Vegetable tropes



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Heute nachmittag dachte ich, mich verlieben zu müssen – in ein Buch. Denn, was gibt’s Interessanteres in der theory of tropes – der Theorie über individuelle Eigenschaften – als die Fragen nach dem Entstehen einer individuellen Qualität und dem Nachweis darüber?

Beim genaueren Hingucken entpuppte sich das Buch als keines über Ontologie, sondern als eines über biologisch-dynamisch produziertes Gemüse; über eine bestimmte Qualität von Kohlrabi etwa.

„Qualität“, habe ich festgestellt, wird in diesem Kontext als eine bestimmte Perfektion verstanden – eben als die Perfektion des biologisch-dynamischen Kohlrabis. Entsprechend kann man von der völlig davon unterschiedlichen Perfektion des konventionellen Kohlrabis oder von was weiß ich reden. Auch die schlechte Qualität wäre die Perfektion eines gelungenen Kohlrabis, den man nicht kaufen sollte.

Das sind Qualitäten, die so speziell sind, dass sie an Tropen erinnern. Ganz falsch war mein erster Eindruck vom Buch also doch nicht. Der erste Blick hat immer eine gewisse Berechtigung. Er hat eine Perfektion.

Die Tropen als Perfektionen bzw. Grade des Erreichens von Perfektion zu verstehen, wäre vielleicht ein Kompromiss zwischen Tropentheorie und traditioneller Ontologie.

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Enough with scrolling

This afternoon it was close: I thought I would fall in love with this book titled: What Is Quality, how It Emerges, how It Is Demonstrated.

At first sight I thought that it was about the theory of tropes – i.e. the individual properties. A more careful look persuaded me that it wasn’t a book on ontology but rather one on organic vegetables.

Further, I realised that in the context of the book, the term „quality“ was used as a kind of perfection. The perfect organic cabbage has a quality that is quite different than the perfect conventional cabbage. And there is also the perfection of bad-quality cabbage: the cabbage no one, really no one, would buy.

There are properties that are too special not to be reminiscent of tropes.

My first perception of the book wasn’t that mistaken after all. The first sight has always a justification.

Seeing tropes as perfections is probably also justified. If nothing else, it’s at least a compromise between the theory of tropes and traditional ontology.

Tribalism and vegetables

Arkas 1

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Eine wichtige These in Pierre Bourdieus einflussreichem Werk Die kleinen Unterschiede lautet, dass Binnengruppen (und im allgemeinen Gruppen) sich von Außenseitern dadurch unterscheiden, dass sie entweder Grenzen zwischen dem Innen und dem Außen ziehen, die Außenseitern unsichtbar sind, oder die Gruppenzugehörigkeit von Kriterien abhängig machen, die von Außenseitern nicht kopierbar sind. Essensvorschriften können solche Kriterien sein.

Koscheres Essen ist eine solche Vorschrift. Nehmen wir das Verbot, ein Lamm in der Milch seiner Mutter zu kochen – der Milch also, die vielmehr des Lammes Nahrung denn des Lammes Sauce als unsere Nahrung sein sollte. Dass sich daraus im späteren Judentum das Verbot ergab, Kalbsschnitzel mit Feta als Beilage zu essen, verstehe ich als immer mehr und mehr verallgemeinerte – auch metaphorische – Interpretation des ursprünglich eng zu verstehenden Verbots durch Binnengruppen, die die Außenseiter schließlich entweder absorbierten oder verdrängten.

Das christlich-orthodoxe Fasten – bald erreicht es seinen Höhepunkt – ist ebenfalls eine Binnengruppen-Essensvorschrift im kultursoziologischen Sinn. Es fällt auf den ersten Blick auf, dass es zum Ausschluss von Juden maßgeschneidert ist. Gemüse ohne pflanzliches Fett zubereitet (Butter und Käse sind natürlich no-go) ist zwar OK für Juden, aber die Proteine-Lieferanten vieler Griechen, Russen, Melkiten usw. in der Fastenzeit – Krusten-, Weichtiere und Meeresfrüchte – schließt die jüdische Essensvorschrift aus. Abgesehen davon können beide Gemeinschaften nicht gemeinsam feiern, da Paskha mit Pessach nicht zusammenfallen darf.

