Totgesagtes lebt länger #2

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Die plötzliche Kälte, die einen Teil der Schweiz wieder in Schnee verhüllte, macht wieder den Trachanas aktuell.

Wirklich aktuell ist ein egal wie legendäres Relikt der byzantinischen Küche wohl nie. Aber die Kälte legt die bulgurähnlichen Krümmel aus getrocknetem Ziegenmilch-und-Mehl-Porridge näher als sonst. Wer Ungarn und seine Küche kennt, kennt wohl das ähnlich klingende Tarhonya. Tarhonya ist nicht Trachanas, sondern es wird in gleicher Größe und Gestalt aus Nudelteig gemacht. Allerdings zeugt der Name von einem gemeinsamen Ursprung.

Wenn zwei verschiedene Sprachen verwandte Wörter für unterschiedliche Dinge haben, dann sind lexikalische Entlehnungen und Bedeutungsverschiebungen der Fall wie bei Pitta im Griechischen und Pizza im Italienischen. Wird dieselbe Sache dagegen unterschiedlich bezeichnet, kann höchstens von Kulturtransfer die Rede sein. Im Fall von Trachanas/Tarhonya haben wir Beides. Kulturtransfer war der Fall als die mittelalterlichen Ungarn den Trachanas höchstwahrscheinlich von oströmischen Soldaten adoptierten, worauf die Bedeutungsverschiebung folgte: Beibehalten wurde aus der ursprünglichen Bedeutung die Gestalt des Gebrösels, das Rezept wurde umgewandelt.

Ich sehe hinter der Beibehaltung des Terminus folgende Haltung der Sprecher des mittelalterlichen Ungarisch: Die Gestalt ist das Wesentliche (von mir aus das Wesentliche für dieses Gericht) der Originalteig aus Ziegenmilch sekundär.

Wenn es Leser dieser Zeilen gibt, die sich fragen, ob morphologische Eigenschaften als Teile des mereologischen Ganzen genommen werden können, dann kommt hier die Moral von der G’schicht‘: Nicht nur können sie das, sondern sie können auch die essenziellen Teile sein!

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The sudden cold that covered much of Switzerland with snow in May, allowed me to have the original dish again: trachanas: wheat cooked in goat’s milk and dried and broken into bulgur size is a legendary historical fossil of Byzantine kitchen. Those familiar with Hungarian kitchen know the similarly looking and sounding tarhonya. Tarhonya is not trachanas. It is simply pasta in bulgur shape. But the name bears witness to a common origin.

When in different languages like here in Greek and in Hungarian, you have a similar name for something different, then it is a lexical loan and a semantic shift that you have – like when you compare the Greek pitta and the Italian pizza. When you have, in contrast, the same thing by different names, then you can have a cultural transfer. In the case of trachanas/tarhonya you have both phenomena: an original transfer when the medieval Hungarians adopted trachanas as it was used probably by Eastern Roman soldiers, followed by a semantic shift: they retained the form but replaced the recipe, which probably shows that they considered the form to be substantial, the dough as of secondary importance.

Just an idea for those who ask themselves if morphological properties can be considered to be parts of mereological wholes. Not only are they, but can also be essential parts of the whole.

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Agnus dei et idea leporis

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Wer irgendwo im Gebiet zwischen Basel und Freiburg wohnt und Lamm- oder Ziegenfleisch kaufen will, ist gut beraten, in der Markthalle von Mulhouse einzukaufen. Das klingt wie ein Werbespot, ist aber der Beginn unserer jüngsten theologischen Familiendebatte. Da der heutige Ostertag nach dem julianischen Kalender nahte, wollte ich jedenfalls obigem Rat folgen.

Theologisch gesehen war meine Position, Lamm zu kaufen, fundiert, finde ich: Zu Ostern töten wir den „agnus Dei qui tollit peccata mundi„, um ihn symbolisch zu uns zu nehmen. Voller Schuld daran, nach vierzigtägiger veganer sowie Krusten- und Weichtiere-Diät Fleisch zu essen, wollen wir Versöhnung. Bringt uns das nicht etwa bei, Tierleben zu schonen und reflektierter zu essen?

