Summer stories II: Normalité

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Das ist die zweite Geschichte aus einer Reihe zu Anregungen, die mir die vergangenen Sommerferien gaben.

Der Typ konnte Griechisch, womit er wohl die Grammatik und die Semantik der Sprache gemeint hätte. Würde er sein Griechisch verbessern, würde er sich um eine Erweiterung seiner Grammatik- und Semantikkenntnisse bemühen. Dabei ist einer der wichtigsten Wundpunkte der Kommunikation zwischen anders Sozialisierten die Pragmatik.

Er fragt, „ob das normaler Diesel“ sei. Zikaden im Hintergrund, sausende Autos Richtung Saloniki. Der Tankwart versteht das als eine Frage dahingehend, ob der in Frage kommende Treibstoff einer Norm überhaupt entspricht oder völlig abnormal ist. Es war selbstverständlich ein Treibstoff, der einer Norm entsprach. Einer EU-Norm doch, was soll die Frage? Also beteuert das der Tankwart gegenüber dem misstrauischen – so denkt er – Westler.

Im Idiom des letzteren heißt allerdings „normal“: herkömmlich, von alters her bekannt, auch – günstig. Zu spät stellt er fest, den teureren Diesel zu tanken.

Das klingt nach einer misslungenen Kommunikation auf der Ebene der Semantik, oder? Der Grieche versteht „normal“ anders als der Nichtgrieche. „Normal“ ist in beiden Sprachen nicht austauschbar.

Das wäre, denke ich, der falsche Eindruck. Überlegen wir, was sich auf der Pragmatikebene abgespielt hat: Der Tankwart wusste nicht, dass er es mit keiner überheblich-postkolonialen Frage zu tun hatte; und dem Philhellenen war es nicht klar, dass der Tankwart pragmatisch gesehen von einer anderen Art Kommunikation ausging.

Oft wird verkannt, dass die Pragmatik ein Bestandteil des Systems Sprache ist. Zwar steht sie nicht im Duden, aber im Duden oder beim Babiniotis stehen sowieso keine Idiolekte und keine Ratschläge zur politischen Korrektheit.

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This is the second story of a series about last summer.

The guy was using Greek – I mean after all… He obviously mastered parts of the grammar and the syntax of the language that enabled him to communicate.

Surely, if he were to improve his  Greek usage, he would try to enhance these parts. Unknown to him, however, it’s pragmatics that will make a trick on him.

He asks if this is „normal diesel“. The employee suspects the question to be a post-colonial insinuation. Of course it’s a diesel according to a norm. It’s an EU norm. „Yes, it’s normal“.

By „normal“, people sometimes mean what they’re used to. And, since it’s not the financial or the intellectual elite that see their everyday habits as ecumenical norms, one understands that „normal diesel“ in this sense is cheap diesel. And this was not what this foreigner with knowledge of Greek got. On the contrary…

A failure in communication is often due to semantics: you understand the words in a way different from the way your opposite understands them. And this seems to be such a case. However, you wouldn’t say that Webster or Oxford define things „normal“ as „things one is used to if one is raised a working-class boy from the suburbs“.

I suppose that Webster and Oxford and Babiniotis, all define „normal“ in like ways. Which would be why the semantics of „normal“ is not the issue of my story. The Greek employee of the gas station and this philhellenic customer of his simply miscalculated the pragmatics. The former didn’t know that the question wasn’t a post-colonial irony and the latter didn’t realise that the employee was assuming that the communication was about politics, not about social habits.

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Summer stories I: Germanisms in the Mediterranean

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Das ist der erste Beitrag aus einer Reihe über den vergangenen – eher gerade unnachgiebig vergehenden – Sommer.

Meine Tochter befindet sich im Meer. Ich bin noch an Bord, allerdings nur ein paar Meter von der Küste entfernt. Sie ruft, ich solle auch rein, sie wolle mit mir rausschwimmen. Dabei spricht sie Griechisch und benutzt die griechischen Wörter für „schwimmen“ und „raus“.