So verstandener Tribalismus ist einerseits alles andere als „fein“, um bei Bourdieu zu bleiben, andererseits würde selbst der Versuch von Konversionswilligen, in die andere Gemeinschaft aufgenommen zu werden, an der Umsetzung von diätetischen Feinheiten misslingen. Die Zeit zu lernen, hätten die Konversionswilligen jedenfalls nicht. Schuld daran wäre der Tribalismus, der wahrscheinlich jede Heiratsmigrantin und jeden Heiratsmigranten zum Verlassen der Hölle bringen würde, bevor jene auf den Geschmack kämen bis ins exotische Paradies der Anderen hinein.

Gläubige stellen sich oft das Paradies als einen Ort vor, wo sie, selbstverliebte Heimatpatrioten, für ihre Lebensweise und Diät belohnt werden. Andersgläubige, Analytiker und Nouvelle-Cuisine-Leute würden keine Freude dort haben.

Arkas 2

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One of the basic statements in Pierre Bourdieu’s La difference is that ingroups (groups generally) distinguish themselves from outsiders along lines that, for outsiders, are invisible or by criteria that, for outsiders again, are impossible to copy. This can be also by means of religious prescriptions concerning food.

Take kosher cuisine. How comes that a prescription to avoid cooking a lamb in its own mother’s milk – NB, milk that was supposed to serve as the lamb’s food, not as a sauce to the lamb when the latter is your food – becomes the prescription not to have sheep’s feta as a side dish to a beef steak? I can only understand the process as an ongoing radicalisation that begins in an ingroup that uses no sheep’s butter (yes, it exists!) to cook a lamb, to end with the same ingroup’s using no dairy products in combination with any meat – and excluding the outgroups from the community altogether.

Christian-Orthodox fasting – soon to be on its peak – would be another example of ingroup-forming diet. It seems rather clear that the fasting prescriptions of the Eastern Church are tailored to exclude Jews: you may eat vegetables without any oil, let alone butter, and as a source of proteins you may take oysters, shrimps and octopuses – that are not kosher. Additionally, Orthodox Christians would postpone Easter if it would coincide with Jewish Passover, so that the communities would never celebrate at the same time.

Tribalism is not invisible, of course, but what follows is: any member of another community who is willing to convert, would find it very hard to copy the dietetic rules. Additionally, tribalism would make her or his life like hell. The newcomer would leave this hell before being able to conform to the complicated rules to lead to an alleged paradise.

Is what people hold to be paradise after all any more than a provincial place for narcissistic villagers? And would a person of another tradition, an analytic, a friend of nouvelle cuisine ever get the chance of having joy there? The questions are rhetorical.

Kleine Religionssoziologie des Fastens

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Sie bekamen die Krise, unsere Mütter und Großmütter und Tanten, wenn sie uns ausgerechnet zu dieser Zeit, kurz vor Ostern, mit einer leeren Schokoladenhülle in der Hand entdeckten. Unser Seelenheil stand auf dem Spiel und – was folgenschwerer wäre – ihr Ruf als Mütter und Großmütter und Tanten, die während der Fastenzeit keine Milchprodukte, keinen Fisch, kein Fleisch anbieten.

Die Schokoladenverpackung haben wir, damals bei Istiäa herumstreunende Kinder einer Großfamilie, von einem der ganz seltenen Sünder bekommen. Sünder aßen freilich ihren Schokoriegel allein. Der Schokoriegel war uns aber sowieso egal – wir wollten ja nicht das Fasten brechen. Es war uns genug, wenn wir unsere Eltern mit der Verpackung der Schokolade eines Fastensünders nerven durften.

