A language’s range and rage

Scroll for English

Ausnahmsweise fange ich – sehr klassisch heute, mitfühlend mit meinen beiden Protegés, die in ihren Ferien eine wohlstrukturierte Fünf-Kapitel-Arbeit schreiben lernen müssen – mit der These an: Orientalischer Sprachgebrauch hat unseren Sprachgebrauch im Westen Jahrtausende lang geprägt, aber das hört langsam auf. Damit wird die Sprache plump. Nicht nur trocken. Trockenheit ist nicht das Problem. Plump.

Orientalische Stilmittel im Westen sind bis zum heutigen Tag und größtenteils auf den Einfluss des Neuen Testaments zurückzuführen. Man macht eine Synekdoche mit dem lateinischen und dem hebräischen Namen des Apostels der Nationen, Saulus und Paulus, als wären diese Namen Träger des einen oder des anderen Glaubens; Berlin Tegel, um einen jüngst erschienenen Beitrag im Feuilleton der Süddeutschen zu erwähnen, ist ein Lazarus – will heißen wiederauferstanden, nachdem der Großflughafen Ewigkeiten auf sich warten ließ; Heuchler sind Gräber: außen weiß und geputzt, innen voller Verwesung. Überhaupt scheint Jesus ein Talent für aggressive Metaphorik und rhetorische Übertreibung gehabt zu haben.

Wenn ich Stilmittel wie Übertreibung und Metapher orientalisch nenne, dann will ich sie nicht ausschließlich auf das Griechischschreiben von bilingualen Syrern wie Johannes, Matthäus und Markus zurückführen. Noch vor dem Neuen Testament pflegten das Griechische und das Lateinische Übertreibungen und Metaphern. Wenn die hohen Erwartungen enttäuscht wurden, hieß es schon vor Christus: “Der Berg ging schwanger – geboren wurde eine Maus”. Orientalisch war die klassische Antike schon. Das Neue Testament ist aber sehr voll der Ironie und der Übertreibung.

Zum Beispiel Mt 8.22 & Lk 9.60 “Lass die Toten ihre Toten begraben” (im Neugriechischen heißt es übrigens immer noch “der Tote” in der Bedeutung: “der Untergegangene”; Paul Erdös nannte “Tote” alle seine Bekannten, die den aktiven Mathematikbetrieb an der Uni aufgegeben hatten).

Oder zum Beispiel frei nach Mt 23.24 “Guck einer an: Die Mücke kann er nicht im Rachen haben, das Kamel schluckt er aber so herunter” (über Leute, die ihre Prioritäten falsch setzen).

Ich verfolge die Debatten nach der Corona-Zeit: im Deutschen Bundestag, im Schweizerischen Nationalrat. Meistens eine kühle Technokratensprache. Das klingt beruhigend und nach Fortschritt in jemandes Ohren, der seine ersten Wahrnehmungen der politischen Sprache im Kalten Krieg machte, welcher wiederum in Sachen Sprache ja hitzig war.

Andererseits lässt die vorsichtige Sprache kein größeres Engagement hervorschimmern; kein Risiko, ungerecht und falsch zu sein statt nur falsch. Ich weiß auch als Blogger, dass Vorsicht und lauwarmes Gemüt weniger Feinde und eventuell sogar mehr Freunde macht als Polarisieren. Ich versuche mit der gesamten Ehrlichkeit meines Westlerseins, ein Langweiler zu sein.

Ob mir das gelingt, ist eine andere Sache. Denn das Neue Testament ist fast (fast…) meine Muttersprache.

Enough with scrolling

Summertime, cotton’s high, fish are jumping and students trying for the first time in their lives to write a structured text with thesis, history of the debate, method, evidence and conclusion.

For a change, let me also start in a classical manner: with the thesis: Oriental language has influenced our style in the West in millennia of world history. However, slowly but steadily language becomes blunt. Occidental so to say. By this I don’t mean precise or dry. I mean blunt.

This appears to be a long process. Biblical exaggeration and metaphor are not once and for all banished from media today. In the German ans Swiss press, which I happen to read on a regular basis (I read rather rarely US and British newspapers, only the headlines of the Greek and the French, and I am completely an ignorant of the rest) I do find metonymies of the Sauls (and the souls) who become Pauls; allegories of the old airport of Berlin as a resurrected Lazarus after the new airport has been unable to operate for ages; metaphors about the hypocrites as graves, clean and tidy from the outside but full of decay and ptomaine inside. These are expressions one can still use and hear or read in western media and if you want to make the case of Jesus as a mild comforter, you have the burden of proof of a rather unlikely claim.

