Echte Grundrechte und wer sie haben möchte

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So wie das Gesetz zur Geschlechtsselbstbestimmung hat kaum ein anderes Gesetz die griechischen Gemüter im ausgehenden Jahr erregt – und das, als hätten ausgerechnet Griechen mit schwindendem Einkommen, Schulden und offenen Heizölrechnungen keine anderen Sorgen.

Gemäß o.g. Gesetz ist es jeder und jedem – das Gendering in diesem Satz ist fast irrelevant – freigestellt, unabhängig von der Anatomie als männlich oder weiblich zu gelten, da das Geschlecht ein soziales Konstrukt sei – blablabla, so der Gesetzgeber. Damit ist für die Anerkennung einer Geschlechtsumwandlung kein operativer Eingriff vorausgesetzt.

Das Gesetz ist nicht das radikalste seiner Art. Kalifornien räumt Entsprechendes ein und nimmt sogar drei Geschlechter an. Manchmal auf diffuse und manchmal auf explizite Weise ist die Begründung solcher Regeln naturrechtlich: Es sei ein Grundrecht der Betroffenen, zu ihrer geschlechtsspezifischen Eigenheit stehen zu dürfen.

Aber abgesehen von der statistisch sowieso schwindenden Anzahl der Hermaphroditen dient die Bezeichnung „männlich“ oder „weiblich“ auf einem Ausweis der Wiedererkennung. Könnte etwa ein rothaariger, keltischer Hiphop-Enthusiast geltend machen, es sei sein Grundrecht, sich als afrostämmig auszugeben? Das wäre ein sehr breites Verständnis der Grundrechte.

Von einem solchen ging das Bundesverfassungsgericht aus, als es annahm, die Zulässigkeit gleichgeschlechtlicher Ehepartner folge aus GG Art 1 („Die Würde des Menschen ist unantastbar“). Ich frage mich, wieso das nicht über Geschwister oder Mönche oder Nonnen gelten soll. Ist ihre Menschenwürde etwa antastbar? Wohl nicht. Warum also die politische Entscheidung für oder gegen die Homo-Ehe, für oder gegen Geschlecht-als-Konstrukt auf eine Debatte über Grundrechte zurückführen? Ich antworte: Weil es opportun ist, einen vermeintlichen Grundsatz dafür verantwortlich zu machen, ferner etwaige konservative Rückschläge nicht zu riskieren und schließlich die Konservativen nicht als Wähler zu verlieren. Es läuft nach dem Motto: „Karlsruhe hat es doch gesagt, was soll die Politik groß machen?“ Meine Argumentationslinie hier entspricht in etwa einem Vortrag Peter Baduras in der Münchener Siemens-Stiftung anno 2015, in dem jener mich überzeugte, dass beim BVerfG ein Legitimationsdefizit vorliegt.

Die Zurückführung von jeglichen emanzipatorischen Rechten einer moralischen Minderheit auf Grundrechte erzeugt eine Inflation von absurden Grundrechten, die durch keine höhere, philosophische oder sonstige Begründung legitimiert sind. Sie erhärtet zudem den Rechtsrelativismus in puncto Grundrechte: Grundrechte wären demnach positives Recht, bloß etwas wichtigeres positives Recht für die Gesellschaft x.

Dem Thesenpapier des Moskauer Patriarchats über (eigentlich gegen) die Menschenrechte liegt eine solche Interpretation der Grundrechte zu Grunde. Wie will dagegen argumentieren, wer vermeintliche, inflationäre Grundrechte für parteipolitische Zwecke bereits usurpiert?

