Die Qualen

Scroll for English

Als ich meine ersten Bundestagswahlen erlebte – es war das Jahr 1990, Kohl gegen Lafontaine – hieß es am Wahlsonntag, man bemerkte gar nicht, dass gewählt wurde. Viele werteten die Ruhe als Zeichen des Desinteresses.

Heute – ich weiß allerdings nicht als was für ein Zeichen das gelten soll – bemerkt man gar nicht, dass vor Wochen gewählt worden ist.

Enough with scrolling

In my first federal elections when I arrived in Germany – it was the year 1990, Kohl vs Lafontaine – people were saying on this Sunday that the elections passed unnoticed. Many took silence on that day to show lack of interest.

Today – I don’t know if this is a sign and for what – there’s no hint that the elections took place weeks ago.

La Mediterranée prolongée

Scroll for English

Vorgestern habe ich während einer Stippvisite in Belfort festgestellt, dass ein paar universitäre Einrichtungen wie Bibliothek oder bestimmte Außenräume Namen von Historikern der Annales-Schule wie Lucien Febvre oder Marc Bloch tragen. Das Einzige wohl, was Febvre mit Belfort verbindet, ist seine Doktorarbeit über Franche-Comté. Über eine Verbindung Blochs zu Belfort ist mir nichts bekannt.

An Fernand Braudel, den dritten großen Vertreter derselben Historikerschule, sowie an seine legendäre Studie La Mediterranée erinnerte ich mich erst im Supermarkt zwischen Belfort und Zuhause. Ein Mittelmeermensch, wie es mein erstes Buch der ersten Klasse vorzeigte, kann ich in Mitteleuropa idealerweise in Grand Est sein. Ich weiß nicht, ob Braudel, Febvre und Bloch eine Erklärung dafür hätten, warum vierzig Kilometer von Basel entfernt die Fischtheke mediterran sein muss, aber eine Diskussion über die kulturelle Vorherrschaft des Südens im französischen Osten wäre spannend.

Enough with scrolling

Last Monday I happened to visit Belfort to realise that a couple of university buildings bear the names of historians of the Annales School like Lucien Febvre oder Marc Bloch. Febvre’s link to Belfort could be his PhD thesis on the region Franche-Comté. I know nothing about a link between Bloch and Belfort.

The supermarket stop between Belfort and home was in a special way a reminiscence to the third great representative of the school, Fernand Braudel, especially to his legendary monograph La Mediterranée. A Mediterranean person living in Central Europe, I feel closest to my roots in the French region Grand Est. I don’t know if Braudel, Febvre or Bloch have an explanation for the fact that in thirty miles distance from Basel, the fish counter resembles one that you could find in Athens, Venice or Marseille, but I would find thrilling the discussion on the cultural dominance of the South in the French East.

Nasreddin Gero

Scroll for English

Am 25. September, meinem Geburtstag, beglückwünschen mich viele mit dem Zusatz, alle meine Träume oder Wünsche mögen in Erfüllung gehen. Ich pflege zu antworten, auch die Hälfte meiner Träume würde mich zum glücklichsten Menschen auf dem Planeten machen.

Das ist nicht ohne eine stillschweigende Bezugnahme auf den bekannten Nasreddin-Hodscha-Witz, wonach dieser geträumt haben soll, einen Käufer für seinen dahinsiechenden Esel gefunden zu haben, einen noch dazu, der ganze fünf Goldstücke dafür anbot, woraufhin aber Nasreddin Hodscha in dreister Überschätzung zehn verlangte.

– Fünf gebe ich dir!

– Zehn will ich aber!

Plötzlich wacht der ehrwürdige Nasreddin auf, um festzustellen, dass er nur geträumt hat. Das Gesicht auf das Kissen nochmal drückend, schließt er die Augen nochmal und sagt: “Was soll’s, gib mir fünf…”

Dem Witz geht wahrscheinlich wie sehr vielen anderen Nasreddin-Hodscha-Witzen eine Vorlage in der altgriechischen Witze-Sammlung Philogelos voraus. Das kann leicht nachgewiesen werden, aber ich habe im Moment nicht die Zeit, im Philogelos zu suchen.