Man kann wohl sagen, dass ich mit zehn, elf, zwölf die Fastenzeit nicht mochte. Das änderte sich spektakulär. Die Fastenzeit wurde in der Pubertät eine erstklassige Gelegenheit, um ohne Umschweife und Gewissensbisse Austern, Fischrogen, Seeigel und Oktopus als Wünsche für das Mittagessen zu äußern. Das hat zwar mit Verzicht zu tun, Verzicht auf Milchprodukte, Fleisch und Fisch, nicht allerdings mit Verzicht aufs Genießen. Als wir, die ehemalige Kinderschar, die mit einem leeren Schokoladenpapier in der Hand früher Fastensünde anzudeuten gepflegt hatte, gar entdeckten, wie gut der gekochte Löwenzahn oder die gekochte Bryonia schmeckt, wurde das Fasten zum Spaß.

Das Fasten als Verzicht aufs Genießen halte ich für eine masochistische Übung und den Masochismus für einen selbstreferentiellen Unsinn. Der richtige Masochist genießt es, den Hintern versohlt zu bekommen, und genau weil er es genießt, verzichtet er darauf. Aber dieser Verzicht bereitet dem Masochisten Lust, wohlgemerkt die Lust des Verzichts auf die Lust des Geschlagenwerdens bzw. die Lust des Nichtgeschlagenwerdens. Diese muss wohl mit Geschlagenwerden bekämpft werden, da es schließlich etwas Gutes ist, nicht geschlagen zu werden und der Masochist will den Schmerz usw. Es ist ein Widerspruch zu sagen, man verzichtet gern auf etwas, was man gern tut. Der Fastende, der um seiner Tugend Willen auf den Genuss verzichten will, sollte auf die Erfüllung seines Wunsches, tugendhaft zu sein, verzichten wollen – „Wer denke ich, wer ich bin, mit meiner Tugend zu protzen?“ – was einem Dialetheisten vielleicht Genuss bereitet, aber nicht jeder ist ein Dialetheist. Stopp! Habe ich gesagt „Genuss bereitet“?

Lange Rede, kurzer Sinn – halte ich das römisch-katholische Verständnis des Fastens als Verzicht auf Genuss für ein logisches Looping. Da logische Loopings im Sinn des Dialetheismus neuerdings hoffähig wurden, will ich das nicht anprangern. Aber eine Frage möchte ich doch noch stellen: Wie fühlt sich der Katholik dabei, der kein Dialetheist ist?

Der Orthodoxe befindet sich einerseits in einer leicht besseren, andererseits in einer viel schlechteren Lage. Ersteres, weil er fastet, ohne Tugenden an den Tag legen zu müssen (Garnelen, Austern, Wein – alles zulässig!). Letzteres, weil er fastet, ohne angeben zu können, warum… Und wieder Ersteres, weil er keine funktionale Legitimation für sein Fasten erdichten will, die letztendlich selbstreferentiell wäre. Der Katholik ist ein tugendhafter Mensch, der beim Fasten eine Überraschung im Sinne einer Rationalitätslücke erlebt. Der Orthodoxe ist ein Poet, der beim Fasten eine Überraschung im Sinne der Amoralität – obwohl nicht Immoralität – seines Handelns erlebt.

Der Katholik versucht sich in die Rolle der Legislative zu versetzen: „Übung zur Tugend wird die Begründung meines Fastens sein“. Der Orthodoxe ist die Exekutive. Das ist nicht automatisch schlecht. Sokrates trank sogar aus dem Schierlingsbecher, weil er sich nicht anmaßen wollte, die Legislative zu kritisieren.

Wenn ich beim Thema bin: Beim Saubermachen des Löwenzahns muss man freilich aufpassen, dass der Sammler nicht aus Versehen Schierling mitgepflückt hat. Außerdem sollte man eher im Wald pflücken und nicht auf dem Unicampus. Aber das versteht sich.

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ENOUGH WITH SCROLLING

We made them mad in case we held demonstratively chocolate wrapping paper in our hands just before Easter. And, yes, it’s this time of the year again – for the orthodox. Moms, grandmoms, aunts were worried about the salvation of our souls and – what was more serious – about their reputation as fasting-families-affirmative females. From our side, it was just a childish joke. We, the lads of the Gerogiorgakis-and-Agapitos clan – let’s call it a clan – of the glorious Istiaea municipality, didn’t belong to these lost souls who’d really buy a chocolate on Good Friday. We just spotted the sinners who ate chocolate while the church was full of people singing the 6th-century chants of the passion and asked them for the wrapping paper to shock our parents and grandparents. And the sinners gave us the wrapping paper with the contempt of the one who’s held a benefactor with peanuts.

