Weihnachtsgeschenke I: Gutes wollen, vom Liederlichen angezogen sein

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Marc-Uwe Kling popularisiert Philosophie durch Cabaret und Film mehr als viele, die sich der Popularisierung im Ernst widmen. Das tut er auch in seinem Kalender der fehlzugeschriebenen Zitate. In diesem fand ich nun die Fehlzuschreibung des universalen kategorischen Imperativs (Kant, Kritik der praktischen Vernunft, AA IV, 421) an Silvio Berlusconi und es fiel mir wie Schuppen von den Augen der exegetische Fehler von Generationen. Sobald ich mir mit Silvio Berlusconi eine konkrete Person vorstellen konnte, die Gutes für sich haben will und nicht umhin kann, als anzunehmen, dass es nur konsistent ist, wenn das Gute auch den anderen widerfährt, sich aber weigert, diese letzte Konsequenz zu ziehen, wurde mir klar: Setzt man die Verneinung nach dem Modalverb, dann ist es kein formaler Widerspruch, wenn Silvio eigennützig will, dass ein Gebot ein allgemeines Gesetz wird, und wieder aber auch will, dass es nicht allen zu Gute kommt. Ich kann etwas wollen und ich kann auch gleichzeitig das Gegenteil ebenfalls wollen, ohne einen Widerspruch zu begehen. Fausts Situation ist nicht nur das bekannte: “Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust”, sondern auch: “Zwei Seelen wollen, ach! in meiner Brust”.

Keine Ethik kann einzig und allein auf Nichtwiderspruch basieren. Die kantische auch nicht. Das ist Kantianern zwar bekannt durch den Imperativ “Handle”: Es kann nur einer Aussage widersprochen werden und eine Aufforderung, ein Befehl ist keine Aussage. Kantianer meinen jedoch, der Gegenstand der Pflicht; das, wozu aufgefordert wird, sei wenigstens vom Gesetz des Nichtwiderspruchs abzuleiten.

Nun: nicht einmal das! Man kann, ohne formal sich selbst zu widersprechen, gut sein wollen und liederlich sein wollen.

Hier kann man Marc-Uwe Klings falschen Kalender kaufen.

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Marc-Uwe Kling is a young stand-up comedian based in Berlin. Very popular among intellectuals and the liberal youth, politically rather attracted to the independent, non-parliamentary left (Berlin, as I said), extremely charismatic. And he popularises philosophy more than people supposed to do so professionally.

He popularises philosophy also in his calendar of falsely attributed quotations. This is where I found the universal version of Kant’s categorical imperative (Kant, Critique of Practical Reason, AA IV, 421 – sorry, standard German edition here, no nerves to find the page of the Lewis-White-Beck translation) allegedly cited by Silvio Berlusconi. Normally, when quoting the categorical imperative, I don’t have a person in mind, one who reports the general formula. The trick to have one, Berlusconi, made me look at the categorical imperative in a new light. In the Kant scholarship of decades there appears to be an exegetical mistake inasmuch the content of the categorical imperative – although not the prescription itself – is taken to derive from logical consistency alone. But once I think of Silvio or Angela or Boris or any person who wants something and also wants the opposite, plus as long as the negation stands after the verb “to want”, I can want p and I can want ~p at the same time without inviting a formal contradiction.

Faust’s complaint that two souls inhabit his heart is to be understood as having two opposite volitions.

No system of ethics can be based solely on the law of noncontradiction. This includes Kantian or deontological ethics. Kant scholars know this, of course, since the categorical imperative is an imperative while contradictions are descriptive sentences. Kantians normally think, however, that at least what you ought to do derives from the law of noncontradiction.

No way! Of course you can want to be good and want to be bad at the same time without a formal contradiction.

Marc-Uwe Kling’s false calendar is not available in English, but here you can buy his Cangaroo Chronicles from which the idea of the deliberately false citations evolved.

Contra classicos

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Wenn es einfacher ist, den Preis eines Baguettes als den einer Immobilie zu wissen, dann gelang es den Klassikern nicht, das Phänomen Preisbildung restlos zu erklären. Ich gebe zu, dass das Consequens gewagt ist, aber meine Leserschaft soll bedenken: Sollte das Antecedens wahr sein – welche Person, die noch halbwegs vernünftig ist, kann es anzweifeln? – dann gibt es Preise, die gezahlt werden, weil es ein Preisschild gibt und der Kunde keine Lust hat, wegen Peanuts zu feilschen.