Dieselbe Pointe sehe ich in Kants Witz über den ontologischen Gottesbeweis: Der Begriff von hundert wirklichen Talern ist genau derselbe, wie dieser von hundert möglichen Talern (KrV, AA III, S. 401, 22-3). Bloß machen die hundert möglichen nicht reicher.

Andererseits trachte ich in meinen Träumen nicht nach Geld, sondern nach Sachen, die realisiert sind, sobald man an sie glaubt. Ich wünsche mir etwa Ausgewogenheit. Warum wird das nicht verwirklicht?

Offenbar, weil auch Gefühle, Gedanken usw. nicht durch-und-durch intentional sind, sondern eine äußerliche Komponente besitzen. Man kann sich nicht alles einreden. Das wäre ja ein Witz: sich Ausgewogenheit einzureden, um sofort ausgewogen zu sein; sich einen Affekt einzureden, um diesen zu haben. Im Endeffekt zählen auch in der Gefühlswelt nur die echten Taler. Gerade in der Gefühlswelt kann man die unechten zwar ausgeben, aber machen wir uns nichts vor: Es gibt so etwas wie die echte Liebe, um nur ein Beispiel zu nennen.

In der analytischen Philosophie wird zu wenig über die Liebe geschrieben. Ich bin froh, in Ruben Schneider den Herausgeber eines Sammelbandes bei Philosophia Verlag (München) gefunden zu haben. Wenn er den Band zu einem meiner nächsten Geburtstage vorlegt, wird das auch einer der fünf Taler sein.

Enough with scrolling

On September 25, my birthday, many think that they have to wish that all my dreams may come true. Normally I thank them but add that even half of my dreams would make me the happiest man on this planet – and most probably on other planets too.

In the background of my joke there is the following Nasreddin Hodja story: the wittiest of all imams dreams of arguing with a man who wants to buy his old, ill donkey. Absurdly – but it’s a dream in the middle of the night – the man offers five gold liras for the useless animal – an offer which Nasreddin rejects to audaciously bargain:

– I want ten!

– I’m giving you five!

In the middle of the argument, Nasreddin wakes up to realise that it was just a dream. Disappointed, he presses his face against the pillow, closes his eyes and compromises: “OK, OK, I’ll take five”.

Very probably, the oriental joke is owed to one contained in the late ancient Greek humour anthology Philogelos. Although I could easily offer evidence for this, I won’t. I have no time, I don’t feel like it… Not for a blog posting.

Nasreddin’s gimmick is a famous one in the history of philosophy. Kant ridiculed the ontological argument by pointing out that the concept of one hundred real thalers is exactly the same as the concept of one hundred possible ones (Critique of Pure Reason, AA III, p. 401, 22-3). The obvious disadvantage of the possible thalers is that they won’t make you any richer.

Being a philosopher, I always thought that it’s easier to fulfil dreams concerning intentionality as opposed to such about material goods. Consequently, my dreams are not about thalers but about things you have, if you persuade yourself that you have them. If you think you are balanced, you are balanced. If you think you’re full of love, then you are full of love.

However, the intentionality trick doesn’t work when you want to fulfil the most important wishes in life. Why not, you may ask. I suppose that the reason is because thoughts, emotions etc. are more external and material than we think. One cannot invent one’s own emotions. If you’re honest, you can’t persuade yourself to be balanced or loving. At least not if by this you mean what folk psychology would tag as really balanced or really loving.