No, we didn’t love Great Lent when we were children. The joy about the time without dairy products, without meat, without fish came only afterwards when we discovered how cool it was to dive into the cold waters for oysters and sea urchins and to ask the neighbor for lemons to eat them. Fasting is not about exercising extraordinary virtues. It’s rather about changing an attitude towards food. For a couple of weeks.

This is not the mainstream view. Most Christians see fasting as an exercise of virtues – for example against acrasy. But the struggle against acrasy can degenerate into masochism. Masochism can be stultifying. If you enjoy being spanked because it’s suffering, sooner or later you start prolonging the time until you’ll get spanked again because this is also suffering – you need to get spanked… And you end up enjoying the prolonging and, therefore you long not to prolong because this is also suffering etc. Avoiding what you enjoy in fasting is very similar to this. If you eat vegetables during Great Lent because you enjoy eating lamb, and you enjoy fasting, you have to end up not fasting because fasting is something you enjoy during Great Lend and you don’t want to enjoy during  Great Lent. This is alright if you’re a dialetheist and enjoy logical loopings. But – wait! – did I say enjoy loopings?

Anyway, I believe that most fasting Roman-Catholics fast for virtue. The orthodox are in a slightly better situation since their motive to fast is not virtue. I mean, eating oysters, caviar, gambas, octopuses while drinking raki is not exercising any particular virtue, is it? But the orthodox are, in a sense, also in a much worse situation than Roman-Catholics: giving an excuse for fasting – virtue – is at least an explanation even if it entails a rationality gap. Roman-Catholics are fasting rationalists who experience a surprise on the theoretical level. The orthodox are fasting poets who experience their own vice on the practical level as a blessing.

Roman-Catholics try to understand the legislation and to carry the responsibility: this is why we fast from luxury rather than anything else. The orthodox don’t even attempt to feel the role of the legislative. They rather feel they have to be the executive. This is OK, I think. Socrates drank the conium in order to show that you shouldn’t pretend you’re the legislative when you’re not.

Talking about Socrates: if you’re fasting the orthodox way, then do keep an eye open for conium when you’re cleaning the dandelion for the vegetable stew. And do find a less urban place to gather it than the university campus.

Lent

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Wäre der Verzicht auf alles, was gefällt oder schmeckt, der Sinn des Fastens, dann wäre das Fasten eine selbstreferentielle und sich selbst aufhebende Tätigkeit. Dazu eine Geschichte statt eines Arguments: Es gab einmal einen Masochisten, der es genoss, um fünf Uhr in der Früh aufzustehen, um eine kalte Dusche zu nehmen.

Da er aber ein Masochist war, nahm er statt dessen eine warme.

Der Sinn der heute beginnenden Fastenzeit ist es nicht, Verlangen zu unterdrücken. Es geht dabei eher darum, dass die Kirchenglieder alle zusammen ein Gefallen am Austernessen finden, während Fleisch, Eier und Milchprodukte bis Ostern aus ihrem Speiseplan verschwinden. Es handelt sich nicht primär ums Essen, sondern um Gruppenkohäsion.

Dem Monat März angemessenes biologisch-dynamisches Wirtschaften – zumindest für die Region, wo der orthodoxe Glaube wuchs – ist eine weitere Assoziation mit dem orthodoxen Fasten. Wirtschaften und politische Theologie hängen, wie so oft behauptet, zusammen.

Der Rosenmontag ist in Griechenland der Tag der Drachenflieger. Hierzu ein paar Seiten aus dem Lesebuch, das ich als Erstklässler benutzte.