Damit beging sie einen Germanismus, der im Griechischen das Gegenteil davon bedeutet, was sie meint. Es ist also semantisch falsch. Nicht die Semantik an sich ist aber hier die Ursache des Fehlers, sondern die Mereologie! Wenn der Grieche „rausschwimmt“, dann tut er das im Sinne: das Nasse verlassend, Richtung Badetuch. Ins Tiefere, vom Smaragdgrünen ins Dunkelblaue, schwimmt er vielmehr „‚rein„. Meine Tochter benutzt nicht das griechische Wort für „‚rein“, sondern das Wort für „raus“, will allerdings nicht an die Küste, sondern im Gegenteil ins Tiefe.

Das Meer ist im Griechischen das mereologische Ganze, dessen Innenteil das hohe Meer ist, dessen Außenteil wiederum das Schelfmeer ist.

Vorstellungen über die „richtige“ Mereologie (und damit über die „richtige“ Ontologie) Beziehungen drücken sich, wie man sieht, in der Semantik der Indexikalausdrücke (z.B. „raus“) der natürlichen Sprachen aus. Nach Tarski modellieren wir die Sprache stets mengentheoretisch, ohne mereologische Begrifflichkeiten.

Das ist offensichtlich stark vereinfacht!

Über weitere Beispiele wäre ich froh.



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This is the first of a series of posts about stuff this summer brought about.

My daughter was swimming. I was on board, however only few yards ashore. She begs me to jump into the sea. Not that I was not willing but I wanted to know the reason.

I forgot to mention that we were communicating in Greek at this moment. Her mother tongue being German she uttered a Greek sentence whose literal translation into English would be the following:

– „I want to swim out with you“.

I know my daughter, I know her usage of Greek and her Germanisms. She obviously wanted to swim into deeper waters with me.

In Greek, however, when you want to swim to deeper waters you go „in“, not „out“ – and this is in contrast to German that prescribes the usage of the German expression for „out“, when deeper waters are the destination.

The difference between German and Greek semantics of indexicals in a special situation is not the primary issue here. The primary issue is a difference in ontology.

In Greek (this is the notion you see embedded in the Greek meaning of indexicals) the sea is a mereological whole made of an inside and outskirts that are, roughly speaking, the shelf sea. In German you don’t have this view on sea parts.

As one sees, ideas about what the „right“regional („maritime“) mereology are expressed in language.
After Tarski we always model language (natural language forms no exception in this) in terms of set theory, without the use of mereological instruments. But if you want to capture the difference in the semantics I just highlighted Tarski-like analysis is too simplistic.

I would be grateful for more examples.

Der Unterschied zwischen vage und abstrakt

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„Gah‘ zu d‘ vier Tanni“ sagte sie. Das ist natürlich konkret. Aber in Anbetracht der Menge an Tannenquadrupeln am Adelbodener Hang unpräzise.


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In order to find my student, she said, I’d have to „go to the four fir trees“.

Which is not abstract, of course, but if you think of how many fir-tree quadruples stand at this mountain in Adelboden, Switzerland, rather imprecise.

Taste and Interpretation


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In einer Interpretation geht es darum, welche Werte den Individuenausdrücken zugeschrieben werden. Sobald das klar ist, hat die Semantik der Sprache alles hergegeben, und der Interpret kann daraufhin Überlegungen über die Welt anstellen: über Erfüllung oder Nichterfüllung der Relationen, letztendlich über Wahrheit oder Nichtwahrheit, Korrektheit oder Inkorrektheit der interpretierten Information.

In Texten allerdings, zu denen uns pragmatisch gesehen der Bezug fehlt, ist die Information oft unterdeterminiert. Am Samstag befolgten Marie Lieby und ich die Präskriptionen des Apicius genau. Bei jeder Bemerkung der Gäste mussten wir uns aber noch einmal die Grundfrage stellen, ob der Urtext richtig interpretiert war. Denn was heißt liquamen? Ist das heutige indische oder afghanische Produkt mit dem antiken Gewürz aus Libyen vergleichbar? Mussten die delischen Kuchen noch mehr gebraten werden oder hat es der antike Pilger gemocht, unter der Kruste den Teig zu spüren, was doch zu Pfeffer und Honig nicht schlecht ist?

