Surprise #1 or: A word about the blurred

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Das Jahresende naht und es ist an der Zeit, ein paar Überraschungen zu nennen, die sich während der letzten Umdrehung des Planeten um die Sonne ereigneten.

Die erste ist eine publizistische: Bücher geschrieben von Islamwissenschaftlern gehen normalerweise an mir vorbei. Ich nehme sie, wenn überhaupt, erst Jahre später wahr. Diesmal kam es anders. Die gute Freundin und Künstlerin hat mir Thomas Bauers Vereindeutigung der Welt ausgeliehen. Die Hauptbotschaft des Buches ist, dass ambige Kontexte in der Moderne immer weniger werden und durch eindeutige ersetzt. Problematisch ist hierbei, dass der Autor „ambig“ uneindeutig verwendet. So gehören darunter Beispiele wie der Umstand, dass in den amerikanischen Sportarten wie American Football und Basketball Unentschieden kein zulässiges Ergebnis ist – was aber von Bivalenz (es gibt nur Gewinner und Verlierer), nicht von Ambiguitätsintoleranz zeugt.

Richtige Ambiguitätsintoleranz wie die Normierung der römisch-katholischen Messe nach 1965 bzw. dem Zweiten Vaticanum wird vom Autor erwähnt, wobei dieser hier nicht erzählt, dass die griechisch-orthodoxe Liturgie Tag für Tag seit dem 4. Jh. nach einer ganz stringenten Form gefeiert wird, deren letzten musikalischen und rituellen Neuerungen aus dem 14. Jh., deren Sprache aus dem ersten, deren Gesang – wenigstens der Großteil – aus dem sechsten stammen. Insofern ist die Vereindeutigung kein originär modernes Phänomen – jedenfalls ein existentes, weshalb ich die Lektüre genossen habe.

Vor allem sehe ich die analytische Philosophie am Werk, die philosophische Tradition zu vereindeutigen. Insofern als ich Analytiker bin, teile ich die „J’accuse“-Haltung des Autors gegen Vereindeutigung nicht.

Trotzdem: genossen.

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Just before the end of the year I would like to mention some surprising things that came across my way during the last turn of the planet around the sun.

The first is Thomas Bauer’s book by a title that can be translated into English as: Disambiguating the World.

Bauer is a professor of Islamic Studies at the University of Münster in Westphalia, Germany, which would normally be a reason for the book to pass unnoticed if it weren’t for this good friend and artist from whom I’ve got the recommendation and borrowed it.

The message of the book is that ambiguous contexts become in modern culture less and less, substituted by unambiguous.

Now, it is a problem that the author uses „ambiguous“ in an ambiguous way. The fact that in American football and basketball – obviously more modern than European football – a draw is not possible by the rules of the game, is an example of bivalence, not one of intolerance towards ambiguity.

However the author also addresses intolerance towards ambiguity properly called this. The standardisation of the Roman-Catholic mass after the 2nd Vatican Council in 1965 is one example he mentions. The standardisation of rituals is, however, by no means a characteristically modern phenomenon. The Greek Orthodox liturgy has been standardised in more or less the form we find it today since the 4th century. The music comes in its large parts from the 6th, a couple, very few, feasts were added until the 14th century.

But, yes, standardising is a trend in culture, which is a reason to make the book enjoyable. Especially in the realm of philosophy, it is analytic philosophy that has taken up the task of disambiguation. Insofar as I am an analytic philosopher, I don’t share Bauer’s „J’accuse“ against disambiguation.

But as I said: enjoyable.

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Gestalt floristry

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Der Unterschied zwischen einzelnen Schnittblumen und Blumensträußen ist ein mereologischer: hier die Einzelnen ohne Ganzes, da das Ganze. Begründet sehe ich besagten Unterschied in der Anordnung der Teile. Damit ist die Anordnung kein Teil von vielen Blumen einzeln betrachtet, sehr wohl aber Teil des Ganzen in einem Blumenstrauß. Da aber auf dem Boden der empirischen Wahrnehmung nur Blumen und Grünzeug erkennbar sind, ist die Anordnung von Blumen und Grünzeug ein Metateil. Damit hat der Blumenstrauß einen Metateil als Teil.

