Past prophecies

Scroll for English

Aufgetaucht sind sie am Gartentor. Farbenfrohe, eher konservative Klamotten hatten sie an, Taschen um die Arme, Zeitschriften bei der Hand…

Ich habe einen Trick, um mich ihrer zu entledigen. Fast einen Trick. Die Wahrheit ist nie bloß Trick: „Meine Großeltern waren im Alter Zeugen Jehovas geworden. Ihre Ansichten und Exegese kenne ich gut“.

Das klingt resolut und regt die Aufbruchstimmung an. Natürlich gehen sie nicht, ohne den Wachtturm und das Erwachet! zurückzulassen. Ich blättere immer drin. Ich liebe die Naivität.

2. Timotheus 3:1-5: „In den letzten Tagen … werden [die Menschen] eigenliebig sein, geldliebend, hochmütig, Lästerer […]

Ergo befinden wir uns, schlussfolgert der Artikel, in den letzten Tagen. Es gibt weitere Prophezeiungen mit Bezug auf Matthäus 24:6, 7 (Kriege werden ausbrechen, die Lebensmittel werden knapp) und Lukas 21:11 (große Erdbeben), die besagte Schlussfolgerung bekräftigen sollen.

Nun, obwohl ich ein Buch über mittelalterliche Eschatologie geschrieben habe, weiß ich wenig über das Ende der Geschichte. Aber eines gefällt mir hier nicht, eher aus erkenntnistheoretischer Sicht: Handelt es sich immer noch um eine Beschreibung eines einzelnen Ereignisses (des Endes aller Zeiten), wenn die angegebenen Identifikationskriterien so allgemein sind, dass fast jede Zeit sich in ihnen wiedererkennt? Was ich unter „allgemein“ verstehe? Aber klarerweise, dass die Beschreibung zutrifft und zwar bezogen gleich auf zwei oder gar mehrere Ereignisse, Epochen, Zeitalter. Das ist gerade, was wir haben, mit der Beschreibung egoistischer Menschen in einem Umfeld von Ressourcenknappheit, wo es ab und zu bebt. Individuieren kann man die Beschreibung natürlich, indem man sagt: das Maximum des Egoismus, der Kriege, der Erdbeben sei erreicht worden. Aber woher will man wissen, wann dieses Maximum erreicht ist?

Seit der Antike bestehen Aristoteliker darauf, dass Einzelereignisse der Zukunft unterdeterminiert und ergo nicht voraussehbar sind. Man kann voraussagen, wie viele Ehen nächstes Jahr auf der Insel Siphnos, im Kanton Solothurn oder in Yorkshire in etwa geschlossen werden. Aber man kann nicht voraussagen, ob Giannis, der um die Ecke, oberhalb von der Apotheke wohnt, Eleni heiraten wird, ob Ursula Laurent das Jawort geben wird, ob Ian und Siobhan Eheringe tauschen werden. Denn, woher will man wissen, ob ihr nächster Streit der letzte sein wird? (Der letzte ist es, wenn die Leute getrennte Wege gehen, nicht wenn sie heiraten – bloß zur Erinnerung). In statistischen Voraussagen haben wir eine viel bessere Chance, ins Schwarze zu treffen.

Tja, wie es scheint, sind es die allgemeinen Voraussagen, die die einzig möglichen sind, dafür betrachten sie aber keine individuierenden Merkmale.

Es gibt religiöse Gemüter, die mit platitüdeartigen Prognosen zufrieden sind. Andere sind es nicht zum Preis ihrer Unsicherheit gegenüber der Verheißung. So lange die ersteren nicht so tun, als wären sie im Grunde ihres Herzens die letzteren, aber vom Neuen Testament zufrieden gestellt, kann ich mit dieser Unterscheidung leben.

Enough with scrolling

There they were again, with their colourful but conservative outfit, the bags, the journals…

I have a trick to get rid of them. Not really a trick, after all you can’t call truth a trick. But it works like one, alright. „My grandparents from my mother’s side were converts to Jehova’s Witnesses, I know your teachings and scriptural interpretations, I’ve discussed endless hours about them. Thank you anyway“.

