Moon in June by l’homme machine – errr sorry: Soft Machine

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Der heutige Juni-Vollmond ist eine Erinnerung daran, Soft Machine aufzulegen…

La Mettrie wird wohl Recht gehabt haben. L’homme machine. Das reduziert noch lange nicht die Software auf die Hardware. Hardware kann auch ohne Software da liegen.

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Tonight’s full moon reminded me to listen again to Soft Machine.

La Mettrie was probably right. L’homme machine. Which doesn’t reduce the software to the hardware. I mean, you can have a hardware without software after all.

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Kitchen dogma

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Mein Tabuleh ist sehr klassisch. Meine griechische Fischsuppe auch. Meine Südtiroler Käsetaler ebenfalls, geschweige denn mein kroatischer Mangold mit Kartoffeln. Kurzum sind die meisten meiner Gerichte traditionell.

Offenbar ist das ein Anzeichen des Dogmatismus. Aber wer frei sein will, hinterfragt die Dogmen. Alle klugen Menschen tun das. Quine brachte uns bei, den zwei Dogmen des Empirismus zu misstrauen. Schumpeter zeigte uns, dass die sogenannten kollektiven Güter eine Fiktion in den Köpfen von Platon und Marx waren. Voltaire lehrte, Kirchendogmen den Rücken zu kehren. Das sind nur sehr wenige Beispiele.

Ich gehe davon aus, dass ich nicht der dümmste bin. Warum befolge ich dann Küchendogmen, indem ich traditionell koche? Naja, das ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass ein Rezept die kulinarische Erfahrung von Jahrhunderten verkörpert. Wenn das nach Rezept zubereitete Gericht diachronisch gut gefunden wurde, dann stehen die Chancen gut, dass es meinen Gästen und mir ebenfalls schmecken wird.

Moment! Wir sind noch nicht fertig! Der im traditionellen Rezept ausgedrückte Dogmatismus kann durchaus das Produkt von Engstirnigkeit und Irrtum sein, wie andere Dogmen auch. Wenn ich keine Abweichungen wage, woher weiß ich, dass es nicht so ist? Trotzdem sehe ich mich außerstande, hier allen Dogmatismus per se zu widerlegen. Nicht der Umstand das es dogmatisch ist, macht ein Dogma falsch, sondern seine Falschheit macht es falsch – wenn sie überhaupt der Fall ist wohlgemerkt.

Ich habe eine zweite Methode, mit Dogmen umzugehen.

Wenn ein Dogma droht, mein ganzes Leben kaputt zu machen, falls es falsch sein sollte, dann verfahre ich nicht im Kursbuchlesersinn. Wenn aber nur die Mahlzeit auf dem Spiel steht, dann – was soll’s – verfahre ich nach Rezept.

Das Resultat ist eine Wohnung, in der nur ein Zimmer dem Dogmatismus gewidmet ist: die Küche. Der Rest der Wohnung ist sehr kritisch und offen.

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My tabuleh is very classic. My Greek fish soup also. My South Tyrolean “cheese thalers”, my Croatian potatoes with Swiss chard, my gazpacho; short: most of my dishes are the traditional variants.

Now, this is dogmatism and if you want to be free you get rid of dogmas. All intelligent people do so. Quine taught us to mistrust the two dogmas of empricism, Schumpeter showed us that the so-called collective goods are nothing but a flawed idea of Platonic and Marxist origin, Voltaire taught us to mistrust church dogmas. And these are only very few examples!

I do think that I’m not an idiot. Why do I trust kitchen dogmas by cooking traditionally then? Well, because obviously a recipe gives you something that many people liked for centuries, so that it’s likely for me and my guests to like it too.

But again: dogmatism expressed in a traditional recipe might be the expression of narrow-mindedness or error as the case with other dogmas is. First, I would have to deviate many times from the classic recipe and only then I would be in the position to say that the culinary dogmatism is better. And yet I don’t think that I can make a general case against dogmas. It’s not dogmatism that makes a dogma false, it’s its falsity. But falsity is not necessarily a property of every dogma.

