Miss Behaviour

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Wörter wie “Fräulein”, “miss”, “despoinis” waren nie Bestandteil meines Idiolekts. Sie setzen voraus, unverheiratete junge Frauen wären aufgrund ihres Ungebundenseins anders wahrzunehmen als unverheiratete junge Männer. Der moralische Anspruch an eine Miss ist altmodisch. Ich gebrauche das Wort auch gegenüber meinen Töchtern, die 13 und 15 sind, nur selten; meistens als unseriöse Zierde, wenn das Lob nicht zu ernst werden darf.

“Misbehaviour” hat auch altmodische Allüren. “Misbehaviour” setzt voraus, das richtige Verhalten gebe es wirklich. Richard Thaler, dem Nobelpreisträger für Wirtschaft des Jahres 2017, ist zu verdanken, dass die Ökonomie und die Sozialpsychologie näher kamen, da er Fehlverhalten im Ökonomischen entdeckte. Er nannte das “misbehaving” in den 80ern, als rationales Verhalten noch generell als a priori deduktiv-monoton und konsistent aufgefasst wurde.

Ein solches Verständnis der Rationalität gilt heute als altmodisch. Heute gibt es Wissenschaftstheoretiker, die nichtmonotone Entscheidungsprozesse und inkonsistentes Verhalten nicht etwa für fehlgeschlagen im Sinne Thalers, sondern für rational unter gegebenen Bedingungen halten. Wenn sehr viele Menschen zum nächsten Supermarkt fahren, um beim Reis einen Euro zu sparen, niemand aber nochmal ins Auto steigt, um für eine Stereoanlage einen Euro zu sparen, dann ist das nicht etwa ein erwartetes Fehlverhalten des Menschen im Gegensatz zum homo oeconomicus im Sinne Thalers, sondern: das eine rational zum Kauf von Reis, das andere rational zum Kauf von Stereoanlagen. Dass Partner einander zum Geburtstag Sachen kaufen, die jeder für sich selber als nutzlosen Luxus abgetan hätte, ist plötzlich nicht inkonsistent, sondern in Ordnung für die gegebene Situation. Aus der einen, apriorischen Rationalität werden mehrere situative: eine Rationalität des Stereoanlagenkaufs, eine der jungen rote-Schuhe-Käuferin, eine des Löwenzahnverkäufers im Gegensatz etwa zum Kaninchenverkäufer. Die Grundlagenforschung im Sinne der nichtmonotonen Überzeugungsrevision und der Parakonsistenz ist eine, die auf den normativen (eigentlich nomologischen) Aspekt der Logik verzichtet und einer Fusion von Logik und empirischer Marktforschung zustrebt. Rational wäre demnach das, was die meisten in der gegebenen Situation tun. Wenn die meisten nichtmonotone Entscheidungsprozesse für rational halten, muss das OK sein: “Spinat ist da drin? Dann nehme ich was anderes. Hier? Feta? Ufff! Gibt’s nix Essbares? Und was ist in dem da drin? Feta und Spinat? Von dem zwei Stück, bitte”.

Lassen sich aber damit allgemeingültige Empfehlungen für Anleger, Marktstrategen, Ethiker formulieren? Wohl kaum. Wenn die moderne (eigentlich postmoderne) Belief-Revision-Theorie die Entscheidungstheorie zu beeinflussen anfängt, dann wird keiner der Marktstrategen oder Ethiker irgendeinem Anleger etwas Aussagekräftiges sagen können, nachdem sie nämlich an der Uni gelernt haben werden, dass die Wissenschaft nicht in der Lage ist, menschliches Verhalten vorauszusagen oder zu lenken (egal, was von beiden der Fall ist). Damit werden wir damit auf ein Niveau vor Adam Smith und David Ricardo zurückfallen…

Jedenfalls bekam ich am Freitag bunte Kleidung, vielversprechende Getränke und Leckerli zum Geburtstag. Unsere Töchter haben mir zwar zwei Artikel, die um ihres Selbst Willen geliebt werden sollen, solche allerdings, die entweder nichts oder sehr wenig kosteten. Moderne (eben postmoderne, parakonsistente, pluralistische) Wissenschaftstheoretiker würden sagen, dass unser Verhalten als Familie, auch das unserer Freunde größtenteils deduktiv-monoton und konsistent ist, aber dass das auch keine Rückschlüsse auf das Verhalten (sogar “auf die Rationalität”) anderer bieten sollte. Ich sage es anders: Wir müssen sparen und zwar nicht aus einer inneren Einstellung, sondern aus der Notwendigkeit heraus. Die Peano-Arithmetik, Ockhams Rasiermesser, die Mengenlehre, die Bivalenz sind Grundsätze des Sparens. Traditionelle Logiker und rationale Geschenkemacher haben das, was Miss Piggy ein “gift-giving gift” nennt.