In the few seconds they manage to leave – with the lawfulness of Newtonian physics – the Watchtower and Awake behind. I always open them. I love naïveté.

2 Timothy 3: 3 For men shall be lovers of their own selves, covetous, boasters, proud, blasphemers, disobedient to parents, unthankful, unholy,

Further prophecies that are being allegedly verified today follow: wars and famine (Matthew 24:6, 7), and earthquakes (Luke 21:11). Now, although an author of a thick book on eschatology, I don’t know much about the end of history. But I know much about legitimate evidence! As an example of a verified prophecy, this invites reflection. How do you know that this prophecy describes our times, at the same time identifying them as the final? Even if the description of the times applies – and for the sake of argument I wouldn’t contest that bit – still the aforementioned description is too general for picking out one unique era out of the ordered series of all times. Find me a piece of human history where egoistic motives played a role lesser than altruism!

The description of the last times in the aforementioned „prophecy“ is general. The price to pay for this is that you can’t be sure if our time is the final, even if the prophecy applies, that is. But when is a description not general? The ready answer is: when it refers to one individual, in our case to the unique time segment to be properly called „the final“. As I said, this is not what you have when you predict that people will be egoists. By diagnosing egoism as a social disease, you don’t individuate any particular time. The most you can say can be that we’ll reach maximum egoism in the final times – but how do you know whether the upper limit of egoism is reached or not?

Since antiquity the Aristotelian conception of time is that individual future moments are underdetermined. No way to predict them. Like almost always, Aristotle is here very hard to refute. You can predict that the weddings in Siphnos island, in the Kanton Solothurn, in Yorkshire will not exceed or fall behind the median of the last years. But you can’t predict that Giannis, the guy you know, will marry Eleni, Ursula will marry Laurent, Ian will marry Siobhan. You don’t know when their next fight will be. But you know that, statistically, for every couple that breaks up, there’s one that comes together so that the overall figure remains approximately the same. General predictions are the only possible, but also too rough to predict something with individuating characteristics.

There are religious souls who are content with predicting platitudes. Others are not and run danger to remain comfortless. As long as the former don’t pretend to be the latter to whom I belong, I can live with this distinction.

Advertisements

Five years of blogging

Scroll for English

Der Titel ist selbsterklärend und das Posting selbstbezüglich.

Als Fazit aus der Erfahrung nur eine kurze Bemerkung, die über die Selbstreferentialität hinausgeht: Die Schriftstellerei macht (wenigstens hoffentlich) den Leser zu einem anderen Menschen; aber den Autor zu sich selbst.

Enough with scrolling

The title is self-explanatory, the post self-referential.

Just one short remark beyond circularity: to the reader, a good read is a life-changing experience. But to its author it’s life-preserving.

Wine and drugs and Aristotle

Scroll for English

Von Platons Symposion bis Roger Scrutons Ich trinke, also bin ich legt die Philosophiegeschichte eine Zuneigung zum Wein an den Tag. Das mag zu erwarten sein. Die Philosophie nahm ihren Anfang in Athen und Athen ist ohne Wein undenkbar. Mein euböischer Opa – wohl kein direkter Nachfahre athenischer Kolonisten auf der Insel, aber immerhin ein Abkömmling venetokretischer Siedler – war auf seinen Wein sehr stolz. Die Hauptsorte für Opas Wein war die attischte aller Traubensorten: Savvatianó. Savvatianó mussten zwei Jahrzehnte nach Großvaters Tod auch die Weinreben sein, die mein Vater auf dem Vorhof der Markopulo-Fabrik pflanzen ließ. Die Kunststofffabrik mit Savatianó-Trauben auf dem Vorhof inmitten einer riesigen Ebene voller Savvatianó-Pflanzen – Markopulo ist Attikas Weingegend par excellence – war ein Ort, wo im September die Kunststoffproduktion nicht im Vordergrund stand.