Wenn dem so ist, dann geht dem Kauf z.B. eines Baguettes ein Element des Glaubens voraus, das es beim Hauskauf nicht gibt, wo man eher einen Experten fragt und dann noch einen und dann trotzdem feilscht. Im Fall des Baguettekaufs beruht das Zusammenfallen von Angebot und Nachfrage auf keiner expliziten Verhandlung und kann nicht restlos analysiert werden, es sei denn, eingeschränkte Rationalität und nichtmonotones Schließen und jedenfalls ökonomisches Fehlverhalten werden in die Analyse miteinbezogen.

D.h. man muss Herbert Simon, Richard Thaler etc. lesen.

Dass ein Baguettekauf in einem elsässischen Dorf eine entscheidungstheoretische Einsicht nach sich zieht, ist nicht selbstverständlich.

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Buying my baguette in the next French village was this time a matter of philosophical interest.

If it’s easier – as the advertisement on that bag insisted – to know the price of your baguette than to know the price of your real estate, then classical economists failed to describe pricing accurately. I admit that the consequent is bold, but consider that if the antecedent is true – I believe that no sane person would doubt it – then there are prices which are paid because there is a tag, because no one has the nerve to quarrel over cents etc. If so, then there is an element of faith in buying a baguette and one that doesn’t exist when buying a real estate is at stake. In the latter case, you let experts estimate the value of the real estate and – still – you bargain and ask one more expert etc. In other words: buying a baguette is not a matter of negotiation whereas buying a house is such a matter. If I’m right in this, then the coincidence of demand and supply does not determine pricing restlessly.

A restless description of pricing is something to be done only if bounded rationality, nonmonotonic reasoning and, generally, economic (mis-) behaving is taken into account. Herbert Simon, Richard Thaler etc…

Die Qualen

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Als ich meine ersten Bundestagswahlen erlebte – es war das Jahr 1990, Kohl gegen Lafontaine – hieß es am Wahlsonntag, man bemerkte gar nicht, dass gewählt wurde. Viele werteten die Ruhe als Zeichen des Desinteresses.

Heute – ich weiß allerdings nicht als was für ein Zeichen das gelten soll – bemerkt man gar nicht, dass vor Wochen gewählt worden ist.

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In my first federal elections when I arrived in Germany – it was the year 1990, Kohl vs Lafontaine – people were saying on this Sunday that the elections passed unnoticed. Many took silence on that day to show lack of interest.

Today – I don’t know if this is a sign and for what – there’s no hint that the elections took place weeks ago.

La Mediterranée prolongée

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Vorgestern habe ich während einer Stippvisite in Belfort festgestellt, dass ein paar universitäre Einrichtungen wie Bibliothek oder bestimmte Außenräume Namen von Historikern der Annales-Schule wie Lucien Febvre oder Marc Bloch tragen. Das Einzige wohl, was Febvre mit Belfort verbindet, ist seine Doktorarbeit über Franche-Comté. Über eine Verbindung Blochs zu Belfort ist mir nichts bekannt.

An Fernand Braudel, den dritten großen Vertreter derselben Historikerschule, sowie an seine legendäre Studie La Mediterranée erinnerte ich mich erst im Supermarkt zwischen Belfort und Zuhause. Ein Mittelmeermensch, wie es mein erstes Buch der ersten Klasse vorzeigte, kann ich in Mitteleuropa idealerweise in Grand Est sein. Ich weiß nicht, ob Braudel, Febvre und Bloch eine Erklärung dafür hätten, warum vierzig Kilometer von Basel entfernt die Fischtheke mediterran sein muss, aber eine Diskussion über die kulturelle Vorherrschaft des Südens im französischen Osten wäre spannend.

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Last Monday I happened to visit Belfort to realise that a couple of university buildings bear the names of historians of the Annales School like Lucien Febvre oder Marc Bloch. Febvre’s link to Belfort could be his PhD thesis on the region Franche-Comté. I know nothing about a link between Bloch and Belfort.

The supermarket stop between Belfort and home was in a special way a reminiscence to the third great representative of the school, Fernand Braudel, especially to his legendary monograph La Mediterranée. A Mediterranean person living in Central Europe, I feel closest to my roots in the French region Grand Est. I don’t know if Braudel, Febvre or Bloch have an explanation for the fact that in thirty miles distance from Basel, the fish counter resembles one that you could find in Athens, Venice or Marseille, but I would find thrilling the discussion on the cultural dominance of the South in the French East.