Das Problem ist hier die Legitimation liberaler Politik. Nach der Französischen Revolution punktet nichtkonservative Politik mit der Emanzipation von Minderheiten – im soziologischen, nicht im statistischen Sinn: der Proletarier, der Frauen, der Afrostämmigen usw. Die Liste ist zwar sehr lang, aber das Wirken liberaler Politik auch und, wenn nach und nach alle emanzipiert werden, mangelt es plötzlich an Minderheiten, die zu befreien wären. Damit vermisst der Liberale seine Legitimationsbasis, womit irgendwelche moralische Minderheit, die immer marginaler wird, entdeckt werden muss, die es zu entsklaven gilt…

Da kann ich nur die Ungeniertheit der marxistischen griechischen KKE beneiden. Ob es wirklich der Fall sei, dass das Parlament politisch und juristisch und philosophisch über Fälle debattiere, die nicht eher der Psychiatrie aufzubürden seien, hat sich die langjährige Generalsekretärin letzten Oktober gefragt, als obengenanntes Gesetz der Vouli vorgestellt wurde…

Ich halte die KKE für keine ernstzunehmende Partei und die Mitgliedschaft meines Großvaters in derselben ändert nichts daran. Ich habe noch das alte Taschenedition-Exemplar von Platons Symposion, die der Stalinist und Kriegsveteran an der Stelle, wo Alkibiades reinkommt, abgelegt hatte. Weiß Gott war der Opa ein guter Schütze mit großem Bart.

Nein, die KKE ist nicht ernstzunehmen. Aber die Bagatellisierung des Menschenrechte-Diskurses aus der Not heraus, irgendwo Unterdrückte zu finden, ist noch weniger ernstzunehmen.

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One of this year’s most debated laws in Greece was the endorsement to be considered male or female independently of any anatomical characteristics. As if Greeks with dwindling income and unpaid bills had had no other concerns.

It’s not the most radical law of its kind. The State of California admits additionally three genders. It has been a custom that the lawmaker’s rhetoric is in terms of natural justice: one that pertains to the fundamental, inalienable rights of the persons involved.

The German Constitutional Law Court backed their decision for same-gender marriage with, among other things, the first article of the German Constitution that declares human dignity to be not to be infringed upon. Why the same, allegedly fundamental right, does not apply for monks, nuns, siblings is a question that remains unanswered. I think that Peter Badura, the leading Bavarian expert on public law, is right when he deplores a legitimation deficit of the German Constitutional Law Court, especially when it, in order to back its rationale for same-sex marriage, utilises the concept of dignity in the German Constitution, NB, one that was shaped in 1949 when the Federal Republic of Germany was founded.

Well, dear reader, as you see I fail to reconstruct a consistent argument that would underlie the human-rights rhetoric behind the gender-as-social-construct discourse. There are chances that in Reykjavik there is a red-haired hip-hop enthusiast who phantasises to be Afroamerican. But is it this person’s natural right to have this stated on his ID card? I say no, but one can object, of course, that to every person sexual orientation is more important than musical taste.

OK, let’s accept this. If it is true that we find ourselves in our gender more than in our iPod, it is also true and essential for ID cards to make other people recognise us as the persons depicted in terms of our nonintentional features. And if what we show we are is not what the card is intended by us to state, the situation is grotesque to say the least…

But, what’s more: if we have to get down to the bedrock of fundamental rights whenever we want to emancipate a moral minority (alleged or real) we collaterally engage in the creation of inflationary rights for which there is no philosophical, religious or any other higher justification. If we, as a result, usurp inflationary human rights to do party politics we will not be able to argue against ultraconservatives who see in the human rights legal positivism that can be used when they need it and neglected when they don’t. Why, what else do we do?

The legitimacy of liberalism is here at stake. If, after the French Revolution, most liberal demands have been based on the need to emancipate someone: the working class, the Afroamericans, women etc., when you run out of minorities to be emancipated more than two centuries later, you must start being concerned about your political future. The most plausible thing is that, at the end, you will be emancipating moral minorities that are at the borderline between politics and neurosis.

Frankly: watching the debate in the Vouli, I felt tempted to applaud to something Aleka Paparriga said, the long-time Secretary General of the Greek Communist Party (KKE). Shouldn’t the parliament ask psychiatrists how they would consider people who need to say they have a female identity but feel alright with male genitals?