So I have a second, more moderate way to deal with dogmas.

If a dogma threatens to destroy my entire life in case that it came out to be wrong, I don’t go by the book. If it threatens to destroy just the dinner, the risk is small, so I do follow it after all.

The result is that at my place, the only room reserved for dogmatism is the kitchen. The other rooms are platforms of open-mindedness.

Colours lexicalised

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Es gibt gelegentlich eine geplatzte Vene. Immer noch, heute wie vor Jahrzehnten. Peinlich war das im Militär. “Du hast zierliche Arme”. Unabhängig davon hat mich die Verfärbung danach immer beeindruckt. Auch philosophisch angeregt. Wegen Wittgenstein vor allem.

Wer Wittgensteins Bemerkungen über die Farben kennt, ist über einen Zusammenhang zwischen Farberkennung und Lexikalisierung sensibilisiert. Wir erkennen etwas, eine Nuance, eine Schattierung, wenn wir eine Kategorie dafür haben. Eben nicht umgekehrt! Insbesondere bei den Farben ist dieser Mechanismus gut zu erkennen.

Diese sehr charakteristische Farbe meines Armes nach einer geplatzten Vene heißt im Griechischen “Blavo”. Im Neugriechischen. Das ist eine Entlehnung aus dem Serbokroatischen. “Plavo” heißt dort blau. Nun gibt es im Neugriechischen bereits gleich ein paar Wörter für “blau”, nämlich “kyano”, “ble”, “galazio”, “galano”, “loulaki”… Ein extra Slawismus war nicht unbedingt nötig. Blavo unterlag also im Neugriechischen einer Bedeutungsverschiebung und bedeutet heute genau das, was meine Vene verursacht, wenn das Praxispersonal die Arme armer Schreiberlinge etwas zu ungenau durchstöchert. “Zierlich? Ich war meinerzeit Infanteriefeldwebel!” Die Schwestern werden immer deine Arme beschuldigen und diese hat sogar Recht: Im Grunde genommen bist du in der heutigen Infanterie so etwas wie ein Sozialarbeiter. Insofern…

Zurück zu den Farben.

Es ist immer positiv gemeint, wenn die Leute an der Adria den Himmel und die Stille genießen: “Plavo nebo, mirno more”. Wenn ich allerdings auf Neugriechisch sage “blavo bratso”, dann drücke ich etwas anderes aus, sowohl eine andere Farbe als auch eine andere Assoziation, trotz der Etymologie. Der schwarz-grün-gelbe Arm ist erschreckend, gar nicht positiv und vor allem bezeichne ich mit blavo eine Farbe, die nur in dieser Sprache lexikalisiert ist.

Ich weiß, meine Leser würden sagen: “Blaues Auge”.

Also, wirklich? “Blaues’? “Plavo?” Oder “blavo”?

Also, damit ich’s auch nicht vergesse: Endlich ist der Himmel blau und sommerlich. Es war an der Zeit.

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A bruising can happen. It happened now as it has happened for decades. In the army they used to put the blame on me. “Dainty arms you have!” What followed during the day was, of course, the dramatic colouring of my veins and the whole spot! Impressive. Wittgenstein was the reason I found it philosophically interesting too.

Those who have read Wittgenstein’s Remarks on Colour will know about the connection between seeing a colour and naming it. We recognise the fine shade once we have a word for it. It’s the possessing of the category that makes you see and not the seeing that makes you possess the category.

The characteristic colour of bruising is called blavo in Modern Greek. This is a word loan from Serbocroatian where plavo means blue. Modern Greek has quite a few words for blue: kyano, ble, galazio, loulaki and some more. Obviously the Greek didn’t need an extra one, which led to a semantic shift: blavo denotes in Greek the colour of a bruised arm or eye.