Zunächst fragte ich die Verkäuferin also, ob das halbierte, kleine Jungtier da – wir brauchten nicht viel, wir haben niemanden eingeladen, als ich die Osterfeste in München mit fünfzig Gästen feierte, musste ich am nächsten Tag nicht unterrichten – ein agneau war, ein agnus.

Daraufhin äußerten meine Kinder den Wunsch, Hasen zu essen. Das irritierte mich. Der Osterhase ist doch germanisch, wandte ich ein, wir feiern nun die Auferstehung in orthodoxer Tradition. Ein Hase komme an unserem Osterfest nie auf den Tisch.

Da fühlte sich die elsässische, alle Sprachen der Region beherrschende Verkäuferin berufen, uns aufzuklären, das sei „ein Kitz, ein chèvreau“ (damit war meine Agnus-Dei-Symbolik dahin), außerdem könne man von Hasen nicht reden: „Da wilde Haas, le lièvre“ dürfe erst im Oktober wieder gejagt werden, das sei ein lapin. Damit war auch die von mir unterstellte germanische Osterhasensymbolik dahin.

Es ist bitter, einen Argumentationskampf gegen Gemeinplätze zu verlieren. Die Situation glich der Niederlage des FC Barcelona gegen Steaua Bukarest in jenem legendären Endspiel für den Pokal der Landesmeister… Im Nachhinein finde ich, dass ich nicht klein beigeben durfte. Ein chèvreau steht näher zum agneau als ein lapin, was seinerseits eine Nähe zur elsässischen (und sonstigen germanischen) lièvre-Symbolik hat.

Seit Theodor Studites im 9. Jh. lautet die orthodoxe Lehre zum Symbol einer Person, etwa zu einer Ikone, diese sei nicht die abgebildete Person, könne aber an ihrer Stelle verehrt werden, denn die abgebildete Person die Ursache des Abbildes sei. Zicklein haben eine größere genetische, damit ursächliche Ähnlichkeit zu Lämmern als Kaninchen. Also…

Nach Descartes kann die idea leporis, die Hasenvorstellung, zwar unabhängig von der Existenz des Hasen sein, so dass man im Endeffekt alles mit allem symbolisieren kann. Allerdings soll man dabei aufpassen, keine unklaren oder diffusen Symbole zu benutzen. Solange Vorstellungen clarae et distinctae sein müssen, können cuniculi wie lepores nicht den Agnus Dei symbolisieren.

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The marketplace of Mulhouse in France is the best place to buy lamb or goat also if you happen to live between Basel in Switzerland and Freiburg in Germany. This sounds like a commercial but it was the beginning of a theological dispute with my family.

Today, according to the Julian calendar, is Easter. The Greek custom is to eat lamb and the hymn „Agnus Dei qui tollis peccata mundi“ (we sing it in Ancient Greek of course) guarantees that you will feel guilty for eating meat after forty days of vegan diet plus molluscs and crustacea. You will feel guilty for existing at the lamb’s expence. After this you seek atonement. This can teach you to be more modest when taking the death of other creatures as a consequence of your own living.

Like Strasbourg and Colmar, Mulhouse is in the region of Alsace. Alsatians (that is: real Alsatians) speak French of course but they also speak Alsatian, a German dialect nearly incomprehensible to normal speakers of standard German. And in some cases they can understand standard German. If they want to… This butcher wanted to.

She wanted to intervene into my family’s debate carried out in standard German, me saying: „What? A hare you want me to cook on Easter? Now, let me put things clear: The easter bunny is Germanic. Proof: the only place they have it in France is Alsace. We celebrate an orthodox day. There is a symbolism in having lamb.“

Well, she said, the halved animal I wanted to have was a goat, not a lamb. So no Agnus Dei symbolism there. And the animal which my family had spotted instead was a rabbit, not a hare. So, no Germanic symbolism here. Hares are protected until October.

The more trivial this last piece of information was, the more bitter it made losing the argument on its behalf. It felt like FC Barcelona’s defeat to Steaua Bucharest in this one European Champions‘ Cup final decades ago.