Unsere Große hat ihre ersten vier Theatervorstellungen hinter sich. Es geht jetzt zurück in den Alltag.

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The difference between flowers taken individually and bouquets is one of mereology. The individual flowers don’t make up a whole, the flowers of a bouquet do.

The reason for this appears to be an intended structure of flowers and greenery in the case of the bouquet, a lack thereof in the case of individual flowers.

From this I conclude that the intended structure is a part of a bouquet. If I’m right in this, a bouquet has as its parts not only flowers and greenery but also an intended structure. Thereby it has metaparts as parts.

Our elder daughter was on stage – four inspiring performances. Now we return to normal.

Ethics as commodity

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Am sogenannten WOW-day („WOW“ steht für Waldorf One World) findet an Steiner-Schulen rund um die Welt kein Oberstufe-Unterricht statt. Stattdessen gehen die Schüler Rasen mähen, Fenster putzen, mit dem Nachbarshund spazieren, um das, was sie als Dankeschön dafür bekommen, für das Wohl von Menschen aus der Dritten Welt zu spenden: ob’s ein Flüchtlingslager in Griechenland, ein Brunnen in Burundi, ein Kindergarten in Bolivien ist. Der Auftraggeber – ob Garten-, Fenster- oder Hundbesitzer – kauft Sauberkeit, Rasenschnitt, Hundeglück. Der Schüler wiederum kauft mit dem verdienten Geld Moralität, da er es spendet. Auch der Garten-, Fenster-, Hundbesitzer kauft Moralität insofern, als er die Dienstleistung wegen der voraussichtlichen Spende präferiert.

Ethik in welchem Wert? Klassisch gesehen, ist der Tauschwert für moralisch Gutes gleich tatsächlicher Preis minus Normalpreis. In einem Fair-Trade-Laden bezahlt der Kunde den Kaffee teurer, um Wohltaten in Afrika und Lateinamerika mit der Differenz zu finanzieren. Kostet ein vergleichbarer Kaffee bei Aldi neun Euro und im Fair-Trade-Laden zehn, dann ist der eine Euro der Preis der moralischen Handlung, die der Kunde konsumiert. Der spendende Schüler konsumiert also, hat er etwa 40 Schweizer Franken für das Rasenmähen verdient, Moralität im Wert von 40 Franken, da er sein ganzes Verdienst spendet, der Hausbesitzer mit dem Rasen konsumiert aber Moralität im Wert von nur 20 Franken, falls er seinen Rasen normalerweise zu 20 Franken mähen lässt.

Diese Berechnung des Nutzens und Preises beim Produkt: Moralität ist allerdings, wie ich finde, defizient. Nach dem WOW-day sagten mir ein paar Schüler, sie waren gar nicht „schaffe“. Stattdessen spenden sie 40 Franken aus ihrem Taschengeld dafür, dass sie den 1. November auf der Basler Herbstmess‘ (einer Art Oktoberfest auf dem ganzen Stadtgebiet sag‘ ich mal) statt in der Schule verbringen durften.

Einerseits sind die 40 Franken weiterhin eine Spende für einen guten Zweck, andererseits ist die Differenz gleich null. Denn die Schüler haben damit etwas gekauft: Freizeit.

Sie tun etwas Gutes, gewiss, so wie es der Katze Gutes getan wird, wenn jemand mit einem Fischkopf wirft, um sie zu treffen. Aber dankbar muss die Katze nicht sein.

Lange behaupte ich, dass der klassische Ansatz nicht in der Lage ist, den Wert und damit die Preisbildung der Ware Ethik zu erfassen. Ein ehemaliger Freund, heute weltweit bekannter Ökonom postmoderner Gesinnung, hatte mir in diesem Kaffeehaus in der Nähe vom Syntagma-Platz gesagt – mein damaliges Büro war an der Lekka-Straße, seines Ecke Evripidou und Aiolou, erst viele Jahre später sollte er für sechs verheerende Monate das Büro des Finanzministers direkt am Platz beziehen – „Die klassische Theorie hat keinen Defekt. Du musst sie einfach so ablehnen. Lies aber Amartya Sen“.