Anagnostiko kath Deutera

Greeks fly kites on the last Monday before Lent. For the Orthodox Church this is today. But in my mind this custom, a very important one and a topic in the ABC-book which I used as a child, is also associated with fasting, abstinence…

If abstinence in our church were for the sake of controlling every desire, then it would be a kind of a stultifying self-referential masochism. A story instead of an argument: There was this masochist who enjoyed to wake up at five o’clock in the morning and to have a cold shower.

But a masochist as he was, he had a warm shower instead.

The Orthodox Lent that begins today is not about controlling desires. It’s rather about the members of the Church having certain desires like eating oysters, and about refraining from eating meat, eggs and dairy products until Easter – all together! It’s rather about group cohesion than it is about eating.

Organic food production in March – at least in the region from which the orthodox faith originates – has also to be connected with orthodox fasting. Economy and political theology are closely tied and this is not just a sociological cliché.

The ethics of eating

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Die Herausforderung bestand darin, unsere israelischen Freunde, mit denen wir drei Jahre lang untrennbar waren, am Vorabend ihrer endgültigen Rückkehr nach Haifa mit einer möglichst traditionellen griechischen Kakavia und Retsina zu verabschieden. Es wurde ein langer und unvergesslicher Abend für uns Erwachsenen und auch für die Kinder.

Aber mir geht’s heute ums Essen: Das ursprüngliche Rezept so zu variieren, dass es koscher wurde (keine Garnelen, keine Krebse, keine Muscheln), war die leichte Aufgabe, die lediglich eine Kompromissbereitschaft auf christlicher Seite erforderte. Es gab freilich wie so oft in den letzten drei Jahren auch Kompromisse auf jüdischer Seite. Zum Beispiel würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen, dass in der Schale mit dem Feta-Käse nie vorher Fleisch lag. Eigentlich könnte ich nicht schwören, dass das kein Schweinefleisch gewesen war…

Die philosophische Fachliteratur zum Thema Essen stellt einen besonderen Aspekt der Moralphilosophie dar. Vor nicht allzulanger Zeit sind z.B. folgende Werke erschienen: Fritz Althoff/Dave Monroe, Food and Philosophy, Oxford: Blackwell, 2007; David Kaplan (ed.), The Philosophy of Food, Berkeley et al.: University of California Press, 2012. Sie besprechen u.a. Themen wie Nachhaltigkeit, Essstörungen und Tierrechte.

Ein Geflecht aus ethischen Positionen über Essgewohnheiten machen z.B. die Argumente für die moralische Überlegenheit des Vegetarismus aus. Wenn es keine klare Trennung gibt zwischen der Erfahrung eines Tiers und dem Bewusstsein beim Menschen, erscheint es wenigstens gerechtfertigt, dass Tiere nicht gegessen werden dürfen, wenn Menschen ebenfalls nicht gegessen werden dürfen. Diese Argumente können durch umwelttechnische und gesundheitliche Bedenken in Anbetracht auf die heutige Viehzucht untermauert werden.

Neben diesem säkularen und zeitgenössischen philosophischen Diskurs gibt es natürlich die zumeist genauso gut reflektierten und moralisch gerechtfertigten Essensvorschriften der alten philosophischen und religiösen Tradition. Koscheres Essen, Halal, christliches Fasten – in seinen verschiedenen Auffassungen in katholischer und orthodoxer Kirche – verleihen dem Gedanken Ausdruck, dass eine Reglementierung der Essgewohnheiten einen zum besseren Menschen macht – ja den Genuss erhöht. Ein anderer Bereich des Alltagslebens, in den die Relgion mit denselben Zielen eingreift, ist natürlich die Sexualität.

Einen Unterschied zwischen reflektierter Selbsteinschränkung beim Essen, „weil die Tiere ein Bewusstsein haben“ einerseits und aus göttlichen oder kirchlichen Vorschriften andererseits gibt es durchaus. Aber – und das ist eine große Lehre aus dem naturalistischen Fehlschluss – die Güte der Vorschriften ist nicht davon abhängig, was der Vorschreibende als Faktum betrachtet. Wenn sich die einen verpflichtet fühlen, kein Fleisch zu essen, weil die Tiere ein Bewusstsein hätten, fühlen sich die anderen verpflichtet, keine Garnelen zu essen, weil sie nicht koscher sind, oder in den ersten beiden August-Wochen vegan zu essen, weil die Muttergottes vor ihrer Himmelfahrt zwei Wochen lang gefastet hat. Säkulare, politische Bedenken vergrößern nicht die Rechtmäßigkeit einer modernen Essensvorschrift gegenüber den traditionellen Essensvorschriften der Religiösen.

