alten müssen – so heißt es – den Kürzeren ziehen. Die große Frage an die utilitaristische angewandte Ethik in den Krankenhäusern wird bald danach sein, ob die Bevorzugung einer geburtsfähigen Patientin gegenüber einem alten Patienten, wenn nur eine von zwei Personen intubiert werden kann, immer noch der Bevölkerungsmehrheit intuitiv einleuchten wird. Wenn nicht, dann wird die der Utilitarismus in der medizinischen Ethik stark unter Beschuss genommen werden. Wenn ja, dann werden die Folgen für die deontologische Ethik sowie die Herausforderung für die christliche Theologie gigantischen Ausmaßes sein.

 

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Twenty one years ago, on March 24 1999, the NATO began to fly air raids against Serbia, following the Yugoslav secession wars. Read in a history book if you don’t know what that was.

This happened in the rather short time in which I saw myself as a businessman. I had a company in Belgrade – seriously I had, one year after my Munich PhD – managed by my brother and financed by our father and some of his friends. They were about to lose their money very soon, but this is not my point here

Shortly before the bombings in Belgrade began, I happened to attend a conference hosted by the Bavarian Conservatives in the Alps. The theme was South-East Europe and politics or something like this. I can’t recall and I don’t need to. Too unimportant. Panos Kazakos, a Marxist economist, was there. Nikos Kotzias, an enfant terrible of the far left, was also there. Back then still a consultant to the foreign minister, he was to become foreign minister himself and a disastrous one in 2015 – but this is also unimportant. The important bit was my need for advice. During the coffee break, I wanted to know from Kotzias if I could spare my dear brother the bombings. Almost as fast as a tommy gun he spit a Greek mobile-phone number which I wrote down. “Call this guy”, he said. “He is our man in Belgrade at the moment. Alex is his name. He’s organising a bus to get our diplomats out of there”.

I didn’t call Alex. I called Constantine. My brother. “I’m not interested, Stamati”, he said. “I’m staying”.

He remained there until after the bombardments and unharmed.

You are probably expecting me to start telling you his stories from the war. Parachutes, shooting, screaming… But there is no such thing in his stories. There is only his account for not wanting to go to the bunker. He reckoned that no one would bomb the district of Žarkovo. He was right in this. He would have remained unharmed even if he had never sought shelter in the bunker. In fact, he would have remained unharmed even if he had spent the days in the office – although some blasts in the vicinity would have made him doubt his common sense. But he had to go to the bunker. Always. Because the women of his appartment house, of the neighbouring house, of the neighbourhood, would violently make him go to the bunker.

Think about the following situation: in a paleolithic setting, a community consisting of one female and ten males would have maximum one child per year. A community, vice versa, of one male and ten females could have ten children at the end of the year! The priority to rescue females appears to be a phylogenetic feature of women’s behaviour. Just think of this anthropological perspective if you realise more overreacting women than men to be around during the Covid-19 crisis. Think how natural it appears in a soldier’s ethics to have the women, the children and the old in safety somewhere else before the atrocities begin.

Alas, the war metaphor with its familiar values is not a viable analogy here. The old, for example, are not on a par with women in the Covid-19 crisis. I hear that if they arrive to the point of being able to save only one life out of two, the hospitals’ practice will be very likely to intubate the young woman instead of the old man. This corresponds to an implicit utilitarian applied-ethics code.

Will the many take this to be intuitively good? If no, then the consequentionalist paradigm in healthcare will be subjected to vast criticism. If yes, then the consequences for deontological ethics and the challenge for theology will be huge.

Parts of Mereology

The Handbook of Mereology (ed. by Hans Burkhardt, Johanna Seibt, Guido Imaguire and myself) is now also available in portions, as digitally downloadable printouts.

Check here:

https://pcm.philosophiaonline.de/issue/PCM/2017/1

Of trolleys and ships

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Nach dem Covid-19 witterte ich die Chance, endlich mal das Neutrum “Virus” im Deutschen nicht mehr als Maskulinum dekliniert zu hören. Wenn sie das Wort oft von den Medien korrekt benutzt hören, werden sie es lernen, dachte ich. Weit gefehlt…

Eine noch nicht verlorene Chance – diese aber nur für Kollegen – besteht darin, das Trolley-Problem als Problem unserer Prognosen und nicht der Moral zu betrachten. Stichwort: Diamond Princess. Betrachten wir doch das Kreuzfahrtschiff wie im berühmten Gedankenexperiment als eine Art Trolley ohne Bremsen vor den Alternativen, auf dem rechten Gleis der bevorstehenden Gabelung Kindergartenkinder bzw. auf dem linken einen gebrechlichen Greis zu überfahren. Was macht der Weichenwärter?