Anders als Kunststoff, war die Ideenproduktion, wie ich schnell in meiner akademischen Laufbahn entdeckte, mit Wein besser vereinbar. Die Oberseminare von Theophilos Veikos, einem Marxisten, an der Uni Athen gingen stets in einer Taverne in Kaisariani zu Ende. Die dortigen Gespräche übertrafen um Einiges den offiziellen Teil an Qualität. In München war es bei Andreas Kemmerling nicht anders: Das Oberseminar wurde jede Woche bei Mario – „Gargiulo – siziliano“ – fortgesetzt, für die letzte Sitzung des Semesters kamen die Weine in die Ludwigstraße 31 herein und wurden während der Sitzung aufgemacht. Gewissermaßen auf die Fortsetzung der schönen Sitte stößt, wer das Institut für den letzten Gastvortrag vor Weihnachten besucht.

Wer der Droge Alkohol nicht abgeneigt ist, kann doch keine Argumente gegen andere Drogen haben, oder? Wenigstens nicht gegen alle! So kann man wohl vermuten.

Weit verfehlt. Den Konsum von sämtlichen Drogen verurteile ich aufs Schärfste. Außer von Alkohol. Das ist zum Teil kulturell, nehme ich an. Wein hat in meinem Hinterkopf mit Philosoph, Poet, Liebhaber zu tun; mit Platon, Athenaeus, Jesus. Mit etwas jedenfalls zwischen Athen und Jerusalem. Cannabis dagegen, geschweige denn Opiate, assoziiere ich mit Rembetes aus Afyon (der Name bedeutet im Türkischen „Opium“) bestenfalls mit Thomas De Quincey. Der literaturgeschichtliche Unterschied ist nicht klein.

Ein tiefer gehendes Argument habe ich auch. Ich habe es bereits angedeutet: Beim Weintrinken kann man weiterhin geregelt, diszipliniert und mit einem aristotelischen Erkenntnisethos diskutieren – sogar geistig präsenter und geistreicher als vorher. Nüchterner fast, insbesondere wenn man nach altgriechischer bzw. modernserbischer oder -kroatischer Art trinkt: gewässert. Erst nach dem dritten oder vierten Glas wird es etwas schwieriger mit der Logik. Cannabis macht den Geist dagegen von Anfang an stumpf.

Ende eines März war’s. Beginnender Frühling in Langadas in Nordgriechenland. Mariä Verkündigung, Kasernenausschmückung mit Bildern von Helden des Unabhängigkeitskrieges in Fustanella und gewaltigen Schnurbärten und große Militärparade in Saloniki. Immer, wenn die Offiziere weg waren, blieb eine ganze Menge Arbeit für mich. An dem Tag musste ich eine Liste der noch verbleibenden Urlaubstage pro Kompanie erstellen und nebenher die Taugenixe der eigenen Kompanie im Auge behalten, die keine Vorzeigeexemplare für die Parade und ergo in der Kaserne geblieben waren. Es klingelt das Telefon:

– Baretti-Kaserne, Bereich S1.

– Ja, Gerogiorgakis, mein Junge, ich bin’s.

– Herr Kommandant, zu Befehl (man muss das mit einer Mischung aus Langeweile, Müdigkeit und doch einer gewissen Ehrfurcht aussprechen – nicht zu großer Ehrfurcht, sonst ist es kitschig).

– Jaaaa, es war schön; sehr schön… Jedenfalls bin ich mit dem General da, der wiederum mit dem Minister lange geplaudert hat… (eine lange Pause, etwas Unangenehmes will er mir sagen) Du, in so vierzig Minuten sind wir zu dritt da, du weißt, der General hat mich dem Minister vorgestellt wegen vorbildliche Einheit bla-bla-bla. Guck, dass ich das Gesicht nicht verliere. Saubere Klos, keine Pornohefte unter den Matratzen, das Übliche. Nicht zu viel. … Wart‘ mal, wieso bist du im Büro? Solltest du nicht in deiner Kompanie sein? Egel, also, Gero (das heißt gleichzeitig „Alter“ auf Griechisch), vierzig Minuten, OK?