Gebraucht haben wir neben den griechischen und lateinischen Urtexten Andrew Dalbys und Sally Grangers Classical Cookbook (Los Angeles 1996), das interpretatorisch sehr einengt und die antiken Rezepte aufgrund von Erfahrung mit dem gekochten Gericht nachkonstruiert, ferner Elisabeth Alföldi-Rosenbaums Deutschübersetzung vieler Apicius-Rezepte (Das Kochbuch der Römer, Zürich 1970), die sie auch mit einem kleinen kritischen Apparat versehen hat.

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Interpretations are essentially about the values of the singular terms. If we have a clue about this, the semantics of our language has given all its merit und we can begin with observing the world: are the pradicates and the relations in the text satisfied by assuming these values? Are the sentences true, correct, just?

The procedure I just described is simplistic. In texts with which we are pragmatically not very well acquainted, the information we get is underdetermined. Last Saturday Marie Lieby and myself followed Apicius’s prescriptions with great exactness. However, every remark our guests made, made us ask ourselves whether we interpreted the original recipe correctly. Why, what does liquamen mean? Is the contemporary Afghan or Indian product identical with the ancient Libyan seasoning? Did we have to cook the Delian pancakes a bit more or was it rather intended that the pilgrims felt a dough-like filling under the crust? Actually, the soft variant is not bad with plenty of honey and pepper – as described in the recipe – but the well-cooked one is more similar to pancakes or to modern Greek τηγανίτες.

Next to the Greek and the Latin original texts, we used Andrew Dalby’s und Sally Granger’s Classical Cookbook (Los Angeles 1996), propagating a rather narrow interpretation and modern reconstruction of the recipe on the basis of experience with the cooked foods (of course Dalby’s and Granger’s taste, not always mine or yours). What we also found useful was Elisabeth Alföldi-Rosenbaum’s translation of Apicius recipes into German (Das Kochbuch der Römer, Zurich 1970), with a small apparatus criticus for every recipe.

Fields, semantic and religious

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– Du sollst hingehen und danach fragen

verlangte sie.

– Warum gehst du nicht selber? Erstens tun das heute alle und zweitens kannst du ein gutes Griechisch.

– Nein, du!

Also gut, ich…

Ich nahm die Kerze, ging zur nächsten Dame, die eine brennende Kerze hatte, und fragte:

Darf ich, bitte, Ihr Feuer haben?

Selbstverständlich durfte ich. Angezündete Kerze geht zurück an die Tochter und ich muss mich schämen. Denn man bittet in diesem Kontext nicht um Feuer, sondern um Licht. Nach Feuer fragst du, wenn du deine Zigarette anzünden willst. Wenn die Kerze aber während der Karfreitagsprozzession ausgegangen ist, fragst du schön nach den Licht, was an Erleuchtung erinnert und nicht etwa an „C’mon baby light my fire“.

Um die Sache richtig zu stellen: Nicht der – klar, total deplatzierte – Jim-Morrison-Aperçu beschämte mich, denn in diesem Moment habe ich gar nicht daran gedacht. Eher störte es mich, dass ich, ein Muttersprachler des Griechischen, die Erleuchtungsmetapher nicht sofort benutzte. Auch störte es mich – und wie! – dass das pragmatische Kommunikationskriterium erfüllt worden war – alle hatten auf die erwünschte Art reagiert – aber ich das Gefühl nicht los war, ein Teil der Botschaft wäre verloren gewesen.

Das semantische Feld des Wortes „Licht“ war der Verlust. Die ganze Poesie.

In Bezug auf Religiöses soll einen die Poesie nicht bekümmern, pflegte Hans Burkhardt zu sagen. Denn die Poesie ist meistens Fiktion und die Religion nimmt nie an, dass ihre Charaktere fiktional sind.

Trotzdem heißt es: die Sprache richtig verwenden; auch nach 24 Jahren im Ausland.


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She wanted me to go and ask for it.