“What do you mean I have delicate arms? I was a sergeant in the army!” Nurses will always blame you, though… And she’s right. A sergeant’s job is one of a social worker in modern infantry.

Back to the colours.

Adriatic. People looking at the skies, at the sea, rejoicing: “Plavo nebo, mirno more”. Blue is as positive a predicate when predicated of the sky, as serene is when predicated of the sea. The Modern Greek expression “blavo bratso” is, however as negative as anything. Notwithstanding the etymology, the real colour of my arm is frightening. But this is relatively unimportant again. The point is that this colour is lexicalised only in this language.

I know, my readers would say: “Black eye”.

Seriously? “Black’? Not “plavo?” Or rather even “blavo”?

But let’s not forget the sky. Finally it’s blue and summer-ish. It was about time.

Una vedetta per la vendetta – something that Foucault didn’t notice

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Es wäre interessant zu wissen, ob Foucault diese Legende aus Bonifacio (“Bunifaciu!” – solch eine nordeuböische Kophose!) auf Südkorsika kannte.

Ich weiß sie selber nicht mehr ganz. Vor Jahren ist sie mir dort erzählt worden. Sie läuft in etwa so: Die Witwe des toten Andolini (nennen wir ihn “Andolini”) hält Wache, Waffe bei der Hand, oberhalb der Stadt Ausschau haltend auf den Mörder ihres Mannes, den schmutzigen Ciccio (nennen wir ihn “Ciccio”). Der Bösewicht vermutet die Racheabsicht der Witwe und bleibt zu Hause für ein paar Jahre, um erst zu sterben am ersten Tag, als er endlich die Wohnung verlässt. Die Witwe war dort an ihrer Stelle jeden Tag jahrelang. Kaltblütig würde man sagen. Kalte Gerichte sind sehr charakteristisch für die Mittelmeerinseln und die Rache ist bekanntlich so ein Gericht.

Das Italienische nennt den Wachposten “vedetta”, woher sich auch das französische “la vedette” ableitet für die aufsichterregende Frau. Das Wort für die Rache unterscheidet sich nur um ein “n” davon: “vendetta”. Bestimmt ist die Witwe der Bunifaciu-Legende keine aufsichterregende, sondern eine aufsichthaltende Frau.

Da auf Korsika früher nur ein italienischer Dialekt gesprochen wurde, ist es durchaus möglich, dass die Bonifacio-Legende nur ein Wortspiel ist. Gewiss eines zum Thema Selbstjustiz, aber Wortspiel. Spiel! Eine vedetta (Wachstelle) für die vendetta (Rache).

Korsika ist für seine Vendettas bekannt. So wie Sizilien, Kreta, Mani. Gemeinsam haben diese drei Inseln und eine Halbinsel, dass sie im Mittelmeer sind (aber die Vendetta gibt’s nicht überall am Mittelmeer). Außerdem gibt es eine direkte Beziehung zwischen Mani und Kreta, auch eine zwischen den korsischen Gräkophonen und Mani (nicht allerdings zwischen Sizilien und Mani oder Sizilien und Kreta und Mani). All diese Schauplätze (von Verbrechen wohlgemerkt) waren, mindestens zum Teil von Griechen bewohnt (aber es gibt Vendettas nicht überall, wo Griechen sind oder waren).

So viel zur Geschichte.

Zur Philosophie jetzt: Foucault mochte es, die Institutionen, auf die der Westen stolz ist, als auf rassistischen, kriminellen, moralisch inakzeptablen Grundlagen auszuweisen. Nun kann das wohl in Bezug auf die Gerechtigkeit gezeigt werden. Vergleichen wir zum Beispiel die Gerechtigkeit mit der Rache. Der Rache liegt eine Art korrektive Gerechtigkeit zu Grunde. “Das hast du mit mir gemacht? Jetzt wirst du sehen, was ich mit dir mache. Das Maß an Unglück wird dasselbe sein”. Wer so denkt, hat natürlich durch das Unglück des Opfers, des vormaligen Täters, keinen materiellen Vorteil. Jedoch fühlt er sich um einen Teil seiner Ehre und Würde rehabilitiert.