Nasreddin Gero

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Am 25. September, meinem Geburtstag, beglückwünschen mich viele mit dem Zusatz, alle meine Träume oder Wünsche mögen in Erfüllung gehen. Ich pflege zu antworten, auch die Hälfte meiner Träume würde mich zum glücklichsten Menschen auf dem Planeten machen.

Das ist nicht ohne eine stillschweigende Bezugnahme auf den bekannten Nasreddin-Hodscha-Witz, wonach dieser geträumt haben soll, einen Käufer für seinen dahinsiechenden Esel gefunden zu haben, einen noch dazu, der ganze fünf Goldstücke dafür anbot, woraufhin aber Nasreddin Hodscha in dreister Überschätzung zehn verlangte.

– Fünf gebe ich dir!

– Zehn will ich aber!

Plötzlich wacht der ehrwürdige Nasreddin auf, um festzustellen, dass er nur geträumt hat. Das Gesicht auf das Kissen nochmal drückend, schließt er die Augen nochmal und sagt: “Was soll’s, gib mir fünf…”

Dem Witz geht wahrscheinlich wie sehr vielen anderen Nasreddin-Hodscha-Witzen eine Vorlage in der altgriechischen Witze-Sammlung Philogelos voraus. Das kann leicht nachgewiesen werden, aber ich habe im Moment nicht die Zeit, im Philogelos zu suchen.

Dieselbe Pointe sehe ich in Kants Witz über den ontologischen Gottesbeweis: Der Begriff von hundert wirklichen Talern ist genau derselbe, wie dieser von hundert möglichen Talern (KrV, AA III, S. 401, 22-3). Bloß machen die hundert möglichen nicht reicher.

Andererseits trachte ich in meinen Träumen nicht nach Geld, sondern nach Sachen, die realisiert sind, sobald man an sie glaubt. Ich wünsche mir etwa Ausgewogenheit. Warum wird das nicht verwirklicht?

Offenbar, weil auch Gefühle, Gedanken usw. nicht durch-und-durch intentional sind, sondern eine äußerliche Komponente besitzen. Man kann sich nicht alles einreden. Das wäre ja ein Witz: sich Ausgewogenheit einzureden, um sofort ausgewogen zu sein; sich einen Affekt einzureden, um diesen zu haben. Im Endeffekt zählen auch in der Gefühlswelt nur die echten Taler. Gerade in der Gefühlswelt kann man die unechten zwar ausgeben, aber machen wir uns nichts vor: Es gibt so etwas wie die echte Liebe, um nur ein Beispiel zu nennen.

In der analytischen Philosophie wird zu wenig über die Liebe geschrieben. Ich bin froh, in Ruben Schneider den Herausgeber eines Sammelbandes bei Philosophia Verlag (München) gefunden zu haben. Wenn er den Band zu einem meiner nächsten Geburtstage vorlegt, wird das auch einer der fünf Taler sein.

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On September 25, my birthday, many think that they have to wish that all my dreams may come true. Normally I thank them but add that even half of my dreams would make me the happiest man on this planet – and most probably on other planets too.

In the background of my joke there is the following Nasreddin Hodja story: the wittiest of all imams dreams of arguing with a man who wants to buy his old, ill donkey. Absurdly – but it’s a dream in the middle of the night – the man offers five gold liras for the useless animal – an offer which Nasreddin rejects to audaciously bargain:

– I want ten!

– I’m giving you five!

In the middle of the argument, Nasreddin wakes up to realise that it was just a dream. Disappointed, he presses his face against the pillow, closes his eyes and compromises: “OK, OK, I’ll take five”.

Very probably, the oriental joke is owed to one contained in the late ancient Greek humour anthology Philogelos. Although I could easily offer evidence for this, I won’t. I have no time, I don’t feel like it… Not for a blog posting.

Nasreddin’s gimmick is a famous one in the history of philosophy. Kant ridiculed the ontological argument by pointing out that the concept of one hundred real thalers is exactly the same as the concept of one hundred possible ones (Critique of Pure Reason, AA III, p. 401, 22-3). The obvious disadvantage of the possible thalers is that they won’t make you any richer.