Since Theodore of Studion, a Byzantine theologian of the 9th century, the Orthodox view on symbols is that representations of persons, say icons, on one hand and the represented person on the other may, of course, not be confused except of one and only attitude towards the icon: i.e. veneration. Theodore argues here with the causal relationship between the representation and the represented. Now, I do see a causal relationship between a goat and a lamb and one that is closer than the other between a rabbit and a lamb. Not to mention the causal relationship between a rabbit and a hare which is certainly closer than the one between a goat and a hare. So, if for the sake of symbolism you do not want a lièvre, a lepor, a haas, a hare but an agnus for God’s sake, and you do not have the opportunity to get a lamb, a goat is its next kin.

This was not the kind of argument I could bring in a butcher’s shop…

Of course, there are authors who have more elaborated arguments on this. Take Descartes. As if he had predicted my problems with Germanic hares on Easter, he said that the idea leporis is independent from the existence of the hare. In a way, you can take anything to symbolise anything else. A symbol of a hare does not have to look like one and, accordingly, a symbol for the Agnus Dei does not have to be an agneau or a chèvreau or any other ovine.

Well, yes, this is true. But also Descartes would demand the ideas to be clarae et distinctae. Animals like cuniculi and lepores would have to symbolise just the Agnus Dei and nothing else on the liturgical level. And this is not the case.

Totgesagtes lebt länger #1

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Wer aus den Geisteswissenschaften kommt und Griechenland oder die Türkei besucht, merkt schnell, dass die Region voll mit Überbleibseln ist: Säulen von Vorgängerbauten, lexikalischen Fossilien und schließlich auch Elementen der antiken und byzantinischen Küche. Letztere habe ich recht spät wahrgenommen. Genau genommen habe ich erst durch die Lektüre von Andrew Dalbys Essen und Trinken im antiken Griechenland (übersetzt ins Deutsche von Kai Brodersen, eine Zeitlang unserem Präsidenten an der Erfurter Uni), später durch die Fortsetzung Tastes of Byzantium gelernt, die antike und mittelalterliche Küche in der heutigen nahöstlichen Küche zu erkennen. In letzterem Buch stellt Dalby die These auf, im 10. Jh. sei das Garum, die Sauce aus fermentierten Fischeingeweiden, im Westen vergessen worden, bis zum 16. Jh. sei es allerdings noch in Konstantinopel verkauft worden. Die Fortsetzung kenne ich von meiner Heimatinsel Euböa. Die Dorffrauen sagen dort „Garos“ zur Feta-Salzlake, aus der sie einen Löffelvoll nehmen, um hier und da zu würzen. Das ist freilich ein nur lexikalisches Überbleibsel, da der alte Garos aus Fisch bestand. Die kulinarische mediterrane longue durée ging in Griechenland nach dem 16. Jh. offenbar zu Ende wie Dalby nahelegt. Übrig blieb eine Bedeutungsverschiebung.

Aber ist das Garum im Westen tatsächlich im 10. Jh. vergessen worden? Ausgerechnet aus dem norditalienischen Piedmont kommt Bagna cauda, die Fischsauce, die ich in einem Buch des legendären Antonio Carluccio fand – im Bild unten in einer den Kindern zuliebe abgewandelten Form.

Das Römische lebt vielerorts und unerahnt fort. Auch am Beispiel des Trachanas/Tarhana/Tarhonya kann man das sehen. Aber das ist das Thema für ein anderes Posting zu meinen alten winterlichen Gerichten.

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The unattractively coloured sauce is called bagna cauda. This is Piedmontese dialect and a surprise. The reasons:

If you’ve studied humanities, it’s Greece and Turkey where you find things reminiscent to the antiquity and the Middle Age: columns of a Hermes temple that stood there before the place was dedicated to St John, words you thought were new but in reality have survived the centuries, odours of ancient or medieval food coming out of people’s kitchens.

It lasted long until I learned to identify these last ones. It took me years of cooking and, the most important factor, finally reading Andrew Dalby’s Tastes of Byzantium. Here, Dalby claims that garum, the ancient Greek and Roman fish sauce made of fermented fish intestines, disappeared from west Mediterranean tables in the 10th century but in Constantinople remained in use until at least the 16th century. Now, as a child, I heard old Euboeans referring to the feta-cheese brine as „garos„. They used it is as garum alright, i.e. they seasoned every possible dish with it, but the fact is that the way from fish intestines to goat-cheese brine is one that you can’t fail to call a semantic shift.

Since recently though, I have had reasons to believe that the part of Dalby’s claim concerning the west Mediterranean is not accurate – at least not quite.