Reflektiertes Essen kann eine große Freude und eine philosophische Tugend sein, zudem eine, die auf die Pythagoreer zurückgeführt werden kann. Auf gesellschaftlicher Ebene hat es allerdings bedenkliche Seiten. Wenn der Wille, dem anderen entgegenzukommen und auf das Eigene teilweise zu verzichten, nicht vorhanden ist, festigen die philosophisch oder religiös gerechtfertigten Essgewohnheiten eine Apartheid zwischen Gemeinden. Wer den eigenen Vorschriften zum moralischen Essen immer treu bleibt, kann Andersdenkende fast niemals zum Essen einladen – nicht jedenfalls, wenn diese ebenfalls dem Eigenen immer treu bleiben wollen. Insbesondere in bezug auf griechisch-orthodoxe und benachbarte jüdische Gemeinden am Mittelmeer musste ich in den letzten drei Jahren oft denken, dass viele Jahrhunderte diätetischer Vorschriften nur ein Ziel hatten: gegenseitige Einladungen unmöglich zu machen.

Der Wunsch, Berührungsängste abzubauen, macht die interrreligiöse Theologie immer wichtiger. Hier und da macht sich diese bereits bemerkbar.

Halal

Our Israeli friends left Germany to their home after three years of a very close friendship and we wanted to say our goodbyes with a Greek kakavia and white wine. To say it in advance, it became a long and unforgettable evening, for us and for the children.

Getting back to the food, modifying the traditional kakavia-recipe to make it kosher (avoid prawns, crabs and mussels) was an easy task and a compromise from the Christian side, of course, but, like so often in the three past years, there were compromises from the Jewish side as well: for example, I couldn’t swear that there had never been any meat in the salad plates where, among others, the feta cheese was placed. In fact, I couldn’t even swear that this meat hadn’t been pork…

The philosophy-of-food bibliography is a very special aspect of moral philosophy. Let me mention only two recent titles: Fritz Althoff/Dave Monroe, Food and Philosophy, Oxford: Blackwell, 2007; David Kaplan (ed.), The Philosophy of Food, Berkeley et al.: University of California Press, 2012. The prevailing issues in this context are sustainability, eating disorders, animal rights.

To mention only one aspect of modern reflecting on our eating habits: moral vegetarians argue for the moral superiority of vegetarianism and they do have a point there if you consider that there is not a clear cut between an animal’s experience of the world and human consciousness, not to mention the environmental and health issues pertaining to our present practices of growing animals.

But, of course, there’s also a traditional philosophy of eating, interwoven with religious practices and different for every culture. Kosher or halal food, Christian fasting – in different shades for the Catholic and the Eastern Orthodox – are reflecting the idea that eating is an important realm of everyday life in which – for some reason – self-control makes you a better person and, in fact, makes you enjoy more. A further realm of this kind on which religions also focus, is, of course, sexuality.

Certainly, there is a difference in the importance of reflection between self-controlling because „animals have a consciousness“ and because of some divine or church prescription. But – and this is a great lesson from the naturalistic fallacy – you cannot call prescriptions better justified because of – what you consider to be – a fact. I conclude that, if the one is justified to avoid eating meat because animals have a consciousness, then the other is equally justified to avoid eating shrimps because they are not kosher or to have an essentially vegan diet in the two first weeks of August because Mother Mary fasted two weeks before her dormition. Those who eat according to secular, political concerns are not better off in justifying their diet than the religious.