Die zivilisierte Art ist natürlich so: Du gehst zur Justiz und sie soll bestrafen. Angenommen, du optierst für die zivilisierte Art.

Warum ist das nun keine Rache, wenn die Rache dein Grund war, dich an die staatliche Gerechtigkeit zu wenden?

Das klassische Hauptargument dafür, dass die staatliche Gerechtigkeit niemals eine Rache darstellt, ist Cesare Beccarias: Das “Opfer” der staatlichen Gerechtigkeit, der Delinquent, lernt eine Lektion. Die staatliche Gerechtigkeit will die verurteilte Person lernen lassen, während die Rache den Zweck hat, der verurteilten Person Schmerz zuzufügen.

Ich bin nicht sicher, ob Beccarias Rechenschaft über den Unterschied zwischen Rache und Recht korrekt ist. Eine Korsendelegation soll Napoleon in Paris besucht haben. Der große Sohn der Insel soll gefragt haben, ob seine Heimat weiterhin die Hauptadresse des Mordens gewesen sei. “Beim Morden sind wir Spitzenreiter. Beim Stehlen allerdings Schlusslichter” soll der älteste Delegierte geantwortet haben.

Beccaria zum Trotz kann die pädagogische Funktion der Gerechtigkeit nicht als spezifische Differenz zwischen Rache und Gerechtigkeit gelten. Die Rache hat nämlich auch eine pädagogische Funktion.

Ich bin ein Insulaner. Ich finde das kretische Stirnband elegant. Es ähnelt dem korsischen. Und Foucaults Reduktion der Zivilisation auf Barbarei finde ich auch elegant.

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I don’t know if Foucault knew this legend of the south Corsican town of Bonifacio (“Bunifaciu!” – the cophosis sounds so North Euboean!)

I don’t remember it myself very well, but I was told there years ago and I’m giving it to you in a nutshell: the widow of one of the “Montagues” (let’s call them Montagues) looks out of her window with her riffle in her hand for her husband’s killer from the house of “Capulets” (again: let’s call them Capulets). As the villain assumes that the enemy would watch out for him to appear and to revenge, he stays at home for years. And dies on the first day he leaves home. The widow was there every day, all the day, for all these years. In cold blood, one can say. Cold dishes are very characteristic for the islands and revenge is, as the proverb says, one such.

In Italian, the watching spot is called “vedetta” – whence the French word “la vedette” derives – and revenge is called “vendetta”. Only the “n” in the second word distinguishes the two terms. As in Corsica previously only an Italian dialect was spoken, it is possible that the legend of Bonifacio is only a game with words or a parechesis concerning self-justice. A vedetta (a watching spot) for a vendetta (the revenge).

Corsica is known for its vendettas as are Sicily, Crete and Mani. The common elements of these three islands and one peninsula are many: all of them are at the Mediterranean (but vendettas are not to be found everywhere at the Mediterranean), there is a direct link between Mani and Crete and of the few Corsican Grecophones to Mani (but no direct link of Sicily to Crete or Mani), and these are all places inhabited, at least partly, at least in the past by Greeks (but not all such places are plagued by vendettas).

So much about history.

Now to philosophy: Foucault liked the idea of showing that the institutions of which the West is proud are genetically racist or criminal or morally unacceptable. And this is probably the case with justice if you compare it with revenge. The idea behind revenge is one of corrective justice. “If you did this to me, then something must be done to you. The amount of unhappiness must be equal”. Obviously, the one who takes revenge is not materially better off by the unhappiness or the perish of the victim. But he feels that he is given back something from his dignity if the other is also a victim. His victim. Do you punish the person? Or do you go to justice for them to punish him? Justice is the civilised way and way better. But why isn’t justice called a case for vendetta, if the reason you took someone to justice is revenge after all?