I found a recipe of the aforementioned and photographed bagna cauda in one of Antonio Carluccio’s books. For the sake of the kids I cooked it in a somehow finer version.

Roman kitchen survived longer than we think. This is also the case with trachanas/tarhana/tarhonya – and a topic of another posting about ancient and medieval winter dishes.

Surprise #3: Dietethics (sic) in Liestal

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Der Terminus „Diätethik“ ist meine Wortschöpfung. Ich verstehe es als eine Art Portmanteau-Wort aus Diätetik und Ethik, aber („eine Art“) man könnte es auch als zusammengesetztes Wort aus „Diät“ und „Ethik“ verstehen, wenn mit Diät heute nicht Gewichtabnahmekur zu verstehen wäre. Die Diätethik ist die Reflexion über die Einhaltung wie auch immer gearteter moralischer Prinzipien beim Alltagsleben, insbesondere bei der Ernährung. Ich mag jetzt nichts über Verschandelung des Fachdeutschen hören. Bei zwei griechischen Wortbestandteilen wird es doch genügen, wenn der Terminus dem staatsexaminierten Gräzisten gefällt.

Seit meinem Erfurter Seminar über Essen und religiöse Ethik, einem aus dem ich die Einsicht gewann, dass die ernährungsethische Dimension – so wenigstens im christlichen und jüdischen Rahmen – dem viel hervorstechenderen Zweck der sozialen Differenzierung und des Ausschlusses Andersgläubiger hinterherhinkt, habe ich nichts zum Thema gemacht. Die Planung eines veganen Kochbuchs in Coautorenschaft leidet an der Distanz zwischen Basel und München. Und etwas Theoretisches mag ich nicht schreiben, da ich einsehen muss, dass ich ernährungsmäßig in einer kognitiven Dissonanz bin: Einerseits erkenne ich den Säugetieren menschenähnliche mentale Mechanismen und ein Kontrollmoment zu bzw. diese Merkmale als Gründe an, keine Säugetiere zu essen, andererseits handle ich Säugetieren gegenüber, als ob ich diese Überzeugung nicht hätte: Ich esse ihr Fleisch. Zwar sehr maßvoll, so wie meine Vorfahren, allerdings hatten diese die religiöse Legitimation („Gott will, dass wir Ostern, Weihnachten usw. feiern“). So gewonnene Legitimation hat für mich keine Geltung – und trotzdem… Ich nehme an, dass ich in dieser Hinsicht ein akrates bin.

Überlegungen zur Kasuistik und zur angewandten Ethik halten Überraschungen parat. 2015-16 hatte ich das große Glück, Philosophie in einer zehnten (und in einer elften und in einer zwölften und in einer dritten) Klasse zu unterrichten. Der Grund, aus dem es dort sehr witzig wurde (aus anderen Gründen war’s bei den Drittklässlern auch witzig, beim Rest war’s nur seriös) war das Format der Philosophiestunde – eine Schnappsidee von mir.

Ich erzählte stets eine Geschichte, die ein ethisches Dilemma, oder Trilemma nach sich zog. Nur bis Trilemma, nicht weiter, kein Tetralemma, kein Pentalemma, kein Hexalemma, kein Heptalemma, kein Oktalemma – Sinn des Postings ist es nicht jetzt, Euch die griechischen Zahlwörter beizubringen, jedenfalls ging es nicht über drei Alternativen hinaus und der Grund… Nein, ein Bisschen Geduld.

Dilemmas erzählte ich, die ich aus der Erlinger-SZ-Kolumne hatte („Wäre es verwerflich, wenn ich das Weihnachtsgeschenk nicht in schönes Geschenkpapier einwickle, weil der Beschenkte blind ist?“), ein paar klassische wie das Dilemma des Kalifen Omar, nicht zuletzt den Fall der Sterbehilfe an Terri Schiavo usw. usf.