Of course, I don’t think that KKE is a serious political platform and the fact that my grandfather was a local politician under the aegis of this party makes things rather worse.

It’s a Stalinist party and one that propagates moral conservatism: I still have the copy of Plato’s Symposium that my grandfather, a veteran of three wars between 1914 and 1922 and a man with a very big moustache, closed never to open it again when he reached the point of Alcibiades‘ entry.

But how much better is the ridiculing of fundamental rights?

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Frater Martinus O.S.A.

Exit from Furthmühlgasse to Michaelisstrasse

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Das Lutherjahr neigt seinem Ende zu. Fachlich hatte ich nichts dazu beizutragen. Auch in früheren Jahren waren meine Leistungen zur Lutherforschung gleich null. Ich bin kein Experte.

Persönlich verbindet mich allerdings etwas mit dem Augustinermönch und Erfurter Studenten. Denn im Sinne einer Panchronie war Luther in Erfurt mein Nachbar. Er wohnte im Augustinerkloster und sein Weg zur Universität brachte ihn eine Tür nach dem Amploniushaus, wo ich fünf Jahrhunderte später wohnen sollte.

Bestimmt ist sein Vorbeigehen an dem, was später mein Erfurter Hausstand wurde, eine Cambridge-Eigenschaft Luthers. Seine Präsenz dort vor einem halben Jahrtausend war allerdings keine Cambridge-Eigenschaft von mir. Wegen Luther hat mich nämlich meine Nachbarschaft immer wieder zum Nachdenken gebracht.

Ein paar Meter vom Amploniushaus entfernt, in Richtung Krämerbrücke, wohnte vor 500 Jahren Jodok Trutfetter, Luthers Logikprofessor, ein Nominalist. Luther war es trotz seiner Ablehnung der Logik als Instrument der Predigt wichtig, was sein Lehrer meinte. Also soll der Alumnus nach dem Thesenanschlag ein letztes Mal die Michaelistraße hochgelaufen sein zum Haus des Dialektikers, der nicht an die Tür kam.

Mit etwas Hus, etwas Wyclif, schließlich etwas Emotion statt Logik in der Predigt (zugegebenermaßen diesmal einer Neuerung) sollte die Reformation endlich Erfolg haben. Ich frage mich, ob die protestantische Predigt so dialektikfremd und das Herz ansprechend geworden wäre, wäre Luther ein besserer Logikstudent gewesen. Wenn seine auf Logik verzichtende Rhetorik neu war, ist das seine Theologie jedenfalls nicht. In puncto Transsubstantiation war er ein Nominalist, in puncto Vorsehung und Gnade ein Augustiner, in puncto Liturgie Hussit. All das muss er an der Erfurter Universität gelernt haben. Ohne die Prager Nominales, die während der hussitischen Unruhen nach Erfurt emigriert waren, wäre weder die alte Erfurter Universität gegründet worden noch, denke ich, der Protestantismus möglich gewesen.

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With exhibitions, lectures, concerts, and cultural events of all sorts, Lutheran churches all over Germany celebrated the anniversary of 500 years since the posting of the 95 theses in Wittenberg. Posting something in this blog is the least I can contribute to the topic; but also the most since I’m not an expert.

This is not to say that I have restricted knowledge or a poor evaluation of the Augustinian monk and student of the Erfurt University. In fact, not many experts know what I know about one very special facet of Luther. In terms of the urban panchrony of downtown Erfurt, you see, Martin Luther was my neighbour. When he walked from the Augustinian Abbey, where he lived, to the Collegium Majus and the St. Michael, where he studied and celebrated the mass, he was only few yards away from the Amplonius House that was to become my place in Erfurt five centuries later.

This was a Cambridge property of Luther’s, however not a Cambridge property of mine. My neighbourhood at Michaelistrasse was giving me food for thought throughout my time there.