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My idiolect doesn’t include words like “Fräulein”, “miss”, “despoinis”. These words presuppose an old-fashioned view on young females as juxtaposed to bachelors. I don’t use them towards my daughters who are 13 and 15 either, with the exception of moments I praise them wishing not to sound too serious.

“Misbehaviour” has also old-fashioned associations. Richard Thaler (Nobel Prize for economics in 2017) coined once as misbehaving (meaning: acting irrationally) your being likely to go to the next supermarket if rice there is 50 cents cheaper but not bothering to do so if they sell TV sets that are 50 cents cheaper; your not buying an item because it is useless luxury, one, however, which you buy for another member of your own family. Back in the 80s, when Thaler had the idea to bring economics and social psychology closer, rationality was generally understood as a priori deductive-monotonic and consistent. Therefore he thought that what enters economy with these cases is misbehaving or irrationality.

Today, quite a few philosophers of science consider nonmonotonic belief revision to be OK. “What’s in this? Spinach? No way, I hate spinach! In that? Feta-cheese? Disgusting! What’s in this one? Spinach and feta you say? Just give me two”. If many people think according to this scheme, you must learn to consider it rational, they’ll tell you. Modern (rather postmodern) belief revision theory assumes the existence of different “rationalities”. This is still no problem. But if pluralistic logic starts affecting other disciplines like economics and the latter starts tagging as “rational” whatever many people do, also what “misbehaving” Humans as opposed to professor Thaler’s Econs do, the traditionally normative (actually nomological) aspect of decision making will give way to a fusion of logic and social statistics in immensely many special situations. Should logical pluralism and paraconsistency enter the scene of decision making, what recommendations can ivestors expect from fund managers or ethicists alike? The answer is: none. If science is in the position to predict or to guide our behaviour, then we are after 300 years on a level Adam Smith und David Ricardo had left behind…

The biggest part of the presents last Friday, my birthday, consisted of things to wear, to eat and to drink. Only our daughters gave me things to be liked for their own sake – but again things that cost no or almost no money. Modern philosophers of science would say that the behaviour of my family and friends is grossly deductive-monotonic and consistent but this cannot be taken as an indication of other people’s behaviour (to “other people’s rationality” they would even say). I have another explanation: We have to save our money and this is not a disposition but a necessity. Peano arithmetic, Ockham’s razor, set theory, bivalence are economic principles. Classical philosophers and economists, also rational present makers have what Miss Piggy calls a “gift-giving gift”.

Kant und Corona

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Es gibt Errungenschaften, deren nur in runden Jubiläen gedacht wird. Es gibt auch solche, die ständig gefeiert werden können. Vor 235 Jahren und 9 Monaten erschien Kants (AA VIII, 33 ff.) Begriffsklärung der Aufklärung.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Der Ausgang einer aufgeklärten Gesellschaft aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit hängt mit Mühe zusammen, denn

[h]abe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. (Kant, AA VIII, 35)

Einer breiten Öffentlichkeit ist es mittlerweile bewusst, dass es für jedes Buch andere Bücher gibt, wo etwas anderes steht; auch dass der Seelsorger keine unanfechtbare Autorität der angewandten Ethik ist. Mit anderen Worten weiß der durchschnittliche Europäer, sich in Sachen Ethik und Politik seines Verstandes zu bedienen.

Aber es ist ihm in der Regel nicht klar, warum die Ärzte ihm etwas vorschreiben. Es ist ihm auch nicht bekannt, dass die Bekämpfung einer Epidemie auf statistische Daten abzielt, nicht etwa Individuen im Blick hat. Mit Maßnahmen gegen die Verbreitung des neuen Corona-Virus wollen die Politik und die Ärzte die Allgemeinheit etwas tun lassen, wovon diese sehr wenig versteht. Wären wir in Sachen öffentliches Wohl so aufgeklärt gewesen, wie etwa in Sachen Religion, Ökologie und Waffenexporte, so wäre manch ein Missverständnis in der Corona-Krise vermieden worden.