These and like expressions I call oriental. They should not be restricted to the influence of bilingual Syrian writers like Mark, Mathew and John to the Greek style of late antiquity and subsequently to modern languages. Greek and Latin, you see, have been “oriental” long before they adapted Syrian style. E.g. when their expectations were disappointed, Greeks and Romans spoke of the mountain’s pregnancy with a mouse. But the New Testament is a locus classicus for rhetorical tropes:

Cf. Mt 8.22 & Lk 9.60 “Let the dead bury the dead” (in Modern Greek one still calls losers: “the dead”; infamously, Paul Erdös called “dead” all those who had given up maths at the university for some other job).

Following the Covid-19 debates in the two or three parliaments whose decisions have a direct impact in my life I must state that the language is a sober technocrats idiom, one that sounds reliable in someone’s ears whose first experiences of political language were in the Cold War – NB a hot one in terms of rhetoric.

At the same time, distanced language makes the speaker sound indifferent. Without a deeper engagement. Speakers who take the risk to be false do fulfill a minimum of rationality alright. But the ones who demand you to invest emotions along with your thoughts, are speakers who take the risk to be false and unjust. As a blogger I do know that I make less enemies and even more friends when I avoid polarizing. And I do try to be boring.

The reason I do not succeed in being so? I suppose that comes from the fact that the New Testament is almost (I said almost) my mother tongue.

Le collectivisme

Scroll for English

Lasst die Statuen stehen. Diese Menschen, die sie abbilden, können wohl auch wegen einer Tugend bewundert werden. Sie werden doch auch etwas anderes gewesen sein als Sklavenhalter.

Im Gegensatz zur bildenden Kunst, die so oder so interpretiert werden kann, huldigt ein Text, eine Inschrift, die ich letzte Woche beim Spazieren ganz nahe beim Bahnhof Basel SBB entdeckte, dem Tribalismus und, als wäre das nicht genug, konkretisiert sie auch die künstlerische Botschaft so, dass ich z.B. (die Person im bestimmten Körper) genauso heilig bin, wie das Kollektivwesen, dem ich angehöre.

Ich bezweifle, dass es Wandalentrupps mit Gips in der Hand gäbe, die solche Inschriften übertünchen würden, wenn K.R. Poppers methodologischer Individualismus das vorherrschende Paradigma der Geschichtswissenschaft wäre. Denn unsere (offenbar austroliberale) Lehrerschaft würde dann nur den Menschen beibringen, über die historischen Quellen zu reflektieren statt herzufallen. Mehr nicht.

Enough with scrolling

People all over the world were attacking statues that, in their eyes, depict white suprematism when I discovered this inscription while strolling through downtown Basel.

Although the inscription oozes with tribalism – frankly, I don’t want to be respected in virtue of being Greek and those who would see me thus would not see me after all – obviously no one bothers to vandalise it. Not only because K.R. Popper’s methodological individualism is not the leading paradigm in historiography. Also because individualists, an Austroliberal kind of people, want to teach you how to reflect on historical sources rather than to destroy them. NB, even if the source in question is a text, which unlike a piece of art, makes the tribalist message explicit.

The piece of art, normally a depicted person, can, after all, be taken to be exposed due to beauty or – there must have been one – virtue.

Lingua franca gratia francorum

Scroll for English

Mit der Gutschein-Aktion “Support your locals” versucht ein Teil des Basler Einzelhandels, den lokalen Konsum anzuregen. Wohl verständlich, wenn man bedenkt, dass alles – aber wirklich alles – über die Grenze nach Frankreich oder Deutschland den halben Preis hat, ferner dass diese Grenze mit Tram, Velo oder auch zu Fuß einfach und schnell erreicht werden kann. Zwar bleiben die epidemiebedingten Ausreiseeinschränkungen vorerst, aber diese werden nicht ewig sein und in dieser kurzen historischen Parenthese geschlossener Handelsstaaten werden wohl ein paar mehr Gutscheine verkauft werden, die auch viel später werden eingesetzt werden können.