– But you speak Greek yourself, love. Go and ask like everyone does tonight.

– No, I want you to do it.

I took my daughter’s candle and approached the next lady with a burning candle.

– Can I have your fire, please?

Certainly I could. I gave the candle back to my daughter and felt ashamed at the same time. „Can I have your (or some) fire“ is something you say when you want to light a cigarette. What I had to say in tonight’s context was: „Can I have your light“ – your „phos“ which bears a direct association to „photismos“ – illumination. „Your fire“ bears, of course, a totally different association and one mostly inadequate at Good Friday’s procession, but I didn’t feel ashamed because of this. Rather, my problem was the following: although the communication took place in the way intended by all – clearly a fulfilment of the pragmatic criterion for communication- I believe that something was lost: the poetry from which the religious field retrieves its meaning.

Hans Burkhardt used to say that poetry is irrelevant for religiosity since it’s often fiction – and religiosity is not about fictional characters. Nevertheless, it hurts to fail in using the religious poetry of your mother tongue and 24 years abroad are no excuse.

Der Unterschied zwischen „Recht“ und „recht“


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Wie eine Tautologie mutet sich der Schriftzug über dem Haupteingang des Amtsgerichts in Halle an der Saale an, der vorschreibt, die Rechtsprechung solle der Rechtsintuition entsprechen. Der Eindruck, dass es sich dabei um eine Tautologie handeln würde, ist natürlich bloß im Sinne eines Trugschlusses in dictione zu gewinnen. Ha! Als ob wir nicht wüssten, wie leicht es passieren kann, dass die Legalität nur dem Angreifer recht ist… Der Trugschluss entsteht im gesprochenen Deutsch wegen der Homophonie von „recht“ und „Recht“  bzw. ist im geschriebenen Deutsch nur in kapitalisierten Schriftzügen möglich. Die Äußerung „Das Recht muss recht bleiben“ – und zwar nicht kapitalisiert, so dass das zweite „recht“ nur mit Minuskeln geschrieben wird –  wäre differenzierter, nüchterner.

Dass das Hallenser Motto einerseits und die tautologische Äußerung: „Recht muss Recht bleiben“ andererseits homophon sind, behält immerhin die Funktion eines Augenzwinkers bei, was beweist, dass die juristische Sprache spielerisch sein kann.

εзεзεзεзεзεзεзεзεзε

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I believe that the English translation of the German inscription seen in Halle near Leipzig is „Justice must remain just“. The alternative translation „Justice must remain justice“ would insinuate that the appeal to nomology to correspond to prescriptions that are intuitively just, is tautological. This would be a German fallacy in dictione. Justice can be intuitively unjust.

Of course, there is a rhetorical point you make when you fallaciously insinuate that justice is a priori intuitively just. This shows that juridical language can be playful.

Tractatus 5.6

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Die Grenzen

seiner Sprache

liegen nicht

bei den Grenzen

seiner Haut

schreibt Wolfram Malte Fues in seiner Gedichtsammlung SkalpeSkalpelle (Allitera: München, 2016). Kathrin Wächter kommentiert mit der unten teilweise abgebildeten Zeichnung.

Unsere Welt ist jedenfalls umfangreicher als der Inhalt unserer Haut. Damit auch unsere Sprache. Es gibt keine Privatsprache.

Nichts ist privat. Alles ist öffentlich. Den Blicken ausgesetzt.

A propos privat: Haben die Wittgensteinianer unter den Lesern das Gefühl, dass der späte Wittgenstein im frühen enthalten ist?

kathrin-wachter

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The limits

of his language

are not near

the limits

of his skin

These are Wolfram Malte Fues’s verses from the poetry volume SkalpeSkalpelle (Allitera: Munich, 2016). The drawing above is Kathrin Wächter’s commentary to the obviously Wittgensteinian theme.

Having a capacity much greater than our skin, our language enables also our world to transgress the limits of our bodies. There is no private language.

Nothing is private. Everything is public. Everybody is watching.

Talking about privacy: Don’t Wittgenstein scholars of this post get the impression that the late Wittgenstein is contained into the Tractatus?