Bei jeder Geschichte forderte ich die damals Sechzehnjährigen dazu auf, emotionslos moralischen Dimensionen nach den Bedingungen 1. des Utilitarismus, 2. der deontologischen Ethik, 3. des Aristotelismus (die christliche Ethik behandelte ich als eine Unterart davon) zu beurteilen. Meist haben sich drei verschiedene Optionen des moralischen Handelns aufgemacht. Sehr wichtig war es mir zu zeigen, dass insbesondere beim Utilitarismus ein etwa hinzukommender Faktor in Form des Glücks einer dritten Person oder einer anderen Glücksquelle das bisherige Urteil stark verändert. Ich weiß noch die Namen meiner Mitdiskutanten. Ich weiß ihre Gesichter. Sie werden sich verändert haben. Ich habe seit einem Jahr nichts über sie gehört geschweige denn sie gesehen, ich bin nicht mehr an der Saale, wichtig sind sie mir allerdings geblieben.

Das Format meines damaligen Unterrichts ist mir auch wichtig geblieben. Ich weiß noch den Aha-Effekt zum Thema: der Utilitarismus ist nicht gleich Kosten-Nutzen-Rechnung eines Einzelnen. Was passiert, wenn der Nutzen der Eltern Terri Schiavos in den Kalkül eingeht? Auch den Aha-Effekt zum Thema: Weder Kant noch Thomas von Aquin sind so uncool, eigentlich bin ich mit 16 unbewusst Kantianer, Thomist usw.

Dieses Format war damals wie gesagt eine Schnappsidee, deshalb war neuerdings im Museum Baselland meine Überraschung groß, als ich feststellte, dass der Autor des interaktiven Teils der Schwein-Ausstellung mein Format befolgt: Anhand von Fragen zum Fleischessen hat der Besucher die Gelegenheit, sich als Kantianer, Utilitarist oder Tugendethiker zu verorten; ferner die Gelegenheit, sich als Obengenanntes zu verorten, ob er Fleisch isst oder nicht. Wenn die Schweine ein Bewusstsein haben, ist es tugendhaft, sie nicht zu essen. Haben sie keines, wird die tugendhafte Haltung anders ausfallen. Was mich zum Anfang dieses Postings zurückbringt und zur Feststellung meiner eigenen Untugend.

In der orthodoxen Tradition ist der Dezember ein Monat des nichtstrengen Fastens, da bis Weihnachten (damit wir uns verstehen: bis zum 25.) außer den „veganen“ Mittwoch und Freitag nur Fisch gegessen werden darf.

Aber Moment: Kann es sein, dass die Fische ein Bewusstsein haben?

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Until now I have known no one else who would use the term „dietethics“. I understand it as a portmanteau term referring to the discipline between dietetics and ethics, not as a composite of „diet“ and „ethics“ since most people take diet to mean weight-watcher’s nutrition and this is not what I mean by it. Don’t start criticising me for non idiomatic English: when the words are Greek, the expert is the one who’s had Classics at the university. If you’re also one, we can dispute about words by some opportunity which doesn’t have to be now.

I’d prefer to talk food and philosophy instead.

I used to be very aware of the combination of dietetics and ethics. I had a class on food and religious ethics some years ago (this was enough to realise that Christian and Jewish fasting primarily serve the purpose to socially differentiate the faithful from the unfaithful and the very faithful from the less faithful).

But then, I started to lose interest. The vegan cookbook I planned to write with a friend is a victim to the distance between Basel and Munich. Still worse, I don’t feel like writing anything theoretical on the topic because I have to admit that I am in cognitive dissonance: On one side I accept that at least mammals are conscious and have emotions, I also accept that it is morally evil to eat creatures conscious and capable of having emotions. However, I deny drawing the consequence to stop eating their meat. I mean, I do keep my ancestors‘ credo that in order to kill a mammal you must have a special justification given only in big celebrations, and I eat their meat only in very special occasions. Nevertheless I don’t believe that this justification is really there. Therefore I should stop eating meat altogether, which will not be the case. I suppose you can call me an akrates in this respect.

This is how thinking about casuistics and applied ethics eventually reveals things about yourself, NB things that appear new. At least this happens to me. Since I think that surprise makes you a better person, I wanted this to happen to my Halle students (Halle is a city in East Germany, Händel being probably its most well-known son for the English speaking world, further the city in whose university Christian Wolff and Baumgarten and Hegel have taught. But let’s leave the big dead philosophers to rest. In 2015-16 teaching philosophy to 11th- and 12th-graders of the of the Steiner Waldorf School was serious and ended almost always as a discussion on politics. Philosophy with 3rd-graders was fun. And, in a certain manner, it was also fun with 10th graders. In this last case, it was fun because of the format of the course which was my own invention. Call it an experiment if you want.