Only some fifty yards from my flat and five hundred years from now, was the place and time Jodok Trutfetter, Luther’s professor of logic, lived. Luther rejected logic as an instrument of rhetorical inventio, which is obvious in the 95 theses, but his nominalistic teacher’s opinion remained important to him. After the Wittenberg nailing of the 95 theses, an event that finally gave rise to Protestantism, Luther visited the Michaelistrasse and knocked on Trutfetter’s door not to be held worthy of reception.

Finally, the new theology Luther launched contained a Hussitic understanding of liturgy, an Augustinian understanding of providence (an Augustinian monk was he himself) and a nominalistic understanding of transsubstantiation – all elements he must have adopted at the old University of Erfurt, founded by Prague nominalists who had found refuge in Erfurt during the Hussitic uprising in what is now the Czech Republic.

I don’t know what would have happened if Luther had been better in Trutfetter’s class. Possibly, his preaching wouldn’t address emotion in the relentless manner it does. And, probably, he would have been less successful. Wyclif had been a reformer and logician – and what was made out of his teaching? Some incentives for Hussitism…

 

Grelling

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Das Grelling-Paradox ist mir aus meiner Studentenzeit als ein schwer zu knackendes Rätsel in Erinnerung geblieben. Ihm liegt eine Unterscheidung zwischen autologischen und heterologischen Wörtern zu Grunde. Erstere besagen, was sie sind (etwa „kurz“, denn es ist ein kurzes Wort und besagt das auch, oder „kursiv„, da es kursiv auf dem Bildschirm erscheint und nichts anderes sagt), letztere sind nicht autologisch („lang“ ist z.B. entgegen seiner Bedeutung ein kurzes Wort und „kursiv“ erscheint recte auf dem Bildschirm). Das Paradox wird dadurch generiert, wenn man fragt, ob das Wort „heterologisch“ autologisch oder heterologisch ist. Wenn Ersteres, dann Letzteres. Wenn Letzteres, dann Ersteres.

Das Grelling-Paradox ist interessanter als etwa der Barbier, der nur und all diejenigen Dorfbewohner rasiert, die sich selber nicht rasieren. Denn beim Barbiersparadox gibt es den Barbier einfach nicht (deshalb ist der Barbier kein echtes Paradox), während „heterologisch“ im Grellingparadox (durch und durch auf analoge Weise zum Russellschen Paradox) eine existierende Eigenschaft ist – eine existierende Menge mit Elementen wie die oben genannten Beispiele.

Das Paradox basiert auch darauf, dass „autologisch“ und „heterologisch“ einander ausschließen würden. So sei „heterologisch“, so jedenfalls die überkommene Weisheit, das Komplement einer mit Sicherheit existierenden Menge: der Menge der autologischen Begriffe. Langsam bin ich aber über die überkommene Weisheit nicht so sicher. Nehmen wir das französische Substantiv „la terreur“: Es ist, würde man sagen, heterologisch, denn, warum sollte man Angst vor dem Begriff Terror haben? Ich fürchte aber, für einen des Lateinischen Kundigen mit wackeligem Französisch ist „la terreur“ autologisch: Was für eine fürchterliche Idee, was für eine einmalige Grausamkeit, aus einem lateinischen Maskulinum, ein französisches Femininum zu machen…

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Grelling’s Paradox is not like the barber who shaves all and only those villagers who don’t shave themselves – and that’s for sure. While in the barber’s case there is no such individual, in Grelling’s Paradox – and this is what makes it akin to Russell’s Paradox rather than to the barber – you can’t say that there is no such a set as the heterological words, i.e. words that do not fall under the concept they designate. E.g. „long“ is heterological since it’s a short word (but „short“ is autological). E.g. „italics“ is heterological since you can see the word in upright letters on your display (but „italics“ is autological). So, it would seem that „heterological“ is either autological or heterological. But if it’s the one, it’s the other – I leave the iterations, the loopings, the proof to the reader.

However, I have an argument that it’s not the case that a word can be either autological or heterological. Take the French noun „la terreur“. It seems heterological: why would anyone be afraid of this word? I suppose many, the most, are not.

