Five years of blogging

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Der Titel ist selbsterklärend und das Posting selbstbezüglich.

Als Fazit aus der Erfahrung nur eine kurze Bemerkung, die über die Selbstreferentialität hinausgeht: Die Schriftstellerei macht (wenigstens hoffentlich) den Leser zu einem anderen Menschen; aber den Autor zu sich selbst.

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The title is self-explanatory, the post self-referential.

Just one short remark beyond circularity: to the reader, a good read is a life-changing experience. But to its author it’s life-preserving.

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A man has to do what a man loves to do

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Wenn die Schüler in ihren Graffiti auf einen Zusammenhang zwischen Ethik und Ästhetik hinweisen, dann spricht das wahrscheinlich für ihr außergewöhnliches Interesse am Fach Philosophie in der Schule – dachte ich bei der Entdeckung obigen Schriftzugs. Oder für eine Hannah Arendt und Gottfried Seebaß nahestehende und in jedem Fall Kant und Popper gegenüber feindselige Haltung. Oder für Beides, was aber nicht sein muss. Man kann nämlich Arendt anhimmeln, ohne Philosoph zu sein. Den moralischen Ästhetismus neomarxistischer Couleur (Klassenkampf aus ästhetischen Gründen sozusagen) habe ich über Umwege erst 2000 bis 2003 in Griechenland kennengelernt und – da muss mich der Leser entweder glauben, oder selber recherchieren – er ist philosophisch extrem dünn.

Andererseits spricht „küssen“ von keiner festen Beziehung. Wenn die Ästhetik sozusagen eine flüchtige Affäre der Ethik ist, dann schadet das wohl der kantischen Morallehre nicht.

Jüngst entdeckte ich, dass der Schülerspruch „Ethik küsst Ästhetik“ von einem Laden in Downtown-Basel abgekupfert ist. Seitdem stelle ich mir manchmal die Kunden besagten Ladens als solche vor, die reingehen, ausschließlich um Schönes und Luxuriöses zu kaufen – was jedenfalls auf den ersten Blick untugendhaft erscheint. Nicht nur die Tugendethik erhebt hier einen Einspruch. Es drängt sich auch das kantische Bedenken auf, ob sie pflichtbewusst handeln, falls sie Moralität konsumieren (Fair-Trade-Zeug), weil diese schön aussieht.

Nun ist die Schönheit nicht das Kriterium des moralischen Handelns. Schiller war ungerecht gegenüber Kant, als er ihn so verstand, er würde vorschreiben, nur Unangenehmes könnte man aus Pflicht tun. Es gibt durchaus angenehme Pflichten.

Man kann einwenden, dass der Kunde per definitionem nicht aus Pflicht handelt, falls er Fair-Trade-Produkte nur deshalb kauft, weil sie schön sind.

Andererseits kommt es bei der Erfüllung einer Pflicht nicht auf die Absicht an. Man muss nicht aus Pflicht eine Pflicht erfüllen.

Fazit: Küsse zwischen Ethik und Ästhetik sind OK. Pflichten dürfen angenehm sein. Vielleicht sind sogar unangenehme Pflichten in einer gewissen Hinsicht auch angenehm, wie Workaholics ständig beweisen.

Ich bleibe dabei, den Ästhetismus als philosophisch dünn zu betrachten. So viel Popperianismus darf sein. Aber ich betrachte ihn nicht als das ultimativ Böse. Blutjunge Leute sollen doch ruhig das Gute mehr mit dem Angenehmen verbinden dürfen. Etwas anderes von ihnen zu verlangen, würde nur Neid verraten.

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First I discovered the graffito in the atrium. It said „Ethics kisses aesthetics“, which I saw as witnessing reflection and as reflecting the students‘ engagement for philosophy as a subject. Months later, I discovered this shop in downtown Basel with the same slogan, which made me think that I was wrong about the students‘ engagement. I imagined the customers of the shop: going in, in one of the universe’s most expensive spots, buying overrated commodities with prices saltier than the cheese they make for the aperitif a couple of miles souther, and leaving the shop after having done something good for the world after they bought things they would never have bought if they didn’t appear luxurious to them. Not quite the action you’d call „virtuous“.

Aestheticism makes me button my moral coat. Moralist aestheticism, a Neomarxist one, was a concept I had encountered in Greece between 2000 and 2003. It was something like a state philosophy back then, with direct contacts to the almighty ministry, and it remains very influential today – just as influential as it is philosophically hollow.