Much later than the Greeks, Cesare Beccaria explained that justice is not revenge inasmuch as the “victim” of justice learns a lesson. The purpose of justice is to make the perpetrator, the liar, the cheater learn, while the purpose of revenge is to make them unhappy rather than to feed their minds.

I’m not sure, however, if Beccaria’s account is accurate. Once, a delegation of Corsicans visited Napoleon in Paris. The great son of the island wanted to know if something embarassing still happened: “Are we still the island with the biggest number of murderers?” One delegate answered: “Yes, sir, but also the one with the lowest number of thieves”. Unlike the classical approach of Beccaria, the pedagogical function of justice can’t be the specific difference between justice and revenge, because revenge has also a pedagogical function.

I’m an islander, I find the Cretan headcover elegant. It resembles the Corsican. But most of all: I find Foucault’s reducing civilisation to barbaric customs also elegant.

The parallel

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Greta ist meine Tochter und sie sagt mit Sechzehn Sachen wie: “Eine Frau, die ihrem Herzen folgt, gilt als die schlimmste Person der Welt. Ein Mann, der das tut, wird gefeiert”. Sie guckt entsetzt dabei.

Joachim Triers Film Der schlimmste Mensch der Welt (nominiert für zwei Oscar) ist liebenswürdig genauso wie die Protagonistin, genauso wie die Rolle der Frau, die das Medizinstudium, anschließend das Psychologiestudium, anschließend mit Aksel, anschließend mit Eivind abbricht.

Nach der Filmvorführung habe ich noch nicht an Gretas Spruch gedacht. Erst nachts passierte das, als ich an Woody Allens Film Hannah und ihre Schwestern dachte, wo (natürlich!) der moralistische Unterton (“schlimmster Mensch” oder?) fehlt, da die Person, die dort ihrem Herzen folgt, Hannahs Ehemann ist, ein Mann – gespielt übrigens von Michael Caine.

Wer findet die moralistischen Untertöne nicht strange? Diese bestimmten, meine ich, gegenüber der Frau in einem bestimmten Kontext in einem 2021 gedrehten Film verglichen mit dem Fehlen solcher Untertöne gegenüber dem Mann im ähnlichen Kontext in einem 1986 gedrehten Film?

Nach der Filmvorführung die Diskussion im Kinosaal: “Sie hätte zu ihrem Boyfriend gehen sollen, sagen sollen, guck, ich habe mich in jemanden verliebt, kannst du mir helfen, mit dir darüber hinwegzukommen?”

So die Wortmeldung einer Frau aus dem Publikum…

Spießertum erstreckt sich offenbar über alle Ebenen des Daseins. Hier sind die Schichten mindestens drei. Die erste Ebene ist die offensichtliche: Die Fiktion wird als ein Dokumentarfilm angesehen und als ein Ansporn zur Beratungsrunde. Die zweite Ebene besteht in der Unfähigkeit zu erkennen, dass der Moralismus in einem Film nicht die Natur der Dinge widerspiegelt, sondern meistens die Sichtweise im Skript. Es gibt noch eine Schicht: Sie besteht darin, in den Individuen Diener von Allgemeinbegriffen wie “Schulklasse”, “Unistudium”, “Beziehung” zu sehen statt umgekehrt in den Allgemeinbegriffen Funktionen, deren Argumente die Individuen sind. Hier ist nicht nur Spießertum, sondern auch archaischer Kollektivismus zu erkennen.

Und ja, Frauen sind oft sehr spießige und orthodoxe Großinquisitoren, wenn andere Frauen das Thema sind.

Greta spricht alles in allem ein echtes Problem an, vergisst aber, dass es oft Frauen sind, die Impulsivität beim Mann feiern und bei der Frau ablehnen.

Gleichzeitig ist sie erst sechzehn. Etwas Geduld und ihr werdet Augen machen…

Momentan kann ich nur den Film empfehlen: Renate Reinsve als schlimmster Mensch der Welt. Regie von Joachim Trier.

