Smullyan’s kiss – the full story

Scroll for English

Den New-York-Times-Nachruf zu Raymond Smullyan habe ich sofort repostet. Der Held unserer logischen Jugendextravaganzen pendelt seit letzter Woche nicht mehr zwischen seiner eigenartigen Mystik und dem Agnostizismus. Entweder weiß er Bescheid und wurde definitiv zum Mystiker, oder er weiß nichts mehr und kann nicht mal als Agnostiker gelten. Tote sind Mystiker oder keine Agnostiker – die Disjunktion ist inklusiv.

Der New-York-Times-Nachruf ist schön geschrieben, aber ich vermisste eine ausführliche Besprechung des lediglich kurz erwähnten Tricks in demselben, mit dem Smullyan einen Kuss im ersten Date mit seiner späteren Ehefrau logisch herbeigeführt haben soll – einen Kuss aus logischer Notwendigkeit. Diese Lücke möchte ich schließen.

Mit dem Kuss aus logischer Notwendigkeit hat es sich folgendermaßen verhalten: Smullyan soll im Laufe des Abends Folgendes behauptet haben:

Wenn ich mich nicht irre, wirst du mich heute Abend noch küssen.

Die Implikation ist entweder wahr oder falsch. Falsch ist eine Implikation nur, wenn das Antecedens wahr aber das Konsequens falsch ist. Mit anderen Worten war die obige Implikation am Anfang des Abends nur dann falsch, wenn sich Smullyan zwar nicht irrte, aber keinen Kuss bekommen hätte. In diesem Fall wäre Smullyan jedoch vor Irrtum gefeit gewesen, während er eine laut Annahme falsche Implikation aussprach. Das ist ein Widerspruch, weshalb die Implikation nicht falsch sein konnte.

Also musste die Implikation wahr sein. Wohlgemerkt hätte Smullyan auch dann keinen Kuss bekommen unter der Bedingung, dass sowohl das Antecedens als auch das Konsequens falsch sind. Das würde allerdings heißen, dass Smullyan sich irrte und dass er keinen Kuss bekam. Aber wie kann sich jemand irren, der eine laut Annahme wahre Implikation ausspricht? Die Frage ist rhetorisch… Beide in Frage kommenden Interpretationen mit falschem Konsequens sind somit auszuschließen.

Deshalb muss das Konsequens („Du wirst mich heute Abend noch küssen“) wahr sein. Das ist auf logisch zwingende Weise die einzige nichtwidersprüchliche Interpretation der Behauptung von Smullyan. Aber das bedeutet, dass Smullyan geküsst wird. QED

Von einem abgeleiteten Sachverhalt zum tatsächlichen gibt es normalerweise keine Distanz, in diesem Fall allerdings schon. Damit der Trick funktioniert, muss die Angebetete erstens logisch geschult sein, ferner die Selbstreferenz, auf der das Ganze fußt, als nicht sinnlos betrachten, drittens Humor haben und – last but not least –  die Bivalenz (es gibt nur wahr und falsch und nichts dazwischen) für den für die gegebene Situation adäquaten semantischen Rahmen halten.

Da die Adäquatheit extralogisch ist, zeugte es nicht nur von Smullyans Genius, wenn Smullyan die Logikerin am Tisch – eigentlich eine Pianistin – zur Bivalenz und eo ipso zum Kuss überzeugte. Die Geschichte zeigt vielmehr, dass Blanche Smullyan drei gerne gerade sein ließ, wenn es um Raymond ging. Logisch geschulte Leser werden’s ja bemerkt haben: In einem vielwertigen Rahmen wäre der Witz pointenlos.

Aber wer denkt an Vielwertigkeit, wenn’s am Tisch nur Platz für zwei und viel Sympathie beiderseits gibt? (Gut, bei viel Sympathie braucht man sowieso keine Argumente, aber das führt jetzt zu weit…)

Als Smullyan jung war, war die Bivalenz zudem die Fachorthodoxie. Selbst die Bilder waren zweiwertig.

Schwarz-und-weiß halt‘.



Enough with scrolling

Many decades ago, Raymond Smullyan, whose obituary in the New York Times I reposted the other day, was a young scholar in a discipline whose semantical orthodoxy prescribed bivalence.

Pictures were, in a way, also bivalent: black and white.

One evening this magician and logician reserved a table for two – two being a very important number in this story that the New-York-Times mention only incompletely – that is for himself and the woman who was about to become his second wife.