In analytic philosophy, love is a surprisingly unloved subject. I did something against this: I found in Ruben Schneider the volume editor of a collection of original articles on every aspect of love to be published in Philosophia Munich’s series Basic Philosophical Concepts, of which I am the editor-in-chief. If Ruben manages to submit the volume on one of my birthdays in the next couple of years, it will be one of these five thalers.

https://youtu.be/PHdU5sHigYQ

Names, appellative and proper

Scroll for English

In diesem Blog habe ich bereits für Russells Theorie der Eigennamen plädiert, nach der die letzteren nichts als Abkürzungen von Kennzeichnungen sind. Z.B. ist ein “Kirschbaumplatz”, wie dieser nahe dem englischen Swindon, einer, wo ein Kirschbaum steht oder wenigstens stand.

Diese Ansicht ist vor allem von Saul Kripke in Frage gestellt worden, der u.a. darauf hinwies, dass jeder Platz so benannt werden kann, ohne einen Bezug zu Kirschbäumen. Ich denke bei solchen Fragen stets an die Platonstraße in der Innenstadt von Rhodos. Was hat Platon mit einem von den Kreuzrittern geprägten Ambiente zu tun? Trotz solchen historischen Lächerlichkeiten sind Straßen und Plätze rigide designiert – d.h. keine andere Straße und kein anderer Platz kann dabei gemeint sein.

Kripkes Einwand ist ernstzunehmen. Der hier abgebildete Platz nahe dem englischen Swindon hatte einmal Kirschbäume, was wohl heißt, dass sein Name ursprünglich als Appelativum gemeint war. Ohne Kirschbäume und nachdem niemand mehr gewusst hatte, dass Kirschbäume da standen, war der Name wohl ein Eigenname.

Die Frage ist nun: Wie fungiert der Name des Platzes, nachdem es dort wieder ein ganz junger Kirschbaum steht? Man kann sagen: manchmal als ein Appellativum, wenn er so verstanden wird, manchmal wiederum als starrer Designator, als Eigenname à la Kripke also, wenn er wiederum anders verstanden wird. Aber kann man wirklich so argumentieren? Kann man mit anderen Worten in den Psychologismus flüchten?

Russell kam in den 20ern oft an Swindon vorbei, als er mit seiner damaligen Ehefrau Dora Black zwischen London und Cornwall pendelte. Die Funktion eines Namens kann nicht zwischen Eigenname und Appellativum pendeln. Ich denke daher, dass Eigennamen konsistenterweise als Abkürzungen von Kennzeichnungen anzunehmen sind. Platon hat mit der Innenstadt von Rhodos zwar tatsächlich nichts zu tun. Man könnte vielleicht im Nachhinein eine Büste des Philosophen dort aufstellen, um Russell (und Platon) einen Dienst zu erweisen. Die Ortschaft Calne nahe Swindon weist den Weg.

From this blog, I’ve already had the opportunity to plead for Russell’s view on proper names. According to this, proper names are abbreviations of definite descriptions. E.g. a Cherry Tree Court is one on which a cherry tree stands or stood.

Saul Kripke questioned this view. Every court, square etc. can be named thus irrespective whether they have cherry trees or not. You can name a square in Athens, Greece: Aurora Square. People will know where it is and will mostly not confuse it with other squares, which is what proper names are about. The name will designate rigidly. In the medieval city of Rhodes there is a Plato Street…

Kripke’s objection is reasonable. Near Swindon, UK, there is a square called “Cherry Tree Court”. For years devoid of cherry trees, now the municipality endowed it with one. Obviously then, for years “Cherry Tree Court” functioned as a Kripkean proper name.

The question for me is whether the name of the square is an appellative or a Kripkean proper name after someone planted a cherry tree.

You can say: sometimes as an appellative whenever this is how it is understood, and sometimes as a proper name, whenever this is how it is understood. Alas, this is psychologism.

Russell used to pass frequently by Swindon in the 20s when he and his wife Dora, née Black, commuted between London and Cornwall. The nature of a name does not commute between proper and appellative though. This is why I think that proper names are abridged definite descriptions. Of course, it can never be bad, if the municipality of Rhodes erects a statue of Plato at its Plato Street. The communal administration of Calne, near Swindon has the know-how of Russellian solutions in philosophy of language.