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My daughter Greta is sixteen and she says things like “If a woman follows her heart, then people say she’s the worst person in the world. If a man does so, he’s celebrated”. Highbrow!

I watched Joachim Trier’s Worst Person in the World (two Oscar nominations) and I loved it, and I liked the protagonist and her role as a woman who quits medicine for psychology, quits psychology for a guy named Aksel, breaks up with Aksel for a guy named Eivind, breaks up with Eivind – period…

And I thought of my daughter’s dictum later in the night when I had this reminiscence to Woody Allen’s Hannah and her Sisters, where, of course, the moralistic undertone (“worst person” huh?) is absent because the impulsive person who follows his heart there, is Hannah’s husband, a man – the role is played by Michael Caine.

Isn’t it strange to have moralistic undertones towards women concerning some issue in a film made in 2021 but none of a such towards men concerning the same issue in a film made in 1986?

After the performance, discussion on the film in the cinema. “She should go to her boyfriend and tell him, look, I fell in love with someone, can you help me get over it?”

The person who said that was a woman…

Now, there is some philistinism here on many levels: the obvious philistinism consists in looking at a work of fiction as if it were a documentary, and making moral judgments. The other is the inability to realise that moralism in films is given by those who made the film, to be mostly independent of the nature of things. And one more layer of philistinism consists in believing that individuals are there to serve general notions like: “school class”, “university studies”, “relationship” etc.; consists in failing to see that, on the contrary, it’s the general notions that are there to serve individual needs. But is this last layer only one of philistinism or is it also archaic collectivism?

And yes, women are often the harshest philistines and bishops of the inquisition when other women are the issue.

So, my daughter Greta addresses a real problem but she forgets to say that it’s women who celebrate men in love, women who condemn women in love.

Well, Greta is still only sixteen. Wait and see…

For now, just watch the film: Renate Reinsve is the Worst Person in the World, directed by Joachim Trier.

Ten years of Philosophische Ristretti

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Den dreihundertfünfundsechzigsten oder dreitausendsechshundertfünfzigsten Tag zu feiern, nur weil er gekommen ist, ist zwanghaft. Vielleicht auch ein Zeugnis von Langeweile.

Ich feiere meine Ristretti doch jedes Mal, wenn ich ihnen Blumen überreiche – ups, falsch! – ich meine jedes Mal, wenn ich etwas poste. Ich musste nicht die Zehn-Jahres-Marke erreichen!

Nur als Rätsel also: Einige Augenpaare, die in den letzten zehn Jahren einen Ristretto inspirierten.

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Celebrating just because it’s the same day one, two or ten years after, is anancastic. Probably also a sign of boredom.

I celebrate my ristretti every time I give them flowers – errr, sorry, I meant every time I post something. I didn’t have to wait until the decennial.

So, just as a riddle: the eyes of some of those who inspired some of the postings in the last ten years.

Faith, fate and courage, or: Phaedrus’s politics

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Die griechischen Parlamentswahlen rücken näher und Ich gehe nicht wählen. Leute, die nicht wählen gehen, sind oft Fatalisten. “Was soll’s? An meiner Stimme hängt es wohl nicht. Und wenn doch: keiner kann seinem Schicksal entgehen: Ich nicht, meine Freunde nicht, und dieses Land ist keine Ausnahme”.

Ich bin nicht so. Ich glaube zum Beispiel nicht ans Schicksal. Trotzdem gehe (oder fliege) ich nicht wählen. Ich muss zu Hause in Deutschland meinen Geschäften nachgehen. Leben ist natürlich das, was mit einem passiert, während man anderweitig beschäftigt ist. Ich kann darauf jetzt nicht eingehen, obwohl ich denke, dass es auch mit mir so ist.