Being a philosopher, I always thought that it’s easier to fulfil dreams concerning intentionality as opposed to such about material goods. Consequently, my dreams are not about thalers but about things you have, if you persuade yourself that you have them. If you think you are balanced, you are balanced. If you think you’re full of love, then you are full of love.

However, the intentionality trick doesn’t work when you want to fulfil the most important wishes in life. Why not, you may ask. I suppose that the reason is because thoughts, emotions etc. are more external and material than we think. One cannot invent one’s own emotions. If you’re honest, you can’t persuade yourself to be balanced or loving. At least not if by this you mean what folk psychology would tag as really balanced or really loving.

In analytic philosophy, love is a surprisingly unloved subject. I did something against this: I found in Ruben Schneider the volume editor of a collection of original articles on every aspect of love to be published in Philosophia Munich’s series Basic Philosophical Concepts, of which I am the editor-in-chief. If Ruben manages to submit the volume on one of my birthdays in the next couple of years, it will be one of these five thalers.

https://youtu.be/PHdU5sHigYQ

Names, appellative and proper

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In diesem Blog habe ich bereits für Russells Theorie der Eigennamen plädiert, nach der die letzteren nichts als Abkürzungen von Kennzeichnungen sind. Z.B. ist ein “Kirschbaumplatz”, wie dieser nahe dem englischen Swindon, einer, wo ein Kirschbaum steht oder wenigstens stand.

Diese Ansicht ist vor allem von Saul Kripke in Frage gestellt worden, der u.a. darauf hinwies, dass jeder Platz so benannt werden kann, ohne einen Bezug zu Kirschbäumen. Ich denke bei solchen Fragen stets an die Platonstraße in der Innenstadt von Rhodos. Was hat Platon mit einem von den Kreuzrittern geprägten Ambiente zu tun? Trotz solchen historischen Lächerlichkeiten sind Straßen und Plätze rigide designiert – d.h. keine andere Straße und kein anderer Platz kann dabei gemeint sein.

Kripkes Einwand ist ernstzunehmen. Der hier abgebildete Platz nahe dem englischen Swindon hatte einmal Kirschbäume, was wohl heißt, dass sein Name ursprünglich als Appelativum gemeint war. Ohne Kirschbäume und nachdem niemand mehr gewusst hatte, dass Kirschbäume da standen, war der Name wohl ein Eigenname.

Die Frage ist nun: Wie fungiert der Name des Platzes, nachdem es dort wieder ein ganz junger Kirschbaum steht? Man kann sagen: manchmal als ein Appellativum, wenn er so verstanden wird, manchmal wiederum als starrer Designator, als Eigenname à la Kripke also, wenn er wiederum anders verstanden wird. Aber kann man wirklich so argumentieren? Kann man mit anderen Worten in den Psychologismus flüchten?

Russell kam in den 20ern oft an Swindon vorbei, als er mit seiner damaligen Ehefrau Dora Black zwischen London und Cornwall pendelte. Die Funktion eines Namens kann nicht zwischen Eigenname und Appellativum pendeln. Ich denke daher, dass Eigennamen konsistenterweise als Abkürzungen von Kennzeichnungen anzunehmen sind. Platon hat mit der Innenstadt von Rhodos zwar tatsächlich nichts zu tun. Man könnte vielleicht im Nachhinein eine Büste des Philosophen dort aufstellen, um Russell (und Platon) einen Dienst zu erweisen. Die Ortschaft Calne nahe Swindon weist den Weg.

From this blog, I’ve already had the opportunity to plead for Russell’s view on proper names. According to this, proper names are abbreviations of definite descriptions. E.g. a Cherry Tree Court is one on which a cherry tree stands or stood.

Saul Kripke questioned this view. Every court, square etc. can be named thus irrespective whether they have cherry trees or not. You can name a square in Athens, Greece: Aurora Square. People will know where it is and will mostly not confuse it with other squares, which is what proper names are about. The name will designate rigidly. In the medieval city of Rhodes there is a Plato Street…

Kripke’s objection is reasonable. Near Swindon, UK, there is a square called “Cherry Tree Court”. For years devoid of cherry trees, now the municipality endowed it with one. Obviously then, for years “Cherry Tree Court” functioned as a Kripkean proper name.

The question for me is whether the name of the square is an appellative or a Kripkean proper name after someone planted a cherry tree.