La teoria dei giochi sotto le stelle del jazz

Scroll for English

Es ist verblüffend, wie beständig die Aktienmärkte das Geschehen dort als Glücksspiel statt als Gesellschaftsspiel modellieren, um die Anleger und uns, den Rest, immer wieder auf die Nase fallen zu lassen.

Statt hinter Kursschwankungen die Erwartung zu sehen, durch Voraussicht des Verhaltens der anderen, eigene Gewinne zu maximieren, sehen sie ein russisches Roulette. Sie prädestinieren damit das Anlegen von Geld dazu, tatsächlich ein russisches Roulette zu sein.

Paolo Conte umschreibt in Gioco d’azzardo umgekehrt ein typisches Spiel des Verhaltensrisikos (“Was wird sie tun, wenn ich das tue, falls sie etwas anderes tut?”) als Glücksspiel. Immerhin: Er sieht beide Elemente vorhanden.

Conte hat seinerzeit Jura studiert, weshalb ihm ein spieltheoretisches Grundverständnis zugetraut werden kann. Auch so ist es nicht ungerecht, wenn Mourad Mekhail, Hellmuth Milde und ich die Einsicht des Liedermachers bei den Ökonomen vermissen.

Enough with scrolling

Surprisingly, for decades, economists model what happens in stock markets as a lucky game rather than as a parlour game. “Surprisingly” because in stock markets the expectation is to achieve higher revenues due to prediction of other players’ behaviour.

However, what economists see in stock markets is Russian roulette. This could be the reason why stock markets are really a Russian roulette.

In Gioco d’azzardo, Paolo Conte describes love, a typical game of behavioural risk (What will she do if I do something knowing what she’ll do) as a game of luck. Which shows that, much more wisely than mainstream risk management, he sees some games as having both elements: chance and behavioural risk.

Conte was a barrister before he became a jazz composer. He must have a certain understanding of game theory. Even so, it is not unjust of Mourad Mekhail, Hellmuth Milde and myself (sorry, only in German) to deplore the failure of economists to have the grasp of games which the musician has.

A Diary of a Bad Year as a book for a rainy summer

Scroll for English

J.M. Coetzees Diary of a Bad Year ist nach Waiting for the Barbarians das zweite Buch desselben Autors, das ich heuer lese. Ich lese nicht viel Belletristik. Aber als ich das erste Kapitel zu lesen anfing, war das Essayistik. Ich hatte ein Essay von Coetzee über das Ineinandergreifen der britischen Wahrnehmung indigener Afrikaner und alter Griechen anfang des 20. Jhs. gelesen und stimmig gefunden – ursprünglich einen Vortrag bei der Siemens-Stiftung in München-Nymphenburg. Also las ich im Diary weiter, um festzustellen, dass die Seiten des Buches sich nach und nach trennen: oben ein politischer Essay des Hauptcharakters, in der Mitte dessen Bericht von der Begegnung mit Anya, unten Anyas Bericht von der Begegnung mit dem Autor – el Señor.

  • Plötzlich erlebe ich mich als jemanden, der den Essay und Hobbes und Machiavelli links liegen lässt und dessen Augen stattdessen auf die rechte Seite ab deren Mitte wandern.
  • In den schönen Büchern geht es nie direkt um die großen Ideen, sondern um irgendeine Anya und irgendeinen Señor.

    Enough with scrolling

    J.M. Coetzee’s Diary of a Bad Year is after Waiting for the Barbarians the second book of the same author which I read this year. Normally, I don’t read novels. But when I started reading the first chapter of this one, it was an essay.

    Another essay by Coetzee about the merged image of African warriors and Ancient Greeks in the British perception of the early 20th century, initially a lecture he had given at the Siemens Foundation in Munich, I read and enjoyed many years ago. So I continued reading in the Diary to realise soon that the pages of the book are divided into an essay on politics supposed to be written by a grey-haired intellectual on the top of every page, said intellectual’s story about his encounter with a floozie called Anya in the middle of every page, finally – bottom – Anya’s account on the author or, as she calls him: el señor.