But wait! What about people who know Latin and have a very restricted knowledge of French? When they speak French, aren’t they justified to be anxious that a word they assume to be masculine because it’s masculine in Latin, has turned feminine in French and people would make fun of them?

Well, this is the case with „la terreur“.

For what’s worth it…

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Monatelang gehe oder fahre ich am Schild vorbei und nur heute kommt es mir in den Sinn, auszusteigen und zu fotografieren. Nicht, weil mir irgendwas einleuchtete. Eine Information erhalte ich nach wie vor nicht – ich weiß doch, wo der eine Staat aufhört und wo der andere anfängt – aber als analytischer (von mir aus: halbanalytischer) Philosoph sollte man sich keine Gelegenheit entgehen lassen, ein paar elementare Dinge über Semantik zu sagen.

Was wollte der Beschmierer also verkünden? Meinte er, dass die Bundesrepublik Kompromisse in Richtung einer linken Politik macht? Oder wollte er vielmehr am liebsten von so einem Wappen begrüßt werden, wenn er von Kleinbasel aus in Richtung Freiburg fährt?

War es jemand, der an den vor ca. 170 Jahren an diesem Ort durch Gustav von Struve ausgerufenen sozialistischen Staat erinnern wollte?

Andererseits, wenn ich denke, dass Struves Soldaten auf dem Weg von Basel nach Karlsruhe von einem Armeekontingent mit weniger als einem Viertel ihrer Macht geschlagen wurden: War es eh‘ jemand, der an nichts, jedenfalls nicht an das erinnern wollte?

Das Klischee besagt, dass ein Bild mehr als tausend Worte wert wäre. Nun, über die genaue Anzahl der Wörter habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber die genaue Anzahl der Aussagen auf dem Schild – ausgenommen Aufkleber – ist sofort zu sehen: keine einzige.

Viele, darunter die deutsche Wikipedia, sehen in der Redewendung „Ein Bild ist tausend Worte wert“ die Behauptung, anhand eines Bildes ließen sich viele Sachen viel leichter zeigen, erkennen, erklären.

Na gut, vielleicht „zeigen“. Aber etwas, was so viel Gehalt enthält, dass ein Widerspruch entsteht, ist nicht zu erklären. Wir verstehen keine Bilder, sondern bestenfalls ihre Interpretationen. Von allein geben uns die Bilder zu viel Diffuses, zu wenig Konkretes.

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I’ve been passing past the site at the beginning of this post for months before I decided to stop and take a picture. Whatever the person who decorated the border sign with hammer and sickle wanted to say the message is not clear. I even doubt that there is one!

Was it someone who thinks that the Federal Republic of Germany makes too much compromises towards left politics? Was it someone who, in contrast, would prefer to see the depiction as the coat of arms of the country as you enter it from Switzerland? Was it someone who drew a hammer and sickle as a reminder to the socialist state Gustav von Struve and his troops proclaimed passing exactly this point in exactly this direction about 170 years ago? Was it nothing of the above? We’ll never know!

The modern proverb says that a picture’s worth one thousand words. It’s widely believed that this means that you can explain with a picture much more than you can explain with words. Well, I don’t know about the amount of words but one thing I know: a picture gives you so much information that, at the end, it gives you contradictory information. You can see pictures but you can’t understand them. What you understand is their interpretation. Or, rather: one of the interpretations.

Summer stories IV: Antigonus

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Es ist vielleicht die tragischste griechische Tragödie: Die Königstochter hat Sorgen, die weit über die Trauer um ihre beiden Brüder hinausgeht. Es ist, so denkt sie, bereits schwer zu ertragen, wenn zwei Geschwister einander töten, aber dem Befehl des Königs, der auf ihren Vater Ödipus folgte, nur der eine Bruder solle bestattet, der Leichnam des anderen möge dagegen von Geiern und Füchsen zerfleischt werden, kann sie nicht gehorchen. Sie häuft Erde über das Kadaver auf und ist bereit, für ihren Ungehorsam mit ihrem Leben zu bezahlen.