It was their very first date and thereby a very improbable occasion for their first kiss. Smullyan, however, inferred logically that he had to be kissed before.the end of the evening. This is the full story of a kiss said to be given for reasons a priori:

Fully out of the blue, Smullyan claimed:

If I’m not wrong, you’ll kiss me tonight.

This is, of course, a conditional, and one that’s either true or false. If false, then the hypothesis is true and the apodosis false. The hypothesis maintains that Smullyan’s not wrong. And it’s supposed to be true if the conditional is about to be false, but this is contradictory because if the conditional is false, Smullyan is wrong after all – against the assumption, that is, that the appdosis is true.

Therefore the conditional has to be  true. But it cannot be true in virtue of a false hypothesis („I’m not wrong“) because if the hypothesis were false then the conditional would be false against the assumption. Therefore the hypothesis must be true. But the only way for an hypothesis and the conditional to be true is that the apodosis („You’ll kiss me tonight“) is true. The a priori consequence was that Blanche (her name, as a matter of fact a pianist and as far as I know not a logician) had to kiss Raymond.

There’s normally no gap between a logical inference and the bringing about of the matter of fact that it describes. Paradoxically, this is not such a case. In order for the trick to work you must have someone with a sense of humour and one with logical training or the corresponding intuition. Plus, she mustn’t think that self-reference is nonsense.

And even then you have to persuade her first that bivalence is the adequate semantical setting for the situation described. This doesn’t go without an argument. Or she must like you, but then no arguments are needed anyway.

But, as I said, it was a time of bivalence and black-and-white pictures.

Jesuit

Scroll for English

Elfi war, kann man sagen, eine Schülerin und ganz bestimmt eine gute Freundin. Ihre Spuren habe ich vor vielen Jahren verloren und ich hoffe, dass sie dieses Posting in guter Gesundheit und überschwänglichem Glück liest.

Gestern, in der Mondadori-Buchhandlung in Verona, musste ich plötzlich an sie denken. „Bin ich verrückt, Gramsci zu lesen?“ hatte ich mich zu beherrschen versucht im Untergeschoss, wo die Sonderangebote sind. Das hatte an sich nicht mit Elfi zu tun, aber dann dachte ich an ihre Erklärung zum Thema ihrer Doktorarbeit über Anarchismus. Sie hatte sie bei den Jesuiten eingereicht, diese seien immer an Sachen interessiert, die sie hassen.

Da dachte ich gestern, wieder aus der Erinnerung kommend, ich könnte etwas jesuitisch gegenüber Gramsci verfahren – erst recht, wenn er reduziert ist.

Der Kassierer hat mit den Augen gerollt, als er das Buch sah, dazu gab ich ihm aber die Buntstifte, die ich für meine Töchter kaufte und rettete die Partie.



Enough with scrolling

„You get 50% off but is this a reason to read Gramsci?“ I thought to myself yesterday in the basement of the Mondadori bookstore in Verona, Italy. And suddenly I had to think of Elfi Huber.

Elfi learned Greek with me and was a good friend before I lost her traces. If she’ll ever pass across my site, I hope that she reads this in good moods and health. But the reason I had to think of her wasn’t personal. It was rather philosophical.

Back in the nineties she had explained to me that her PhD on anarchism at the philosophical institute of the Jesuits in Munich was on the right topic with the right people. „Jesuits love to discuss what they hate“.

Back from my recollection of Elfi’s words I decided that I could be a bit of a Jesuit towards Gramsci.

The cashier rolled his eyes at the sight of the book. Then he noticed the colourful pens I wanted to buy for my daughters, which saved my skin alright…

Die Rätsel sind immer multimodal

Scroll for English

Dass niemand von mir verlangen kann, etwas zu tun, was verboten ist, ist eine Intuition, die sich im von Hughes und Cresswell D genannten modallogischen System widerspiegelt: Lp->Mp.

Aber was passiert, wenn ich das Gebotene aus nichtdeontischen Gründen nicht tun kann? Etwa wenn ich mich wegen der Hunde vor mir nicht in Sicherheit vor der Gefahr hinter mir bringen kann? Dieser Art, multimodal, sind moralische Dilemmas und die Modallogik hat keine Antwort darauf.

Wie kann man Italien nicht lieben? Dieses Land bringt zu Gedanken und ist schön noch dazu.



Enough with scrolling

Blame me ‚cause I love Italy for making me see.