  • Suddenly I catch myself forgetting the essay and Hobbes and Machiavelli, my eyes strolling on the bottom part of the next page.
  • This is OK. Literature addresses big ideas via some Anya and some señor.

    Quarantine blitzvisit in UK

    Scroll for English

    Der Plan war, eine Mitfahrgelegenheit, geboten durch eine Kollegin, zu nutzen, um mit einer finanziellen Minimalbelastung einen Blitzbesuch englischer Freunde machen zu können. Im Grunde hat es auch funktioniert. Aber etwas hat sich so geändert, dass ich 14 Tage vor Ankunft hätte doppeltgeimpft sein sollen, bevor ich nicht zur Quarantäne verpflichtet wäre. Einem zweiten Test muss ich mich noch morgen unterziehen lassen, bevor ich übermorgen – ausgerechnet am Tag ohne Quarantäne – das Vereinigte Königreich verlassen kann bzw. muss.

    Daraus ist also Zeit zum Effektivarbeiten geworden…

    Die Regeln zur Grenzüberschreitung waren einmal starr und streng und stabil. In der EU und bis zur Corona-Krise wurden sie aufgeweicht und waren so für Jahrzehnte stabil. Jetzt sind sie starr und streng und instabil..

    Enough with scrolling

    The plan worked initially but continued in an unexpected way: I used the opportunity to cross the Channel with a colleague meaning to visit friends in England at a minimal budget, when I found out that I should have been vaccinated for the second time 14 days prior to my arrival. I’ll have to have a Corona test tomorrow before I can leave the UK on the day after – on the day without quarantine.

    Great.. At last I have enough time to work effectively.

    Crossing borders was for a long time something under rules which were strict and constant. In the EU they were, until the Corona Crisis, indulgent and constant. Suddenly now, they appear to be strict and variable.

    A natural thing: failing to draw conclusions

    Scroll for English

    Vor vielen Jahren verblüffte Paul Grice mit einem Beispiel eines Sprechakts, das zu kompliziert daherging, um mit Mitteln der Analyse formaler Sprachen angegangen zu werden, gleichzeitig sehr alltäglich war. Ich gebe es in vereinfachter Form wieder: Es ist spät abends, Grice liest etwas Spannendes, als seine Frau plötzlich aus dem Schlafzimmer hustet, so wie sie immer hustet, wenn sie ihn glauben lassen will: “Ich weiß, mein teurer Paul, dass du weißt, dass das nicht der Husten einer Kranken ist, aber gerade deswegen setze ich ihn ein, damit du gleich einsiehst, dass ich so tue, als ob, weil ich mir vernachlässigt vorkomme”.

    Was Grice weiß, ist, dass seine Frau nicht krank ist. Was Frau Grice weiß, ist, dass Grice weiß, dass sie nicht krank ist. Was Grice weiß, ist, dass seine Frau weiß, dass er weiß, dass sie nicht krank ist – usw. usf.

    In Anbetracht dessen ist es erstaunlich, dass Grice trotz allem zu ihr läuft und so tut, als wüsste er nicht, was dieser Husten ist. Das ist albern! Wieso passiert es?

    Grices Erklärung für diese erstaunliche Wendung lautet, dass seine Frau letztendlich trotz allem ihre Meinung klar mitteilte, weil “meinen” in den natürlichen Sprachen eine sehr komplexe Situation darstellt.

    Das Thema war sehr modisch in den 70ern und 80ern. Andreas Kemmerling, der die nicht seltene Eigenschaft hatte, eine Zeit lang mein Doktorvater zu sein (ich wechselte vier Stück, bevor ich meine Diss schließlich einreichte), bestritt, wenn nicht eine ganze, so mindestens eine halbe Karriere mit einem Aufsatz, in dem er zu der Einsicht gelangte, nach der vierten Iteration sei es unklar, was Grice und seine Frau wissen würden.