Heute geht man davon aus, dass die Quarantäne der Diamond Princess doch mehr Verluste und Schmerz verursachte als die Alternative verursacht hätte, die Passagiere des Schiffes nach Hause gehen zu lassen. Um es nach der Sprache des Kursbuches im Fach Ethik auszudrücken: der Weichenwärter beschließt, den gebrechlichen Alten statt der Kindergartenkinder überfahren zu lassen, als letztere verängstigt und orientierungslos in Richtung des Alten flüchten.

Es gibt, wie man sieht, Fälle, in denen der Handelnde nie frei von Schuld ist, so dass das moralische Urteil eines über seine Absichten sein wird. Es ist eine ethische Grundintuition, der Francis Hutcheson mit der Ethik der Gefühle Ausdruck gab, keine Frage… Was für eine Barbarei doch, aus utilitaristischen Überlegungen die Leute auf der Diamond Princess in einem verpesteten Umfeld schmoren zu lassen!

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Covid-19 gives professional philosophers the unique chance to see in the trolley problem a problem of our predictions rather than one of ethics. Just think of the cruise ship Diamond Princess as of a trolley with broken brakes (junction ahead, a kindergarten class on the right track, a rickety old man on the left) vis-à-vis the alternatives to let passengers and crew go home, possibly try to recover, or to put them in quarantine in order to protect the population. Today we think that the quarantine on board caused more human losses and pain than it would have been unable to prevent otherwise. To stick with the analogy between the vessel and the trolley: the crossing keeper decided to rescue the kids and to kill the old man instead, switched the crossing correspondingly, when the disoriented kids tried to escape onto the old man’s track…

As one sees, there are cases in which the moral agent will be blamed one way or another to do the wrong thing and, at the end of the day, her moral attitude will be judged on the basis of her intentions. There is a basic moral intuition which Francis Hutcheson expressed with his moral sense, there’s no question about that!

What a barbarous act, to let people simmer on a pestilential ship out of utilitarian premises…

Helle leuchtet’s im ganzen Land / mit einem Zitat von Immanuel Kant

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“...Hospitalität (Wirtbarkeit) [bedeutet] das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann; so lange er aber auf seinem Platz sich friedlich verhält, ihm nicht feindlich begegnen. Es ist kein Gastrecht, worauf dieser Anspruch machen kann (wozu ein besonderer wohltätiger Vertrag erfordert werden würde, ihn auf eine gewisse Zeit zum Hausgenossen zu machen), sondern ein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht…”

Zum ewigen Frieden, AA VIII, S. 357-8.

(Die Gewährung eines Besuchsrechts erscheint um so erforderlicher, je klarer es ist, dass die Besucher nicht als Selbstzwecke behandelt, sondern lediglich als Mittel benutzt werden. Dabei nutzen manche von den Besuchern allerdings, wie man im untenstehenden Video sehen kann, Kinder lediglich als Mittel, was sie wohl vom Genuss des obengenannten Rechts disqualifizieren sollte. Manche Antinomien der praktischen Vernunft blieben anscheinend selbst Kant unbekannt. Wie dieser Fall moralischer Kasuistik auch immer beurteilt werden mag, sollte der Staat jedenfalls glaubwürdig den Standpunkt vertreten, dass das Besuchsrecht in kein Gastrecht verwandelt werden kann. Alles andere öffnet der Xenophobie Tür und Tor).

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[H]ospitality (a host’s conduct to his guest) means the right of a stranger not to be treated in a hostile manner by another upon his arrival on the other’s territory. If it can be done without causing his death, the stranger can be turned away, yet as long as the stranger behaves peacefully where he happens to be, his host may not treat him with hostility. It is not the right of a guest that the stranger has a claim to (which would require a special, charitable contract stipulating that he be made a member of the household for a certain period of time), but rather a right to visit, to which all human beings have a claim…”

Immanuel Kant, Towards Perpetual Peace, translated by David L. Colclasure, Yale University Press, New Haven and London, 2006, p. 82.