Sophokles’ Meisterwerk bietet einen Blick in den Querschnitt zwischen Politik und Ethik und wirft die Zuschauer in einen Dschungel voller Dilemmata.

Antigone, die Hauptgestalt und Titelgeberin, die „Elternvergeltende“, soll in Theben gelebt haben. Ein paar Kartoffelfelder und eine Autobahnbreit von dort entfernt liegt das Meer, das an dieser Stelle sehr eng ist – wegen der vorgelagerten Insel.

Die nordeuböische Bucht hatte ich an diesem letzten elften August zum dritten Mal im selben Jahr überquert. Die ersten beiden waren ferienbedingt. Das dritte Mal war darauf zurückzuführen, dass mein Vater am zehnten August zwar in Athen verstarb, allerdings nie aufgehört hatte, ein Nordeuböer zu sein, weshalb wir den Leichnam zu unserem Inseldorf transportieren ließen. Da waren wir also am Spätnachmittag des elften August, die ganze Trauergemeinschaft, wohlgemerkt an einem Freitagabend sehr kurz vor Mariä Himmelfahrt – und das erwähne ich nicht aus Gründen des Glaubens, sondern einzig und allein deshalb, weil vor Mariä Himmelfahrt Behörden, Unternehmen, alles dünn belegt ist.

Da kommt der Bestatter vorbei: tiefe Stimme, sechzig Jahre auf dem Buckel, sechzig tausend Bier im Bauch und – in diesem numerischen Zusammenhang muss ich aufatmen – nur drei offene Knöpfe am Karohemd. Er befindet: „Ausweis – OK; Erklärung über eine Leichnamsüberführung – OK; Gemeindepfarrer hast Du kontaktiert; gib mir nur noch die Steuernummer vom Papa…“

– Die – was?

– Die Steuernummer doch. Wie sollen wir ihn ohne seine Steuernummer bestatten?

Die Geschichte war älteren Datums, die Steuernummer-Masche allerdings neu. Schon vor 2009 hatte der griechische Staat Schwierigkeiten, aufgrund der Personalien eines Verstorbenen zu kontrollieren, ob Renten oder Zusatzrenten den Verwandten zukommen sollen und in welcher Höhe. Betrüger haben jahrelang die Rente verstorbener Großeltern und Eltern weiterkassiert. Dann kamen die Hilfspakete und die Bildzeitung, woraufhin die Republik Griechenland die Meldung der Steuernummer zur Bedingung für die Erteilung einer Bestattungsgenehmigung machte. Anhand der Steuernummer kann jetzt der Staat vorerst Renten und Dienstleistungen streichen. Etwaige bestehende Anrechte Hinterbliebener sollen neu angefochten werden – Neuantrag usw.

Alles sehr unfair und lästig natürlich: Auf einmal haben Witwen und Witwer keine Bezüge mehr, damit Axel Springer seiner Kundschaft nicht erzählen kann, wie glücklich der Nichtgrieche ist… Aber vorerst stresste mich der Umstand, dass mir an einem Freitagabend auf der Insel, kurz vor dem fünfzehnten August keiner sagen konnte, wie eine Nummer hieß, die ganz banal und unansehnlich auf zahllosen Dokumenten in vielen Schubladen und Ordnern in einer abgesperrten Wohnung eines Athener Vororts lag. Ratlos dachte ich, dass es ein Gesetz gibt, das das Umbringen von Bestattern verbietet, selbst wenn diese einem eine wichtige Information bis kurz vor der Bestattung nicht geben. Ein guter Freund und ausgerechnet einer, der mir das Austernsammeln beibrachte, hat noch dazu die eine Tochter des Typen geheiratet…

Killing him being out of question, musste ich meiner Rolle als Antigonus gerecht werden: gefangen in einer Situation, die Außergewöhnliches von mir verlangte, damit die unbestattete Leiche des Vaters unter die Erde dürfte – die Erde eines Landes, das seine größten Tragödien heute nochmal als Parodien erlebt. Der Sprachwitz klingt im Griechischen besser…

Die Telefongesellschaft war meine letzte Hoffnung.