All das ist verständlich. Was jedoch unverständlich ist und an performativen Widerspruch grenzt, ist die Äußerung des Appells zur Bevorzugung des Lokalen in der globalen Sprache.

Der performative Widerspruch ist kein formaler Widerspruch. Um den Plakaten der Aktion einen Widerspruch herauszulesen, muss der Leser die stillschweigende Prämisse hineininterpretieren: “Die Aufforderung zum Shopping um die Ecke ist mit Lokalpatriotismus und somit mit Baslerdeutsch verwandt”.

Das ist nicht der Fall. Das globale Dorf ist ein Sammelsurium nicht aus lokalen Kleindörfern, sondern aus globalen Kleindörfern. Es ist eine homogene Welt. Die Vogelperspektive zeigt nichts anderes, als was man im Kleinen sieht.

Enough with scrolling

Currently, the Basel voucher is being propagated with the words “Support your locals”.

Considering that if you cross the border to France or Germany everything will cost half the price, this is understandable. Add the fact that the next French or German supermarket are only a walk, let alone a streetcar ride away from downtown Basel, you can see the problem for the retail trade of Northwest Switzerland.

Covid-19 made the borders close but this is a temporary exception. In this short parenthesis and revival of closed commercial states, some additional vouchers will be sold and they will be used much later. Advertising the advantages of a local voucher now is a good idea.

However, since the locals mostly speak German (some are bilinguals using French and German), it is a performative contradiction to use an English slogan for an action supposed to promote local retail trade.

Performative contradiction is not a formal contradiction. Formally you would have a contradiction if you see a tacit premise to the effect of: preferring local shops goes hand in hand with preferring local languages. Otherwise no.

Therefore, rather no. The global village does not consist of little local villages any more than it consists of little global villages. Which means that the world becomes more homogeneous. The big picture is what you can already see in the detail.

From Jacky to Obuasi

Scroll for English

Die Namensgebungen im Basler Zoo über die Jahrzehnte zeugen davon, dass die politische Korrektheit sich langsam auf die Eigennamen erstreckt. Würde der Gründer unseres Glaubens daher heute auferstehen, wäre er kein gräzisierter Jesus, sondern ein Jehoschua. Ich weiß nicht, ob mich das mehr anspräche.

Zu meinem Namen habe ich außerhalb Griechenlands einige Haltungen angetroffen. Da gibt es die ganz Politisch-korrekten: Erfahren sie, dass der Vokativ auf Neugriechisch “Stamati” lautet, sagen sie es auch so. Nett, aber dann müssten sie auch die restlichen Fälle anpassen, oder?

Dann gibt es die ohne Hintergedanken. Die allermeisten natürlich. Über die habe ich nichts zu sagen.

Und dann gibt es die bewusst Unkorrekten: Sie passen meinen Namen an das enklitische System ihrer Sprache an. Das tue ich übrigens im Griechischen auch. Es gibt für mich keine “Peters” und keine “Pauls”, sondern “Petri” und “Pavli”. Meine Ehefrau ist nicht “Ruth”, sondern “Ruθ” (sic). Da gab es also diese Serben, die mich mit dem Vokativ “Stamate” anredeten, und diese bayerischen Philosophen – Hans Burkhardt hatte damit begonnen – für die ich “da Stamatius” (wohlgemerkt –zius) bin.

Ich muss sagen, dass die Unkorrekten politisch vorzuziehen sind. Was ist denn angenehmer? Ausgesprochen fremdartig ausgesprochen zu sein aber trotzdem angenommen oder kein Fremder zu sein und deshalb angenommen?

Jesus heißt er.

Enough with scrolling

In the last decades naming animals shows – at least, this is the trend at the zoo of Basel in Switzerland – that political correctness starts to govern proper names. If the founder of our religion resurrected today, then the news would not be about a Hellenised Jesus but about a Jew called Yehoshua. In my ears not an attractive option.

I have experienced myself various attitudes towards my name out of Greece. There are those who are extra politically correct. Once they realise that the vocative in contemporary Greek is “Stamati”, they use it. Nice of them, but what about the remaining grammatical cases of the name?

Then you have the ones who would not guess that they have to adjust something: their language to my name or my name to their language. The vast majority, of course. I will not occupy myself with them.