Die Kompanie! Den ganzen Tag hatte ich natürlich im Büro zu tun… Ich brachte die zweihundert Meter hinter mich, um sofort festzustellen, dass die Rosensträucher nicht begossen waren. Der Stubendienst hockte in der Vorhalle.

– Warum bist du hier und nicht drinnen?

– Ich gucke nach den Waffen.

– Quatsch! Ausgerechnet du.

Skoulas nannte niemand nach seinem Nachnamen. Man nannte ihn „den Pianisten“, weil er einer war. Sein Bezug zu seiner G3 war sehr kritisch. Das Ding war an Stellen verrostet, der Besitzer hatte keine Ahnung oder keine Lust, das in Ordnung zu bringen. In den Schießübungen hieß es, auch hinter ihm sei es unsicher…

Erst recht vor ihm. Ob in den Schießübungen oder beim Aufmachen der Tür in die Stube. Der Qualm war dickflüssig.

Ich machte die Fenster auf. Schlaffe Gesichter ließen meine Schimpfkanonade über sich prasseln. Ich wurde laut und lauter, selbst lauter als es in der Infanterie Usus ist. Ich nahm viel Luft in meine Sängerlungen auf und ließ voller Entsetzen mein ganzes Volumen den Raum füllen, meine Enttäuschung kundgebend. Aber es war zwecklos. Zombies wären präsenter. Ich ging raus. Wenigstens die Rosen begießen. Ich nahm den Schlauch – das weiß ich noch.

Plötzlich stand Skoulas neben mir: „Feldwebel, lass jemanden die Rosen gießen, der nicht bekifft aussieht. Und überhaupt, die Rosen, nicht das Pflaster“. Ich überließ ihm die Rosen und ging unter die Dusche.

Aus diesem kleinen Abenteuer (meiner einzigen Berührung mit Cannabis) weiß ich: Wenn die geistige Präsenz das Kriterium sein, dann ist etwas Wein ein Segen. Denn die Logik ist ein Agon und Wein macht tapfer. Die kleinste Menge jeder anderen Droge dagegen ist chemischer Epikureismus.

Der Minister und seine Gefolgschaft ließen sich an dem Tag nicht blicken. Gott sei Dank war irgendwas in diesen vierzig Minuten dazwischen gekommen.

Jedenfalls hat sie niemand registriert.

Enough with scrolling

From Plato’s Symposium to Roger Scruton’s I Drink therefore I Am, the history of philosophy bears witness of oenophilia. Since philosophy, the discipline and the life form, began in Athens and Athens is unthinkable without wine, this is to be expected. My Euboean grandfather, no direct descendant of Athenian colonists, nevertheless one of Venetocretan settlers on the island, much appreciated the Attica variety savvatianó for his grape mixture – Greeks love wine made of various varieties. Savvatianó had to be the variety my father cultivated two decades after grandpa’s death in the yard of his plastics factory. It was in between the biggest savvatianó monoculture of the universe – almost a reason to be happy there was a factory there. September though was a month in which producing polyethylene tupperware wasn’t the main task of my father’s workers.

Unlike plastics, ideas were easier to produce while engaged in wine production or consumption. Theophilos Veikos’s, a Marxist’s, master class at the UoA always continued discussion in a tavern in Kaisariani. Andreas Kemmerling’s candidates‘ seminar at the LMU continued at Mario’s pizzeria – the guy came from Sicily and his surname was Gargiulo, which sounded at least as exotic as „gavagai“, alright… For the last session of the term we didn’t have to go to Mario since the wine was delivered in the classroom to be consumed there during the session. The custom is still alive and one can participate to a softer version of it (less stuff to drink, more to eat) by simply visiting the last invited lecture of the institute before Christmas.

People affirming some consumption of alcohol cannot be totally negative towards other drugs – one may think. Finally, they’re all drugs, isn’t it?

I must say, this is the way it is. They’re all drugs. But I have two arguments to underline my claim that alcohol is philosophically kosher whereas anything else is not. The first is cultural, historical. The second is, let’s say, deeper.

