Death and rationality

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Ein Brüsseler Attentäter soll befürchtet haben, seine Tage im Gefängnis zu beenden, womit für ihn klar war, utilitaristisch zu handeln, wenn er wenigstens ein paar Bürger Brüssels mit in den Tod reißen würde. Dabei verzichtete er auf einen Nutzen, der in seinen Augen offenbar weniger wert war, als der Gesamtnutzen davon, Europäer umzubringen: auf die Verlängerung seiner eigenen Existenz.

Ich halte Selbstmordattentäter sowieso für buchstäblich seelisch Kranke. Durch den Umstand, dass sie utilitaristisch argumentieren können, fühle ich mich nicht veranlasst, meine Meinung zu ändern. Denn ein Kosten-Nutzen-Argument in diesem Kontext („Wenn ich sowieso irgendwann sterbe, bevor ich dem Feind schade, soll ich lieber gleich sterben, indem ich immerhin dem Feind etwas schade“) setzt voraus, dass die eigene Existenz auf die utilitaristische Waagschale des Abwägens von Nutzen und Kosten gesetzt wird, um sich als akzeptabler Verlust zu erweisen. Der plumpe Utilitarismus erinnert mich an diese billige nordvietnamesische Kriegspropaganda, die besagte, dass es einen Vietcong-Soldaten gab, der eine Kanone der Gebirgsartillerie den Hang hinunter rollen sah und in das Achsenwerk sprang, um das Gerät mit seinem sich zerquetschenden Körper zu bremsen – und zu retten. „Billig“ nenne ich so etwas nicht, weil ich etwa nicht daran glaube, sondern weil der Akt allein jeden Grund obsolet macht, um für eine Sache zu kämpfen. Ein Kampf um – angenommen – Gutes, soll für das höchste Gut Sinn ergeben: für die eigene eudaimonia, das gottgefällige Leben in Würde, Kontemplation und Harmonie. Wenn ausgerechnet dieses Leben ein Mittel zu einem anderen Zweck ist, kann es selbstverständlich nicht der Zweck meines Handelns sein.

Das Gebot, jeden Menschen gleichzeitig als Selbstzweck („Zweck an sich selbst“) zu behandeln, bildet einen wichtigen Pfeiler der kantischen Ethik. Kant selber meinte, das gehe aus Konsistenzüberlegungen hervor: Sobald angenommen wird, dass ethische Maximen nach dem Vorbild von logischen Gesetzen allgemeingültig sein sollen, ginge das Selbstzweckgebot hervor. Es gibt viele Punkte, in denen ich Kant folgen kann, dieser ist kein solcher. Gewiss kann ein Selbstmordattentäter konsistenterweise jede Menschenexistenz dem Willen Gottes als weit unterlegen betrachten.

Vielmehr sehe ich die Forderung, in sich selber und in jedem Menschen einen Selbstzweck zu betrachten, in der aristotelischen eudaimonia verankert und in der imago-Dei-Theologie bekräftigt. Man darf die eigene Existenz gar nicht in die Waagschale der Kosten zum Gesamtnutzen der Menschheit oder einer Gruppe werfen, da gerade diese Existenz göttlich ist. Weniger christlich ausgedrückt: Sie ist das höchste Gut. Mehr aus einem richtigen Instinkt als Christen denn aus Vernunftgründen haben die Kreuzritter Selbstmordattentäter, die den eigenen Tod als unterm Strich geringen Verlust ansahen, wenn sie mindestens zwei Kreuzritter getötet hatten, „Assassinen“ genannt, was zwar heute in einigen europäischen Sprachen „Mörder“ bedeutet, ursprünglich aber „Haschischbesessene“ heißt. Wenn der Nutzen immer ein persönlicher und körperlich zu empfindender Nutzen ist (das ist aber eine christliche Prämisse), dann ist die Kosten-Nutzen-Rechnung unter der Annahme des Todes des Nutznießers Humbug und wohl nur unter Drogeneinfluss als OK empfunden – so ein sehr wahrscheinlicher Gedankengang hinter der sonderbaren Namensgebung.

Gerade feiern die Westkirchen Ostern und er ist nicht von der Hand zu weisen der Gedanke, dass Jesus auch sein irdisches Leben in eine Waagschale geworfen hat, „damit wir leben können“. Nun, es ist so: Jesus, der Mensch, hat gar nicht sterben wollen („Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“). Und Jesus die göttliche Person war nie tot. Wäre Jesus nicht Gott gewesen und trotzdem den eigenen Tod am Kreuz bejahend, dann wäre er nicht nur kein Heiland mehr, sondern sogar ein fanatischer Selbstmörder und damit denjenigen Söhnen seiner südsyrischen Heimat ähnlich, die ich heute als Kranke betrachte. Unter der Bedingung, dass er nicht Gott wäre, könnte man Jesus nicht mehr achten. Denn es ist moralisch unstatthaft, nach dem Märtyrertod zu lechzen.

Nach den aristotelischen und thomistischen Grundlagen unserer Ethik jedenfalls.

Mein aufbauender Lektürevorschag angesichts der Brüsseler Anschläge und des Osterfestes ist kein religiöses Buch: Hans Joas, Die Sakralität der Person. Nehmt’s wahr im neuen Kontext! Lest es im neuen Kontext! Verbreitet es!

Assassin

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One of the Brussels suicide bombers is reported to have had worries about serving a life sentence, which made him conclude that killing others and himself would be preferable than dying some decades later without killing anyone. This is obviously a blunt utilitarian conclusion and one that evaluates the continuation of one’s own life as inferior compared to suicidally killing others.

I believe that suicide bombers are mentally ill – I mean literally mentally ill. The fact that they can support suicide bombings by means of a cost-benefit analysis doesn’t make them less ill. Utilitarian arguments to the effect of dying in order to cause damage to an enemy take for granted that one’s own existence is an acceptable toll to pay for achieving a desirable goal. However, who achieves the goal of you’re dead? Not yourself… This reminds me of that cheap Vietnamese propaganda about this Viet Cong soldier who is said to have stopped and rescued a large-calibre gun that rolled uncontrolled down the hill with his body – or with what remained of it… I call this „cheap“ not because I believe that the story isn’t true. I call it „cheap“ because I think that actions of this kind during fighting make fighting for any cause pointless and obsolete. If you fight to achieve a goal, this goal has to be compatible with your own eudaimonia, life in dignity, contemplation and harmony that God would have liked you to have. If of all things this life is only a means to achieve another goal, then your life is not the final end of your actions.

There is this Kantian commandment to never refrain from treating human beings as ends in themselves. Kant thought that since moral maxims are supposed to have the general validity of the laws of logic, this commandment follows straightforwardly. I endorse Kant’s views in quite a few cases but this is not such a case. A suicide bomber can consistently consider God’s will to be superior to his own existence.

I’d rather locate the desiderate to see in every person an end in itself as akin to Aristotle’s eudaimonia and as corroborated by the imago-Dei theology. Thou shalt not calculate benefits when your existence is one of the costs, because your existence is of divine origin. To express this idea in a less Christian way: your existence is the highest good.

It’s true, the crusaders were no Aristotelian intellectuals but it was a correct instinct that led them to name suicide murderers „assassins“, originally meaning: „hashish addicts“. An assassin thought that killing two of the enemies by getting killed yourself makes the loss of your own life acceptable. The benefit, however, that you get from your actions is a benefit you have to enjoy yourself (this being a Christian premise), which makes your cost-benefit analysis if your death is the cost, a stultifying contradiction, and one that could be the case only if you’re on drugs. This is a very likely story behind the name „assassin“.

Since the Western Churches celebrate Easter today, you probably can’t help thinking that Jesus was a person who calculated the benefits of our being able to live if He offered atonement – if He sacrificed Himself. But, of course, it is indisputable that Jesus, the man, wanted to avoid being sacrificed („Father, if it is possible, may this cup be taken from me“). And Jesus, the godly person, was never dead. If Jesus had been only a prophet who looked forward to being sacrificed, not only wouldn’t He have been our Saviour but He would have also been very similar to these people from His homeland in Southern Syria whom I take to be mad. If He were no God, Jesus wouldn’t be worthy to be admired because it’s morally wrong to crave for suffering martyrdom.

At least if you’re an Aristotelian or a Thomist.

My book recommendation after the Brussels bombings and the Easter day is not a religious reading: Hans Joas, The Sacredness of the Person. It has to be noticed in the new context. It has to be read under the new premises. It has to be propagated.

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Non in missa adversus philosophos

 

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Ruth, die Kinder und ich waren am gestrigen Orthodoxiesonntag nicht in der orthodoxen Kirche. Gott weiß, bin ich kein regelmäßiger Kirchenbesucher, aber diesmal hatte ich mehr Gründe als Bequemlichkeit.

Die Sache ist so: Die orthodoxe Kirche feiert am ersten Fastensonntag die Wiedereinführung der Ikonen im 9. Jh., aber auch ihre Ablehnung von verschiedenen philosophischen Lehren, die zwischen dem 11. und dem 14. Kh. im Umlauf waren.

Anathematisiert wurden gestern wie jedes Jahr an diesem Tag (ich beziehe mich dabei auf das Synodikon nach Guillards kritischer Ausgabe, Paris 1967)

Johannes Italos (11. Jh.), da er „die Realität der platonischen Ideen annahm“;

der Aristoteles-Kommentator Eustratios von Nizäa (11.-12. Jh.);

der Mathematiker und fideistischer Antithomist Barlaam von Seminara sowie Gregor Akindynos (14. Jh.), da sie meinten, eine Handlung könne zwar für Gott entweder eine wesentliche Eigenschaft oder Akzidens sein, aber da Gott keine Akzidenzien habe, dürfe nur Ersteres der Fall sein (die orthodoxe Theologie nimmt an, dass Gottes freie Handlungen weder zu Gottes Wesen gehören – wegen der Freiheit – noch seine Akzidenzien sein können);

die Thomas-Übersetzer Prochoros und Demetrios Kydones (14. Jh.).

An dem Tag sollen Philosophen, finde ich, der Messe fernbleiben. Mit der Familie in den Wald oder so. Es ist ja wie wenn die römisch-katholische Kirche die Pariser Verurteilungen von 1277 feiern würde. Nichts gegen den Palamismus der orthodoxen Kirche, aber Argumente werden mit Argumenten, nicht mit Anathemata bekämpft.

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Ruth, the kids and I didn’t go to the Orthodox church yesterday. God knows we attend Sunday services quite irregularly but yesterday there was a special reason for not attending. On the first Sunday of Great Lent the Orthodox Church celebrates the reintroduction of the icons in the 9th century. No issues there… And it also condemns several philosophical doctrines that were launched in Byzantium between the 11th and the 14th centuries. Big issues here…

And, yes, like in the last couple of centuries on this day, yesterday was the day (my reference is to the Synodikon in Guillard’s critical edition, Paris 1967) on which the anathema was proclaimed against

John Italos (11th c.) who „assumed the reality of Platonic ideas“;

Eustratios of Nicaea (11th-12th c. ) a commentator of Aristotle;

Barlaam of Seminara and Gregory Akindynos (14th c.) the former a fideist and an Antithomist and a mathematician, the latter a philosopher, both claiming that God’s actions are either essential or accidental properties of Him and therefore essential since God has no accidents (the Orthodox theology objected that free actions are not essential and cannot be accidents either since He has none);

Prochoros and Demetrios Kydones (14th c.), who translated Aquinas into Greek.

It’s not a church service for philosophers to attend. Go out for hiking, caving, sailing, anything… It’s as if the Roman-Catholic church had a mass to commemorate the condemnation of the year 1277!

I am sympathetic towards the Palamism of the Eastern Church, that’s not the point. But arguments against one’s viewpoint are to be refuted – in the best case, that is.

Refuted! Not anathematised!

Putnam’s Cambridge properties

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Cambridge-Eigenschaften sind Eigenschaften, die keinen Wandel oder Beeinflussung ihres Trägers nach sich ziehen. X kommt z.B. eine Cambridge-Eigenschaft zu, wenn er in einem Leipziger S-Bahn-Waggon unterwegs ist, von dem aus fünf Stunden vorher eine ihm völlig unbekannte junge Frau ihren Freund anrief, um sich bei ihm – beim Freund, nicht bei X – zu entschuldigen, da sie sehr verliebt in ihn sei – d.h. in den Freund, nicht in X. Das ist  zwar objektiv gesehen eine Eigenschaft von X, es ist allerdings umstritten, ob man sie als echte Eigenschaft betrachten sollte…

Um gleich mit meiner Meinung herauszurücken, sind Cambridge-Eigenschaften echte Eigenschaften. Sie sind wohldefiniert, sie sind nicht fiktiv – jedes Argument dagegen wäre nur abenteuerlicher als diese direkte Antwort. Gewiss sind mir meine Cambridge-Eigenschaften unwichtig und es ist besser so, weil sie unendlichviele sind. Aber sie sind da. Ich habe etwa die Cambridge-Eigenschaft, Besitzer eines Ausweises mit einer Nummer zu sein, deren Differenz von 1017 eine Zahl x beträgt; ebenfalls Besitzer eines Ausweises mit einer Nummer, deren Differenz von 1017+1 eine Zahl x+1 beträgt usw.

Hilary Putnam hatte auch unendlichviele Cambridge-Eigenschaften (dass er an der MIT in Cambridge Massachusetts lehrte, hat nichts damit zu tun) und eine von ihnen ist, dass er 2004 an einer Einstellungskommission für die Besetzung einer Laufbahnstelle an der Uni Zypern teilnahm, in der Leute das Sagen hatten, die ihm mindestens so unbekannt waren wie ihnen jegliche akademischen Standards. Selbst wenn ihn das geärgert hat, der Umstand, dass die restlichen Mitglieder so waren, beeinflusste ihn in keinster Weise. Dass solche Menschen physisch bei ihm saßen, ist also eine Cambridge-Eigenschaft von ihm.

Auf Zypern habe ich Putnam im Jahr 2004 getroffen – zum ersten und einzigen Mal. Von München nach Zypern zu fliegen war mir gerade mit einer Ehefrau in einer komplizierten Schwangerschaft schwer gewesen. Für ihn war der Flug von Tel Aviv, wo er damals einen Lehrauftrag hatte, viel unbeschwerlicher. Beide mussten wir dort sein. Er war externer Gutachter und der einzige, der meine Bewerbung unterstützte, und ich war – gerade habe ich’s verraten – Kandidat.

Ich muss an diese alte Geschichte denken und kann nicht umhin, als zu denken, dass selbst der Ärger mit Menschen mit einer wissensfeindlichen Agenda für Putnam in einem gewissen Sinn eine Cambridge-Eigenschaft war. Für die Persönlichkeit des Individuums namens „Putnam“ bedeutete das nichts, denn Individuen, die von einem Eigennamen rigide designiert werden, haben sehr wenige wesentliche Eigenschaften und ihre restlichen Eigenschaften berühren ihr Wesen nicht im Kleinsten. Aber dann sind diese restlichen Eigenschaften Cambridge-Eigenschaften. Das ist ein radikaler Gedanke, denn zu Ende gedacht impliziert er, dass die Eigenschaft, Autor des legendären Aufsatzes „The Meaning of Meaning“ zu sein, auch eine von Putnams Cambridge-Eigenschaften ist.

Obendrein ist es ein kripkescher, kein putnamscher Gedanke. Der Grund dafür ist folgender: Die Byzantiner hatten einen offiziellen Titel für den führenden, lebenden Philosophen ihres Reiches: den „Philosophenfürsten“ – den hypaton ton philosophon. Wären sie Byzantiner, dann wäre Putnam seit dem 13. März Kripkes Vorgänger mit diesem Titel.

Sit sibi terra levis.

Kripke and Putnam

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Cambridge properties are properties of the kind that having them implies no change for or makes no difference to their bearer. An example would be X’s property of using now a Leipzig suburban train that an unknown to him young woman used five hours ago while calling her boyfrend to ask him – her boyfriend, not X – to forgive and console her for being so deeply in love with him – her boyfriend, not X. Not quite the kind of thing that would affect X…

To say it in advance: I think that Cambridge properties are real properties. They’re properly defined, they’re not fictional – what else do you need? It’s true, my Cambridge properties are unimportant to me and they’re infinitely many as well, but I do have them after all. I have the Cambridge properties of having a social security card number whose difference from 1017 is x; and the property of having a social security card number whose difference from 1017+1 is x+1 etc.

Like everyone else’s, Hilary Putnam’s Cambridge properties (yes, Putnam did teach at the MIT at Cambridge Massachusetts but don’t get confused with the different usages of „Cambridge“) are infinitely many as well. One of them I happen to know of is that in 2004 he participated in a committee dominated by colleagues of whom he didn’t know the names but who had an agenda of standards other than academic. I mean, certainly the fact that other members of the committee had an agenda of standards other than academic standards didn’t affect Putnam and, therefore, it is a Cambridge property to be in the same committee with them. The property of being angry at them wouldn’t be one of his Cambridge properties if he happenned to have it – which I don’t know.

I met Hilary Ptunam for the first and only time in his function as a member of this committee. For me, it was a long journey from Munich to Cyprus and a difficult one: my wife had a difficult pregnancy with our eldest. For him, it was a much shorter trip from Tel Aviv where he’s had teaching appointments. Both of us had to be there: me as a candidate for a tenure-track position, he as an external referee – and I have to say: as the only supporter of my candidacy there and then.

When I think about this old story, I can’t help thinking that also being angry at the other members of the committee would be, in a sense, one of Putnam’s Cambridge properties. Because, on one hand it does affect someone to be angry but this is not a change for the personhood of the individual named „Putnam“. Individuals designated rigidly have very few essential properties, their remaining properties being of the kind that they don’t change the individual or the human person. But then all these remaining properties are Cambridge properties by the definition of the term. By this account, also writing the legendary paper „The Meaning of Meaning“ is one of Putnam’s Cambridge properties.

This sounds rather like a Kripke, not a Putnam account on Cambridge properties, and there’s a reason for this: the Byzantines had a title for the leading living philosopher of their state: hypatos ton philosophon. If they had been Byzantines, on March 13th Putnam would have left this title for Kripke to inherit.

Sit sibi terra levis.

Palmenkätzchen: eine Allegorie für die Kindheit, eine Metapher für die Weide, ein soritisches Rätsel

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Wer es als Philosophiehistoriker satt hat, verschiedene tote Berühmtheiten doxographisch zu besprechen, sollte mal Philosophieren mit Kindern versuchen. Nicht weil die Acht- bis – sagen wir – Zwölfjährigen ein extrem fruchtbarer Boden sind. Das natürlich auch, aber darum geht’s mir gerade nicht. Acht- bis Zwölfjährige sind am Gedanken, nicht an den historischen Umständen um einen Gedanken interessiert. Sie sind ahistorisch. Nebenbei bemerkt finde ich „Platon & Co“, die philosophische Kinderrreihe des diaphanes Verlags, sehr sympathisch, gerade weil sie nicht historisierende Darstellungen von Einzeldenkern enthält. Hätte sie noch mehr Anachronismen anzubieten, würde ich sie als noch sympathischer empfinden. Aber das ist wahrscheinlich nur mein Geschmack. Jedenfalls versuche ich für eine eigene Reihe, die bei Philosophia Verag herauskommen soll, Autoren für anachronistische Dialoge zu finden.Ockham diskutiert mit Arthur Prior; Thomas von Aquin diskutiert mit Wittgenstein usw. Das wäre freilich nichts für Kinder und deshalb gehört es nicht zum heutigen Thema.

Kinder philosophieren gern. Und zwar ahistorisch. Ich zitiere aus dem Gedächtnis aus einer Diskussion, die am vergangenen Donnerstag stattfand, viel eher die Besprechung eines Kinderlieds, in dem Kinder die gerade treibenden Palmenkätzchen fragen, wo sie denn vorher waren. „Im Geäst, aber das waren wir noch nicht“, antworten die Weidenkätzchen. Ich unterbrach den Gesang und fragte:

  • Moment, ich hab‘ nicht verstanden, seit wann es die Weidenkätzchen gibt.
  • Seit sie ausgeschlagen sind.
  • Und vorher?
  • Vorher waren sie im Geäst.
  • Aber sie sagen gerade, dass sie es nicht waren!
  • Sie waren es, aber nicht ganz.
  • Schön! Seit wann gibt’s sie also?
  • Seit sie im Geäst sind, aber anders.

Am Ende haben wir uns geeinigt, die Kinder und ich, dass es zwar dieselben Palmenkätzchen waren, die im Geäst schlummerten, aber dass sie nicht gleich wie vorher waren.

„Dieselben und „gleich“ sind in diesem Kontext umgangssprachliche Ausdrücke und sie haben das Kribbeln zum Schluss gebracht. Sie erschienen vertraut genug, um nahezulegen, dass philosophische Rätsel mit sprachlichen Vereinbarungen zu lösen sind. Was sage ich da? Dass philosophische Rätsel mit sprachlichen Vereinbarungen bereits gelöst wurden.

Mit Kindern muss hier die Analyse wohl ihr Ende nehmen. Es bedarf weiterer Reflexion und langer Zeit, um zu erkennen, dass Termini wie „dieselben“ und „gleich“ lange nicht präzisiert sind und deshalb keine wirklich gute Lösung zum Vagheitsproblem des Werdens anbieten. Für Kinder ist es bereits ein gigantischer Sprung, wenn sie zu spüren bekommen, dass die der Haufenparadoxie inhärente Vagheit ein sprachliches Problem darstellt, das mit umgangssprachlichen Vereinbarungen zu lösen ist. Erwachsene können erkennen, dass die Vagheit durch manipulierte Sprache eliminiert werden kann – so etwa: Seit die Weidenkätzchen aufblühen, sind sie da und vorher gab es sie gar nicht. Solcherlei Vereinbarungen – aber das ist Erwachsenenwerk – regeln in verschiedenen Ländern trotz ihres künstlichen Charakters den Eintritt eines Fötus in das Personensein.

Schließlich gibt es wiederum andere Erwachsene, die künstliche Lösungen wie die formale Sprachen für inadäquat halten. Sie fragen sich, ob die Behauptung, dass die formale Sprache die Realität besser abbildet, nicht eine selbstgefällige Eigenwerbung der formalen Sprachen ist. Für solche Erwachsenen und für ihre Kinder macht der oben erwähnte Dialog vielleicht mehr Sinn. Und wohl für Philosophiehistoriker, die die Nase voll damit haben, junge Erwachsene vergeblich dazu animieren zu müssen, halbwegs kreativ zu sein – so nach dem Beispiel der Kinder etwa. Enough with scrolling

Historians of philosophy who are fed up trying to motivate early tweens to read great dead philosophers in a way other than doxography don’t know what a blessing it is to discuss philosophy with, say, 8-to-12-year olds. Not only because kids are much more receptive but also because they have an ahistorical reading of the big issues of philosophical tradition.

A parenthesis here: „Plato & Co“ is a successful series just because of its ahistorical view on the big heroes. I confess that a bit more anachronisms would be more like it, at least for my taste but this is my taste, not everyone’s, and unlike most other people I have the opportunity to satisfy my taste otherwise. That is by finding authors for the new series of fictitious dialogues I’m launching with Philosophia Publishers: Ockham meets Arthur Prior, Aquinas meets Wittgenstein… But this is off-subject and not for kids and therefore off-subject for one more reason.

Last Thursday this class was singing a song on catkin. In fact, the song was meant to be a dialogue between a group of kids and catkin. „Where have you been before you blossomed?“ ask the kids for catkin to answer: „In the bough but we weren’t ourselves yet“.

I interrupted the song:

  • Wait a moment. Why, since when does catkin exist?
  • Since it blossomed.
  • And before that?
  • It was in the bough.
  • But what it says is that it wasn’t itself!
  • It was but not fully.
  • OK. Since when does it exist then?
  • Since it’s been in the bough. But it wasn’t the same back then.

We agreed, finally, that catkin has been „itself“ but not „the same“. Obviously, these are colloquial expressions and this is, probably, the reason kids feel that they solved the philosophical riddle. Their approach is quite good: linguistic convention solves problems of language. Or, rather, it has already solved them.

This is the point where the analysis has to be terminated when you’re philosophizing with minors. It’s grownups who come to realise – ideally, that is – that „themselves“ and „the same“ are not precise and, therefore, they cannot eliminate the inherent vagueness of terms like „coming to be“. If for children it’s a gigantic progress to perceive vagueness and the heap paradox as linguistic problems with a solution in colloquial language, adults must be in the position to recognise that not colloquial speech but rather a formal language that re-forms natural language solves the problem. This language can set soritic victims free. You can, for example, define artificially since when a fetus is considered to be a person – within a minute’s or a second’s accuracy. Of course, this is silly, but it solves juridical problems concerning abortion.

However, there are other adults who question every aspect of formal language. These ask: who says that formal language offers a better mapping of reality? Another language? Maybe formal language itself? This posting has been written for them. And for their children. And for historians of philosophy who have no nerves anymore to motivate young adults to be as creative as kids are.