Er ist zwischenzeitlich recht berühmt. Ich habe immerhin bessere Beispiele als damals. Und zwar solche auf der Basis des klassischen Ansatzes. Übrigens kalkuliert sogar Marx den Mehrwert auf der Basis der klassischen Nationalökonomie. Wäre er nur ein weiterer Linkshegelianer, würde sich kein rationaler Mensch mit dem Marxismus beschäftigen. Auch Marxens Verständnis von Rationalität setzt das klassische Denken voraus. Es gibt keine postmoderne Nationalökonomie.

Nicht dass der klassische Ansatz deshalb keine Rationalitätslücken und Paradoxien ergäbe! Im Gegenteil. Bloß, dass sie als solche wahrzunehmen sind, setzt den klassischen Ansatz voraus.

Dass die Ethik die Ursache solcher Paradoxien ist, wird eine ethische Intuition vieler Menschen wohl bestätigen.

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On the so-called WOW-day („WOW“ stands for Waldorf One World) instead of having lessons, Waldorf-Steiner students all over the world from sophomore to graduate level clean your windows, make your garden, walk your dog etc. to donate what they earn on this day for a developmental project chosen by the school: a kindergarten in Peru, a shelter for refugees in Greece, medical equipment for Eritrea. You, as the one who hires the student, „buy“ clean windows, subsequently the student „buys“ ethics by donating the money she earned. And if your motive to hire the student was your certainty that she would donate the money, some amount of it „buys“ ethics too. How much? Classically, an ethical action is worth the price you pay minus the normal price of the commodity in question. This is how the slightly higher price of fair-trade shops is perceived. Your pure conscience is worth the coffee price in the fair-trade shop minus the normal coffee price. However, when the student donates the earned money then it’s the whole donation that makes up the value of ethics as a commodity since the student gets no coffee for this – or anything else.

This classical approach is flawed. Just after this year’s WOW-day, I heard some students saying that they didn’t make anyone’s garden to earn the money they would donate. Instead, they would donate their own savings, say, 40 Swiss Francs, to pay for a very enjoyable 1st of November where they had visited Basel’s Herbstmess – a shiny fair with carousels, things to eat, stuff to drink. One intuition is that they’d still donate the amount of 40 Francs. Another is that, by doing so, they’d buy something for 40 Francs – free time – which makes the difference between this commodity and the value of their ethical act equal zero. Again, if you throw a bone to hit a dog and he finds something to eat in it, are you the dog’s benefactor?

For a long time, I’ve been claiming that classical economics does not grasp the price mechanism of ethics as a commodity. In the beginning of my journey in the philosophy of economics someone, back then a friend, in the meanwhile a worldwide famous economist and one of postmodernist spirit, told me – it was in a café in downtown Athens; my office was near, his too – „The classical school is not flawed, you have to reject it in advance! But read Amartya Sen“.

In the meanwhile he’s famous, as I said. But in the meanwhile I have better examples than back then. Examples that don’t change the subject but ones on the basis of calculations. If Marx hadn’t taken the pains to calculate surplus value, no rational individual would be interested in his work. Apparently he also thought that there’s no way you can make sense of economy and rationality going past the classical approach. There’s no such a thing like postmodern economics.

But this is not to say that there are no gaps, flaws, paradoxes in our classical way of thinking. On the contrary, finding out the flaws presupposes the acceptance of the classical approach.

Is ethics the source of many flaws in classical economics? Well, at least many of us have this intuition.

Moral games

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Bereits seinerzeit hatte sich David Hume mit den Ursachen der religiösen Hasspredigt beschäftigt und bemerkt (History of England, am Anfang von Kap. 29), dass zwei antagonistische Prediger einzig und allein deshalb zu Hasspredigern werden müssen, weil sie sich selbst und ihre Botschaft gegenüber dem Antagonismus überhöhen müssen:

Eine etwaige Kompromissgeste ihrerseits wäre für Religionen, die den alleinigen Wahrheitsanspruch erheben, ein Zeichen der Unglaubwürdigkeit, so dass der andere Prediger mit polemischer Rhetorik den Sieg davontrüge. In der Naturgeschichte der Religion hat Hume dargelegt, dass monotheistische Religionen zu mehr Intoleranz tendieren als polytheistische. Um möglichst keinen Nachteil zu haben, verzichten die Kleriker auf den gemeinsamen Vorteil der Kooperation. Das ist natürlich eine Instanz des Gefangenendilemmas.