Finally, there are those who would do just what I suggested last: adjust my name to their language: the openly incorrect ones. But frankly: those politically incorrect Serbs who would form the vocative “Stamate” just for the addressing to sound more Serbian; those politically incorrect Bavarians – Hans Burkhardt started this one up – who would say “Stamatsius” are not only those who remind me that for me myself, when I speak Greek, every Mary is called Maria and every Marc is called Markos. They are also the ones I prefer for reasons of politics. I mean, who prefers being emphatically alien but accepted in his otherness to being non-alien and accepted for being familiar?

His name was Jesus alright…

Constructing language sites

Scroll for English

Die Baustelle neben dem Haus, wo meine Mutter wohnt, in Südostattika, ist eine Quelle von zukünftiger Missstimmung; insbesondere, wenn zum wiederholten Mal ein für Glyfada typischer Nachkriegsbau durch eine Geschmacklosigkeit mit parabolischen Balkonen und weißen Türen ersetzt wird. Den Grundriss habe ich nicht gesehen und ich kann keine Fragen diesbezüglich beantworten. Den Baustellenlärm allerdings, was die meisten als die größte Unannehmlichkeit ansehen würden, habe ich neulich als einen großen Gewinn angesehen. Griechischer Baulärm führt vor Augen, dass es keine Sprachspiele gibt, die im Sinne Wittgensteins “primitiv” genannt werden können, bzw. dass solche im Grunde sehr ausgeklügelte Sprachspiele sind.

Aber zunächst zum pragmatischen Hintergrund: Niedrige Lohnkosten führten in Griechenland zu Baustellen, die vollends in situ entstehen, ohne Fertigelemente. Unausweichlich hat man dann viele Bauarbeiter, die Planken und Balken hin- und her platzieren und sich ständig abstimmen, wie sie das tun sollen. Die Kommunikation erfolgt nun zu zweit oder zu dritt. Der Rest ist mit anderen Arbeiten ebenfalls zu zweit oder zu dritt beschäftigt. Der natürliche Weg, nur die für die eigenen Zwecke relevanten Mitarbeiter anzusprechen, ist durch den Namen. Vor jeder Anweisung, Aufforderung usw. muss man “Stephane” sagen, wenn Stephanos angesprochen wird, Nikos ist dann nicht angesprochen. Übrigens trägt der Vokativ der griechischen Maskulina zu mehr Flexibilität in der Satzbildung bei. Man muss den Namen gar nicht voranstellen, wie das im Deutschen bei Anreden üblich ist. Man kann ihn überall im Satz einbauen, denn der Hörer sieht sofort am fehlenden -s am Ende oder an der Endung -e von langen Namen der zweiten Deklination sofort ein: “Aha, Vokativ, keine Nennung”. Z.B. “Pass auf, dass Nikos hindurchkommt, Stephane, festhauen!” Da Stephanos weiß, dass die Endung -e die Deutung ausschließt, jemand anders sollte ihn festhauen, versteht er das als Aufforderung, Nikos passieren zu lassen und festzunageln.

Das aber nur am Rande.

Jeder Philosophiestudent kennt das von Wittgenstein zu Beginn der Philosophischen Untersuchungen eingeführte, “primitive” Sprachspiel: Zwei Bauarbeiter – mir gefällt der Gedanke, dass sie am Haus an der Parkgasse 18 in Wien arbeiten – kommunizieren monolektisch, mit nur einem Wort: “Platte!” Der Sprecher brauche eine, der Hörer reicht diese.

Das ist wohlgemerkt nicht die Definition von “Platte” im Lexikon. Das von Wittgenstein beschriebe Sprachspiel enthält nur einen impliziten Befehl und einen Namen, der als Akkusativ fungiert. “Platte” ist im Lexikon keine Aufforderung.

Es liegt auf der Hand: Die Einfachheit von Wittgensteins Sprachspiel ist auf die kleine Gruppe zurückzuführen. Griechische oder irgendwelche anderen Bauarbeiter in großen Gruppen könnten damit nicht arbeiten. Sie bräuchten Vokative und Nominative und Akkusative und Imperative und Indikative, um sich verständlich zu machen.