You can say: sometimes as an appellative whenever this is how it is understood, and sometimes as a proper name, whenever this is how it is understood. Alas, this is psychologism.

Russell used to pass frequently by Swindon in the 20s when he and his wife Dora, née Black, commuted between London and Cornwall. The nature of a name does not commute between proper and appellative though. This is why I think that proper names are abridged definite descriptions. Of course, it can never be bad, if the municipality of Rhodes erects a statue of Plato at its Plato Street. The communal administration of Calne, near Swindon has the know-how of Russellian solutions in philosophy of language.

La teoria dei giochi sotto le stelle del jazz

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Es ist verblüffend, wie beständig die Aktienmärkte das Geschehen dort als Glücksspiel statt als Gesellschaftsspiel modellieren, um die Anleger und uns, den Rest, immer wieder auf die Nase fallen zu lassen.

Statt hinter Kursschwankungen die Erwartung zu sehen, durch Voraussicht des Verhaltens der anderen, eigene Gewinne zu maximieren, sehen sie ein russisches Roulette. Sie prädestinieren damit das Anlegen von Geld dazu, tatsächlich ein russisches Roulette zu sein.

Paolo Conte umschreibt in Gioco d’azzardo umgekehrt ein typisches Spiel des Verhaltensrisikos (“Was wird sie tun, wenn ich das tue, falls sie etwas anderes tut?”) als Glücksspiel. Immerhin: Er sieht beide Elemente vorhanden.

Conte hat seinerzeit Jura studiert, weshalb ihm ein spieltheoretisches Grundverständnis zugetraut werden kann. Auch so ist es nicht ungerecht, wenn Mourad Mekhail, Hellmuth Milde und ich die Einsicht des Liedermachers bei den Ökonomen vermissen.

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Surprisingly, for decades, economists model what happens in stock markets as a lucky game rather than as a parlour game. “Surprisingly” because in stock markets the expectation is to achieve higher revenues due to prediction of other players’ behaviour.

However, what economists see in stock markets is Russian roulette. This could be the reason why stock markets are really a Russian roulette.

In Gioco d’azzardo, Paolo Conte describes love, a typical game of behavioural risk (What will she do if I do something knowing what she’ll do) as a game of luck. Which shows that, much more wisely than mainstream risk management, he sees some games as having both elements: chance and behavioural risk.

Conte was a barrister before he became a jazz composer. He must have a certain understanding of game theory. Even so, it is not unjust of Mourad Mekhail, Hellmuth Milde and myself (sorry, only in German) to deplore the failure of economists to have the grasp of games which the musician has.

A Diary of a Bad Year as a book for a rainy summer

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J.M. Coetzees Diary of a Bad Year ist nach Waiting for the Barbarians das zweite Buch desselben Autors, das ich heuer lese. Ich lese nicht viel Belletristik. Aber als ich das erste Kapitel zu lesen anfing, war das Essayistik. Ich hatte ein Essay von Coetzee über das Ineinandergreifen der britischen Wahrnehmung indigener Afrikaner und alter Griechen anfang des 20. Jhs. gelesen und stimmig gefunden – ursprünglich einen Vortrag bei der Siemens-Stiftung in München-Nymphenburg. Also las ich im Diary weiter, um festzustellen, dass die Seiten des Buches sich nach und nach trennen: oben ein politischer Essay des Hauptcharakters, in der Mitte dessen Bericht von der Begegnung mit Anya, unten Anyas Bericht von der Begegnung mit dem Autor – el Señor.

  • Plötzlich erlebe ich mich als jemanden, der den Essay und Hobbes und Machiavelli links liegen lässt und dessen Augen stattdessen auf die rechte Seite ab deren Mitte wandern.
  • In den schönen Büchern geht es nie direkt um die großen Ideen, sondern um irgendeine Anya und irgendeinen Señor.

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    J.M. Coetzee’s Diary of a Bad Year is after Waiting for the Barbarians the second book of the same author which I read this year. Normally, I don’t read novels. But when I started reading the first chapter of this one, it was an essay.

    Another essay by Coetzee about the merged image of African warriors and Ancient Greeks in the British perception of the early 20th century, initially a lecture he had given at the Siemens Foundation in Munich, I read and enjoyed many years ago. So I continued reading in the Diary to realise soon that the pages of the book are divided into an essay on politics supposed to be written by a grey-haired intellectual on the top of every page, said intellectual’s story about his encounter with a floozie called Anya in the middle of every page, finally – bottom – Anya’s account on the author or, as she calls him: el señor.