– Guten Abend, ich bin der Sohn des Teilnehmers mit der Nummer 211…… Ich möchte wissen, wie die hinterlegte Steuernummer heißt.

– Sie endet auf 338.

– Nein, ich brauche sie ganz.

– Ich darf sie Ihnen nicht rausgeben.

– Wissen Sie, der Teilnehmer, mein Vater, ist seit gestern tot. Er kann aber nicht bestattet werden, bevor ich diese Nummer angebe. Ich bin auf Euböa. Die letzte Fähre ist bereits weg, also kann ich nicht nach Athen. Die Beerdigung soll morgen stattfinden.

– Nehmen Sie Papier und Stift.

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Perhaps the most tragic among Greek tragedies, Sophocles’ Antigone, leads you into an asylum of dilemmas and leaves you there. A daughter of king Oedipus, she is in the position to forget the pain that the mutual killing of her two male siblings caused, this however only for the reason that she will not obey to the new king’s order to leave the one brother unburied. She covers the corpse with earth to pay with her life for it.

Antigone was a native of Thebes in Boeotia, Greece, whence, a couple of potato fields and a highway further towards the seaside, the island of Euboea can be seen, across the narrow channel.

Being myself of Euboean descent, having property and family there, it’s a channel I know very well – more than even the Saronic Gulf where I grew up for the most part.

Normally, I cross the channel twice a year on board of ferry boats: one time to visit the island and one to leave it a week later.

The story I’m telling happened just after the third crossing this year. Unlike the two first occasions, it wasn’t in order to visit my father’s soil but rather in order to bury the former into the latter.

So, there I was, with many family members, islanders and migrants to Athens alike, and with the only one who really migrated about to be transported home to the island (in patria as the Latins who once possessed it said). Plausibly enough for the eve of a burial, the undertaker  – a guy with sixty years on his back and sixty thousand beers in his stomach but only three open buttons at his shirt – came with his check list.

It’s Friday. Afternoon. Before the Dormition.

Now, even if you have no experience of how things work or rather don’t work in Greece, you can imagine that on a Friday evening before the Feast of the Dormition, just about three or four people work in the entire country: hopefully an officer in the NATO headquarters in Larissa, one guy at the border to Albania, perhaps one guard or two in front of the parliament in Athens. I’m saying this because lighthouses are automatised and ships have GPS…

“Your dad’s ID card  – OK; declaration of transport for a corpse – here; you said you’ve talked with the priest; just give me your dad’s tax number”.

– What was that?

– Tax number. You can’t bury someone who hasn’t got a tax number.

According to Greek legislation, for a number of reasons it’s prohibited to kill undertakers who happen to remember their check list few hours before the ceremony. And if you have been friends with the person’s son in law, have dived for oysters and have drunk gallons of tsipouro together, it’s also morals that prohibits drastic measures.

Killing the undertaker being out of question, I had only one option: think!

And I thought that, knowing the prehistory of the Greek crisis, it was clear what the state intended. Since before 2009 they have had difficulties in controlling if a pension should be further paid after the death of the beneficiary and to what amount.  Fraudsters have been paid their grandparents’ benefits for years by simply leaving undisclosed their death towards the Greek taxation authority. Then the bailouts came and with them tabloids from Central Europe, the latter with sarcastic headlines that insinuated that a small number of cases would be representative. Of course, this is how tabloids normally exaggerate. And I usually do remain cool when their readers long to read about superlatives, be that Germany’s laziest gardener, Europe’s most useless academic, and different other topics full of bitterness, envy, ignorance or any set made of these three elements. But with an unburied family member in the backround, my coolness reached its end.