Reflected eating can be a great joy and a philosophical habit which goes back to the Pythagoreans. But, on the social level, it has also dubious sides. Unless there is the will to make concessions, eating philosophically or religiously consolidates an apartheid between communities. Being always faithful to the ethical-eating premises of your own community means that you can almost never invite for lunch an outsider who wants to remain faithful to his own ethical-eating premises. In the case of communities like the Greek-Orthodox and the Jews who had been living next door for centuries around the Mediterranean, I had enough evidence in the last time to believe that dietetic prescriptions throughout the year were made just in order to make invitations for lunch impossible.

I think that the future trend to object to the reservations of the past will be the increasing importance of an interfaith theology. One can already see this trend evolving here and there.

Fast fasten

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Das Fasten vor Ostern assoziiere ich mit Euböa. Denn wenn ich mich zu der Zeit auf der Insel befand, wurde ich stets von frommen Tanten bekocht. Euböisch Fasten bedeutet, vegan zu essen plus Tiere zu essen, die Hämocyanin statt Hämoglobin im Blut haben: Oktopus, Sepia, Gambas, Austern, Weinbergschnecken und dergleichen.

Ich betrachte das Fasten aus mehreren Gründen als einen Luxus. „Etwas als Luxus betrachten“ klingt wohl in den Ohren meiner meisten Leser wie: etwas als verzichtbar betrachten. Aber ich meine genau das Gegenteil: Fasten ist etwas zwar sehr Teures (es sei denn, ich bin gerade auf Euböa und tauche selber für meine Austern), wofür meine Familie nicht zu begeistern ist (oder wer hat versucht, seinen Kindern Weinbergschnecken in Tomatensauce mit Löwenzahnsalat aufzutischen? – außer mir meine ich…), das ich aber nicht missen möchte; jedenfalls nicht vollständig…

Ich kenne das Gegenargument: Fasten ist Verzicht und nicht mit opulentem Essen vereinbar. Euböisches Fasten ist formal gesehen Verzicht auf rotes Fleisch, auf Geflügel, auf Käse, auf Fisch, auf Vieles. Aber es ist kein Verzicht auf Genuss.

Das Gegenargument überzeugt mich nicht. Zwar ist es mir unklar, wie der euböische Fasten-Formalismus mich zu einem besseren Menschen machen sollte. Aber es ist mir noch unklarer, wie ich alternativ dadurch ein besserer Mensch werden würde, wenn ich beim Fasten nur Speisen essen würde, die ich nicht genieße.

Denn dann müsste ich jeden Tag ein Jägerschnitzel essen…

Chtapodi abrounies

I associate fasting during Lent with Euboea. Whenever I happened to be in the island during Lent, the food was prepared by religious aunts. Fasting in Euboea means vegan diet plus eating animals which have haemocyanin instead of haemoglobin in their blood: octopus, sepia, gambas, oysters, escargots and the like.

Thus understood, fasting can be regarded as luxury. „Luxurious“ might sound in some readers‘ ears like „unnecessary“. But I mean rather the opposite. Fasting is a very expensive practice (if I don’t happen to be in Euboea where I can dive for my oysters) for which I never persuaded my family (who has tried to make his children eat escargots in tomato sauce with a dandelion salad? – except of me, I mean…) but which is an indispensable part of my menu in March and April – at least in some occasions.

I know the counter-argument: Fasting is self-control and cannot be combined with sumptuous food. Euboean fasting conforms to the formal prohibition to eat red meat, poultry, cheese, fish and many other things. But it’s not refraining from enjoying food.

I understand the counter-argument but I think that it’s not sound. It’s not clear to me how formalistic Euboean fasting can make me a better person, however it’s much less clear to me how I can be a better person if I eat by contrast only food which I don’t enjoy.

Could God wish that I would become a better person by eating escalope à la chasseur every day?

Endangered free will

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Der freie Wille wird von Mitgliedern manichäistischer Sekten leicht unterschätzt. Das bedeutet aber nicht, dass er außer Gefecht gesetzt wird.
Außer Gefecht wird er erst gesetzt, wenn die Käsesnacks meiner Mädels auftauchen.

The free will is easily underestimated, however not overruled, by members of Manichaeistic sects.
The free will gets overruled when the cheese snacks of my girls find their way to the table.