Das Gefangenendilemma ist für den Erstsemester-Wow-Effekt beliebt, den Effekt: „So dumm: würden sie kooperieren, hätten sie beide was davon und, nur weil sie es nicht konnten, bekommen sie die erdenklich schlechteste Lösung“.

Zwar nicht paradox aber gewissermaßen ähnlich ist die Situation in der Basler S-Bahn im Berufsverkehr: sie stellt ein spieltheoretisches Pessimum dar. Um auszuschließen, beiderseits bedrängt zu werden, stehen am Anfang der Fahrt blockierende Fahrgäste möglichst nah an der Tür. Der Korridor bleibt leer, um dem Blockierer wenigstens von der einen Seite ein Gefühl der Freiheit zu geben. „Von der einen“, weil auf der anderen Seite, Richtung Tür, Haltestelle für Haltestelle, die nachströmenden Fahrgäste drängen. Zweitklässler von der deutschen Schule kurz vor der Staatsgrenze, die sich nicht trauen, den Blockierer zu bitten, Platz zum Vorbeikommen zu machen; Behinderte im Rollstuhl; Omis; Fahrgäste vor der Tür, haufenweise. Der Korridor hinter dem Blockierer bleibt frei… Tja, spieltheoretisch gesehen ist das Einsteigen in die Basler S-Bahn ein Triumph der nichtkooperativen Lösungen, weil das Nash-Gleichgewicht beim größtmöglichen Nachteil der zugestiegenen Fahrgäste (gedrängt sein) und des Blockierers (für ein Idiot gehalten zu werden) liegt, was in einer eher übersichtlichen urbanen Agglomeration, wo die Leute stets aufeinander hocken (zweihunderttausend Einwohner hat der Kanton Basel-Stadt, nochmal so viele der baselländische, nochmal so viele der Landkreis Lörrach) nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist.

In manchen der Großstädte, die ich kenne, Athen, München, Belgrad, wird der Blockierer geschubst. Dadurch wird der Blockierer gezwungen, nicht als Idiot zu glänzen, und ein wenig mehr Platz für die anderen gibt’s auch noch. Wie man sieht, kann das Schubsen paradoxerweise zu einer kooperativen spieltheoretischen Lösung führen.

Klammer auf:

„Idiot“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich „eigenwillig“, auch „Privatmann“, „auf eigene Regie Handelnder“.

Klammer zu.

Hume hatte es in History of England, a.a.O., gebilligt, seinem avant-la-lettre-spieltheoretischen Pessimum mit einem staatlichen Eingriff entgegenzuwirken – allerdings mit keinem negativen reinforcement wie etwa das Schubsen, sondern positiv durch Bestechung. Er schlug vor, Korruption als Faktor in das spieltheoretische Modell hinzuzufügen. Der Staat erkauft den Frieden, indem er die Hassprediger dafür bezahlt, tatenlos und schweigsam zu bleiben. Korrupte Hassprediger sind zu Kooperationen bereit und deshalb ehrlichen vorzuziehen.

Idioten lassen sich weniger vom Schubsen beeindrucken, deshalb klappt das Platzmachen wohl nur in Großstädten, wo es mehr Schubser gibt. Das Schmieren von Hasspredigern sollte unabhängig vom Standort gelingen.

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In the beginning of ch. 29 of his History of England, David Hume states that clerics of two antagonistic „sects“ cannot but propagate religious hatred. Especially in monotheistic religions (he thinks in the Natural History of Religion that these are more intolerant than the polytheistic), any gesture of compromise would make the (superstitious) public believe that the message is unreliable, the antagonistic cleric would achieve a victory on the symbolic level if he continued to preach a

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in the struggle to preach more hatred than the others. This is, of course, an instance of the prisoner’s dilemma.

First-semester enthusiasts love the prisoner’s dilemma for the clear insight it gives: „It’s so stupendous not to be able to have the common advantages of cooperation only because you didn’t bother to talk to the other“.