First I was telling them some story that involved an ethical dilemma or trilemma. Never a tetralemma, never a pentalemma, never an hexalemma, never an heptalemma – I suppose you get the point. I had a spleen with the numbers two and three and this for a good reason. The main ethical positions being virtue ethics (or Aristotelianism, duty ethics (or Kantianism) and utilitarian ethics (or consequentialism) I had the idea to interrupt the story as soon as the ethical dilemma or trilemma arises and to let them give a solution according to the three main schools of moral philosophy. Three schools would normally give three solutions, sometimes more, sometimes less.

There were stories from a famous newspaper applied-ethics column („Is it ethically wrong not to take a beautiful paper to wrap a Christmas present for a friend who’s blind?“), Calif Umar’s dilemma (a classic!), the case of Terri Schiavo etc. It was important to me to show them that once some extra utility enters the calculation, utilitarianism has radically different results. granted that she herself has no mental functions, if you only let Terri’s husband’s utility to count, then you may stop giving her life support by the utilitarian calculus and save her life by the other two solutions, but if you add Terri’s parents‘ utility to the utilitarian account, you must save Terri’s life by the verdict of every one of the three schools.

There were students who passionately discussed with me on these topics. I still remember their names, even the faces. They’ll have changed now. The last time I asked about their whereabouts was a year ago. But their memory remained important to me.

Also the format of my philosophy hour remained important to me since I thought that it was my invention.

Well, it isn’t. At least, it isn’t mine alone. I was astonished to find my format in this Liestal exhibition, one that combines and celebrates the intelligence of pigs and the taste of pork – in fact, a sneaky vegetarian propaganda: if they’re clever, how comes that you’re allowed to eat them?

In the exhibition, you see, they have an interactive philosophical part. You answer questions concerning eating meat and you end up as Aristotelian, Kantian or utilitarian. Eating meat out of duty is rather weird (Kantians being doomed to end up as vegetarians), but as an Aristotelian or a utilitarian you can find reasons to be vegetarian or carnivore depending on whether you consider animals to be conscious – which leads me to the beginning of this posting and my own vice, and be it only the vice of denying to draw consequences.

At least I’m always a bit more virtuous in December because until Christmas, according to the Orthodox tradition, there are two vegan days every week, Wednesday and Friday, and the only meat allowed on the rest is fish.

But, please, don’t start asking whether fish is conscious…

Pizzas, pittas, quiches and their pieces

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Wer nach der griechischen Pitta (etwa der Tyropitta, der Lachanopitta, der Tsuknidopitta) oder der südserbischen Gibanica googelt, bekommt als Treffer Fotos eines deftigen (meistens mit hauchdünnem Nudelteig hergestellten) runden Blätterteigkuchens, der meist wie Pizza angeschnitten ist. Dieses Anschneiden ist nur in TV-Kochsendungen oder im Internet anzutreffen. Als Element kultureller Hybridität ist es auf die in Griechenland und Serbien wahrgenommene Überlegenheit der italienischen und französischen Küche zurückzuführen; insofern postkolonial. Keine Oma aus Ioannina oder Leskovac schnitt ihre Pitta oder Gibanica wie eine Pizza oder eine Hochzeitstorte! Vielmehr bestand der Anschnitt aus zwei sich senkrecht schneidenden Durchmessern und Parallelen zu diesen beiden. Die Randstücke waren nach diesem, dem einzig traditionellen Anschneiden, kleiner oder größer als die Stücke weitab vom Rand. Das Verteilen der epirotischen Pitta, eines für Generationen fast täglichen Essens in den Dörfern Nordwestgriechenlands, war kein Fall der distributiven Gerechtigkeit. Die Welt ist ungerecht und so waren auch die Stücke.

Viele würden sagen, dass ich hier übertreibe, dass früher eine ausgleichende Gerechtigkeit gewahrt wurde („Dieses große Stück für dich, weil du den ganzen langen Tag nichts gegessen hast“), dass die Verteilung eventuell individuellen Vorlieben entsprochen hat („Ich mag sowieso keinen Spinat, dafür knusprigen Blätterteig“), aber ich weiß ganz genau, dass die Fälle, wo einer unzufrieden mit seinem Stück war, nicht wenig waren. Ungerechtigkeit wurde hingenommen.