    Kemmerling ist natürlich ein cooler Typ und man konnte ihm allein deshalb fast alles lassen. Aber ich denke, dass “Meinen” trotzdem eine viel einfachere Bedeutung hat. Hier ist ein Gedankenexperiment, das ich zur Bekräftigung meiner Behauptung anführen möchte:

    Einem ehrlichen, moralisch integren jungen Mann (nennen wir ihn Jack) ist eine junge Frau (nennen wir sie Jenny) sympathisch, die er aber nicht belagert, weil sie, sagen wir, die Freundin eines Freundes ist. Immerhin zeigt er ihr, ehrlich wie er ist, seine Sympathie. Die ahnungslose Jenny fragt Jack in einem Moment, in dem die beiden allein unterwegs sind, warum er nervös ist. Jack ist, wie gesagt, ehrlich; grundsätzlich jedenfalls.

    Opfert nun Jack seine Ehrlichkeit seiner Integrität oder umgekehrt seine Integrität seiner Ehrlichkeit? Die moralische Intuition spricht für Ersteres. D.h. er wird stets behaupten, er sei gar nicht nervös. Er wird lieber als Lügner erscheinen wollen! Das wird peinlich für ihn. Als ein Hypokrit wird er da stehen.

    Trotzdem wird er bestreiten, nervös zu sein. Jenny wird das nicht hinterfragen. Wenn Jenny – angenommen – weiß, dass Jack seine Nervosität nie geleugnet hätte, wäre diese nicht suspekt, und auch weiß, dass er nervös ist, wird sie wohl denken müssen, dass etwas Suspektes vorliegt. Trotzdem weiß Jenny nicht alle Implikationen ihres Wissens. Sagt Jack: “Ich bin gar nicht nervös”, so steht sie auf der Leitung. Wissen ist nicht geschlossen unter Implikation. Das erscheint paradox, denn Wissen standardweise geschlossen unter Implikation ist. Aber im Alltag gibt’s kein logisches Allwissen.

    Dieser Umstand allein lässt das Gricesche Beispiel auch als kein Wunder erscheinen. Paul geht zu ihr, bevor er nachgedacht hat, ob das für beide albern ist.

    Zum Glück! Sonst wäre jeder Versuch, Bedürfnis zu signalisieren, ohne Schwäche zu signalisieren, albern. Mit schlimmen Erfolgen für Paare.


    Enough with scrolling

    Quite a few years ago, Paul Grice launched a new way to understand “meaning” with a thought experiment that was too complicated to be analysed with formal tools of analysis, at the same time depicting an everyday communication. It’s late in the evening. Grice is reading something exciting when his wife coughs in the typical way she coughs when she insinuates: “I know, dear Paul, that it is clear to you that this is not the coughing of an ill person but what else can I do to make you see that I feel neglected, without making you believe that I’m ill and also without losing my pride?“

    By assumption then, Grice knows that his wife is not ill and Mrs. Grice knows that Mr. Grice knows that she is not ill. And since he knows his wife well enough, Mr. Grice knows that Mrs. Grice knows that he knows that she’s not ill. Because – come on now! – the point is to make him stop reading this book. Etc…

    Putting all this together, it is surprising that Paul interrupts his reading to go to the bedroom.

    Grice’s explanation of this, was that in spite of regress his wife manages to send a meaningful message he understands. After all, in ordinary language, meaning corresponds to a very complex state of mind.

    This is in the meanwhile old stuff. Not as old as Plato but, at least to analytic philosophers, so mainstream that it gets boring. And, I think, false. I’m inclined to analyse “meaning” – also “meaning” in a loop – in a much simpler manner.

    Take this young and honest man of moral integrity (call him Jack) who’s in love with his best friend’s wife (call her Jenny). Since he’s honest, he’ll show her his admiration. But since he has a sense of moral integrity he will refrain from making any advances towards her. At a lonely moment, however, Jenny asks Jack why he seems to be nervous. Will Jack sacrifice his integrity for his honesty or vice versa his honesty for his integrity? There is a moral intuition for the latter. But how can the answer “I’m not nervous” not sound hypocritical?