I happen to associate wine with the properties of being a philosopher, a poet, a lover. In other words with Plato, Athenaeus, Jesus. Anyway, something between Athens and Jerusalem. But I associate cannabis, let alone opiates with rembetes from Afyon (the word means opium) in Athens in the 30s. Thomas De Quincey would be a more literary association but the level doesn’t get much higher than that.

I have one more argument against drugs, despite my plea against abstinence.

When you drink wine you remain in a sense sober for the first two or three glasses, let alone when you drink it the ancient Greek or the modern Serbian or Croatian way, i.e. watered. And it’s only after this level that you get problems in applying rules of Aristotelian syllogistic. With drugs other than wine you say farewell to conversation and its rules from the very beginning.

It was the beginning of the spring, the day of Annunciation, the commemoration of the revolution. The barracks were empty. Tall guys and those who had nothing very important to do participated to the big military parade in Thessaloniki. Weirdos and workaholics had remained back.

On this day I had to make a list of days off but not taken yet. And, of course, I had to keep an eye on the ones who had remained. I was concentrated to the former task when the phone rang.

– Baretti-Barracks, S1.

– Yes, Gerogiorgakis, my boy, it’s me.

– At your orders commander (when you say this, it must be with a mixture of respect and habit as to not sound an old-fashioned, too-many-movies guy).

– Well, it was beautiful like always, you missed something, I’m telling you. Ah, what I wanted to tell you is, well … I’m here with the general who’s been talking with the minister. OK? So, the general introduced me, „what an extraordinarily performing unit“ and stuff, you get the point, isn’t it? In forty minutes we’ll be with you because the minister expressed the wish to visit an „extraordinarily performing unit“ on an off-duty day. Take care that nothing embarrassing comes up. So, Gero (this means „old man“ and this is how he abbreviated my surname when he wanted to show he trusted me), I leave it to you. Clean toilets, no porn under the matrasses, no rifles around. Not too much – usual stuff. By the way, why do I find you at the office and not with the platoon? Anyway, till later.

The platoon… I walked the couple of hundred yards to them. They hadn’t watered the roses in the morning, I immediately noticed. The attendant was in the foyer.

– Why are you sitting here? Why aren’t you with the others?

– Checking the rifles.

– Are you kidding me?

Skoulas hated rifles. His own was rusty, his interest for this competed with his inability to use the weapon and it was said that in shootings you weren’t secure even behind him. We called him „the pianist“ because he was one.

I opened the door to „the others“. The smoke was like a heavy-metal band stage show. Zombies who had to be my platoon looked at me with a mixture of apathy and antipathy. I started to give the information, upset, frustrated, struggling for fresh air of which this room provided little. I opened the window and went out to water the roses. Suddenly, Skoulas stood next to me and requested to water the flowers himself. Apparently, I didn’t happen to pour water on the soil but on the pavement instead. I went for a shower.

No, you can’t really say that I’ve tried cannabis. But this unpleasant story taught me that, unlike wine, cannabis makes one unable to make arguments – or to argue! Logic being a struggle, an agon, I think that philosophical culture correctly discriminates cannabis and hails wine.

The minister and the general and the commander didn’t drop by, by the way. At least nobody noticed them.

Une langue austrolibérale

Scroll for English

Die letzten Reste meines mündlichen Französisch aus der Schule habe ich bereits letztes Jahrtausend aufgebraucht. Dass ich plötzlich viel mit Sprechern der Sprache Racines und Foucaults zu tun habe – und damit mit derselben auch – stellte mich vor eine Herausforderung. Das Alltagsfranzösisch empfinde ich nicht mehr als etwas, was sich mit Phantasie aus Latein und Italienisch rekonstruieren lässt, sondern im Gegenteil als etwas gründlich anderes.

So zum Beispiel diese Gewohnheit, nicht „nous parlons“, „nous souhaitons“, „nous philosophons“ etc zu sagen, sondern „on parle“, „on souhaite“, „on philosophe“ etc: Zwar ist sie nachvollziehbar insofern, als das Personalpronomen „wir“ im Grunde „man“ bedeutet mit dem Zusatz, dass der jeweilige Sprecher dazu gehört – daher: „man spricht“, „wünscht“, „philosophiert“ statt „wir sprechen“, „wünschen“, „philosophieren“. Allerdings ist der Zusatz wichtig: Wenn ich „man wünscht“ statt „wir wünschen“ sage, geht der Hörer nicht unbedingt davon aus, dass ich einer der Wünschenden bin.