(Giving the right to visit appears even more imminent if you think that the prospective visitors are not treated as ends in themselves but rather as instruments alone. Some visitors use however children as instruments (see video above), which appears to disqualify them from the right to visit. As one sees, there are antinomies of practical reason which Kant failed to suspect. Anyway, politics should be able to persuade that the right to visit will not be rendered to a right as permanent guests. Anything else would give xenophobia an excuse).

…symbolic of their struggle against reality…

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Das Fach Gender Studies lässt analytische Philosophen kalt. Das ist eine typische und arrogante Reaktion. Wie sie vor 100 Jahren, nach Carnaps Verriss gegen Heidegger eine Antwort auf die fundamentale ontologische Frage zu haben wähnten (lächerlicherweise war diese: “Kapier-ich-nicht”, bis sie sich erst mit den Fortschritten der Modallogik endlich zum Thema stellen konnten), überlassen die analytischen Philosophen heute die Gender Studies sich selber. Das ist aber, wie wenn der (neuwittgensteinische) “Therapeut” Leute mit verschiedenen Sprachspielen aneinander vorbei reden ließe. “If you see something, say something!” Mit welchem Recht sollte sich die analytische Philosophie über dieses Gebot hinwegsetzen dürfen?

Warum ich in den Gender Studies Kategorienfehler sehe, wird hoffentlich aus dem Folgenden klar.

Eine Bedingung für Begierde ist die Körperlichkeit; genauer: die durch Hormone und Neurotransmitter bedingten Einschränkungen des biologischen Organismus Mensch. Solange so etwas wie ein freier Wille – so jedenfalls, wie der freie Wille generell verstanden wird – Teil der eigenen Ontologie ist, kann der Sexualtrieb nicht als Ausdruck des freien Entscheidens gelten. Zu Deutsch: Niemand entscheidet sich, sich so oder anders, in diese oder jene Person zu verlieben. Love is in the air. Die Verliebtheit passiert einfach.

Insofern betrachte ich die in den Gender Studies oft vertretene Befreiung von den äußeren Zwängen der binären Sexualität als einen Kategorienfehler. Es ist unmöglich, sich zu befreien, wenn das Instrument der vermeintlichen Befreiung ausgerechnet ein dem freien Willen fremder Trieb ist. Die Sexualität stellt eine Einschränkung des freien Willens dar, eine ungeheuere Macht, einen schwarz-weißen Kontrast des Ja gegenüber dem Nein, den Triumph des Körpers über einen nivellierten Geist. Gerade in der Sexualität den Triumph der Freiheit über die binäre Logik zu sehen, ist, wie wenn Thomas Mann als Feminist gelten würde. Das wäre so offensichtlich falsch, dass es unehrlich wirken würde. Aber ich will hier nicht moralisieren, sondern lediglich feststellen, dass die für die Gender Studies typische Forderung einer nichtbinären Sexualität aus moralischen Überlegungen einen Kategorienfehler darstellt.

In der legendären Arena-Episode aus Life of Brian deutet John Cleese an, dass die Politisierung des Sexualtriebs eine Sublimation homosexueller Menschen darstellt, die selber mit ihrer Sexualität nicht klarkommen. Kein Problem, wenn’s den Leuten so gefällt. Ob dies die Vergabe von Mitteln aus Forschungsfonds legitimiert, ist eine andere Frage.

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Gender Studies belong to the branches of the social studies which most analytical philosophers arrogantly ignore. Like Carnap was proud to say that the question why there is something instead of nothing in not analysable – until the progress of modal logic could show how narrow-minded this was – his epigones today would rather let women and transgender persons talk about gender, maintaining indeed a traditional masculinity.

Alas, if you are an analytic philosopher there is no way out of masculinity. Even my following criticism of the category mistakes of gender studies may be tagged as an expression of masculinity. Nevertheless, I would be happier if analytic philosophers preferred this masculinity to blunt arrogance. If you see something, say something… And, what’s more, if you profess being a Neowittensteinian “therapist” and you know that these two clients play different language games, you don’t make an appointment for them to come at the same time, while you go to order tapas around the corner and leave them alone at your office.

What follows now is not a metaphor anymore but my argument for the claim that gender studies is based on a category mistake:

Having a body is a condition for passion – neurotransmitters and hormones being responsible for the operational details. This makes sexuality a behaviour independent from decision. As long as free will is a part of your ontology, you cannot reduce nondeliberate body functions to decision. This means, in plain English, that you do not decide with whom you fall in love.