Sprache aber beginnt nicht bei zwei, sondern bei mehreren Sprechern. Ohne ihre Mitgliedschaft bei viel größeren Gruppen hätten die Bauarbeiter nicht die beobachtete Arbeitsteilung. Das zeigt, dass Wittgensteins “primitive” Sprache ein künstlich hergestelltes Fragment einer viel umfänglicheren Sprache und Gesellschaft ist. Denn jedes Fragment setzt das Ganze voraus.

Enough with scrolling

The construction site next to my mother’s place in Southeast Attica can be annoying if it makes one more Glyfada post-war house give way to a block of flats with oval balconies or any other embarrassing feature of those which the many love today. But I haven’t seen the blueprints, so I don’t know. The noise however, for many a more obvious problem, comes with a profit – at least for me. This is for the following reason: in Greece low labour costs make prefabricated walls and floors financially uninteresting. Everything is being constructed in situ, which means that you have many workers placing planks and beams; workers who, throughout the day, have to say someone else what they need them to do and exclude others from being their addressees. If I want Costas to lift a bit at his end but Nikos to do nothing, probably because Nikos’s lifting would cause some problem, then I have to indicate so. As a result, at Greek construction sites you hear many imperatives and vocatives. “Costa, nail it where it is but watch that Nikos can still pass”. By the way, having extra forms for the vocative of Greek masculine names enables construction workers to address people in the beginning, the end, or in the middle of a sentence. One does not have to put the vocative at the beginning of a sentence. This makes language more flexible, is however far from being my issue here.

Every student of philosophy knows the primitive language game which Wittgenstein introduces in the beginning of his Philosophical Investigations. Two workers – I fancy thinking they work at the site of the house he designed for his sister in Vienna – communicate by giving and receiving the monolectical order “slab!”, meaning that the one needs one to be given or brought to him by the other. This language game that Wittgenstein calls “primitive” does not contain a term for the dictionary’s term “slab”. Unknowingly to the workers themselves, their language game contains an implicit order and a noun that functions as an accusative.

If you only juxtapose the pragmatics of the two construction sites, you easily draw the conclusion that the greater complexity of the Greek game results from the bigger Greek group. This is what necessitates a more elaborate language in terms of cases and also of a formally very clear divide between imperative and indicative at the Greek construction site.

Primitive games in Wittgenstein’s sense are ones between only two agents. This alone shows that a primitive language cannot exist. There is no primitive language because there can be no society that consists only of two. Pairs of people are artificial as much as the language fragment they may use. Their division of labour is due to their membership to much larger groups. “Primitive” language games result from more elaborate societal and linguistic ones.

Pasta ontology

Scroll for English

Gattungsnamen werden in der Sprache meistens wegen des Stoffs ihrer Referenz gebildet. Alles, was mit Eier enthaltendem Nudelteig gemacht und in Wasser gekocht wird, heißt Pasta, ob Spaghetti oder Pappardelle oder Farfalle oder Puntalette oder… Es sind die Zutaten, die bei der Namensgebung von “Pasta” Pate stehen! Wer meint, mir gehe es um Don Corleone, kennt dieses Blog nicht.

Denn es gibt Pasta außerhalb Italiens und Appellativa, die sich nicht auf Stoffliches beziehen.

Der Trachanas war jahrhundertelang die haltbare Substanz der byzantinischen Armeeküche. Die Osmanen haben die byzantinischen sonnengetrockneten Brösel aus in Ziegenmilch gekochtem Weizenmehl adoptiert und nur wenig anders als die Griechen ausgesprochen: Tarhana. Am Ende eines anstrengenden Wandertages brauchte der mittelalterliche vagans, ob Soldat oder Missionar, wenn er nichts anderes gefunden hatte, nur eine halbe Handvoll Trachanas und etwas Wasser für seinen Topf und sein Feuer. Der Trachanas, leicht über längere Distanzen zu tragen und in kleinen Mengen zu großen Suppen zuzubereiten, erhielt einen wochenlang am Leben und blieb, wenn er nicht aufgebraucht war, jahrelang haltbar bis zur nächsten Slawenmission. Aber auch nach den Slawenmissionen erwies sich der Trachanas manch einem Griechen als rettend. In Bonn, in den 90ern, während der griechischen Bankenstreiks, die mein Stipendium monatelang auf der Strecke blieben ließen, wäre es ohne Trachanas eng um meine Existenz geworden. Rafik Schami erwähnt ihn in einem ähnlichen Kontext.