Schulmedizinisch aufgeklärten Bürgern braucht z.B. nicht gesagt zu werden, wie andere in der Umgebung weniger gefährdet warden. Nicht Aufgeklärten erscheinen die Maßnahmen dagegen zusammenhanglos. Wer so wenig von der Sache versteht oder so ein Formalist ist, dass er um 7 in der Früh menschenseelenallein im Auditorium eine Maske trägt, belächelt nicht nur sich selbst, sondern hadert irgendwann gegen die Politiker.

Ja, es stimmt, dass ein Kantianer moralische Maximen aus Pflicht allein umsetzt. Aber Kantianer sind auch bemüht, mehr über die Legitimation und die Aufrichtigkeit der Maxime zu wissen.

Die Aufklärung hat uns säkularisiert; sie hat uns zu Kriegsgegnern und zu kritischen Lesern gemacht. Jetzt legt sie uns nahe, den Pschyrembel zu kaufen. Erstens ist das nicht schwierig, zweitens hilft es, echten Corona-Populismus von begründeter Rücksicht zu unterscheiden.

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Some achievements in the history of mankind are celebrated every century. Others are constantly present. 235 years and 9 months ago, Kant (“An answer to the question: What is enlightenment?”. In Mary J. Gregor (ed.). Practical Philosophy, The Cambridge Edition of the Works of Immanuel Kant. Cambridge University Press, 1999. pp. 11-12) defined enlightenment as:

…man’s leaving his self-caused immaturity. Immaturity is the incapacity to use one’s intelligence without the guidance of another. Such immaturity is self-caused if it is not caused by lack of intelligence, but by lack of determination and courage to use one’s intelligence without being guided by another. 

This is not without pains since, as Kant continues, having a book which contains the whole truth, a priest to represent your own conscience, a medical doctor to judge your habits (my italics; eating or non-eating habits: I conceive the word “diet” broadly, according to its original Greek usage), there is less labour.

The popularisation of science and the project of educating audacious citizens has made progress since then. Most Europeans know today that there are many books which are very likely to contain parts of the unique truth. Books to read, parties to vote, churches to visit, decisions to make which can all be granted by some sort of moral reasoning.

It is more difficult to have citizens who know, though, why the doctor insists them to do certain things. Citizens who understand why the notion of reducing some statistics in the context of an epidemic does not exclude all risks but simply reduces some; people of such a deep formalistic attitude that would make them feel obliged to wear a mask when alone in the auditorium at 7 am if public health regulations prescribe masks in the auditorium – such folks would eventually make fun of themselves and at the end condemn the regulations. An informed citizen doesn’t need to be told how not to endanger her fellow citizen’s life. A citizen without a considerable knowledge of mainstream medicine would be doomed to follow the rules ignoring their point and, eventually, neglect them as pointless.

I know: Kantians perform in the moral realm out of duty. But Kantians are also informed about the rationale behind the duty.

After Kant (and Voltaire and d’Alembert, and Rousseau…) the West has learned to get informed and to read critically. Now we must also buy Stedman’s Medical Dictionary. This is not difficult and it will teach one to tell populism from genuine care.

Forthcoming…

… in BankArchiv, Vienna

“Selbstverschuldet” (self-incurred) is an adjective known from Kant, of course. If you fail to draw your own conclusions from experience with your own reasoning, your immaturity is self-induced:

To vapóri

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Gäbe es eine eigenständige euböische Literatur, dann wäre Jannis Skarimbas ihr Ludwig Thoma und ihr Johann Peter Hebel. Das in seiner volkskundlichen Phase. Später wurde er zum ersten griechischen Surrealisten. Noch etwas später wollte er eine Art Historiker sein, der für eine KP-engagierte oral history eintritt. Diese dritte Phase möchte ich außer Acht lassen, da sie sehr schwach und qualitativ schlecht ist. Die zweite birgt Überraschungen in sich. Denn wie kann ich es sonst nennen, wenn zwanzig Jahre vor Thomas Nagels “What is it like to be a Bat?” der Satz geschrieben wird: “Wie wäre es, wenn wir sehsinnmäßig springen und bewegungsmäßig sehen würden?” Skarimbas genoss kein Philosophiestudium und trotzdem wies er auf einen Zusammenhang hin zwischen Intentionalität einerseits und Kategorien bzw. Kategorienfehlern andererseits.