Trotz der grammatikalischen Unsauberkeit erscheint mir die Ersetzung der ersten Person Plural durch eine impersonelle Syntax im mündlichen Französisch sympathisch und auf philosophischer Ebene Wienerisch. Schumpeter plädierte seiner Zeit für die Idee, dass kollektive Güter die Summe von individuellen Nutzen sind. Nicht wir sind zufrieden oder unzufrieden, sondern man ist zufrieden oder unzufrieden und am Ende gibt es eine Summe. Popper hört aus dem vermeintlichen Wir die faule Argumentationslinie des Tribalisten heraus: „So sind wir schließlich“. Darauf erwidert französische Alltagsweltbürgerlichkeit: „Nicht „wir sind“, sondern „man ist“. Die anderen Abermillionen lässt du, bitte, in Ruhe oder fragst du wenigstens, bevor du sie als Zeugen anführst“.

Würde ich mehr Französisch im Alltag reden, würde es mir nicht einmal in den Sinn kommen, mein Gegenüber wäre ein Tribalist – auch wenn er’s wäre! Das würde meine Tage verschönern.

Enough with scrolling

Still during the last millennium, I consumed the very tiny last bits of my oral competence in French – but remain able to feel astonished for the moral competence that is expressed in that language. First of all I’ve felt strange in the last years – having more and more French acquaintances, cooperations and colleagues around me – that for decades I’ve failed to recognise that Racine’s and Hugo’s language tends more and more to suppress expressions of the form „nous parlons“, „nous souhaitons“, „nous philosophons“ etc to prefer impersonal ones like „on parle“, „on souhaite“, „on philosophe“ etc.

On the first glance, this is awkward. „We talk“, you see, is arguably very much like „some talk“ – but far from being the same. In order to say the same as „we talk“ by using „some“, I have to say „some talk and I’m one of them“. But the French use an expression literally to be translated as „some talk“ meaning „we talk“.

This is gorgeous although philologically irritating and grammatically incorrect. And it is, in terms of political philosophy, rather Austrian in the following sense: in a very influential and much admired article, Schumpeter reduced social value to individual values. The one who’s content or discontent is not someone who can call himself „we“ but rather some are content or discontent and at the end you have to sum up. Popper saw tribalism lurking behind many general statements about „us“ – Europeans, Germans, Christians etc. Often when I hear „We are such-and-such“ I feel tempted to object „Talk about yourself and leave the other few millions alone or at least ask them first“.

I must become more fluent in French and use it in everyday conversation. It’s a language in which you don’t even feel tempted to think that the other is a tribalist – and this independently from his values! Isn’t this improving one’s standard of living?

A man has to do what a man loves to do

Scroll for English

Wenn die Schüler in ihren Graffiti auf einen Zusammenhang zwischen Ethik und Ästhetik hinweisen, dann spricht das wahrscheinlich für ihr außergewöhnliches Interesse am Fach Philosophie in der Schule – dachte ich bei der Entdeckung obigen Schriftzugs. Oder für eine Hannah Arendt und Gottfried Seebaß nahestehende und in jedem Fall Kant und Popper gegenüber feindselige Haltung. Oder für Beides, was aber nicht sein muss. Man kann nämlich Arendt anhimmeln, ohne Philosoph zu sein. Den moralischen Ästhetismus neomarxistischer Couleur (Klassenkampf aus ästhetischen Gründen sozusagen) habe ich über Umwege erst 2000 bis 2003 in Griechenland kennengelernt und – da muss mich der Leser entweder glauben, oder selber recherchieren – er ist philosophisch extrem dünn.

Andererseits spricht „küssen“ von keiner festen Beziehung. Wenn die Ästhetik sozusagen eine flüchtige Affäre der Ethik ist, dann schadet das wohl der kantischen Morallehre nicht.