Modallogik für Neuburg an der Donau: ein peinlicher Fall von Sensationsjournalismus

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Die SZ berichtete vorgestern, dass Neuburg an der Donau neuerdings wieder eine Adolf-Hitler-Straße hat. Peinlich. Aber noch peinlicher ist der Journalismus, der ins Bullshitting flüchtet.

Bullshit erzählen bedeutet nicht zwingend lügen. Bullshit erzählen kann heißen, eine Wahrheit zu sagen, die im konkreten pragmatischen Kontext mehr verdunkelt als beleuchtet. Tatsache ist, dass der Stadtrat von Neuburg an der Donau eine Straßenumbenennung rückgängig machte. Den Stadträten unbekannt, aber eine direkte Implikation aus diesem Rückgängigmachen, war, dass die betroffene Straße eben so hieß, wie keine deutsche oder sonstwelche Straße nach dem 2. Weltkrieg heißen darf.

Angenommen nun, irgendeine konservative Erweiterung des modallogischen Systems K und zwar eine zwischen S4 und S5 ist adäquat, um epistemische Kontexte zu formalisieren (so jedenfalls die überkommene Weisheit von etlichen Jahrzehnten der Forschung in der epistemischen Logik), so muss der Stadtrat gewusst haben, was er dabei tut. Denn jede bekannte Implikation q eines bekannterweise wahren Satzes p soll nach dem Axiom K: W(p->q)->(Wp->Wq) als bekannterweise wahr gelten. Logisches Allwissen ist die Folge davon – eine unhaltbare Folge über deren Reparatur immer noch Uneinigkeit herrscht. Allerdings sollten wir einem Stadtrat gegenüber, der nicht bedacht haben will, welcher genau der frühere Name der Straße war und damit im Unklaren über die Implikationen eines Beschlusses zu sein behauptet, etwas nachsichtig sein.

Klar, nachsichtig können wir einem Verbrecher gegenüber nicht sein, der behauptet, er könnte nicht wissen, dass das gesamte Zivilrecht impliziere, seine Taten seien strafbar. Damit hat das Desiderat des logischen Allwissens in bestimmten epistemischen Kontexten seine Berechtigung.

Diese Berechtigung für den allgemeinen Fall zu behaupten, ist allerdings eindeutig Bullshitting. Denn selbst die Logik gilt nicht für den allgemeinen Fall. Die Logik ist ein Instrument, das unter bestimmten Einschränkungen nützlich ist. Die Einschränkungen, die für unangenehme Fehlinformation und Ignoranz nützlich sind, sind wohl für Haftungsfragen nicht von Belang. Alles, was wir sagen, gilt nicht absolut, sondern muss einen bestimmten Zweck erfüllen. Soviel Aristoteles in die moderne Logik einfließen lassen können und sollen wir und sei es nur, um Klugscheißer zu hindern, auf die Logik zurückzugreifen.

Neuburg

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A German daily has the story: Neuburg, a Bavarian town at the river Danube has a street renamed to Adolf-Hitler-Straße. Of course, this is unpleasant. But a journalism that sees no other way to make a point than bullshitting is more unpleasant.

Bullshitting is not necessarily lying. You can bullshit someone by telling her the truth – however a truth that in the given situation is misleading. True, the city council of the town cancelled the renaming of the street some decades ago. Unknown to the members of the city council though – albeit an implication of their decision – the street has thereby automatically the name that no street may have after the 2nd World War, in Germany or elsewhere.

Suppose that – like the received wisdom of some decades of epistemic logic insists – some system between S4 und S5 is adequate to capture epistemic contexts. Therefore the city council must have known what they have been doing. This is for the reason that the mentioned systems are conservative extensions of the system K and K’s characteristic axiom: K(p->q)->(Kp->Kq) says that knowledge is closed under known entailment. The consequence of this is unacceptable: logical omniscience. I tend to indulgence, however, when I have to think of these members of the city council trying to defend themselves by declaring that they couldn’t imagine after whom the street was named and, consequently, they ignored the full implications.

Of course, indulgence wouldn’t be my choice against a criminal who claims that he couldn’t know all the implications of civil law concerning his deeds. In cases like this we appear to support epistemic closure.

Nevertheless, you cannot expand your support for epistemic closure to every other realm without committing bullshitting. It’s true that logic is valid for every interpretation. But since Aristotle we know that interpretations are dependent on fixed domains. And talking about who’s to blame for ignorance justifies a domain completely different than talking about penal responsibility.