So ungerecht allerdings, dass ein Randstück nur aus Blätterteig bestand, keine Spur von Feta, Brennnessel, Spinat hatte, war die Verteilung selten. War das Randstück so klein geraten, dass gar keine Füllung drin lag, dann pflegte man zu fragen: „Warum hast du mir kein richtiges Stück gegeben?“

Daraus wird klar, dass die Ganzes-Teile-Beziehung einer traditionell angeschnittenen Pitta oder Gibanica anders als bei Quiche oder Pizza eine mereologische war und zwar eine auf die Mengenbeziehung nicht reduzierbare! Während nämlich alle Pizza- oder Quichestücke sowohl echte Teilmengen als auch echte mereologische Teile sind, war es möglich, Pitta- oder Gibanicastücke zu haben, die „nicht richtig“ waren: nur Teig. Diese waren zwar echte Teilmengen aber keine mereologischen Teile einer Pitta oder Gibanica, sondern nur Teile von deren Teigblättern.

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If you google to get pictures of Greek pittas (I mean real pittas: spinach pies, cheese pies, nettle pies, not the thing Greek eateries would serve with kebab), also pictures of South Serbian gibanicas (pronounced „gheeb-an-etsas“), you will find mostly unreal, improbable pictures: pies cut in a way you would cut a pizza or a wedding cake but not the traditional way a non-professional cook from Niš or Ioannina would cut the pie. Pizza-like cuts demonstrate a cultural superiority of French and Italian kitchen towards the Southeast European periphery, are postcolonial, hybridical forms created by TV shows or for the internet – they are fake servings.

The real thing is served when you cut the pie in little squares. Since the baking pan, however, is round, the pieces at the edge are smaller or bigger than those that are not at the edge. Serving a cheese or a spinach pie, for generations an almost daily dish in the villages of Nordwest Greece, wasn’t a case of distributive justice. The world’s unjust and this was something you had to cope with also during lunch.

You’ll say I’m exaggerating.

You’ll say it’s justice after all, restorative justice, when the one who’s been working all the day gets the middle pieces. You can also see individual preferences respected here: „I hate spinach anyway, but I love crispy pastry“.

Whatever you say, I know that the cases people are disappointed from their piece are many.

No piece was supposed to be so unjust however that it would consist only of fyllo, only of pastry: no spinach, no feta cheese, no nettles, no nothing… Would this be nevertheless the case, the reaction would be prompt: „Why, am I supposed to eat a piece that’s not real?“

„Nonreal piece“ means, in this context, something that doesn’t deserve to be called a piece of pitta. Maybe a piece of the pitta’s pastry but not a piece of the pitta itself: with its spinach and its sheep’s cheese!

„Nonreal pieces“ are such that they are reminiscent to injustice in the world but also evidence of mereology’s nonreducibility to set theory. „Nonreal pieces“ are genuine subsets of the pitta in question but not genuine mereological parts thereof. Maybe of its pastry but not of itself. A genuine part of a pitta must contain something under the fyllo.

Taste and Interpretation


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In einer Interpretation geht es darum, welche Werte den Individuenausdrücken zugeschrieben werden. Sobald das klar ist, hat die Semantik der Sprache alles hergegeben, und der Interpret kann daraufhin Überlegungen über die Welt anstellen: über Erfüllung oder Nichterfüllung der Relationen, letztendlich über Wahrheit oder Nichtwahrheit, Korrektheit oder Inkorrektheit der interpretierten Information.

In Texten allerdings, zu denen uns pragmatisch gesehen der Bezug fehlt, ist die Information oft unterdeterminiert. Am Samstag befolgten Marie Lieby und ich die Präskriptionen des Apicius genau. Bei jeder Bemerkung der Gäste mussten wir uns aber noch einmal die Grundfrage stellen, ob der Urtext richtig interpretiert war. Denn was heißt liquamen? Ist das heutige indische oder afghanische Produkt mit dem antiken Gewürz aus Libyen vergleichbar? Mussten die delischen Kuchen noch mehr gebraten werden oder hat es der antike Pilger gemocht, unter der Kruste den Teig zu spüren, was doch zu Pfeffer und Honig nicht schlecht ist?