Es ist ausgerechnet die erste Phase, aus der ich unten übersetzte. Das Gedicht, zunächst 1936 erschienen, tendiert zur Volkspoesie, was sich in der Wortwahl (so ist z.B. vapóri statt karávi oder plío zum Schiff ein “Euböismus”) und der Hafenszenerie manifestiert. Es ist nicht im Sinne des Propagierens der Heimatliteratur meiner Insel, wenn ich ihn übersetze. Eher halte ich es für eine Ungerechtigkeit, dass er unübersetzt und unbekannt bleibt. Vor allem würde der Roman seiner volkskundlichen Phase To thío tragí (Heiliger Ziegenbock) mehr Aufsehen verdienen. Der Hauptcharakter darin, ein Negativbild von Nietzsches Zarathustra, ist ein areligiöser Provinzler – mit mystischen Zügen, wenn es ihm gerade passt – gleichzeitig Gedichte schreibender Stallmeister, der zum Schluss die Ehefrau seines Arbeitgebers ins Bett kriegt. Um das Tragí zu übersetzen, bräuchte ich sehr viel Freizeit, die ich nicht habe. Wenigstens ein Gedicht und wenigstens etwas von dessen Versmaß und Reim hinüberretten. Für Kommentare wäre ich dankbar.

Das Dampfschiff
Schleichend wurde es spät und gleich noch trüb und trüber// 
blaulich wie 'ne Wolke voller Druckerschwärze.// 
Mitten im Dunst kam er bedrohlich rüber,// 
lief in den Hafen ein sachte an die Ankerplätze.// 

"Der Dampfer", sagte ich und zwar erschrockener Seele.// 
Siehe da: das Geisterboot, doch siehe!// 
Wen wohl kam es zu packen an der Kehle// 
böse, gehässig wartend unten hier?// 

Furchtsam war mein Mut und mit allem Bangen// 
schwarz der Verdacht, den ich hatte in meinem Herzen.// 
Offenbar würde ich unbekannt gelangen// 
weit außerhalb der Weltengrenzen.// 

Ach wie unglücklich weinte ich nachtsüber frei,// 
alle Vorbereitungen des Hades um zu treffen,// 
als das Dampfschiff am ganzen Leib rülpste mit Geschrei -// 
blinde Hyäne von denen, die im Dunkeln kleffen.// 

Morgens sah ich es nicht. Im Wasser zog sich ein Strich,// 
einer, der sich mit dem Himmel vereinigte// 
sich schlängelnd nur, wohin dies Schiff -// 
den Kurs von meinem Dampfschiff zeigte.// 

Nun sogar noch trauriger öffne ich meine Seele.// 
Bitter lamentiert's in meinem Herzen.// 
Ach, was für eine Chance ist die, die, wie man sagt, mir fehle// 
zu fliehen außerhalb der Weltengrenzen.


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If there were a literature called Euboean, Yannis Skarimbas would have been its Seán O’Faoláin without the nationalism.

This was in his ethnographic phase. Later, he became the first to write surrealistic prose in Greek. Then he went into historiography to write in a manner reminiscent to oral history and favouring the Communist Party of Greece.

This third phase is the weakest of all and I will not dwell on it. The second can be surprising. Thirty years before Thomas Nagel’s “What is it like to be a Bat” you have an author who wonders what it would be like to jump seeingly (sic) and to see jumpingly (sic). Even if this is a way to play with the possibilities a language offers, one that unluckily resulted to gibberish talk, Skarimbas shows that there is a connection between intentionality and the proper use of categories as opposed to category mistakes.

My following translation of a piece of his folk-tune-like poetry is not due to nostalgic mood, me poor guy earning my daily bread in Switzerland instead of fishing at the Euboean shores. Rather, I find it unjust that he remains untranslated and unknown. For example his novel Holy Goat – its main character is like a negative film of Nietzsche’s Zarathustra – deserves a translation which would demand much more time than I have. Below, I am translating a poem first released in 1936. It tends to folk poetry, which is manifest in “Euboeisms” like vapóri instead of karávi or plío for ship as well as in the scenery.

My first concern was to keep the metre and the rhyme. I would be grateful for comments.