Wenigstens lese ich über das Leben. Meine Literatur zu den griechischen Wahlen ist allerdings Platons Symposion. Phaidros sagt dort (OK, ich weiß: Phaidros ist dort blutjung und ganz grün hinter den Ohren, aber zuhören!), dass der Mut und die Selbstlosigkeit Tugenden sind, die durch Liebe zutage treten. Am mutigsten kämpft, wer zu der Zeit von Liebenden beobachtet wird. Alkestis stirbt für ihren Ehemann, Achill stirbt für Patroklos. Liebe ist mit Sicherheit eine Art Mut. Denn Liebe ist sich selbst zurücklassen. Politisches Handeln ist ähnlich, zum Beispiel wenn wir uns zurücklassen, um kollektive Zielsetzungen zu verwirklichen.

Wer glaubt, dass es ein Schicksal gibt, wird nie riskieren, ob als politischer Mensch, ob als Lebender, ob als Freund. Zum Riskieren und zum Lieben bedarf es des Mutes.

Hätte er an diesem Tag diesen Mut nicht gezeigt…

wäre Achill nach Griechenland gekommen und erst in hohem Alter gestorben…

sagt Phaidros. Thetis, die Mutter und Göttin, hat ihren Sohn nämlich gewarnt: Heute wirst du entweder für Patroklos sterben oder nach Hause gehen. Das ist das Schicksal, mein Sohn…

Glauben in die Gemeinsamkeit, in die Freunde, in die Liebe ist in einem Punkt Hassen: Der Begriff Schicksal muss jedenfalls gehasst werden.

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Elections in Greece approach, and I’m not participating. People who don’t participate do that because often they believe that there is something like fate and they can’t help: the country, the other, themselves. I don’t believe in fate. However I still don’t participate to the Greek general elections because I have to stay at home in Germany having other plans. Life is, the proverb says, what happened to you while you had other plans, but let’s not elaborate on this.

I do read about life. Well, my reading for the Greek general elections is Plato’s Symposium, where Phaedrus (I know, a naive lad but listen to him!), well Phaedrus says that courage and selflessness are virtues incited by love. Fighters fight best when they’re observed by those who love them. Alcestis dies for her husband, Achilles dies for Patroclus. Love is definitely courage. Love is leaving yourself behind. Political action too. Political action can be selfless and courageous when you leave yourself behind to meet collective needs.

People who believe that there is an unalterable fate do not take the risk to act – politically, lovingly… Towards the others: community, friends, lovers. They don’t take the risk out of lack of courage.

If Achilles didn’t have the courage on that day,

he would have returned to Greece and die only an old man…

says Phaedrus. Achilles had been warned by Thetis, mom and goddess: Today you’ll either die for Patroclus or return home. That’s fate, my son.

Having faith, in community, in a friend, in a lover, is to hate fate. That is faith…

Der Frühling und der Tod: eine romantische Paradoxie

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Die Idee, uns Éric-Emmanuel Schmitts Hotel zu den zwei Welten in der Aufführung der Spielbühne Schopfheim anzusehen, war nicht meine. Ich bin gefolgt. Trotzdem fand ich sie zeitgemäß, weil die Monate April und Mai sehr selbstmordintensiv sind (Quelle: Statistisches Bundesamt). Klar, pflegte mein Sozialpsychologieprof Dieter Frey zu sagen: Externalisierung ist im Frühjahr, August und Dezember viel schwieriger, wenn alle glücklich und irgendwie verliebt sind. Im November stellt sie dagegen wetterbedingt eine einfache Selbstüberzeugungsarbeit dar, wovon die niedrige Selbstmordrate im November zeugt. Es sind die Depressiven, die sich verstellen, glücklich zu sein. Keine Glücklichen verstellen sich, depressiv zu sein. Aber zurück zum Theater.