An der mittleren Donau feierte der Trachanas größere Siege als die Konstantinopler Zeloten, ebenso als Istanbuler Janitscharen. Im Spätmittelalter wurde er in Ungarn adoptiert. Bis heute hasst manch ein ungarisches Kind eine gleichnamige oder fast gleichnamige Beilage; was heißt, es hasst Trachanas, wenn die Fast-Gleichnamigkeit als Synonymie oder – da Griechisch und Ungarisch verschiedene Sprachen sind – als Übersetzung gilt.

Vorsicht aber: Das ungarische Tarhonya ist zwar dem griechischen Trachanas und dem türkischen Tarhana zum Verwechseln ähnlich, weist aber keine Spur Ziegenmilch auf. Stattdessen hat es Ei. Mit anderen Worten ist Tarhonya nichts anderes als Pasta: eine Pasta, bei der der ungarische Versuch einzig und allein darin besteht, einem mediterranen Nahrungsmittel äußerlich zu ähneln. Denn lediglich Tarhonyas Form im Rohzustand erinnert – und zwar stark – an das byzantinische Original. Der ungarische Name in Anlehnung an einen mittelgriechischen weist auf eine Form-, keine Materienähnlichkeit hin.

Es ist nicht immer der Stoff, der für den Namen der Gattungsnamen ausschlaggebend ist. Darüber war ich mir schon mal im Leben mit einem anderen Philosophen uneinig. Einem hatte ich gesagt, dass die Farben nicht immer sekundäre Eigenschaften sind. Ich dachte dabei an handelsübliche Farbstoffe. Normalerweise ist es dem Käufer unwichtig, aus was der Farbstoff besteht, wenn die Farbe stimmt. Nein, sagte er, das sei falsch. Farben seien immer sekundäre, Zutaten dagegen primäre Qualitäten. Am Ende jenes Tages habe ich gewusst, dass es nicht klug ist, Recht zu haben, wenn die andere Person der eigene Doktorvater ist.

Jedenfalls ist es im Rigorosum so.

Scroll for English

Very often, the characteristic that determines the reference of an appellative is the material cause: we call pasta whatever consists of dough without yeast with eggs: spaghetti, pappardelle, farfalle, puntalette etc. All of them! Pasta! Because of the ingredients! Basta!

There are exceptions.

For centuries, prior to its arrival in Hungary, trachanas had been the dish par excellence of the East Roman army and afterwards of the Ottoman army. Made of a desiccated goat-milk-and-yoghurt-and-flour dough, it was predestined to stay preserved for years. The only thing the wanderer had to fill in in his saucepan and to place on a fire in the wilderness to get a filling soup, was some water and the trachanas granulate. Trachanas was easy to carry in long distances and kept travellers alive for weeks if necessary. At the middle course of Danube, it celebrated much greater victories than Byzantine missionaries and Ottoman soldiers.

“It” celebrated them, that is, if you happen to accept that the Hungarian “tarhonya” and “trachanas” refer to one and the same thing. However, the Hungarian thing has not any traces of goat milk or any other milk or dairy product. Instead, it contains eggs. In other words, unlike the Greek trachanas and the Turkish tarhana, the Hungarian tarhonya is nothing but pasta meant to have the shape of the Byzantine original. Which means that the meaning of a generic term to comprise these three dishes is the formal, not the material cause.

As one sees, it is not always matter that decides the meaning of appellatives. I argued about this with another philosopher once. He had said that colours are naturally secondary qualities, matter is naturally a primary quality of every thing. I had said (I was thinking of paint) that this is not the case. At the end of this conversation I learned that your oral exam is probably not the best place to argue with your supervisor.

Especially if you are right and he is wrong.

Graecum etsi legitur

Scroll for English

Egal wie man diese Art Gebäude nennt, die Bezeichnung ist ein griechisches Lehnwort. Was eigenartig ist, denn die griechische galt am Ostmittelmeer zu der Zeit, als die Kirchen “kyriaká” (= Herrenhäuser) bzw. “ekklêsíai” (= Versammlungen) benannt wurden, als eine notorisch religionskritische, philosophische Kultur.