The Steamship
Gloomy the evening, heavily proceeding// 
blueish like a cloud that's made of ink.// 
Covered in the mist, floating and heeding// 
the steamship came to anchor 'fore you blink.// 


"Gosh, the steamship!" said I and my heart was trembling.// 
Watch out, that's the ship, the vulture, how bogus!// 
Who has she come for and awaits to sling// 
at in her anger and silence from among us?// 


During the whole night I cried, unfortunate me,// 
getting prepared for the harrowing of Hades// 
and the steamship did nothing but burping and howling -// 
a hyena who's as blind as the shade is.// 


On the morrow I missed it. In the waters there was stretched// 
a snake-like line that joined the firmament,// 
one the vessel had drawn and fetched,// 
one which along my steamship went.// 


I open my soul with an even sadder mood.// 
Sorrow bitterly sings in my inside.// 
Oh what a chance I lost to depart for good// 
to a place out of any borders worldwide.

Oldie und kaputt

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Die Theorie Bertrand Russels, wonach die Eigennamen Abkürzungen von Kennzeichnungen darstellen, wird nicht mehr ernst genommen, jedenfalls nicht rezipiert. Vielleicht ist das der Fall, weil nach Kripke – dem neuen Paradigma zum Verständnis der Eigennamen – niemand Bock hatte, Russell auch noch zu falsifizieren. Da sieht man, dass es in der Wissenschaft nicht um Falsifikation, sondern um Moden geht.

Da ich nun – nennen wir’s meine Psyche – einem normativen Rationalitätsbegriff anhänge, denke ich, dass es Sinn macht, bei Russell nachzuhaken.

Dieser Straßenname etwa:

(for English, you have to scroll on until the next picture)

ist als Kennzeichnung ein Oxymoron (selbst wenn der Weg zwischen zwei Wegen ist, ist das Dazwischen das zwischen demselben und jedem einzelnen beider anderen Wege Liegende, nicht der Weg selber), aber als Eigenname voll in Ordnung. Wenn also Eigennamen als Abkürzungen von Kennzeichnungen zu verstehen sind, ist die Kennzeichnung “Der Weg, der zwischen zwei Wegen verläuft” keine Ausformulierung des Eigennamens “Zwischen den Wegen”.

Dass es zu Eigennamen wie “Zwischen den Wegen” kommt, ist zwar historisch nachzuvollziehen, es ist allerdings absurd, solche als Abkürzungen von Kennzeichnungen hinzustellen, die, da Oxymora, nicht entwickelte Formen der eigenen Abkürzungen sind.

Kennzeichnungen und Eigennamen sind völlig unterschiedliche Individualterme. Der Versuch, sie historisch in Beziehung zu setzen, heißt Etymologie, nicht logische Analyse.

(Wie bereits in früheren Postings gesagt: Heuer ging’s nicht nach Hamburg, nicht nach Belgrad, nicht nach Meran, nicht nach Istiaia. Heuer waren wir den ganzen Sommer auf dem Velo unterwegs).

ENOUGH WITH SCROLLING

Bertrand Russell thought that proper names are abbreviated definite descriptions. This has been tacitly accepted until the advances of modal logic in the 60s when Saul Kripke launched a new paradigm. I shall not dwell on Kripke here. What fascinates me is that no one has ever taken the pains to falsify Russell. If you ask the rhetorical question: “Why falsify anyone if science is not about falsifications but about fashions?”, well, then you have a point.

Me myself however, I am the kind of person who thinks that rationality is a normative ideal. People like me think that if Kripke is to be preferred over Russell concerning proper names, then this must be due to absurdity or falsity on the side of Russell’s account more than it has to do with any advantages of Kripke’s account.

I discovered this street name which you can clearly see in the picture between the other two. In fact, it means “Between the lanes”.

Now is “Between the Lanes” taken as a street (proper) name an abbreviated definite description? Clearly no! If presupposed to be a definite description, a lane between the lanes is an oxymoron. Once it exists, it is a lane defined in a way that disqualifies itself from being between the lanes. If “Between the Lanes” is an abbreviation of a definite description: “A place which is between the lanes”, then the latter is not a developed version of “Between the Lanes”. But it is absurd to take a name as an abbreviation of something which is not its developed version.

No, proper names are not to be analysed as abbreviations of definite descriptions. Analysing the names in virtue of their history, is etymology, not logical analysis.