    Yet, even if Jenny knows that if Jack didn’t like her he wouldn’t deny his obvious nervousness and she also knows that he’s nervous, she does not necessarily reflect to know that ergo he likes her.

    Therefore, of course, Jack will say that he’s not nervous and Jenny will not question this. Knowledge (at least her knowledge) is not closed under implication. Of course, the standard view in epistemic logic is that knowledge is closed under implication. But this does not mean that Jenny is constantly reflecting on what she knows. Therefore she is not aware of all the implications of her knowledge.

    This is also why Grice goes to his wife. He doesn’t have the nerve to draw all the conclusions from the regress to decide that going to her would be silly.

    Fortunately so. Otherwise every attempt to show need without showing weakness would appear silly with fatal consequences for couples.

    An everyday understanding of tropes

    Scroll for English

    Ich schätze, dass manche meiner Leser die Tropen, individuelle Eigenschaften, als einen sehr ausgeklügelten Nominalismus verstehen, Ausgeburten aus den Köpfen ausgeflippter Experten. Dabei sind die Tropen sehr alltäglich, wie mir Erich Fried (1921-1988) in diesem Gedicht klarmacht:

    Ich lese das,

    was du schreibst

    von deinen schlechten Eigenschaften.

    Gut schreibst du,

    aber das kann mich

    nicht trösten darüber,

    dass alle diese

    deine schlechten Eigenschaften

    so weit weg sind von mir,

    denn ich will sie

    ganz nahe haben.

    Und wenn ich versuche

    einzeln an sie zu denken

    – deine schlechten Eigenschaften, wie du sie aufgezählt hast –

    dann wird mir bang

    und ich finde,

    ich muss mich zusammenreissen,

    damit meine guten

    deine schlechten

    noch halbwegs wert sind.

    Der Dichter liebt nicht etwa Schärfe, Unsicherheit, Provoziertheit par tout. Er liebt ihre schlechten Eigenschaften, weil sie eben ihre sind: ihre Schärfe, ihre Unsicherheit, ihre Provoziertheit. Ihre Tropen.

    Passend dazu finde ich ein Foto der Frau mit den Tropen, der nicht unbedeutenden Bildhauerin Catherine Boswell (1936-2015). Ihre Anziehungskraft zu Fried war wohl noch ein Trope: niemand zieht an wie irgendjemand sonst.

    Enough with scrolling

    There are definitely some among my readers who think that tropes, i.e. individual properties, are an intellectualist nominalistic, posh concept for only a few madcaps. The Austrian-born poet Erich Fried (1921-1988) can show you why tropes reflect a very everyday understanding of properties.

    I’m reading

    what you write

    about your bad qualities.

    You have a good writing style

    but this can’t console me over the point

    that all these bad qualities you have

    are so far away from me.

    I want them to be

    close to me, you see.

    And when I try

    to think of them one by one

    – your bad qualities as you listed them –

    I am concerned

    and feel

    under pressure

    to make my good qualities

    at least half as valuable

    as your bad ones.

    The poet doesn’t love bad qualities, say: sharpness, insecurity, and he doesn’t love provoking natures absolutely. He only loves her sharpness, her insecurity, her provoking nature. Because they are hers. Her tropes.

    The picture is one of Catherine Boswell (1936-2015), the woman with the tropes who was one of huge attraction (another trope, no one attracts like any one else) to Fried.