Wenn man allerdings an die profane Nachwirkung des Christlichen denkt, in Bereichen wie etwa die Menschenrechte (Bartolomé de las Casas, Francisco de Vitoria) und die Aufklärung (Jean-Jacques Rousseau), ist das Oxymoron einer areligiösen Frömmigkeit, eines athenischen Jerusalem, genau der europäische kulturelle Rahmen.

Enough with scrolling

Whether you use Germanic or Romanic terms for them, you call churches after Greek loan words. E.g. “kyriaká” (= houses of the Lord, whence the word “church”) or “ekklêsíai” (= assemblies, whence the Romanic terms). And this despite the fact that at the time when these word loans were launched, Greekness was considered to be the most philosophical, indeed an areligious culture of the Mediterranean.

However, one only needs to consider how profane the greatest achievements of Christian thought on the social level are (the human rights after Bartolomé de las Casas and Francisco de Vitoria, the Rousseauist version of the Enlightenment), to realise that the oxymoron of an areligious piety, the Athenian Jerusalem, corresponds to the European context.

Wenn die Zeilen…

Scroll for English after the dotted line

… kurz sind,

dann lassen sie einen vom Paradigmenwechsel träumen, den man sich herbeiwünscht.

Im Kontext kommt allerdings die Ernüchterung.

Paradigmenwechsel hin oder her, bei der idealen Zeilenlänge sollte man die Kirche im Dorf lassen: zehn bis zwölf Wörter! Basta!

Wer also diese Zeilen auf dem Handy liest und zwar so: 📱 , sollte das Gerät 90 Grad nach links oder rechts drehen.

…………………………………………

Enough with scrolling

The reason I stumbled upon this poster was probably the fact that the lines are short and it hyphenated “ecological” to read in the subsequent line “logical”. If you add that the next word is “change” and that I do propagate a paradigm change in logic, meaning that rationality gaps and gluts can occur under certain, nevertheless very rare, circumstances…

…well, then you can figure out why I was irritated.

The ideal line length is ten to twelve words. No paradigm changes there!

So, if you are reading this on your mobile device, well, that’s not the way: 📱

Totgesagtes lebt länger #2

Scroll for English

Die plötzliche Kälte, die einen Teil der Schweiz wieder in Schnee verhüllte, macht wieder den Trachanas aktuell.

Wirklich aktuell ist ein egal wie legendäres Relikt der byzantinischen Küche wohl nie. Aber die Kälte legt die bulgurähnlichen Krümmel aus getrocknetem Ziegenmilch-und-Mehl-Porridge näher als sonst. Wer Ungarn und seine Küche kennt, kennt wohl das ähnlich klingende Tarhonya. Tarhonya ist nicht Trachanas, sondern es wird in gleicher Größe und Gestalt aus Nudelteig gemacht. Allerdings zeugt der Name von einem gemeinsamen Ursprung.

Wenn zwei verschiedene Sprachen verwandte Wörter für unterschiedliche Dinge haben, dann sind lexikalische Entlehnungen und Bedeutungsverschiebungen der Fall wie bei Pitta im Griechischen und Pizza im Italienischen. Wird dieselbe Sache dagegen unterschiedlich bezeichnet, kann höchstens von Kulturtransfer die Rede sein. Im Fall von Trachanas/Tarhonya haben wir Beides. Kulturtransfer war der Fall als die mittelalterlichen Ungarn den Trachanas höchstwahrscheinlich von oströmischen Soldaten adoptierten, worauf die Bedeutungsverschiebung folgte: Beibehalten wurde aus der ursprünglichen Bedeutung die Gestalt des Gebrösels, das Rezept wurde umgewandelt.

Ich sehe hinter der Beibehaltung des Terminus folgende Haltung der Sprecher des mittelalterlichen Ungarisch: Die Gestalt ist das Wesentliche (von mir aus das Wesentliche für dieses Gericht) der Originalteig aus Ziegenmilch sekundär.

Wenn es Leser dieser Zeilen gibt, die sich fragen, ob morphologische Eigenschaften als Teile des mereologischen Ganzen genommen werden können, dann kommt hier die Moral von der G’schicht’: Nicht nur können sie das, sondern sie können auch die essenziellen Teile sein!