(Well, as I have stated in this blog, this year it was not like “Let’s go to Hamburg, to Belgrade, to Merano, to Istiaia”. It was rather like “Let’s ride our bikes”).

Categories and formal mistakes

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Das ist ein lustiger Kategorienfehler, habe ich gedacht. Denn man schreibt entweder “circa 20” oder aber “19”, “17,5” – was weiß ich – ohne “circa” dann.

Allerdings kann man auch so argumentieren: “Circa” ist ein Vagheitsoperator, weshalb alle nicht runden Zahlen in seinem Skopus formale, keine Kategorienfehler darstellen. Aber wenn man so argumentiert, sind alle Kategorienfehler von einem höheren Standpunkt betrachtet formale Fehler.

Die Formalitäten sind allerdings konventioneller Natur. Was die eine Syntax verbietet, lässt die andere zu. Schweizer könnten dann argumentieren, mit der Angabe 19 Minuten sei die Verspätung noch nicht mit höchster Genauigkeit angegeben. In der Schweiz dürfte man damit getrost sagen “ca. 19” statt “ca. 20”. Das sagt man ja auch. Zudem würde eine genau zwanzigminütige Verspätung des Zuges die Angabe 19 im Nachhinein gewissermaßen auch als vage erscheinen lassen.

Wenn diese schweizerische Art, “ungefähre” Angaben zu machen, berechtigt ist, dann bezieht sich die Vagheit nicht auf die Granularität unseres Messens, sondern auf eine Art “Wahrheitsnähe”.

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I wanted to share this funny category mistake with you: At Basel’s Swiss Station they announced that the train to the German Station (“Bad” stands for Baden, the neighbouring part of Germany, and should not be confused with the English lexis) has a delay of “about 19 minutes”. This is a delay I, for example, would indicate either as “about 20 minutes” or as “exactly 19 minutes” but never as “about 19 minutes”. “About”, “roughly” and the like demand indications in terms of rounded numbers.

However, one can make the case against my category-mistake claim, rather for a formal mistake, by arguing as follows: “about”, “roughly” and the like are vagueness operators not to have nonrounded numbers in their scope by the rules of syntax. Syntax, in its turn, is conventional. The one syntax prohibits things the other allows. And since the announcement about the 19 minutes “roughly” is in Switzerland, the Swiss can plead to follow their rules instead of anyone else’s. They can say that using an odd number does not make an indication exact. Or that if the train happens to arrive in exactly 20 minutes, the reference to 19 minutes “roughly” is not a mistake of any kind. 19 is, after all, close to 20 but not exactly 20.

If they are right, vagueness is not a matter of the granularity of our measurements but one of verisimilitude.

Coemeterium et coemesis

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Friedhöfe sind traurige Orte. Alte jüdische Friedhöfe in Deutschland geben mir einen zusätzlichen Grund zur Traurigkeit, die unabhängig von den Trauerfeiern ist, die in ihnen begangen wurden. Wenn zumal kein Weg zu oder aus ihnen führt wie am alten jüdischen Friedhof von Hürben im bayerisch-schwäbischen Krumbach, wirken sie wie losgelöst von der Welt. Dass es sie heute noch trotz der 30er und 40er Jahre gibt, ist auch nicht von dieser Welt.

Die Gottesgebärerin Maria, deren Entschlafung am 15. August gefeiert wird, soll direkt in den Himmel aufgefahren sein. Das erscheint wohl als die falsche Assoziation zum jüdischen Friedhof; vermutlich eine aus dem Umstand resultierende, dass ich den Wunsch nach dem Himmel für Ausdruck der Ausweglosigkeit auf Erden halte. Das klingt jetzt marxistisch, ich weiß… Nicht meine Absicht.

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Cemeteries are places of mourning. Especially old Jewish cemeteries in Germany I find sad independently of the mourning. If they stand in the middle of nowhere, no path to lead to them like the one in Krumbach in the Bavarian Swabia, they seem to be out of this world. For an old Jewish cemetery to have survived the 30s and 40s is something not of this world anyway.

The Mother of God, whose dormition is celebrated on August 15th by the Orthodox and the Catholics, is said to have moved to heaven. You may think that the Jewish cemetery without a path is not a matching association with this. Probably I have it because I think that no way out of a situation (take the word in its Sartrian sense) is the main reason for people to opt for a religious stance.