Im Nahtod befindlich, versuchen die personae dramatis an einem Ort zwischen Himmel und Erde doch noch etwas Letztes aus dem ihnen entweichenden Leben zu genießen, indem sie sich befreunden, verlieben, um die Börse kümmern. Der Neue glaubt aber nicht einmal, dass er ein Nahtoderlebnis hat. Also bekommt er von den Alten im Etablissement den Rat, sich umzubringen. Wenn es ihm gelingt, dann war er lebendig. Wenn nicht, dann war er bereits tot. Er lehnt das Experiment ab. Zu Recht! Woher will er wissen, ob der Suizid ihm tatsächlich gelungen ist, oder ob er nur deshalb tot ist, weil er tot war? In einem Sinn kann’s ihm nur gelingen!

Logische Paradoxien gefallen mir, wie meine Leser bereits wissen. Wenn es bei ihnen sogar ums Sterben geht, dann sind sie noch interessanter.

Der Grund dieser Paradoxie ist wohl die Annahme, dass nach dem Tod etwas festzustellen wäre. Widersprüche sind sprachlicher Natur, keine echten Tatbestände. Also: man versuche es am besten nicht zu Hause.

Schmitt ist der philosophischste Dramatiker unserer Zeit. Nele Hoge (“Laura”) ist – auf der Bühne jedenfalls – ein Grund zum Leben. Magda Brase (“Marie Martin”) ist ein Grund zum Nachgrübeln: Wie viele Laienbühnen, frage ich mich, haben geborene Schauspieler, die einen mehr berühren, als jeder Oscarpreisträger?

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It wasn’t my idea to go and watch in theatre Éric-Emmanuel Schmitt’s Hôtel des deux mondes put on stage by Spielbühne Schopfheim. However, I did find the suggestion just in time. April and May are very suicidal months. At least this is what the German Federal Statistics Bureau tells you about Germany.

My professor of social psychology, Dieter Frey, used to say that this is due to less externalisation during April and May (and August) because of good weather and overall conditions, conditions that also give December an overproportional number of suicides. Generally, the mental issue episodes are over average when people around one are happy, in love, have a life and one doesn’t. Otherwise you can explain yourself – or, let’s say, you can have the illusion – that this is not you, it’s the weather. November has normally a rather low suicide rate. It’s the people in the black hole who pretend to be happy, not the happy people who pretend to be in a black hole. Anyway: back on stage!

The characters of Schmitt’s play have a near-death experience and remain so long at a place between heaven and earth. There, they try to enjoy what they still can from the life that escapes from their bodies on earth: they make friends, fall in love, make thoughts about the stock market.This new dude, however, still believes that he’s in a hotel. The others give him the advice to kill himself. If he succeeds, then he was alive – oh, what a pity! But if he doesn’t then this means that he was already dead in the first place. He rejects the proposal. Of course he does! If by killing himself he’ll be dead anyway, how can he know that it was he who succeeded? In a way, he can only succeed.

My readers know, of course, that I like logical paradoxes. The proximity to death makes this paradox more interesting. I believe that the reason it emerges is an inherent contradiction in the idea that one can realise or succeed in something while being dead. Contradiction is a linguistic phenomenon and language, it seems, takes for granted that we are our bodies. So, never try this at home.

Schmitt is the most philosophical dramaturge of our times. Nele Hoge (“Laura”) is – at least on stage – a reason to live. Magda Brase (“Marie Martin”) is a reason to reflect: How many amateur theatre ensembles have acting people who can move one more than any Oscar laureate?

Les épicuriens

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Wie Nebenflüsse mündeten die Schulen und Lebensstile und Gemeinden der Stoiker, Platoniker, Aristoteliker in der Spätantike ins entstehende Christentum. Das Werk Justins des Märtyrers ist ein frühes Zeugnis dafür.

Bloß die Epikureer wählten andere Möglichkeiten zur sozialen Wirkung.

Scrollen für Foto nach dem Konzeptfoto und dem englischen Text…

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In late antiquity, Stoicism, Platonism and Aristotelianism became tributaries of the emerging Christendom. Justin the Martyr is an early witness of this fact.

Epicureanism chose, alone and relentless, another way to go into politics: