Betting Dodds or the sleep of reason

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In meiner Studizeit (in Athen musste ich genauso viele Philosophie-Semesterwochenstunden wie klassische Sprachen belegen) hasste ich Dodds’ berühmtes Buch Die Griechen und das Irrationale. Die nietzscheartige Analyse barg ein Religionsverständnis in sich, das für mich damals nicht charakteristisch altgriechisch war. Heute hasse ich das Buch nicht mehr. Damit ist nicht gesagt, dass ich es mag. Bloß behaupte ich im Sinne der Rational choice-Theorie, dass religiöses Verhalten rational ist, was die Hauptthese des Buches, die Griechen hätten sich mit ihrer Religion auf die Unvernunft bezogen, hinfällig macht, wenn ich und die Rational choice-Theorie nämlich Recht haben sollten. Es gibt nichts originär Unlogisches oder Widersprüchliches in Mysterien, Chimären und Gefühlsregungen. Für widersprüchliche Konsequenzen aus Geschichten mit solchen Elementen sind nicht diese Elemente verantwortlich zu machen. Wenn ein Wesen, das halb-Frau-halb-Vogel ist, den Täter eines Mordes quält, den ein lokaler Brauch verlangte, dann gibt es nichts Absurdes daran. Es gibt keinen formalen Widerspruch darin, halb-Frau-halb-Vogel zu sein. Es gibt auch keinen formalen Widerspruch, wenn zwei verschiedene Moralsysteme Gegensätzliches fordern. Ein formaler Widerspruch kommt erst dann zustande, wenn jemand behauptet, beim göttlichen und beim menschlichen Gesetz würde es sich um ein-und-denselben Codex von Gegensätzen handeln. Aber so etwas hat meines Erachtens nie ein griechischer Autor der Antike behauptet.

Ablehnung ist es nur noch, kein Hass, was ich Dodds’ Buch entgegenbringe. Lediglich ein kleines Flämmchen des alten Hasses glimmt noch, wenn mir Dodds’ museumspädagogische Ausgeburten begegnen. Siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches tut es nämlich weh, wenn es immer noch Kuratoren gibt, die alles auf Dodds’ These setzen, was es in einem Museum zu gewinnen oder zu verlieren gibt. Letztens flackerte das kleine Feuer in mir vor Vitrinen mit grandiosen Exponaten. Der alte Reeder Nikos Goulandris hatte eindeutig ein besseres Gespür für antike Kunst als seine Epigonen für die Auswahl des Personals in seinem Museum für Kykladische Kunst. Sphinx, Greifen, Pan usw. finde ich viel weniger monströs als die dortigen Begleittexte, wonach jene das “Irrationale” darstellen würden. Wie ich immer wieder sage, verschandelt und bagatellisiert die in Griechenland praktizierte Museumspädagogik jedes Exponat.

Dazu eine Geschichte: Ende der Neunzigerjahre haben ein paar bayerische Molkereien die länger haltbare frische Milch lanciert. Ohne Zusatzstoffe. National und international war das neue Produkt ein Renner. In Griechenland verlangte aber der Gesetzgeber, dass egal wie lang ultrahocherhitzte Milch nicht als “frische Milch” in den Regalen stehen durfte und, als das weiterhin geschah, wurde jede länger als drei Tage haltbare “frische Milch” von den Supermärkten konfisziert. Als die deutsche Seite beteuerte, diese Milch sei nicht ultrahocherhitzt, verhöhnte die griechische Presse die widernatürliche bayerische “Superkuh”, deren Milch “frisch” war, aber von der Haltbarkeit her eher der H-Milch entsprach. Ein erstes Expertentreffen wurde vereinbart und ich – damals Doktorand in München und für jeden Pfennig froh – wurde als einer der Dolmetscher angeheuert. Im Treffen waren außer den üblichen Botschaftsattachés und IHK-Heinis Leute des griechischen Fremdenverkehrsamts dabei. Auf den ersten Blick komisch. Auf den zweiten komisch. Auf den dritten nicht mehr. Wo es Kühe gibt, gibt es auch Kuhhandel – und in diesem Fall sogar einen Superkuhhandel.

Nach zweitägigen Gesprächen hatten die Griechen versprochen, etwas für die widernatürliche Kuh zu tun, wenn die Gegenseite aufhörte, sich gegen die griechischen Fremdenführer zu beschweren. Quid pro quo. Es gab nämlich Beschwerden. Und ob es welche gab! Nicht gegen die Verwendung des Begriffs “irrational” durch die museumspädagogischen Fachkräfte – das nicht… Aber laut griechischer Gesetzgebung musste (und muss weiterhin), wer durch ein griechisches Museum führt (es geht dabei nicht einmal um den Berufsstand des Fremdenführers, sondern um den Akt des Erklärens vor einer Menschengruppe) Grieche sein. Das verstößt mit Sicherheit gegen die Freizügigkeit in der EU und eventuell gegen die Meinungsfreiheit. Nun war die deutsche Seite um Ersteres besorgt. Immerhin! Und sie hat ihre Sorge gegen die Lockerung der griechischen Haltung zur Superkuh eingetauscht. Quid pro Kuh. Mensch, so ein sympathisches Tier doch…

Ich war wie gesagt noch Doktorand und brauchte diese Menschen nicht, denn ich war bekanntlich für Höheres vorherbestimmt. Also lästerte ich in der Mittagspause über den griechischen Protektionismus, als Stephanos Tsochatzopoulos, Bruder eines notorischen sozialistischen Ministers und damals Leiter des Münchner Büros des Griechischen Fremdenverkehrsamtes, mich rügte, die Sache, welches Griechenlandbild die Touristen mitbekommen, sei doch von nationaler Bedeutung.

So hat die Politik einer militanten Zunft ein langes Wirken in den griechischen Museen ermöglicht; einer, die bereit ist, dich zu zerren und verbal anzugreifen, wenn sie dich in fremder Sprache vor Familie und Freunden – Gruppen! – etwas über Poseidons Frisur erklären hören. Vor einem Jahr passierte es einem Freund in Akropolis, vor zwei mir im Nationalen Archäologischen Museum.

Die usurpierte Deutungshoheit der Museumsexponate ist eine Sache. Die Deutung eine andere. Die Protegés des griechischen Staates deuten so: “Die Griechen hatten keine Mythen, sondern eine Mythologie, das heißt eine mythische Logik”. Oder: “Für uns heute sind Pegasus und Medusa irrational (sic). Die Griechen sahen das anders”. Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor hieß es zu Goyas Zeiten, was aber damals nicht auf die Fähigkeit des griechischen Staates gemünzt wurde, abgefahrene Berufssparten zu erzeugen.

Da ich sehr scharfzüngig gegenüber Griechenland war, wobei die bayerischen Interessenvertretungen glimpflich davongekommen sind, möchte ich den letzten Schluck dieses etwas längeren Ristrettos nicht ohne eine tu quoque nehmen. Ich weiß, dass ich es nicht darf, dass es gemogelt ist, aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen.

Der erste Französischlehrer meiner Kinder war ein Franzose, Staatsexamen Französisch. Absolviert in Paris. Er wollte halt’ in München leben. Irgendwas Privates, Freundin, Ehefrau…

Es war eine Privatschule. Privatschulen finanziert der Freistaat Bayern mit, was eine gute Sache ist. Es gibt daher auch Auflagen, was die Ausbildung der Lehrer dort anbetrifft. Ebenfalls eine feine Sache, würde ich sagen. Diese Ausbildung soll dem bayerischen Staatsexamen äquivalent sein. Ich wurde an der LMU promoviert, weiß also, dass die Qualität dort gut ist. Aber jetzt aufpassen, wie Qualitätssicherung interpretiert werden kann: “Für das erste bayerische Staatsexamen muss die Gleichwertigkeit sichergestellt werden. Wenn Sie z.B. in Paris eine Stunde weniger Spezialdidaktik hatten, muss in Bayern eine Lehrveranstaltung Spezialdidaktik mit einer oder mehr Semesterwochenstunden noch absolviert werden. Dann muss das Referendariat absolviert werden. Selbst dann ist die Übernahme davon abhängig, ob Ihr Fach ein Mangelfach ist”. Die Gefahr, den Kindern in Ismaning ein unbayerisches Französisch beizubringen hat ihn zu einem Unterstufen-Halbdeputat, wohlgemerkt an einer Privatschule, eingeschränkt. Dieser protektionistischen Hölle konnte ich im außereuropäischen Ausland der Confoederatio Helvetica entgehen.

Der Leser kann sich vorstellen, wie ich mich fühle – ein Bundesbürger doch – wenn ausgerechnet Markus Söder in der Rolle des Hoffnungsträgers der Konservativen stilisiert wird. Aber das ist eine andere Geschichte.

Enough with scrolling

As a student (the philosophy degree in Athens required almost as much classics as it did philosophy) I hated Dodds’s famous book The Greeks and the Irrational. It shed a Nietzschean light on the Greek understanding of religion which, for me back then, was not distinctive of Greek culture. Today, after having encountered the rational choice theory, I claim that religion is a rational form of behaviour and I do not hate the book anymore. Rather, I take Greek rituals in it to be just ill-conceived. There is nothing generally illogical or contradictory in mysteries, chimaeras and emotion as such, at least not as long as they have no contradictory implications. There is nothing absurd in a half-woman-half-bird not letting you sleep if you committed a murder that the local custom required you to commit. There is no formal contradiction in being half woman and half bird and there is no formal contradiction between two different moral codes. Where there is a formal contradiction is when you happen to claim that the human and the divine are the same system of morals. I know of no Greek author who claimed this.

However, even if I can now identify my attitude to Dodds’s book as rejection rather than as hatred, I do hate to see museums place their bets on a 70 years old book. This can also happen in a museum whose collection is as remarkable and worth seeing as the Museum of Cycladic Art. The collection Goulandri-Horn on which the museum was based, is remarkable. But no tycoon is to blame for how museologists educated with Dodds interpret the exhibits they collected. What a monstrosity to say that the monsters of Greek culture and religion: Sphinx, Oedipus, Pan etc depict the “irrational”!

Museology in Greece is a vast assault to the art! I’ve already had the opportunity to opportunity to deplore nationalistic and provincial rhetoric in a Greek museum. But the reader of this post only needs to read the following story: in the late 90s the Bavarian dairies promoted the long lasting fresh milk without preservatives. Greek law demanded it not to be tagged as “fresh”, since it was (and remains) drinkable after two weeks. When the package continued to talk of “fresh milk”, the Greek state reacted by confiscating the product from the supermarkets, Greek officials mocking that the Bavarians obviously claimed to have invented the super cow. It was the time to bargain, but the trade pertained more to horses than to cows: the Greeks gave up their stance towards Bavarian fresh milk still drinkable after two weeks, demanding as a quid pro quo that only Greek citizens will be allowed to guide groups in Greek museums – obviously an assault against free movement in the EU, arguably also against the freedom of expression. I know about the quid pro quo because I happened to be one of the interpretors in the negotiations in Munich. I was still a PhD student, didn’t need them to hire me any more – I was going to become the most exalted professor of philosophy the world has ever seen, wasn’t I? – and in the midday break I referred ironically to Athens’s protectionism in favour of Greek tourist guides, for Stephanos Tsochatzopoulos, brother of a notorious socialist minister and back then director of the Munich bureau of the Greek National Tourism Organisation to reprimand: “Don’t be recalcitrant! The issue is of national importance”. For this issue of national importance politics created a group of militants acting in Greek museums who would drag you and attack you if they hear you using a foreign language in the museum towards the members of your family (a group of people, no doubt) since they do not recognise you as one of the ethnically conform people affiliated to the museum. Last year it happened to a friend in Acropolis, two years ago to me in the National Archaeological Museum.

Since ages Greek tourist guides have conducted the tourists saying deeply erudite stuff like “The Greeks had no mythical teachings, they had a mythology, that is a mythical logic”; or: “For us today it is irrational (sic) to have winged horses or snake-haired women, but the Greeks had no issues with the irrational”. The sleep of reason produces monsters claimed Goya ignorant of the potential of the sleep of reason to produce Greek tourist guides. In fact, ignorant of the ability of politics to create monsters in general.

Since I have been nastier to Greek than to Bavarian politics, let me finish with a tu quoque. I know, I am not allowed to, but I cannot resist. With the Greek policy in mind to allow only Greeks to guide groups in Greek museums think of the following story, the story of my kids’ first teacher of French: until four years ago, we have lived in Bavaria and he was, as I said, my daughters’ teacher of French. A native speaker of the language he was teaching, he had come to Bavaria from France where he had gained his teacher’s degree because of his wife. Something personal anyway… It was a private school alright, but the State of Bavaria co-finances private schools. And since it does so, it legally demands that holders of non-Bavarian teacher degrees – French, Greek, i.e. EU degrees, but also degrees of other German states – either have them acknowledged in Munich (“You had one hour weekly less special didactics in Paris, so you have to go to the university of Munich to re-sit for this, pass the exam there and then accept one year’s apprenticeship wherever we send you for 1.200 euros monthly and your colleagues there have to grade your efforts and then you will be hired only if Bavarian universities cannot cover the demand for your subject”) or accept a contract as a cover for small classes. Succumbing to the state’s scepticism towards French teachers who threaten to teach Bavarian kids an un-Bavarian French, he did the latter. We did something else: We locked the door of our house and said goodbye to it to come to Switzerland – NB, a non EU member.

This said, the reader can imagine how it feels seeing – of all people – the leader of the Bavarian Christian Social Union as the promising new candidate of Mrs Merkel’s party. But this is another story.

Cocooning

Volumina II, pp. 1538.

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Öffentliche Auftritte des mir unbekannten Ausleihers sind erst nach dem 16. Dezember zu erwarten.

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Don’t expect to see the borrower in public until Dec 16.

Pasta ontology

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Gattungsnamen werden in der Sprache meistens wegen des Stoffs ihrer Referenz gebildet. Alles, was mit Eier enthaltendem Nudelteig gemacht und in Wasser gekocht wird, heißt Pasta, ob Spaghetti oder Pappardelle oder Farfalle oder Puntalette oder… Es sind die Zutaten, die bei der Namensgebung von “Pasta” Pate stehen! Wer meint, mir gehe es um Don Corleone, kennt dieses Blog nicht.

Denn es gibt Pasta außerhalb Italiens und Appellativa, die sich nicht auf Stoffliches beziehen.

Der Trachanas war jahrhundertelang die haltbare Substanz der byzantinischen Armeeküche. Die Osmanen haben die byzantinischen sonnengetrockneten Brösel aus in Ziegenmilch gekochtem Weizenmehl adoptiert und nur wenig anders als die Griechen ausgesprochen: Tarhana. Am Ende eines anstrengenden Wandertages brauchte der mittelalterliche vagans, ob Soldat oder Missionar, wenn er nichts anderes gefunden hatte, nur eine halbe Handvoll Trachanas und etwas Wasser für seinen Topf und sein Feuer. Der Trachanas, leicht über längere Distanzen zu tragen und in kleinen Mengen zu großen Suppen zuzubereiten, erhielt einen wochenlang am Leben und blieb, wenn er nicht aufgebraucht war, jahrelang haltbar bis zur nächsten Slawenmission. Aber auch nach den Slawenmissionen erwies sich der Trachanas manch einem Griechen als rettend. In Bonn, in den 90ern, während der griechischen Bankenstreiks, die mein Stipendium monatelang auf der Strecke blieben ließen, wäre es ohne Trachanas eng um meine Existenz geworden. Rafik Schami erwähnt ihn in einem ähnlichen Kontext.

An der mittleren Donau feierte der Trachanas größere Siege als die Konstantinopler Zeloten, ebenso als Istanbuler Janitscharen. Im Spätmittelalter wurde er in Ungarn adoptiert. Bis heute hasst manch ein ungarisches Kind eine gleichnamige oder fast gleichnamige Beilage; was heißt, es hasst Trachanas, wenn die Fast-Gleichnamigkeit als Synonymie oder – da Griechisch und Ungarisch verschiedene Sprachen sind – als Übersetzung gilt.

Vorsicht aber: Das ungarische Tarhonya ist zwar dem griechischen Trachanas und dem türkischen Tarhana zum Verwechseln ähnlich, weist aber keine Spur Ziegenmilch auf. Stattdessen hat es Ei. Mit anderen Worten ist Tarhonya nichts anderes als Pasta: eine Pasta, bei der der ungarische Versuch einzig und allein darin besteht, einem mediterranen Nahrungsmittel äußerlich zu ähneln. Denn lediglich Tarhonyas Form im Rohzustand erinnert – und zwar stark – an das byzantinische Original. Der ungarische Name in Anlehnung an einen mittelgriechischen weist auf eine Form-, keine Materienähnlichkeit hin.

Es ist nicht immer der Stoff, der für den Namen der Gattungsnamen ausschlaggebend ist. Darüber war ich mir schon mal im Leben mit einem anderen Philosophen uneinig. Einem hatte ich gesagt, dass die Farben nicht immer sekundäre Eigenschaften sind. Ich dachte dabei an handelsübliche Farbstoffe. Normalerweise ist es dem Käufer unwichtig, aus was der Farbstoff besteht, wenn die Farbe stimmt. Nein, sagte er, das sei falsch. Farben seien immer sekundäre, Zutaten dagegen primäre Qualitäten. Am Ende jenes Tages habe ich gewusst, dass es nicht klug ist, Recht zu haben, wenn die andere Person der eigene Doktorvater ist.

Jedenfalls ist es im Rigorosum so.

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Very often, the characteristic that determines the reference of an appellative is the material cause: we call pasta whatever consists of dough without yeast with eggs: spaghetti, pappardelle, farfalle, puntalette etc. All of them! Pasta! Because of the ingredients! Basta!

There are exceptions.

For centuries, prior to its arrival in Hungary, trachanas had been the dish par excellence of the East Roman army and afterwards of the Ottoman army. Made of a desiccated goat-milk-and-yoghurt-and-flour dough, it was predestined to stay preserved for years. The only thing the wanderer had to fill in in his saucepan and to place on a fire in the wilderness to get a filling soup, was some water and the trachanas granulate. Trachanas was easy to carry in long distances and kept travellers alive for weeks if necessary. At the middle course of Danube, it celebrated much greater victories than Byzantine missionaries and Ottoman soldiers.

“It” celebrated them, that is, if you happen to accept that the Hungarian “tarhonya” and “trachanas” refer to one and the same thing. However, the Hungarian thing has not any traces of goat milk or any other milk or dairy product. Instead, it contains eggs. In other words, unlike the Greek trachanas and the Turkish tarhana, the Hungarian tarhonya is nothing but pasta meant to have the shape of the Byzantine original. Which means that the meaning of a generic term to comprise these three dishes is the formal, not the material cause.

As one sees, it is not always matter that decides the meaning of appellatives. I argued about this with another philosopher once. He had said that colours are naturally secondary qualities, matter is naturally a primary quality of every thing. I had said (I was thinking of paint) that this is not the case. At the end of this conversation I learned that your oral exam is probably not the best place to argue with your supervisor.

Especially if you are right and he is wrong.

Die Musik und die Botschaft

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Zu meiner Freisinger Zeit konnte sich noch die Sonntagsmessenherde im Dom an meiner Stimme ergötzen. Ebenfalls an den Stimmen des restlichen Chors natürlich, aber in dieser Erinnerung spielt allein meine Stimme eine Rolle.

Es war Winter, vielleicht 2006. Alle zweiten Tenöre bis auf mich hatten an dem Sonntag wunde Lungen, wunde Kehlen oder auch Seelen – jedenfalls musste ich mein Stimmfach allein vertreten.

Und es weiß doch jeder, der die Gesangspartitur von Carl Maria von Webers Messe in Es-dur kennt, dass die Verse des Credo “et ad spiritum sanctum dominum qui ex patre filioque procedit” von den zweiten Tenören allein gesungen werden. Ich muss jetzt eine musikalische Sünde beichten: Wenn die anderen zweiten Tenöre da waren, habe ich beim Wort “filioque” nie mitgesungen. Und das, um einer ekklesiologischen – andere würden sagen: dogmatischen – Sünde vorzubeugen. Wie hätte ich nur als orthodoxer Christ das Paradebeispiel päpstlicher Willkür legitimieren können?

Nun waren aber die anderen nicht da. Also musste ich an der Stelle solo singen und zwar entweder einen Affront im vollen Freisinger Dom wagen (“qui ex paa-aatre procedit” – womit jetzt ehrlich, liebe römisch-katholische und protestantische Leserschaft, das Versmaß endlich nicht verunstaltet wird) oder das “filioque” nach gewohnt papistischer Manier in den Vers hineinzwängen in einer Kirche und auf einem Berg, wo Ratzinger, damals tatsächlich Papst, noch als junger Dozent zu Hause gewesen war.

Ich entschied mich für Letzteres.

Ich entschied mich aber auch, zu Kostas Nikolakopoulos’ byzantinischem Chor zu wechseln, um mit dem eigenen Gewissen im Reinen zu sein. Kostas kannte ich in seiner Eigenschaft als Theologieprof an der LMU. Die byzantinischen Vierteltöne kannte ich auch, nachdem ich das erste Vierteljahrhundert meines Lebens in einem Land verbrachte, wo solche in jeder Kirche – gut, ich meine nicht die katholischen und nicht die evangelischen – gesungen sowie von jedem Handwerker bei der Arbeit gesummt werden – ebenfalls ausgenommen Katholiken und Protestanten. Die Entscheidung für den Wechsel musste allerdings noch etwas reifen – so orthodox bin ich auch nicht. Es musste sich zuerst zutragen, dass ich in einer Generalprobe in der Römer Santa Maria dell’ Anima falsch gesungen habe, da das Programm aus Geiz – kein günstiger Organist zur Verfügung – in letzter Minute gegen mir unbekannte a capella-Stücke ausgetauscht worden war. Ich: “Ihr Geizhälse”, die anderen: “Du nix vom Blatt lesen, du” – habe ich die Freisinger verlassen.

Für Kostas’ byzantinischen Chor, wo ein Organist sowieso nie benötigt wird. Denn nach dem Abmontieren der Orgeln in Konstantinopel des 13. Jh. durch die Kreuzritter singt in byzantinischen Chören die eine Chorhälfte (seit acht Jahrhunderten!) sowieso das, was von der linken Orgelhand gespielt werden sollte.

In einem byzantinischen Chor allerdings nicht falsch zu singen, kann sich – mir jedenfalls – als noch schwieriger erweisen denn das Singen prima vista bei irgendeinem Westmusikchor. So kam es auch. Denn bei all meinem Griechesein hatte ich mich nie darum gekümmert, wie die byzantinische Musik geschrieben wird. Ohne die moderne Musiknotation war ich aufgeschmissen. Ich habe Kostas’ Chor wieder verlassen. Ich musste zu lange üben. Ungefähr wie jemand, der Deutsch in indischer Schrift zu lesen versucht.

Meine damaligen Schwierigkeiten sind eher ein Grund, das nächste Konzert von Kostas’ Chor wärmstens zu empfehlen. Er ist ein mittelalterlicher Chor ohne Wenn und Aber: Einer, der die alte Notation verwendet; einer, der im Streit zwischen der griechischen und der anatolischen Interpetation für die anatolische optiert; einer, der vor jeder Probe, jeder Messe und jedem Konzert betet, die Darbietung möge gelingen. Dieser Chor ist echt.

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Normally, this blog recommends no concerts in Munich. No concerts period. But this is a special case.

While living in Freising and commuting between this Bavarian Canterbury and Erfurt (obviously a kind a German Northampton, i.e. a mediaeval university, dissolved, re-established in recent times), I used to sing in a choir with a mostly religious repertoire.

Singing religious repertoire in Freising is a very Roman-Catholic endeavour. The city is the seat of the archbishop of Munich, the abbey was founded by St. Corbinian in the 7th century, no less than the Pope Benedict XVI took here the first steps of his academic career as professor of theology in the not so remote times of the Freising Seminary.

Being myself neither a Roman-Catholic nor a Protestant, when we sang Carl Maria von Weber’s Mass in E-flat, during the Credo I refrained from singing the word “filioque” in the passus “et ad Spiritum Sanctum dominum qui ex patre filioque procedit“. I mean, forget all the dogmatics: how could I possibly sing what in my eyes and my ears is a symbol of Papal arbitrariness?

You might think that one voice more or less for this half of a second would never make a difference. This is what I also thought.

On this Sunday of the year 2006, I think, the cathedral was almost full as well as the chorus – almost full, that is, if you take it as a whole. But everybody who sang tenor 2 was ill. Everybody but me.

Now, I don’t know who among my readers has the vocal score of von Weber’s Mass in E-flat at home. In the extremely improbable case that you have it, open it and go to the end of the Credo. You will find out that the passage about the Holy Spirit is sung by the tenor 2 alone. This meant, of course, that absenteeism among the tenor-2 Fach compelled me to sing the passage as a solo. Volens nolens the soloist of the day, keeping silence for half a second because of the word “filioque” (my strategy until then) was not an option. There were exactly two options remaining. The one would be to sing “qui ex paa-aatre procedit” (if you ask me, artistically the more elegant option which preserves a metre badly strained by the addition “filioque“), the other was to sing the Roman-Catholic version as prescribed in the vocal score. Which I, finally, did.

This was one moment that made me think: “What the heck! If I were some agnostic I wouldn’t care. Since I care, I’m not agnostic after all and I’ll have to go to Kostas Nikolakopoulos’s Byzantine Choir in Munich”.

I knew Kostas as a professor of theology. And I knew the quarter tones of the Byzantine music for reasons of my socialisation in a country where quarter tones are sung in every church and murmured – sometimes more than that – by every worker in a construction site during work. Except of Roman-Catholic and Protestant institutions and individuals, of course.

Dogmatics was however not the sole and not the main reason I eventually joined Kostas’s choir. I’m not that pious! The definitive decision was during a rehearsal of my Freising choir in the Santa Maria dell’ Anima of Rome. The arranged organist lost his plane, there was someone there to cover him but he wanted – what else? – to be paid, the others said that we should sing a capella and save our money, I didn’t know the a-capella pieces they wanted to sing, the others growled that I had problems to sing at sight, I called them Scrooges…

In a Byzantine choir there’s no chance to have an organist who misses his plane. Since the 13th century, there has been no chance to have an organist period. This is when the crusaders looted Constantinople and took the organs with them. Since then the thought to equip a church with an organ hasn’t crossed any Orthodox Greek’s mind, the organist’s left hand being replaced by one half of the choir; the other half singing the canto.

My passage from Kostas’s choir was short. I had never imagined that the task to read music written with the Byzantine notation would be so demanding. It was like having to read a poem by Yates you have read hundreds of times but which someone wrote down in an Armenian transliteration.

I’m mentioning this to underline my recommendation to go to the Greek Orthodox Church at the metro station Nordfriedhof if you happen to be in Munich on November 23rd. This is a medieval choir without compromise. They use the old notation, they prefer the Anatolian to the Greek interpretation of the old music, they believe that praying before the concert helps. These guys are genuine.

Zwischen Naumburg und Nizza

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Die Nietzsche-Ausstellung im Basler Historischen Museum dokumentiert Nietzsches Schaffen und Leben aus Basler Perspektive. Porträts Franz Overbecks, des treuen Freundes, Jacob Burckhardts, des geschätzten Kollegen, Teile aus Nietzsches Briefwechsel mit beiden, einen Armsessel, Privatdrucke des vierten Teils vom Zarathustra, und wieder Porträts von anderen Basler und Lörracher Freunden des Exzentrikers – das bekommt der Besucher unter anderem zu sehen.

Es fehlt die Geburt der Tragödie. Aber die Auswahl an Zitaten zeigt außer der herkömmlichen yalommäßigen Rezeption, dass bei Nietzsche eine durchaus interessante Sprachkritik und Skepsis schlummern. Es gibt wohl Menschen, die mehr als 200 Seiten konsistente Argumentation brauchen, um eine Diskussionsbasis zu haben, andere die mit Aphorismen zufrieden sind.

Nietzsche ist für letztere.

Wer in einem Schützengraben hockt, hat wohl keine Zeit für mehr als Aphorismen. Die Propaganda-Feldpostkarten des Zweiten Weltkrieges mit Nietzsche-Aphorismen waren mir unbekannt, aber ihre Ähnlichkeit mit den heutigen marktüblichen aphoristischen Karten ist frappierend. Selbst wenn der Inhalt der letzteren ein anderer ist: Wer kauft heute so etwas, wenn es keine Leute in Schützengräben gibt?

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The Nietzsche exposition at the History Museum in Basel presents documents of Nietzsche’s life and work from a Baloise viewpoint. The visitor will see portraits of Franz Overbeck, the devoted friend, of Jacob Burckhardt, the much admired colleague and one of the most prominent historians of ideas of the 19th century, parts of Nietzsche’s correspondence with these two, an armchair, a private imprint of Zarathustra’s fourth part, portraits again, this time of other friends whom Nietzsche had met in and around Basel.

No mention is made of the Birth of Tragedy. However, the Nietzsche quotations on screens and in movie clips show that Nietzsche’s reflections on language are more interesting than the contemporary perception of his work, mediated mainly by Irvin Yalom, could make one believe. There are intellects out there who need to read more than 200 pages of consistent argumentation before they start entertaining the ideas they discover there. Others are content having aphorisms.

Nietzsche is for the latter.

People in trenches mostly can’t afford reading long arguments even if they are intelligent enough and this is how some of Nietzsche’s aphorisms found their way to Third Reich’s propaganda postcards which soldiers sent back home. Aphoristic messages on postcards – certainly without a Nietzschean content anymore – are still popular in Germany. I reckon that our contemporaries who buy them do not send them home from inside trenches. And this is puzzling.

Dissonance

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Will McPhail, begnadeter Karikaturist des Magazins New Yorker, beobachtet eine Dissonanz, die auch sehr neudeutsch ist: Kaum haben sie Kinder, setzen die gesellschafts- und kulturkritischen jungen Eltern eine autoritäre Pädagogik an den Tag, der in meiner Nachbarschaft als Kind in den 70ern keine Artilleriemajors- und keine Polizeioffizierskinder ausgesetzt waren.

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Will McPhail, the very gifted contributor of the New Yorker, observed a dissonance I also often experience in radical liberal households: when it comes to parenting many turn out to be more authoritarian than the artillery major next door in the 70s.

Oinops

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Ich lasse ein herbstliches Bild vom Ort, wo ich aufgewachsen bin – noch zeitnah zu meinem Posting zur Farbe Grelb – als Steilvorlage für ein paar Bemerkungen über die Farbe Blot fungieren.

Wie “khloron“, das die wörtliche Bedeutung “grasmäßig” und aus heutiger Sicht als gelb-oder-grün zu verstehen ist, ist Homers Bezeichnung für die Farbe des Meeres ebenfalls keine, die sich auf ein bestimmtes Kolorit, sondern eine, die sich auf eine Palette von Schattierungen der kolorierten Sache bezieht. Um eine möglichst treue Übersetzung des archaischen Adjektivs “oinops” zu geben, das Homer als Farbenangabe des Meeres verwendet, müssten wir heute nämlich den Neologismus “weinsichtig” schaffen. Homer hatte wohl solche Farbnuancen wie die von mir kürzlich vor der Küste am alten Waisenhaus in Vouliagmeni, Attika, aufgenommenen im Kopf.

Als Farbangabe wäre “oinops” heute wohl im Sinne von “blau-oder-rot” zu verstehen, was aber die Frage aufwirft, wieso sein Adjektiv für “blau” (denn er hat tatsächlich eines, das klassische “kyanoun“) auch Zeus’ schwarze Augenbrauen schmückt.

Es drängt sich folgende Frage auf: Wenn der Wein und das Meer oinopes bzw. blot bzw. blau-oder-rot, wenn ferner Zeus’ Augenbrauen blarz bzw. kyanoi bzw. blau-oder-schwarz sind, sind dann rot und schwarz Nuancierungen ein-und-derselben Farbe und Wein und Zeus’ Augenbrauen im Wesentlichen gleichfarbig? Wer diese Frage bejaht, muss Gladstones These oder deren Missinterpretation beipflichten: Die alten Griechen seien in einem Sinn farbenblind gewesen. Dabei war Gladstones These in Wirklichkeit nicht so stark. Sie wäre – ich gebe zu, mit Carnap im Hintergrund – fo: Die homerischen Farbennamen sind korrelative, keine klassifikatorischen Prädikate.

Wie “khloron“, zeugen die Adjektive “oinops” und “kyanoun” davon, dass die Farbennamen des klassischen und vorklassischen Griechisch sich auf ähnliche Nuancierungen zwischen – ungleichmäßig kolorierten – Dingen beziehen. Damit beziehen sie sich nicht auf Wellenfrequenzen des Sonnenlichts. Der Wein ist blot, Zeus’ Augenbrauen sind blarz. Dass wir sie heute auch rot und schwarz finden, lässt kein Problem mit der Induktionsbasis aufkommen. Mit anderen Worten bin ich blind gegenüber Goodmans Problem. Meine Blindheit kann ich als Begleiterscheinung meines Kantianismus ausgeben. Es gibt keine von Eigenschaften, d.h. von unseren Erfahrungsbegriffen losgelöste Induktionsbasis. Wer archaische Erfahrungsbegriffe hat, klassifiziert die Dinge anders als derjenige, der moderne Begriffe hat.

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Pictures from my last days in Attica shot only some weeks after my post on the colour grellow, give me a motivation to write on the colour bled.

Like “khloron“, literally “grasslike” and Goodmanwise yellow-or-green, “oinops“, Homer’s term for the colour of the sea, refers to various colours of a given object rather than to a certain sensual perception. A close translation for the archaic adjective would have been “wineish”. Homer had colours of the sea in mind like the ones I photographed at the coast of the old orphanage in Vouliagmeni. Unluckily, in contemporary English, “wineish” is understood as a specific shade of red rather than as every colour which wine appears to have in different light conditions – which would be a Homeric understanding.

What further baffles me is that the Homeric blue or “kyanoun” was not used to refer to the sea but to Zeus’s eyebrows instead.

Wine and the sea being in an archaic Greek oinopes, i.e. bled, i.e. blue-or-red, and Zeus’s eyebrows being kyanoi, i.e. bluck, i.e. blue-or-black, what prevents red and black from being nuances of one colour? If you answer here: nothing, then you are repeating something known as (a misinterpretation of) Gladstone’s position: the ancient Greeks were colourblind. Gladstone’s position should rather be understood to say that the Homeric terms for colours were correlative, not classificatory. My debt for the reformulation of Gladstone’s position is to Carnap’s terminology but this is of secondary importance.

Like “khloron“, the adjectives “oinops” and “kyanoun” designate a whole spectrum of colours of a given thing depending on the lighting, not sense perceptions. Wine is bled, Zeus’s eyebrows bluck. Today we also find these two things red and black respectively. I continue to be blind towards Goodman’s problem with induction. Induction is made on the basis of categories. If you have archaic categories, then wine is bled and Zeus’s eyebrows bluck. If you have modern categories, then the aforementioned things are red and black.