Jüngst entdeckte ich, dass der Schülerspruch „Ethik küsst Ästhetik“ von einem Laden in Downtown-Basel abgekupfert ist. Seitdem stelle ich mir manchmal die Kunden besagten Ladens als solche vor, die reingehen, ausschließlich um Schönes und Luxuriöses zu kaufen – was jedenfalls auf den ersten Blick untugendhaft erscheint. Nicht nur die Tugendethik erhebt hier einen Einspruch. Es drängt sich auch das kantische Bedenken auf, ob sie pflichtbewusst handeln, falls sie Moralität konsumieren (Fair-Trade-Zeug), weil diese schön aussieht.

Nun ist die Schönheit nicht das Kriterium des moralischen Handelns. Schiller war ungerecht gegenüber Kant, als er ihn so verstand, er würde vorschreiben, nur Unangenehmes könnte man aus Pflicht tun. Es gibt durchaus angenehme Pflichten.

Man kann einwenden, dass der Kunde per definitionem nicht aus Pflicht handelt, falls er Fair-Trade-Produkte nur deshalb kauft, weil sie schön sind.

Andererseits kommt es bei der Erfüllung einer Pflicht nicht auf die Absicht an. Man muss nicht aus Pflicht eine Pflicht erfüllen.

Fazit: Küsse zwischen Ethik und Ästhetik sind OK. Pflichten dürfen angenehm sein. Vielleicht sind sogar unangenehme Pflichten in einer gewissen Hinsicht auch angenehm, wie Workaholics ständig beweisen.

Ich bleibe dabei, den Ästhetismus als philosophisch dünn zu betrachten. So viel Popperianismus darf sein. Aber ich betrachte ihn nicht als das ultimativ Böse. Blutjunge Leute sollen doch ruhig das Gute mehr mit dem Angenehmen verbinden dürfen. Etwas anderes von ihnen zu verlangen, würde nur Neid verraten.

Enough with scrolling

First I discovered the graffito in the atrium. It said „Ethics kisses aesthetics“, which I saw as witnessing reflection and as reflecting the students‘ engagement for philosophy as a subject. Months later, I discovered this shop in downtown Basel with the same slogan, which made me think that I was wrong about the students‘ engagement. I imagined the customers of the shop: going in, in one of the universe’s most expensive spots, buying overrated commodities with prices saltier than the cheese they make for the aperitif a couple of miles souther, and leaving the shop after having done something good for the world after they bought things they would never have bought if they didn’t appear luxurious to them. Not quite the action you’d call „virtuous“.

Aestheticism makes me button my moral coat. Moralist aestheticism, a Neomarxist one, was a concept I had encountered in Greece between 2000 and 2003. It was something like a state philosophy back then, with direct contacts to the almighty ministry, and it remains very influential today – just as influential as it is philosophically hollow.

Notwithstanding my general Popperian aversion against aestheticism, I would never go as far as to say that duties must be unpleasant. This is how Schiller misinterpreted the Kantian concept of duty and one really doesn’t have to be as good in poetry and as bad in philosophy as Schiller.

The customers of the shop do act morally after all when they buy luxuries there, under the condition that they are benefactors of moral agents and the shop is one such. The kiss between ethics and aesthetics is an acceptable one. Even Kantianly so… Fulfilling duties doesn’t have to be unpleasant. The kiss doesn’t need to be one in an unimportant affair to be forgiven. Let ethics and aesthetics be a couple for good – no moral objection there!

But if this concept becomes the new paradigm in ethics, who will do the unpleasant duties? I’d say to this that even unpleasant duties have pleasant sides. Don’t workaholics demonstrate this constantly?

This is why aestheticist students don’t offend my view on ethics. It’s no good for me – it’s hollow. But it’s alright for them and morally acceptable.

Alltagseschatologie

Scroll for English

Griechische Jugendliche würden einen Telefonanruf durch die angebetete Person oder das Tor in der neunzigsten Minute, vielleicht nicht ohne Selbstironie eine „Auferstehung“ nennen. Nicht von ungefähr! Wer die ostkirchliche Rhetorik bezüglich Tod und Auferstehung verfolgt, wird feststellen, dass die alljährlich wiederkehrende Passion als A. Hinweis auf ein historisches Ereignis und als B. Allegorie für unser eigenes Golgatha und unsere eigene Überwindung desselben gilt.