Considering all this, the emancipation from binary sexuality, one that gender studies propagate as a liberation from social conventions that allegedly violate free will, is a category mistake. Sexuality cannot liberate from anything. Rather, it restricts free will to an extent that only very few other things do. It is an invincible power, a black-and-white, yes-or-no dichotomy of a spirit slavishly subjected to desire. Expecting sexuality to liberate you is as if you perceived Rudyard Kipling as a feminist. It is not only false. It is hypocritical. But I’m not supposed to preach here.

In the legendary scene of the arena, John Cleese insinuates that the main motivation of the ideology of a politically motivated non binary sexuality is this of homosexuals unable to cope with their own sexuality. Unlike Cleese I wouldn’t be deprecating towards anyone. I still find funds raised to legitimise preferences in and around bed in terms of an ontology or politics squandered.

 

 

Scrutinised

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Sir Roger Scruton ist tot. Meine mitteleuropäischen Leser – ehemalige Studenten, auch von meinem Scruton-Anscombe-Nagel-Sherrard-Seminar vor Jahren – werden sich die Augen reiben. Kann es sein, dass ich jemandes Tod trauere, der den akademischen Philosophiebetrieb aufgab, um sich der Fuchsjagd zu widmen? Der am Londoner Birkbeck College einzig und allein – und ausgerechnet – mit der italienischen Dame in der Mensa über Politik redete, da sie die einzige Konservative dort war? Der Ende des 20. Jh. – Hilfe! – Kantianer war?

Sagt, was ihr wollt! Für mich ist er der Autor von Sexual Desire und Ich trinke, also bin ich. Lebensbejahend wird er bleiben auch als toter Mann,

PS: Nicht, dass ich wirklich glauben würde, Begierde ließe sich zivilisieren. Bewundernswert sind allenfalls schon diejenigen, denen es gelingt, in der begehrten Person stets einen Selbstzweck zu sehen.

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I know what you will say about his quitting philosophy and going fox hunting instead, about his being unwilling to talk politics with any other person at Birkbeck but the Italian lady at the refectory – the only conservative person there if you excluded him – about Kantianism in late 20th century…

I know the leftist line of argument. For me, he is the author of Sexual Desire and of I drink therefore I am and stands for getting a life. You can still stand for getting a life after losing yours.

PS: To sort things out: I don’t really believe that there is some sort of ethical desire. But I do admire people who happen to desire without losing their Kantian character.

Constructing language sites

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Die Baustelle neben dem Haus, wo meine Mutter wohnt, in Südostattika, ist eine Quelle von zukünftiger Missstimmung; insbesondere, wenn zum wiederholten Mal ein für Glyfada typischer Nachkriegsbau durch eine Geschmacklosigkeit mit parabolischen Balkonen und weißen Türen ersetzt wird. Den Grundriss habe ich nicht gesehen und ich kann keine Fragen diesbezüglich beantworten. Den Baustellenlärm allerdings, was die meisten als die größte Unannehmlichkeit ansehen würden, habe ich neulich als einen großen Gewinn angesehen. Griechischer Baulärm führt vor Augen, dass es keine Sprachspiele gibt, die im Sinne Wittgensteins “primitiv” genannt werden können, bzw. dass solche im Grunde sehr ausgeklügelte Sprachspiele sind.

Aber zunächst zum pragmatischen Hintergrund: Niedrige Lohnkosten führten in Griechenland zu Baustellen, die vollends in situ entstehen, ohne Fertigelemente. Unausweichlich hat man dann viele Bauarbeiter, die Planken und Balken hin- und her platzieren und sich ständig abstimmen, wie sie das tun sollen. Die Kommunikation erfolgt nun zu zweit oder zu dritt. Der Rest ist mit anderen Arbeiten ebenfalls zu zweit oder zu dritt beschäftigt. Der natürliche Weg, nur die für die eigenen Zwecke relevanten Mitarbeiter anzusprechen, ist durch den Namen. Vor jeder Anweisung, Aufforderung usw. muss man “Stephane” sagen, wenn Stephanos angesprochen wird, Nikos ist dann nicht angesprochen. Übrigens trägt der Vokativ der griechischen Maskulina zu mehr Flexibilität in der Satzbildung bei. Man muss den Namen gar nicht voranstellen, wie das im Deutschen bei Anreden üblich ist. Man kann ihn überall im Satz einbauen, denn der Hörer sieht sofort am fehlenden -s am Ende oder an der Endung -e von langen Namen der zweiten Deklination sofort ein: “Aha, Vokativ, keine Nennung”. Z.B. “Pass auf, dass Nikos hindurchkommt, Stephane, festhauen!” Da Stephanos weiß, dass die Endung -e die Deutung ausschließt, jemand anders sollte ihn festhauen, versteht er das als Aufforderung, Nikos passieren zu lassen und festzunageln.