Game theory is an issue in the Basel suburban morning trains too. Those who get on the train early want to ensure that they will have the illusion of some comfort at least from their one side. This side is the corridor. It can’t be the door area, from the other side, since the door opens every two or three minutes at every train stop for more passengers to embark. Consequently, the early bird stands in front of the corridor so that no one would pass by. The kids of the German school close to the state border, the emigrant without knowledge of German, the old woman who doesn’t know that there are handles to hold on in the corridor, would rather not dare protest. The corridor remains empty while the door area has the desperation but not the anger of a riot. Yes, getting on the Basel suburban train is a triumph of noncooperative game-theoretical solutions, since the Nash-equilibrium is the worst of cases: the one party is squeezed until they reach the main station, the other is the blocking blockhead. In an urban agglomeration of totally six hundred thousand inhabitants (one third of this is the population of the city, the population of the neighbouring German towns make up another third, the last third, finally, are the inhabitants of the canton Basel-Landschaft) this is not always without reidentifications of the kind „I know him, he lives across the street where my sister lives“.

In some big cities I happen to know better, Athens, Munich, Belgrade, the blocking individual will be pushed to give way. The others give him the chance to stop being an idiot and they get some extra space for this service. As one sees, pushing can be a cooperative game-theoretical solution.

I know that it is offensive to speak of an „idiot“. I ask the reader to acknowledge the mitigating circumstances. One of them is the fact that the word is of Greek origin and means „of his own“.

Hume thought it a good measure to block the game-theoretical pessimum of religious hatred he had in mind centuries before its time, by means of a positive reinforcement (instead of a negative like pushing): bribing the clerics for their indolence – but only for their indolence. Corrupt clerics are more cooperative than honest fanatics who would rather launch polemics.

One thing is that you can’t impress a blockhead by pushing. This is presumably the reason for the more cooperative nature of train crowds in big cities where pushing is simply more frequent. In contrast, bribing hatemongers is a measure that works independently of location.

Pizzas, pittas, quiches and their pieces

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Wer nach der griechischen Pitta (etwa der Tyropitta, der Lachanopitta, der Tsuknidopitta) oder der südserbischen Gibanica googelt, bekommt als Treffer Fotos eines deftigen (meistens mit hauchdünnem Nudelteig hergestellten) runden Blätterteigkuchens, der meist wie Pizza angeschnitten ist. Dieses Anschneiden ist nur in TV-Kochsendungen oder im Internet anzutreffen. Als Element kultureller Hybridität ist es auf die in Griechenland und Serbien wahrgenommene Überlegenheit der italienischen und französischen Küche zurückzuführen; insofern postkolonial. Keine Oma aus Ioannina oder Leskovac schnitt ihre Pitta oder Gibanica wie eine Pizza oder eine Hochzeitstorte! Vielmehr bestand der Anschnitt aus zwei sich senkrecht schneidenden Durchmessern und Parallelen zu diesen beiden. Die Randstücke waren nach diesem, dem einzig traditionellen Anschneiden, kleiner oder größer als die Stücke weitab vom Rand. Das Verteilen der epirotischen Pitta, eines für Generationen fast täglichen Essens in den Dörfern Nordwestgriechenlands, war kein Fall der distributiven Gerechtigkeit. Die Welt ist ungerecht und so waren auch die Stücke.

Viele würden sagen, dass ich hier übertreibe, dass früher eine ausgleichende Gerechtigkeit gewahrt wurde („Dieses große Stück für dich, weil du den ganzen langen Tag nichts gegessen hast“), dass die Verteilung eventuell individuellen Vorlieben entsprochen hat („Ich mag sowieso keinen Spinat, dafür knusprigen Blätterteig“), aber ich weiß ganz genau, dass die Fälle, wo einer unzufrieden mit seinem Stück war, nicht wenig waren. Ungerechtigkeit wurde hingenommen.

So ungerecht allerdings, dass ein Randstück nur aus Blätterteig bestand, keine Spur von Feta, Brennnessel, Spinat hatte, war die Verteilung selten. War das Randstück so klein geraten, dass gar keine Füllung drin lag, dann pflegte man zu fragen: „Warum hast du mir kein richtiges Stück gegeben?“

Daraus wird klar, dass die Ganzes-Teile-Beziehung einer traditionell angeschnittenen Pitta oder Gibanica anders als bei Quiche oder Pizza eine mereologische war und zwar eine auf die Mengenbeziehung nicht reduzierbare! Während nämlich alle Pizza- oder Quichestücke sowohl echte Teilmengen als auch echte mereologische Teile sind, war es möglich, Pitta- oder Gibanicastücke zu haben, die „nicht richtig“ waren: nur Teig. Diese waren zwar echte Teilmengen aber keine mereologischen Teile einer Pitta oder Gibanica, sondern nur Teile von deren Teigblättern.

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If you google to get pictures of Greek pittas (I mean real pittas: spinach pies, cheese pies, nettle pies, not the thing Greek eateries would serve with kebab), also pictures of South Serbian gibanicas (pronounced „gheeb-an-etsas“), you will find mostly unreal, improbable pictures: pies cut in a way you would cut a pizza or a wedding cake but not the traditional way a non-professional cook from Niš or Ioannina would cut the pie. Pizza-like cuts demonstrate a cultural superiority of French and Italian kitchen towards the Southeast European periphery, are postcolonial, hybridical forms created by TV shows or for the internet – they are fake servings.

The real thing is served when you cut the pie in little squares. Since the baking pan, however, is round, the pieces at the edge are smaller or bigger than those that are not at the edge. Serving a cheese or a spinach pie, for generations an almost daily dish in the villages of Nordwest Greece, wasn’t a case of distributive justice. The world’s unjust and this was something you had to cope with also during lunch.

You’ll say I’m exaggerating.

You’ll say it’s justice after all, restorative justice, when the one who’s been working all the day gets the middle pieces. You can also see individual preferences respected here: „I hate spinach anyway, but I love crispy pastry“.

Whatever you say, I know that the cases people are disappointed from their piece are many.

No piece was supposed to be so unjust however that it would consist only of fyllo, only of pastry: no spinach, no feta cheese, no nettles, no nothing… Would this be nevertheless the case, the reaction would be prompt: „Why, am I supposed to eat a piece that’s not real?“

„Nonreal piece“ means, in this context, something that doesn’t deserve to be called a piece of pitta. Maybe a piece of the pitta’s pastry but not a piece of the pitta itself: with its spinach and its sheep’s cheese!

„Nonreal pieces“ are such that they are reminiscent to injustice in the world but also evidence of mereology’s nonreducibility to set theory. „Nonreal pieces“ are genuine subsets of the pitta in question but not genuine mereological parts thereof. Maybe of its pastry but not of itself. A genuine part of a pitta must contain something under the fyllo.

The teacher and the detached

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Die nicht abgetrennten Teile eines Ganzen unterscheidet von den abgetrennten der Umstand, dass die Grenze der ersteren zum Rest entweder scharf ist, oder soritische Probleme erzeugt. Bei abgetrennten Teilen ist der Grenzverlauf dagegen irrelevant. Nie stellt sich bei der Präsentation abgetrennter Teile eines Ganzen die Frage, wie weit weg die Teile voneinander zu stellen sind. Bei integren Ganzen ist es dagegen immer wichtig zu wissen, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Wie fein die Grenze ist. Gibt es eine Pufferzone? Wie breit ist diese? Sind Abweichungen in der Pufferzone tolerabel? Ähnlich damit entspringen die soritischen Probleme der Art eines Slippery Slopes, eines Präzedenzfalls, einer Versicherungspolice mit unscharfen Begriffen aus dem Umstand, dass die Unterscheidung zwischen verschiedenen Geltungsbereichen nicht scharf vorgenommen wurde.

Juristen ist es wie Ärzten und Politikern wichtig, wo eine Grenze verläuft – gleich Landvermessern, die wissen müssen, wo sie einen Pflock in die Erde stecken.

Für den Museumspädagogen des Athener Nationalen Archäologischen Museums ist dagegen die Frage, wie weit weg er einen Arm der Zeusstatue von deren Kopf platziert, zweitrangig. Wie Museumspädagogen ignorieren Lehrer oft das Angrenzende, um in das Nächste überzugehen. Das pflegen sie, wenn es das Angrenzende nicht gibt, oder wenn es als Erkenntnisgegenstand nicht zweckmäßig ist.