  • Suddenly I catch myself forgetting the essay and Hobbes and Machiavelli, my eyes strolling on the bottom part of the next page.
  • This is OK. Literature addresses big ideas via some Anya and some señor.

    Quarantine blitzvisit in UK

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    Der Plan war, eine Mitfahrgelegenheit, geboten durch eine Kollegin, zu nutzen, um mit einer finanziellen Minimalbelastung einen Blitzbesuch englischer Freunde machen zu können. Im Grunde hat es auch funktioniert. Aber etwas hat sich so geändert, dass ich 14 Tage vor Ankunft hätte doppeltgeimpft sein sollen, bevor ich nicht zur Quarantäne verpflichtet wäre. Einem zweiten Test muss ich mich noch morgen unterziehen lassen, bevor ich übermorgen – ausgerechnet am Tag ohne Quarantäne – das Vereinigte Königreich verlassen kann bzw. muss.

    Daraus ist also Zeit zum Effektivarbeiten geworden…

    Die Regeln zur Grenzüberschreitung waren einmal starr und streng und stabil. In der EU und bis zur Corona-Krise wurden sie aufgeweicht und waren so für Jahrzehnte stabil. Jetzt sind sie starr und streng und instabil..

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    The plan worked initially but continued in an unexpected way: I used the opportunity to cross the Channel with a colleague meaning to visit friends in England at a minimal budget, when I found out that I should have been vaccinated for the second time 14 days prior to my arrival. I’ll have to have a Corona test tomorrow before I can leave the UK on the day after – on the day without quarantine.

    Great.. At last I have enough time to work effectively.

    Crossing borders was for a long time something under rules which were strict and constant. In the EU they were, until the Corona Crisis, indulgent and constant. Suddenly now, they appear to be strict and variable.

    A natural thing: failing to draw conclusions

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    Vor vielen Jahren verblüffte Paul Grice mit einem Beispiel eines Sprechakts, das zu kompliziert daherging, um mit Mitteln der Analyse formaler Sprachen angegangen zu werden, gleichzeitig sehr alltäglich war. Ich gebe es in vereinfachter Form wieder: Es ist spät abends, Grice liest etwas Spannendes, als seine Frau plötzlich aus dem Schlafzimmer hustet, so wie sie immer hustet, wenn sie ihn glauben lassen will: “Ich weiß, mein teurer Paul, dass du weißt, dass das nicht der Husten einer Kranken ist, aber gerade deswegen setze ich ihn ein, damit du gleich einsiehst, dass ich so tue, als ob, weil ich mir vernachlässigt vorkomme”.

    Was Grice weiß, ist, dass seine Frau nicht krank ist. Was Frau Grice weiß, ist, dass Grice weiß, dass sie nicht krank ist. Was Grice weiß, ist, dass seine Frau weiß, dass er weiß, dass sie nicht krank ist – usw. usf.

    In Anbetracht dessen ist es erstaunlich, dass Grice trotz allem zu ihr läuft und so tut, als wüsste er nicht, was dieser Husten ist. Das ist albern! Wieso passiert es?

    Grices Erklärung für diese erstaunliche Wendung lautet, dass seine Frau letztendlich trotz allem ihre Meinung klar mitteilte, weil “meinen” in den natürlichen Sprachen eine sehr komplexe Situation darstellt.

    Das Thema war sehr modisch in den 70ern und 80ern. Andreas Kemmerling, der die nicht seltene Eigenschaft hatte, eine Zeit lang mein Doktorvater zu sein (ich wechselte vier Stück, bevor ich meine Diss schließlich einreichte), bestritt, wenn nicht eine ganze, so mindestens eine halbe Karriere mit einem Aufsatz, in dem er zu der Einsicht gelangte, nach der vierten Iteration sei es unklar, was Grice und seine Frau wissen würden.

    Kemmerling ist natürlich ein cooler Typ und man konnte ihm allein deshalb fast alles lassen. Aber ich denke, dass “Meinen” trotzdem eine viel einfachere Bedeutung hat. Hier ist ein Gedankenexperiment, das ich zur Bekräftigung meiner Behauptung anführen möchte:

    Einem ehrlichen, moralisch integren jungen Mann (nennen wir ihn Jack) ist eine junge Frau (nennen wir sie Jenny) sympathisch, die er aber nicht belagert, weil sie, sagen wir, die Freundin eines Freundes ist. Immerhin zeigt er ihr, ehrlich wie er ist, seine Sympathie. Die ahnungslose Jenny fragt Jack in einem Moment, in dem die beiden allein unterwegs sind, warum er nervös ist. Jack ist, wie gesagt, ehrlich; grundsätzlich jedenfalls.