This sounds probably Marxist. Not my intention.

Overlapping regions and linguistic standards

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Es gab eine Zeit, als es Ferien und unproblematische Grenzübergänge gab.

Was ich letztes Jahr verstärkt besuchte, waren Regionen, wo kulturelle Überlappungen bestehen. Südtirol z.B. oder die Mäander des Südlichen Morawa. Gut, letztere sind zwar in einer Region, die nicht in einen Nord- und einen Südteil geteilt wurde, aber “Grdelička Klisura”, der Name des Tals des besagten und archaisch-unbegradigten südserbischen Flusses, bewahrt das byzantinische Wort für “Schlucht” in der Fremdsprache.

Solche Regionen besuche ich heuer nur noch virtuell auf dem Balkon. Dort las ich letztens Frege, um festzustellen, dass er in seiner Bezugnahme auf die “Losreißung Schleswig-Holsteins von Dänemark” in “Über Sinn und Bedeutung” nicht nur einen Beleg für den Unterschied zwischen Nominalausdruck und Nebensatz liefert, sondern auch ein altmodisches Verständnis der Geopolitik überlappender Regionen und fließender Sprachgrenzen.

Überlappung ist sehr wichtig für die Mereologie. Wenn die Mereologie wichtig ist, dann ist das wegen der Hoffnung – eher eine Hoffnung ist das nämlich – eine Rechenschaft darüber ablegen zu können, dass mein Schreibtisch und mein Ellenbogen sich nie überlappen, sehr wohl aber beide Tirols, beide Macedoniae, beide Schleswigs.

Im Sinne der Sprachpolitik werden solche geokulturellen Überlappungen verdrängt: Niemand sagt heute: “Tirol”, “Schleswig” oder “Makedonien” in der Bedeutung “sowohl Nord als auch Süd”. Die Politik sorgt erstaunlich schnell für die Verbreitung des normierten Ausdrucks: Südtirol, Schleswig-Holstein, Nordmakedonien.

Tja, es ist die Politik im Endeffekt, welche die Sprache in den gegebenen Beispielen sowie die in ihnen eingebettete Mereologie beeinflusst. Wenn etwas so Wabbriges wie die Politik sich als festes Werkzeug für beständige Änderungen unserer mereologischen Wahrnehmungen erweist, sehe ich nicht, wie das große Ziel einer adäquaten und axiomatisierten Mereologie erreicht werden kann.

Das sind allerdings meine diesjährigen Gedanken. Gedanken vom Balkon aus.

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There were times of uncomplicated travelling and border crossing. Last year I visited regions of cultural overlapping: an old German speaking mining site high in the mountains of Alto Adige, Italy as well as the maeanders of the Southern Morava in Southern Serbia. I enjoyed them because this is how rivers looked like centuries ago before human activity changed them, and because it forms the last canyon in Serbia on your way to Greece. This year I kill my time looking up the name of said canyon, “Grdelička klisura” in the encyclopaedia and finding out that it rescues the medieval Greek word for gorge in a foreign language. I love the historical overlapping of languages and identities.

I only have my books and my balcony this summer – no visits anywhere. But I am also the kind of guy who loves reading Frege’s examples on Schleswig-Holstein’s separation from Denmark on a balcony – so no big problem. I hardly find his remarks intriguing, rather I simply agree with him, when he says that the (temporal) meaning of the nominal expression: “after the separation of S-H…” is different than the (political) meaning of the secondary clause: “After S-H was separated…”. What nevertheless is intriguing is the old-fashionedness of his understanding of geopolitics of ethnically overlapping regions.

Overlapping is of great importance for mereology. If mereology is of some importance, then because it can give you – this is at least the hope – an account of why you cannot have an overlapping region of my desk and my elbow, but why historical regions like the two Tirols, the Macedonias, the two Schleswigs, regions that historically and geographically are closely connected, overlap in a nonproblematic way.

Language politics prefers a mereology of geographical entities with close ties that rather resemble my desk and my elbow. If you speak today about “Tirol” meaning not only Innsbruck but also Merano, you will be corrected. Schleswig is either South or North, either German or Danish. There is no Schleswig although there is a South Schleswig and a North Schleswig. Analogous is the case of Macedonia. You have the independent nation of North Macedonia whose language is a Bulgarian with many Serbocroatian words, and Greek Macedonia – more or less three quarters of Northern Greece. You hardly speak of Macedonia simpliciter these days.