That no one can request that I do what’s prohibited, is the intuition – in fact the characteristic axiom – of the modal system Hughes and Cresswell call D: Lp->Mp.

But this is not what deontic or moral dilemmas are made from. What if I can’t run from a fire behind me because of the dogs in front of me? NB, fleeing from the fire can be a deontic prescription while being afraid of the dogs is not. Modal logic is not the algorithm to settle dilemmas of this kind and Italy is the country to teach you that, probably, there’s not such an algorithm.

Reality is too much of a „mid-shapen chaos of well-seeming forms“, to be captured by logic (Romeo and Juliet, act 1, scene 1).

Zombies exist

Scroll for English

Seit Daniel Dennett die Position vertritt, er selber und jeder andere denke oder tue nichts, was nicht durch seine Biologie durch und durch, ja notwendig determiniert ist, kontern manche Dualisten, dass sich mit logischen Mitteln nicht von der Hand weisen lässt, dass körperunabhängiger Geist besteht. Aber wenn das so ist, so der zeitgenössische Dualismus weiter, die Determinierung durch den Körper nicht notwendig. Mit anderen Worten widerlegt die bloße Möglichkeit von Geistern Dennetts Gewissheit, dass wir alle Zombis wären.

Ich bin der Meinung, dass das ein schlechtes Argument ist. Seit 2013 propagiere ich ein Gedankenexperiment, das zeigen soll, dass die logische Möglichkeit körperunabhängiger Gedanken nicht zeigt, dass wir keine Zombis sind. Denn körperunabhängige Gedanken lassen nicht auf die Existenz körperunabhängiger Wesen schließen. Mein Hauptzeuge und die Inspiration meines Gedankenexperiments ist Aristoteles. Warum soll, sagt der Stagirit in der Nikomachischen Ethik, das von mir unabsichtlich heraufbeschworene Unglück meiner Familie mein Glücklichsein post mortem nicht beeinflussen? Wenn meinem Sohn, während ich noch am Leben bin, zu meiner Unkenntnis etwas Ungutes widerfahren würde, würde nicht etwa von mir gesagt werden „o, der Arme…“?

Das ist nicht Mainstream – und Nichtmainstream-Sachen werden für gewöhnlich nicht in A-Journals veröffentlicht. Also reichte ich das Paper beim Journal of Speculative Philosophy ein. Am Samstagabend, so gegen neun.

Noch vor dem Mittagessen am Sonntag bekomme ich den Ablehnungsbescheid von einem offenbar Herausgeber namens John J. Stuhr Ph.D. etc. Mit zwei Gutachten dazu. D.h. Stuhr, oder wie er heißt, hätte noch am Samstag zwei Gutachter verständigt, die schnell über die Samstagnacht, wenn sie in den USA waren, bzw. am Sonntagmorgen, wenn sie in Großbritannien waren, die reports geschrieben haben.

Und was für reports! Einerseits sei meine Literatur bereits sieben Jahre alt, andererseits hätte ich alles berücksichtigen müssen, was in den letzten 20 Jahren zum Thema geschrieben wurde (zum Verhältnis zwischen Geistern und Zombis? Etwas schwer. Es gibt praktisch nichts).

Aber der Punkt, wo mir ein Gutachter das Grauen wünscht, kommt noch:

[In the paper] ‚thought experiments‘ seem to be substituted for empirical and broadly scientific approaches.

(der andere ist nicht sicher, ob Zombis empirische Evidenz liefern oder nicht).

Beiden Gutachtern (Stuhr & Stuhr LTD) kann ich nur sagen: Keine Ahnung, ob irgendwo empirische Daten über Zombis zu beziehen sind. Aber dahin gehe ich nicht.

Buuuuh!👻

εзεзεзεзεзεзεзεзεзεзεз

Enough with scrolling

Since Daniel Dennett thought it a good idea to entertain the thought that he’s a zombie, i.e. that he had no thoughts or actions that are not determined by his biology, dualists have been trying to counter-argue with the possibility of thoughts independent from one’s body. „If this is possible“, you hear them saying, „then determination by biology alone is, if nothing else, at least not necessary“. With other words, the mere possibility that ghosts exist makes the existence of zombies non necessary. And, of course, you can’t logically disprove that ghosts may exist independently from the organism, the machine that would normally host them, let alone in the machine.