In diesem Sinn sehe ich heuer keinen Link als angemessener an denn den, in dem Fairouz, die ehemals griechisch-katholische, später orientalisch-orthodoxe Muse Syriens, das Auferstehungstroparion ihres Landsmanns Romanus Melodus singt, das seit dem sechsten Jahrhundert die Orthodoxen und auch die Christen griechischen Ritus den ganzen Mai und vielleicht auch im April unter der Dusche zwar nicht, dafür aber in jeder Kirche, in der Einsamkeit ihrer Wohnungen oder etwa beim Arbeiten an einer nachhallenden Baustelle laut singen.

Auf die Auferstehung Syriens und auch auf die Freude unabhängig von Ländern und Zeiten!

Enough with scrolling

Fairouz, the originally Greek catholic, later orthodox Syrian diva sings in the above link her compatriot’s Romanos the Melodist’s Paschal troparion from the 6th century AD. If there were musical charts from 14 centuries, Christos anesti would be a springtime hit and an evergreen. Every priest has to sing it in the night of the Good Saturday. But also every construction site has echoed it if it only had the honour to host one semi-pious worker. Admittedly, this is not something you’d sing in the shower but it’s sung everywhere else.

For this year’s Easter, I don’t know of a better way to wish Syria’s and everyone’s Golgotha to come to an end than this.

I do this as an adherent of the Greek rite and an Orthodox Christian after all. For us, you see, the passion and the resurrection are not only about the historical events concerning Christ. They’re also about an everyday eschatology: about the little crucifixions and resurrections throughout the year: phonecalls of beautiful people, liberations from tyranny, goals in the ninetieth minute – really whatever!

Stên ekklêsia, K.P. Kavafis, 1912

Scroll for Sherrard’s/Keeley’s translation of C.P. Cavafy’s poem

~~~~~~

IN DER KIRCHE

Ich liebe die Kirche – ihre sechsfach geflügelten,

Cherubim, ihre silbernen Gefäße, ihre Leuchter,

Ihre Lichter, Ikonen und Kanzeln.

Wenn ich sie betrete, die Kirche der Griechen,

Mit dem Duft ihres Weihrauchs,

Den Gesängen und liturgischen Chören,

Der feierlichen Erscheinung der Priester,

In prächtige Gewänder gekleidet

Und mit dem ernsten Rhythmus ihrer Gesten,

Wird mein Geist von der Größe unseres Volkes erfüllt,

Vom Ruhm unseres Byzanz.

~~~~~~

Übersetzt v. Robert Elsie

Der nicht oströmische Leser wird meinen, dass das heutige Posting entgegen dem in diesem Blog Gewohnten nicht ökumenisch ist. Recht wird er haben. Eine oströmische Woche der Pönitenz in einem Jahr voll weltbürgerlichen Eifers wird doch verzeihlich sein.

Meine Dankbarkeit für die kurzzeitige Wandlung gilt der Basler Hagia-Sophia-Kirche.

Enough with scrolling

In the Passion Week, in the Orthodox Church there’s space for every one of Her scattered children. I chose Sherrard’s translation of Cavafic verse not only because of our common Euboean and Anglogreek identity – NB, the second property being one of the poet as well – but mainly because of the literary merit. Whereas… I’m not quite sure whether the two things, merit and being an Anglogreek, are really independent from each other.

IN CHURCH

I love the church: its labara,

its silver vessels, its candleholders,

the lights, the ikons, the pulpit.

Whenever I go there, into a church of the Greeks,

with its aroma of incense,

its liturgical chanting and harmony,

the majestic presence of the priests,

dazzling in their ornate vestments,

the solemn rhythm of their gestures—

my thoughts turn to the great glories of our race,

to the splendor of our Byzantine heritage.

Translated by Edmund Keeley/Philip Sherrard