Disjecta membra sind des Lehrers. Dass er in ihnen Ordnung schafft, ist mehr eine Sache seiner Poesie als seines Fachwissens.Enough with scrolling

The museologist of the National Archeological Museum of Athens doesn’t care much about how far away from Zeus’s head the arm is to be placed. When the statue was intact, there was an invisible, yet clear borderline between the limbs and the torso, the torso and the head. But after the destruction, it is pointless to try to put the arm to its exact place compared to the head. If the parts are detached, exactness is not the issue.

But if the parts are undetached, exactness is the issue. In case it fails to be, this happens at the price of soritic problems. Imagine state borders without exactness. Where does your state begin? Here? Two yards further? Two hundred yards further? Two hundred yards which way? Already two yards, let alone two hundred,  are too large a deviation? But two inches we wouldn’t mind, would we? Three inches? Four? Five? Where is the limit after which we would mind?

I see the difference between detached (body) parts (say, of statues) and undetached parts (say, of a continent) in the fact that, once you don’t clearly determine the border between the undetached parts, you have soritic problems, which you don’t have if you have detached parts.

Slippery slopes, precedents that give rise to counter-intuitive jurisdiction, fuzzy insurance policies have this one thing in common: they don’t clearly determine where the norm becomes invalid. Lawyers, politicians, physicians should be like topographers: they should be able to draw exact limits.

Teachers shouldn’t bother to be the same. By contrast, they try to present detached parts, scattered pieces of knowledge, in an ordered way. When they succeed in doing so, it is art rather than expertise they demonstrate.

It is the museologist’s job.

Recycling, virtues and psychoanalysis

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Wenn die ganze Wohnung abgelaufen wird, damit Kleinteile aus Metall oder Kunststoff in den gelben Sack in der Küche statt in den Papierkorb des Arbeitszimmers kommen können, Kleinteile, die vernachlässigbar, wenn nicht lästig für das Recycling-Verfahren sind, dann äußert sich dadurch eher Zwangsneurose als eine politische, als eine Umweltschutz-Tugend. Je zwanghafter allerdings die Recycler, desto sicherer die sparsame Gewohnheit.

Wenn Freud Recht damit hatte, in der Analfixierung die Ursache psychischen Leidens zu sehen, ist jene weder eine Tugend noch eine Untugend, sondern einfach pathologisch. Solange jedoch Großzügigkeit eine Tugend bleibt, müssen Geiz und Kleinlichkeit moralisch verwerflich bleiben. Also kann man nicht umhin, moralischen Unwert in der Nähe der Analfixierung zu sehen: moralischen Unwert; moralischen Unwert, der als Tugend umgemünzt wird, sobald der Analfixierte Wiederverwertbares sammelt.

Das ist dialektisch, was seit den Sechzigern niemanden mehr erschreckt. Wer auf sein Recht pocht, Peanuts Peanuts sein zu lassen, soll nicht die Dialektik anfeinden, sondern die List der Vernunft, die aus Unbekümmertheit gegenüber Kleinteilen eine Untugend machte.

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These small pieces of plastic or metal waste are negligible, present rather a problem since they have to be sorted out, and they’ll probably not be recycled. But there are those who run through their houses to throw them into the special bin that’s typically in the kitchen instead of disposing of them into the paper basket in the room they happen to be. Is this a sign of a political virtue and an ecological awareness or simply anancastic?

If Freud was right to see the cause of some mental disorders in anal fixation, anancastic recycling is neither a virtue nor a vice, being plainly pathological. However as long as magnanimity remains a virtue, one cannot help seeing in stinginess and pettiness vices – and eo ipso moral categories. They do have a pathological component alright. And this is strange because moral categories are akin to freedom and opposite to pathology but we are not going to solve this here and now.

This vice is taken to be a virtue when you think of the willingness of the vicious person to go to anancastic recycling.

Since the sixties, dialectics doesn’t scare anyone. Those who presume anal fixation behind recycling don’t need to blame dialectics.

People, blame history that made a virtue out of a sickness!