I had to think. And to find this number, at the time in some hundreds of documents in an Athens apartment, with the last ferry gone, and any one of my father’s acquaintances away from the city – to spend the feast of Dormition at the place their family came from; like, essentially, I did. I had to retrieve a number that would serve to stop my father’s pension, leave my mother broke behind, and make me re-apply the benefits for her, in order for tabloids to stop feeding their readers with sensational news supposed to make them feel happy for not being Greeks…

In the parody of the Greek tragedy I played (the parechesis sounds better in Greek) I was Antigonus: a son trying to bury his father and bear the disadvantage. I picked up the phone.

– Good evening, I am the son of the owner of the telephone number 211… My father had to give you his tax number when he signed for his telecommunications connection at your company.

– Good evening, that has to be the case, sir.

– May I have this number?

– Ahem… Well, it ends with 338.

– I need the whole number.

– I can’t give you this information.

– Please do! You see, the person, my father, is dead since yesterday. Tomorrow is the funeral. But there can be no funeral without the number. Right now I am in Northern Euboea where the funeral should take place, the number is in Athens and the last ferry boat has already gone!

– Then, sir, I would say, take a pen and a piece of paper.

Mereology for the whole family

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Mit Hans Burkhardt ist ein Teil der Herausgeberschaft nicht mehr am Leben. Mit Dale Jacquette und Jonathan Lowe ein Teil der Autorenschaft auch. Heute denke ich an die lieben Leute, die es nicht mehr erleben konnten…

Hoffentlich findet die Community seit gestern, dass die Teil-Ganzes-Forschung von unseren Bemühungen profitierte.

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The part of the editorial team named Hans Burkhardt didn’t live enough to see it. The parts of the authors’ team named Dale Jacquette and Jonathan Lowe had the same destiny.

My thoughts are tonight with the parts. But my hopes are that the whole target group will celebrate it. 

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Moralisch habe ich dagegen nichts einzuwenden. Die schwarze Null war ein legitimes Ziel. Politisch war’s halt’ nicht meins.

Rationalitätstheoretisch wiederum finde ich sie ein ungeheures Bully-Gehabe: die damit einhergehende Andeutung, Nulldefizit wäre das Einzige, was rational erstrebenswert ist. Es ist die Rache der Engstirnigkeit gegen alle Goldenen Zeitalter, gegen alle Lorenzos de’ Medici, gegen alle Ludwigs von Bayern der Weltgeschichte.

Vor allem vergisst man leicht dabei, dass die Rationalität nicht unabhängig vom Gegenstandsbereich gilt. Es gibt keine Logik der leeren Gegenstandsbereiche, wie wir seit Aristoteles wissen und wie Mancosu unlängst wiederholt hat. 

Darüber werde ich aber erst nächsten Sommer in Vichy berichten. Vorerst zur sozialen Sache: Bevölkert man den Gegenstandsbereich mit rationalen Individuen ohne Loyalität zu etwas Abstraktem wie der Deutschland AG, würde die schwarze Null als rationales Ziel einer Politik ganz woanders stehen.

Mit einer von Menschen gebildeten Null verabschiedeten die Beamten des Bundesministeriums ihren bisherigen Minister vom Amt.

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The employees of the German Federal Ministry of Finance formed a zero to remind of what is thought to be their hitherto minister’s most important achievement.

You can’t consistently argue against Germany’s zero deficit policy on the basis of morality. Say what you want against it but it will remain a practically coherent target.

What I have to say against it, is on the basis of politics and rationality theory: this is where I see myself justified to think that the so-called black zero is bullying, the bully in question being the petty-bourgeois who like politicians telling them that all Golden Eras and all Lorenzos de’ Medici of this world have been obsolete.

And it’s even worse than this: the bully wants you to believe that things like the zero deficit are choice-theoretically neutral: valid from an absolute point of view.

As we know since Aristotle and as Mancosu has recently reminded, rationality is not independent of the domain of discourse. I shall talk about the topic next year in Vichy, France.

For now, let me just add something on a political facet of the issue: If you populate the domain of discourse with rational individuals who don’t share a loyalty towards something so abstract like the so-called “Germany SA” – which is admittedly rather difficult when your universe of discourse is Germany – then the “black zero” would be in a totally different order of preferences in terms of rational choice.