Enough with scrolling

The sudden cold that covered much of Switzerland with snow in May, allowed me to have the original dish again: trachanas: wheat cooked in goat’s milk and dried and broken into bulgur size is a legendary historical fossil of Byzantine kitchen. Those familiar with Hungarian kitchen know the similarly looking and sounding tarhonya. Tarhonya is not trachanas. It is simply pasta in bulgur shape. But the name bears witness to a common origin.

When in different languages like here in Greek and in Hungarian, you have a similar name for something different, then it is a lexical loan and a semantic shift that you have – like when you compare the Greek pitta and the Italian pizza. When you have, in contrast, the same thing by different names, then you can have a cultural transfer. In the case of trachanas/tarhonya you have both phenomena: an original transfer when the medieval Hungarians adopted trachanas as it was used probably by Eastern Roman soldiers, followed by a semantic shift: they retained the form but replaced the recipe, which probably shows that they considered the form to be substantial, the dough as of secondary importance.

Just an idea for those who ask themselves if morphological properties can be considered to be parts of mereological wholes. Not only are they, but can also be essential parts of the whole.

Les parents numériques

Scroll for English

Dass Familien von gleichgeschlechtlichen Paaren kein social engineering mit unabsehbaren Folgen für die Erziehung der Kinder sind, dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer. Mir geht es aber heute um etwas anderes.

Es geht mir um die in Frankreich flächendeckende, sich auch seit Mitte Februar auf Schulen erweiternde Nutzung der Angaben “parent 1” und “parent 2” da, wo früher die Angaben “mère” und “père” vorgesehen waren – d.h. auch für leibliche Kinder hetero-wie denn sonst?-sexueller Partner.

Die neue Sprachregelung führt eine Ungleichheit, zunächst auf der Ebene der Konnotation, zwischen primär und sekundär ein; eine Differenz mit anderen Worten, welche die Zahlen “1” und “2” in der Umgangssprache nahelegen. “Parent 1” trägt demnach die Konnotation “parent primaire” und “parent 2” die Konnotation “parent secondaire”. Zunächst nur eine Konnotation.

Zunächst… Es gibt ja slippery slopes.

Gut, ich bin wohl nicht der erste, der das bemerkt. Aber kann es sein, dass ich der erste bin, dem die Idee unbehaglich ist, dass ausgerechnet Präsident Macron auf die Idee kommt, diese Sprachregelung einzuführen? Macron war doch jahrelang Assistent von Paul Ricoeur an der Uni Paris X – Nanterre! Ein besseres Verständnis für unterschwellige Botschaften und slippery slopes von jemandem, der Sprachphilosophie auf diesem Niveau betrieben hat, habe ich durchaus erwartet.

Ich sehe schon ein, dass die Gefahr eines slippery slope überall lauert und dass in der Politik nichts passieren würde, wenn der Politiker stets Angst vor slippery slopes hat. man Allerdings sähe ich das Risiko eines slippery slopes durch eine Notwendigkeit legitimiert, kann aber hier eine solche bei allem guten Willen nicht erkennen.

Enough with scrolling

I’m not sure that families of same-sex partners are not a case of social engineering with unpredictable consequences for the upbringing of kids there, but this is not my point here.

I rather want to point out something concerning language. In France, a new linguistic convention has been introduced according to which, unlike what until very recently had – what else? – been the case, parents should not be registered as mother and father, but as “parent 1” and “parent 2” instead. Since mid-February, schools must adopt this linguistic convention also for the vast majority of people who have parental authority being natural parents of their children – i.e. for mom and dad.

The new language brings an inequality in the lives of couples. In ordinary language, numerals function as indices of primary and secondary importance. By some slippery, faulty way of thinking, “parent 1” could become “parent primaire” and “parent 2”: “parent secondaire”. Let it only be a connotation! Who wants to have it? And a connotation that can lead to a slippery slope. Of course if you are constantly afraid of slippery slopes, you never take any risk. But still, I ask myself what the necessity was that should make one take this risk.

Surely, I am not the first to think that way. And I hope, even if I am the first to notice what follows, that I am not the only one who feels discomfort with the idea that president Macron initiated this step after having served as Paul Ricoeur’s research assistant at Paris X – Nanterre between 1999 and 2001!

From someone who had a training in philosophy of language and social philosophy on that level, I thought that I should expect much more sensitivity towards language-related policies.