    Opfert nun Jack seine Ehrlichkeit seiner Integrität oder umgekehrt seine Integrität seiner Ehrlichkeit? Die moralische Intuition spricht für Ersteres. D.h. er wird stets behaupten, er sei gar nicht nervös. Er wird lieber als Lügner erscheinen wollen! Das wird peinlich für ihn. Als ein Hypokrit wird er da stehen.

    Trotzdem wird er bestreiten, nervös zu sein. Jenny wird das nicht hinterfragen. Wenn Jenny – angenommen – weiß, dass Jack seine Nervosität nie geleugnet hätte, wäre diese nicht suspekt, und auch weiß, dass er nervös ist, wird sie wohl denken müssen, dass etwas Suspektes vorliegt. Trotzdem weiß Jenny nicht alle Implikationen ihres Wissens. Sagt Jack: “Ich bin gar nicht nervös”, so steht sie auf der Leitung. Wissen ist nicht geschlossen unter Implikation. Das erscheint paradox, denn Wissen standardweise geschlossen unter Implikation ist. Aber im Alltag gibt’s kein logisches Allwissen.

    Dieser Umstand allein lässt das Gricesche Beispiel auch als kein Wunder erscheinen. Paul geht zu ihr, bevor er nachgedacht hat, ob das für beide albern ist.

    Zum Glück! Sonst wäre jeder Versuch, Bedürfnis zu signalisieren, ohne Schwäche zu signalisieren, albern. Mit schlimmen Erfolgen für Paare.


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    Quite a few years ago, Paul Grice launched a new way to understand “meaning” with a thought experiment that was too complicated to be analysed with formal tools of analysis, at the same time depicting an everyday communication. It’s late in the evening. Grice is reading something exciting when his wife coughs in the typical way she coughs when she insinuates: “I know, dear Paul, that it is clear to you that this is not the coughing of an ill person but what else can I do to make you see that I feel neglected, without making you believe that I’m ill and also without losing my pride?“

    By assumption then, Grice knows that his wife is not ill and Mrs. Grice knows that Mr. Grice knows that she is not ill. And since he knows his wife well enough, Mr. Grice knows that Mrs. Grice knows that he knows that she’s not ill. Because – come on now! – the point is to make him stop reading this book. Etc…

    Putting all this together, it is surprising that Paul interrupts his reading to go to the bedroom.

    Grice’s explanation of this, was that in spite of regress his wife manages to send a meaningful message he understands. After all, in ordinary language, meaning corresponds to a very complex state of mind.

    This is in the meanwhile old stuff. Not as old as Plato but, at least to analytic philosophers, so mainstream that it gets boring. And, I think, false. I’m inclined to analyse “meaning” – also “meaning” in a loop – in a much simpler manner.

    Take this young and honest man of moral integrity (call him Jack) who’s in love with his best friend’s wife (call her Jenny). Since he’s honest, he’ll show her his admiration. But since he has a sense of moral integrity he will refrain from making any advances towards her. At a lonely moment, however, Jenny asks Jack why he seems to be nervous. Will Jack sacrifice his integrity for his honesty or vice versa his honesty for his integrity? There is a moral intuition for the latter. But how can the answer “I’m not nervous” not sound hypocritical?

    Yet, even if Jenny knows that if Jack didn’t like her he wouldn’t deny his obvious nervousness and she also knows that he’s nervous, she does not necessarily reflect to know that ergo he likes her.

    Therefore, of course, Jack will say that he’s not nervous and Jenny will not question this. Knowledge (at least her knowledge) is not closed under implication. Of course, the standard view in epistemic logic is that knowledge is closed under implication. But this does not mean that Jenny is constantly reflecting on what she knows. Therefore she is not aware of all the implications of her knowledge.

    This is also why Grice goes to his wife. He doesn’t have the nerve to draw all the conclusions from the regress to decide that going to her would be silly.

    Fortunately so. Otherwise every attempt to show need without showing weakness would appear silly with fatal consequences for couples.