Notwithstanding my general Popperian aversion against aestheticism, I would never go as far as to say that duties must be unpleasant. This is how Schiller misinterpreted the Kantian concept of duty and one really doesn’t have to be as good in poetry and as bad in philosophy as Schiller.

The customers of the shop do act morally after all when they buy luxuries there, under the condition that they are benefactors of moral agents and the shop is one such. The kiss between ethics and aesthetics is an acceptable one. Even Kantianly so… Fulfilling duties doesn’t have to be unpleasant. The kiss doesn’t need to be one in an unimportant affair to be forgiven. Let ethics and aesthetics be a couple for good – no moral objection there!

But if this concept becomes the new paradigm in ethics, who will do the unpleasant duties? I’d say to this that even unpleasant duties have pleasant sides. Don’t workaholics demonstrate this constantly?

This is why aestheticist students don’t offend my view on ethics. It’s no good for me – it’s hollow. But it’s alright for them and morally acceptable.

Syncretistic hooligans

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Der Wahlspruch der Basler Fans beginnt kantianisch („Autonom im Handeln“), fährt hegelianisch fort („frei im Geist“), aber den Abschluss kann ich philosophisch nicht einordnen. Ich schätze mal, dass er Nietzsches Einfluss widerspiegelt. Er war ja Prof in Basel…

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The slogan of the F.C. Basel fans begins with a Kantian moral credo („Autonomous action“), continues with a Hegelian postulate („free spirit“), and concludes with something that I can’t quite identify in terms of philosophy. I reckon though that „fanatic in the heart“ is a Nietzscheist element. Nietzsche used to teach here.

Today’s category mistakes

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„Wie unverantwortlich! Es schneit!“

„Im Elsass sind die Farben abgeschafft worden“

„Der Schnee ist megaabsurd“

PS: Ich bin mir nicht so sicher, ob Marie Liebys „Είναι γελοίο“ (griechisch für „Es ist lächerlich“) auf den Schnee angewandt ein Kategorienfehler ist. Jedenfalls verdanke ich ihr obiges Foto.

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„Irresponsibly enough, it’s snowing again“

„In Alsace colours are abolished“

„Snow is so absurd“

PS: I don’t know if Marie Lieby’s „Είναι γελοίο“ (Greek for „It’s ridiculous“) is a category mistake if you refer to snow. I just want to say that the credit for the first picture goes to her.

Bennis Buch

Sorry, just a link to a publication announcement in German today. It’s a colleague’s and a publishing-house comrade’s book on the right life. Benjamin Andrae, the author, has among other things, a PhD in philosophy supervised by Godehard Brüntrup who also wrote the introduction.

Philosophia Resources Library, Benjamin Andrae
— Read on de.philosophiaverlag.com/index.php

Termini

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Geographische Grenzen sind Rahmen. Es gibt keine geographische Entität, die sich ins Unendliche erstreckt. Sieht man zudem von eingekeilten Regionen ab, so gibt es höchstens ein Dreiländereck zwischen drei Gebieten. Es gibt genau eines zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich (unten habe ich ein Video von besagter Stelle), zwei zwischen der Schweiz, Österreich und Liechtenstein, da Letzteres eingekeilt ist.

Das alles bestärkt mich in der Annahme, dass die geographische Regionalontologie ein Spezialbereich der Topologie ist. Die bekannten Toponyme der Art: „Elsass“, „Baden“, „Kleinbasel“ (einen Blick auf das erste und das letzte vom mittleren aus sieht man unten) sind ihre Konstanten.

Natursprachliche Bezugnahmen auf Menschen aus dem jeweiligen Landstrich sind jedoch gründlich anders. Anders als Toponyme sind nämlich Ethnonyme keine Eigennamen, sondern Appellative. Als wäre das nicht genug, sind das Appellative mit in der Regel großen Bedeutungsverschiebungen in ihrer Vorgeschichte. Während man z.B. diachronisch sagen kann, wo das Elsass, wo Baden, wo Kleinbasel ist, kann man nicht ohne Weiteres sagen, wer ein Elsässer, ein Badener, ein Kleinbasler ist; auch nicht, wer ein Franzose, ein Deutscher, ein Schweizer ist. Ich meine: nicht diachronisch! Ein Elsässer sprach früher stets Elsässisch. Heute reicht’s zum Elsässersein, sich dafür zu entschuldigen, kein Elsässisch zu können. Einen Schweizer im heutigen Sinn gab es vor 1848 nicht – und das, obwohl es die Schweiz gegeben hat.