Politics influences language and it influences the mereology embedded in it. And if something so fluffy and blurred influences mereology, I can’t see how the latter can be adequately axiomatised.

But who knows! Maybe next year, when my thoughts will not have emerged on the balcony, my opinion on this will change.

The most slippery, deepest slope ever!

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OK, mit den W1-Stellen für die Nachwuchswissenschaftler haben wir uns abgefunden. Dann kamen aber die Tenure-Track-W1-Stellen – natürlich entgegen jedem moralischen und juristischen Bedenken gegen Hausberufungen. Nun kommen schon W2-Stellen für Nachwuchswissenschaftler.

Dieser Slippery Slope ist sehr tief. Mindestens so tief wie die Abwertung der Habilitation an deutschen Unis nach der Einführung der Juniorprofessur. Mindestens so tief wie der Status derjenigen, die die klassische deutsche Unikarriereleiter erklommen haben, nach der 12-Jahre-Regel. Mindestens so tief wie das symbolische Kapital desjenigen Bundeskanzlers, der die PDs und apl-Profs ein Siebtel der deutschen Uni-LVs ohne jegliche Besoldung zu machen verdammte; des Menschen, der seinen belesensten Minister einen Kulturpudel nannte; desjenigen also, der hätte wissen sollen, dass die militante Antiintellektualität nicht zum politischen Profil seiner Partei gehört, sondern zu einer gaaaanz anderen…

Der ist 18 Jahre später schuld an dieser Entwicklung.

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There was two decades ago a German chancellor who was very proud of his working-class origin. But working-class pride was only one dimension of his political program. Another dimension was his militant anti-intellectualism, which, at least in Germany, should have made the working class a bit more cautious towards him. Anti-intellectualism, you see, had been a constraint of another ideology, not of the left.

Schroeder – does anyone remember the name? – used to call the one philosopher in his cabinet, the influential political philosopher Julian Nida-Ruemelin, “culture poodle”, referring to his curly hair. Rudeness, taken alone, is not a sign of anti-intellectualism. But then Schroeder promoted the assistant professorship of recent PhDs. OK, we swallowed this, but then he also prohibited universities to employ people with a second monograph for more than 12 years unless as professors. By doing this, he sent those who had climbed the traditional career ladder to unemployment at the age of 40 (while they continued teaching at the university without a salary!) while rendering the assistant professorships of the 30-year-olds to tenure-track professorships without a second monograph. As of today, one out of seven classes at German universities are conducted by people who climbed the classical German career ladder : PhD AND then second monograph, without earning one penny for this! They keep up the hope that some of the professorships not occupied by Schroeder’s youngsters will be theirs some day.

What I found today in the internet is appalling: obviously we have the first associate-professor posts for young PhDs. This slippery slope was deeper than even Schroeder’s anti-intellectualism.

Soritic problems in mereology

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Die philosophischen Probleme, über die du beim nächsten Spaziergang stolpern wirst, sind nicht vorauszusehen. Der Call for Papers ist draußen und plötzlich: diese Felder!

Homogen oder grob homogen nennen wir ein Ganzes, wenn es aus mehreren Teilen besteht. Ein Gerstenfeld ist homogen. Was ist aber mit drei oder vier Gerstenähren? Der Blick verlagert sich plötzlich auf die Unterschiede in den Details: hier die Grannen, da die Körner, oder? OK, aber fünf Gerstenähren? Sechs? Der Sorit liegt auf der Hand. Auch wenn wir eine Thematik im Call for Papers nicht erwähnten, würden wir (guido_imaguire[at]yahoo.com; gero[at]philori.de) gerne darüber lesen. Voraussetzung: Das Thema wird im HoM nicht behandelt.

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You can’t predict the philosophical issues you will come across in your next walk. The Call for Papers is issued and suddenly: these fields!

We call wholes (largely) homogeneous when their parts are many. But we don’t call them thus if the parts are few. A field of barley is homogeneous. But a bunch of two or three burley ears is a heterogeneous whole: here the awns, there the seeds. A bunch of four? Of five? The sorite is obvious. Even if we (guido_imaguire[at]yahoo.com; gero[at]philori.de) didn’t mention the or that issue in the Call for Papers, feel free to express your interest. The condition is: we didn’t discuss it in HoM.