Das aber nur am Rande.

Jeder Philosophiestudent kennt das von Wittgenstein zu Beginn der Philosophischen Untersuchungen eingeführte, “primitive” Sprachspiel: Zwei Bauarbeiter – mir gefällt der Gedanke, dass sie am Haus an der Parkgasse 18 in Wien arbeiten – kommunizieren monolektisch, mit nur einem Wort: “Platte!” Der Sprecher brauche eine, der Hörer reicht diese.

Das ist wohlgemerkt nicht die Definition von “Platte” im Lexikon. Das von Wittgenstein beschriebe Sprachspiel enthält nur einen impliziten Befehl und einen Namen, der als Akkusativ fungiert. “Platte” ist im Lexikon keine Aufforderung.

Es liegt auf der Hand: Die Einfachheit von Wittgensteins Sprachspiel ist auf die kleine Gruppe zurückzuführen. Griechische oder irgendwelche anderen Bauarbeiter in großen Gruppen könnten damit nicht arbeiten. Sie bräuchten Vokative und Nominative und Akkusative und Imperative und Indikative, um sich verständlich zu machen.

Sprache aber beginnt nicht bei zwei, sondern bei mehreren Sprechern. Ohne ihre Mitgliedschaft bei viel größeren Gruppen hätten die Bauarbeiter nicht die beobachtete Arbeitsteilung. Das zeigt, dass Wittgensteins “primitive” Sprache ein künstlich hergestelltes Fragment einer viel umfänglicheren Sprache und Gesellschaft ist. Denn jedes Fragment setzt das Ganze voraus.

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The construction site next to my mother’s place in Southeast Attica can be annoying if it makes one more Glyfada post-war house give way to a block of flats with oval balconies or any other embarrassing feature of those which the many love today. But I haven’t seen the blueprints, so I don’t know. The noise however, for many a more obvious problem, comes with a profit – at least for me. This is for the following reason: in Greece low labour costs make prefabricated walls and floors financially uninteresting. Everything is being constructed in situ, which means that you have many workers placing planks and beams; workers who, throughout the day, have to say someone else what they need them to do and exclude others from being their addressees. If I want Costas to lift a bit at his end but Nikos to do nothing, probably because Nikos’s lifting would cause some problem, then I have to indicate so. As a result, at Greek construction sites you hear many imperatives and vocatives. “Costa, nail it where it is but watch that Nikos can still pass”. By the way, having extra forms for the vocative of Greek masculine names enables construction workers to address people in the beginning, the end, or in the middle of a sentence. One does not have to put the vocative at the beginning of a sentence. This makes language more flexible, is however far from being my issue here.

Every student of philosophy knows the primitive language game which Wittgenstein introduces in the beginning of his Philosophical Investigations. Two workers – I fancy thinking they work at the site of the house he designed for his sister in Vienna – communicate by giving and receiving the monolectical order “slab!”, meaning that the one needs one to be given or brought to him by the other. This language game that Wittgenstein calls “primitive” does not contain a term for the dictionary’s term “slab”. Unknowingly to the workers themselves, their language game contains an implicit order and a noun that functions as an accusative.

If you only juxtapose the pragmatics of the two construction sites, you easily draw the conclusion that the greater complexity of the Greek game results from the bigger Greek group. This is what necessitates a more elaborate language in terms of cases and also of a formally very clear divide between imperative and indicative at the Greek construction site.

Primitive games in Wittgenstein’s sense are ones between only two agents. This alone shows that a primitive language cannot exist. There is no primitive language because there can be no society that consists only of two. Pairs of people are artificial as much as the language fragment they may use. Their division of labour is due to their membership to much larger groups. “Primitive” language games result from more elaborate societal and linguistic ones.