Die einzigen mir bekannten Grammatiken, die die Kultur besitzen, nicht so zu tun, als wäre die Herkunft ein Eigenname, sind die des Italienischen und des Deutschen. Erstere schreibt vor, „Grecia“ groß zu schreiben, „greco“ aber klein, „Germania“ groß, „tedesco“ klein usw. Letztere kapitalisiert alle Substantive sowieso. Ob das gegen die Selbstherrlichkeit des Provinzialismus hilft, ist eine andere Frage. Wenn ich an Adriano Celentanos „Lasciate mi cantare“ denke, dürfte es weniger helfen. Aber es ist wichtig, nicht so zu tun, als wäre „Makedonier“ ein rigide bezeichnender Terminus. Im Sinn einer demokratischen Bürgerkunde kann man grammatikalische Vereinbarungen zwar nicht nutzen, Signale in die richtige Richtung sind sie jedoch allenfalls – selbst wenn (oder weil) diese Richtung die nominalistische ist.

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The glimpse of the tri-country region consisting of the southwesternmost edge of the Black Forest in Germany (from where I took this video), Basel in Switzerland (urban, towers) and Alsace in France (vineyards at the other side of the river Rhine) I find interesting for reasons of ontology.

Borders are frames. Generally, geographical limits bound a geographical entity from all sides. Between three regions none of which is wedged among or inside the others, you can have one tri-country region. You have one between France, Germany and Switzerland. But you have two between Switzerland, Austria and Liechtenstein because this last country is wedged between the two former. Thus, the regional ontology of geography appears to be a branch of topology. Its constants are toponyms – NB proper names.

In contrast, ethnonyms, the names of the people of regions, are not proper but common names – and ones that resulted after huge semantic shifts.

As an aftermath, you can’t define „the Swiss“ as easily as you can define „Switzerland“. The only problem you have with the definition of the term „Switzerland“ is to capture territorial shifts through centuries while you maintain that it is a proper name. But it is not clear whether the term „the Swiss“ always referred throughout this time. It has been referring after 1848 for sure, but in the 15th century the only people you could call thus was the population of one landscape in the middle of the country. Another example: it’s been more or less clear for centuries where Alsace is. Still, who’s an Alsatian? – that’s the question of the century! Until the beginning of the XXth century, it was essential to Alsatians to speak their Germanic language. But an essential property of Alsatians today is to speak French whereas apologising for not speaking German.

The only grammars I know that clearly show that toponyms are proper names and ethnonyms common names is the Italian and the German: the former prescribes to capitalise „Ingleterra“, not however „inglese“, the latter capitalises all nouns. It’s so true! England will always be the country that the Angles once possessed. But the Angles, the English, the German, the Macedonians, all peoples of this world, are called thus simply because nominalism has a chance to be true.

The hard problem

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Das „Hard Problem“ wird schwer erst durch die Möglichkeit der Verdoppelung: der Teilnahme von zwei Individuen an ein-und-demselben Selbst. Plakativ wird das in Daniel Dennetts Gedankenexperiment „Where Am I“ vorgeführt.

Molières und von Kleists Amphitryon, Letzterer gerade auf der Basler Bühne genial inszeniert, haben etwas vom Hard Problem: Amphitryon-Zeus weiß alles, was Amphitryon weiß.

Allerdings ist Amphitryons Eifersucht eine andere als Amphitryon-Zeus‘ Eifersucht. Ersterer ist einfach nur gehörnt. Letzterer möchte für sich selbst geliebt werden und nicht, weil er sich als jemand anders ausgeben kann.

Nicht alles, was wir sind, besteht in Wissen und Monitoring von eigenen Geisteszuständen. Von Kleist wusste das klarer als die analytischen Philosophen.

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The „hard problem“ becomes hard out of the possibility of duplication: two individuals have one-and-the-same self. Daniel Dennett tackles the related issues in his thought experiment „Where Am I“.

Molière’s and von Kleist’s Amphitryon – the last one you can presently enjoy in a gorgeous, creative, inspiring performance in Basel – are reminiscent to the hard Problem: Amphitryon-Zeus knows exactly what Amphitryon knows.

However, Amphitryon’s jealousy is different than Amphitryon-Zeus‘ jealousy. The former is simply a cuckold. The latter, however, suffers from being loved not for himself but because he can transform himself to someone else.

Not everything we are is to be reduced to cognitive states and monitoring thereof. Von Kleist knew that much clearer than contemporary analytical philosophers do.