    A Roman wilderness of pain

    Scroll for English

    Als J.M. Coetzee den Literaturnobelpreis erhielt, war ich der Macher einer Sendung für den Hessischen Rundfunk. Zwar ist es erstaunlich, wie wenig ich mich in meinem Leben mit zeitgenössischer englischsprachiger Literatur beschäftigt habe, aber sein Buchtitel Warten auf die Barbaren, reizte mich genug, um wenigstens eine kleine Rubrik in meiner Sendung wert zu sein. Da ich das Buch nicht lesen wollte, zapfte ich vom Schreibtisch im Funkhaus Frankfurt-Dornbusch aus die ARD-Medienbank an, um tatsächlich einen ganz frischen Bericht einer Journalistin von Stockholm zu finden – einen fürchterlichen Abklatsch dem ich nichts Nützliches entnehmen konnte. Verärgert, das weiß ich noch, dass jemand für so ‘nen Klatsch gleich eine Person nach Stockholm schickt mit Flugtickets, Übernachtungen usw. – ich hatte ein Interview mit dem Nobelpreisträger erwartet – ging ich am nächsten Tag zum Hugendubel.

    Mein Verdacht war irgendwann bestätigt: Bei Coetzees Warten auf die Barbaren handelt es sich um eine offensichtliche und so intendierte Replik des Themas von K.P. Kavafis’ gleichnamigem Gedicht: das Reich (irgendeines – man erfährt nicht, welches) verkommt in eine bequeme Dekadenz, die nur durch einen fiktiven Krieg gegen einen konstruierten Feind – die “Barbaren” – vertuscht wird. Bis es sich herausstellt, dass die Barbaren keine Gefahr sind. Wie schade nun, dass die Zivilisation keine andere Wahl hat, als in ihrer eigenen Grausamkeit zu ersticken.

    Die ersten Rezensionen des Romans sprachen von einer Kritik am Apartheid. Coetzee lebte und lehrte damals in seinem heimatlichen Südafrika. Der Film (Waiting for the Barbarians (2019) mit Johnny Depp in der Rolle des menschenverachtenden Obersts Joll) lenkt allerdings den Blick zurück auf die Hauptinspiration des Alexandriners Kavafis, der als überzeugter Bürger des British Empire Anfang des 20. Jahrhunderts, auf das römische Reich als eine Allegorie zurückblickte. Die Barbaren in Ciro Guerras Film schauen Zentralasiaten ähnlich, die Landschaft ist nordafrikanisch-levantinisch. Guerra führte Coetzee zu Kavafis; das Heute auf King George und Romulus Augustulus zurück; nahm den Roman aus der politischen Interpretation der 80er heraus und machte daraus ein offenes Kunstwerk. Heute kann ich den Roman dadurch als etwas Neues wieder lesen.

    Enough with scrolling

    When J.M. Coetzee won the Nobel prize for literature it was the time I was producing a radio broadcast for Radio Hessen, a state owned broadcasting corporation based in Frankfurt. Surprisingly enough, in my life I haven’t read much contemporary English literature but a title like Waiting for the Barbarians deserved definitely a mention in my radio broadcast.

    However, I didn’t want to read the book. So I looked up in the German state-owned broadcasting stations’ media bank to find out that someone had allowed for a colleague to travel to Stockholm … for shopping! While I hoped for an interview with the laureate, she had sent 60 seconds full of boredom. Which is weird. Normally, in 60 seconds you didn’t have the time to get bored…

    I had to read the book after all, to verify my suspicion: Coetzee’s Waiting for the Barbarians bears a clear reference to Cavafy’s poem of the same title: the empire (which empire? The reader never knows) enjoys a decadence covered up only with the help of a fictitious threat – the “barbarians”. Cavafy, the poet, and the Magistrate in Coetzee’s novel are the ones with the role to say that the barbarians are no enemy, let alone a threat – to be annihilated by sorrow (the poet) or the authorities (the Magistrate).

    First reviews spoke of a work aiming at apartheid. Coetzee lived and taught in his native South Africa back then. Ciro Guerra’s movie Waiting for the Barbarians (2019) though, starring Johnny Depp as the inhumane colonel Joll, focuses on Cavafy’s main inspiration, an Anglogreek one from early-20th-century Alexandria. The empire – the British, the Roman – will not fall. Unfortunately… The movie’s barbarians resemble Central Asians, the landscape is North African and Levantine. Guerra reduces Coetzee back to Cavafy and makes the novel an opera apertà that can be read anew without the restrictions of its interpretations in the 80s.