Since 2013, I propagate a thought experiment to show that this is a bad argument against our zombieness. Disembodiment doesn’t mean the existence of disembodied persons. Aristotle claims in the Nicomachean Ethics that there is a sense in which a deceased person is said to be unlucky post mortem, i.e. disembodied but unlucky, when for example the ones she loves have to face hardships as a consequence of her actions when she was alive. But then, the unlucky dead is not a person. It is a thought experiment and an argument beyond the mainstream, which makes it less plausible to be published in an A-journal. I sent it to the Journal of Speculative Philosophy last Saturday evening. At about 9 pm.

Before lunch on Sunday, 15 hours later, I got a rejection by a guy named John J. Stuhr Ph.D. etc. With two peer reviews. I mean, I can manage to get my friends agree to read a text in 15 hours. But this doesn’t mean they read it. And definitely it doesn’t mean they wrote a report. Not at any time but definitely not in a weekend.

The reports were contradictory as reports often are. On one hand deploring that the newest article in my references was written in 2010, on the other urging to include the last 20 years‘ bibliography. Now, I don’t know what the last 20 years have to offer to the topic zombies, ghosts and what the ones mean to the others, but the most horrible task the reviewers want to set me at, follows from the following:

[In the paper] ‚thought experiments‘ seem to be substituted for empirical and broadly scientific approaches.

The truth is, I don’t know where I could get empirical data concerning ghosts and zombies, but, nope, I won’t go for this.


Der Unterschied zwischen „Recht“ und „recht“


Scroll for English



Wie eine Tautologie mutet sich der Schriftzug über dem Haupteingang des Amtsgerichts in Halle an der Saale an, der vorschreibt, die Rechtsprechung solle der Rechtsintuition entsprechen. Der Eindruck, dass es sich dabei um eine Tautologie handeln würde, ist natürlich bloß im Sinne eines Trugschlusses in dictione zu gewinnen. Ha! Als ob wir nicht wüssten, wie leicht es passieren kann, dass die Legalität nur dem Angreifer recht ist… Der Trugschluss entsteht im gesprochenen Deutsch wegen der Homophonie von „recht“ und „Recht“  bzw. ist im geschriebenen Deutsch nur in kapitalisierten Schriftzügen möglich. Die Äußerung „Das Recht muss recht bleiben“ – und zwar nicht kapitalisiert, so dass das zweite „recht“ nur mit Minuskeln geschrieben wird –  wäre differenzierter, nüchterner.

Dass das Hallenser Motto einerseits und die tautologische Äußerung: „Recht muss Recht bleiben“ andererseits homophon sind, behält immerhin die Funktion eines Augenzwinkers bei, was beweist, dass die juristische Sprache spielerisch sein kann.

εзεзεзεзεзεзεзεзεзε

Enough with scrolling

I believe that the English translation of the German inscription seen in Halle near Leipzig is „Justice must remain just“. The alternative translation „Justice must remain justice“ would insinuate that the appeal to nomology to correspond to prescriptions that are intuitively just, is tautological. This would be a German fallacy in dictione. Justice can be intuitively unjust.

Of course, there is a rhetorical point you make when you fallaciously insinuate that justice is a priori intuitively just. This shows that juridical language can be playful.

Tractatus 5.6

Scroll for English

Die Grenzen

seiner Sprache

liegen nicht

bei den Grenzen

seiner Haut

schreibt Wolfram Malte Fues in seiner Gedichtsammlung SkalpeSkalpelle (Allitera: München, 2016). Kathrin Wächter kommentiert mit der unten teilweise abgebildeten Zeichnung.

Unsere Welt ist jedenfalls umfangreicher als der Inhalt unserer Haut. Damit auch unsere Sprache. Es gibt keine Privatsprache.

Nichts ist privat. Alles ist öffentlich. Den Blicken ausgesetzt.

A propos privat: Haben die Wittgensteinianer unter den Lesern das Gefühl, dass der späte Wittgenstein im frühen enthalten ist?

kathrin-wachter

Enough with scrolling

The limits

of his language

are not near

the limits

of his skin

These are Wolfram Malte Fues’s verses from the poetry volume SkalpeSkalpelle (Allitera: Munich, 2016). The drawing above is Kathrin Wächter’s commentary to the obviously Wittgensteinian theme.

Having a capacity much greater than our skin, our language enables also our world to transgress the limits of our bodies. There is no private language.

Nothing is private. Everything is public. Everybody is watching.

Talking about privacy: Don’t Wittgenstein scholars of this post get the impression that the late Wittgenstein is contained into the Tractatus?