Gebraucht haben wir neben den griechischen und lateinischen Urtexten Andrew Dalbys und Sally Grangers Classical Cookbook (Los Angeles 1996), das interpretatorisch sehr einengt und die antiken Rezepte aufgrund von Erfahrung mit dem gekochten Gericht nachkonstruiert, ferner Elisabeth Alföldi-Rosenbaums Deutschübersetzung vieler Apicius-Rezepte (Das Kochbuch der Römer, Zürich 1970), die sie auch mit einem kleinen kritischen Apparat versehen hat.

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Interpretations are essentially about the values of the singular terms. If we have a clue about this, the semantics of our language has given all its merit und we can begin with observing the world: are the pradicates and the relations in the text satisfied by assuming these values? Are the sentences true, correct, just?

The procedure I just described is simplistic. In texts with which we are pragmatically not very well acquainted, the information we get is underdetermined. Last Saturday Marie Lieby and myself followed Apicius’s prescriptions with great exactness. However, every remark our guests made, made us ask ourselves whether we interpreted the original recipe correctly. Why, what does liquamen mean? Is the contemporary Afghan or Indian product identical with the ancient Libyan seasoning? Did we have to cook the Delian pancakes a bit more or was it rather intended that the pilgrims felt a dough-like filling under the crust? Actually, the soft variant is not bad with plenty of honey and pepper – as described in the recipe – but the well-cooked one is more similar to pancakes or to modern Greek τηγανίτες.

Next to the Greek and the Latin original texts, we used Andrew Dalby’s und Sally Granger’s Classical Cookbook (Los Angeles 1996), propagating a rather narrow interpretation and modern reconstruction of the recipe on the basis of experience with the cooked foods (of course Dalby’s and Granger’s taste, not always mine or yours). What we also found useful was Elisabeth Alföldi-Rosenbaum’s translation of Apicius recipes into German (Das Kochbuch der Römer, Zurich 1970), with a small apparatus criticus for every recipe.

Vegetable tropes



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Heute nachmittag dachte ich, mich verlieben zu müssen – in ein Buch. Denn, was gibt’s Interessanteres in der theory of tropes – der Theorie über individuelle Eigenschaften – als die Fragen nach dem Entstehen einer individuellen Qualität und dem Nachweis darüber?

Beim genaueren Hingucken entpuppte sich das Buch als keines über Ontologie, sondern als eines über biologisch-dynamisch produziertes Gemüse; über eine bestimmte Qualität von Kohlrabi etwa.

„Qualität“, habe ich festgestellt, wird in diesem Kontext als eine bestimmte Perfektion verstanden – eben als die Perfektion des biologisch-dynamischen Kohlrabis. Entsprechend kann man von der völlig davon unterschiedlichen Perfektion des konventionellen Kohlrabis oder von was weiß ich reden. Auch die schlechte Qualität wäre die Perfektion eines gelungenen Kohlrabis, den man nicht kaufen sollte.

Das sind Qualitäten, die so speziell sind, dass sie an Tropen erinnern. Ganz falsch war mein erster Eindruck vom Buch also doch nicht. Der erste Blick hat immer eine gewisse Berechtigung. Er hat eine Perfektion.

Die Tropen als Perfektionen bzw. Grade des Erreichens von Perfektion zu verstehen, wäre vielleicht ein Kompromiss zwischen Tropentheorie und traditioneller Ontologie.

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This afternoon it was close: I thought I would fall in love with this book titled: What Is Quality, how It Emerges, how It Is Demonstrated.

At first sight I thought that it was about the theory of tropes – i.e. the individual properties. A more careful look persuaded me that it wasn’t a book on ontology but rather one on organic vegetables.

Further, I realised that in the context of the book, the term „quality“ was used as a kind of perfection. The perfect organic cabbage has a quality that is quite different than the perfect conventional cabbage. And there is also the perfection of bad-quality cabbage: the cabbage no one, really no one, would buy.

There are properties that are too special not to be reminiscent of tropes.

My first perception of the book wasn’t that mistaken after all. The first sight has always a justification.

Seeing tropes as perfections is probably also justified. If nothing else, it’s at least a compromise between the theory of tropes and traditional ontology.