A farewell to UNILOG 2018

English (italicised) just after the German paragraph

Gerade weil es wie Fritz Langs Metropolis anmutet: Überall lässt sich Ruhe finden. Einen schönen Sonntag von der Sankt-Blasien-Kirche in Vichy.

Even if and even because it resembles Fritz Lang’s scenery in Metropolis: peace of mind can be found everywhere. My wishes for a nice Sunday from St. Blaise’s church in Vichy, France.

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Une langue austrolibérale

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Die letzten Reste meines mündlichen Französisch aus der Schule habe ich bereits letztes Jahrtausend aufgebraucht. Dass ich plötzlich viel mit Sprechern der Sprache Racines und Foucaults zu tun habe – und damit mit derselben auch – stellte mich vor eine Herausforderung. Das Alltagsfranzösisch empfinde ich nicht mehr als etwas, was sich mit Phantasie aus Latein und Italienisch rekonstruieren lässt, sondern im Gegenteil als etwas gründlich anderes.

So zum Beispiel diese Gewohnheit, nicht „nous parlons“, „nous souhaitons“, „nous philosophons“ etc zu sagen, sondern „on parle“, „on souhaite“, „on philosophe“ etc: Zwar ist sie nachvollziehbar insofern, als das Personalpronomen „wir“ im Grunde „man“ bedeutet mit dem Zusatz, dass der jeweilige Sprecher dazu gehört – daher: „man spricht“, „wünscht“, „philosophiert“ statt „wir sprechen“, „wünschen“, „philosophieren“. Allerdings ist der Zusatz wichtig: Wenn ich „man wünscht“ statt „wir wünschen“ sage, geht der Hörer nicht unbedingt davon aus, dass ich einer der Wünschenden bin.

Trotz der grammatikalischen Unsauberkeit erscheint mir die Ersetzung der ersten Person Plural durch eine impersonelle Syntax im mündlichen Französisch sympathisch und auf philosophischer Ebene Wienerisch. Schumpeter plädierte seiner Zeit für die Idee, dass kollektive Güter die Summe von individuellen Nutzen sind. Nicht wir sind zufrieden oder unzufrieden, sondern man ist zufrieden oder unzufrieden und am Ende gibt es eine Summe. Popper hört aus dem vermeintlichen Wir die faule Argumentationslinie des Tribalisten heraus: „So sind wir schließlich“. Darauf erwidert französische Alltagsweltbürgerlichkeit: „Nicht „wir sind“, sondern „man ist“. Die anderen Abermillionen lässt du, bitte, in Ruhe oder fragst du wenigstens, bevor du sie als Zeugen anführst“.

Würde ich mehr Französisch im Alltag reden, würde es mir nicht einmal in den Sinn kommen, mein Gegenüber wäre ein Tribalist – auch wenn er’s wäre! Das würde meine Tage verschönern.

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Still during the last millennium, I consumed the very tiny last bits of my oral competence in French – but remain able to feel astonished for the moral competence that is expressed in that language. First of all I’ve felt strange in the last years – having more and more French acquaintances, cooperations and colleagues around me – that for decades I’ve failed to recognise that Racine’s and Hugo’s language tends more and more to suppress expressions of the form „nous parlons“, „nous souhaitons“, „nous philosophons“ etc to prefer impersonal ones like „on parle“, „on souhaite“, „on philosophe“ etc.

On the first glance, this is awkward. „We talk“, you see, is arguably very much like „some talk“ – but far from being the same. In order to say the same as „we talk“ by using „some“, I have to say „some talk and I’m one of them“. But the French use an expression literally to be translated as „some talk“ meaning „we talk“.

This is gorgeous although philologically irritating and grammatically incorrect. And it is, in terms of political philosophy, rather Austrian in the following sense: in a very influential and much admired article, Schumpeter reduced social value to individual values. The one who’s content or discontent is not someone who can call himself „we“ but rather some are content or discontent and at the end you have to sum up. Popper saw tribalism lurking behind many general statements about „us“ – Europeans, Germans, Christians etc. Often when I hear „We are such-and-such“ I feel tempted to object „Talk about yourself and leave the other few millions alone or at least ask them first“.

I must become more fluent in French and use it in everyday conversation. It’s a language in which you don’t even feel tempted to think that the other is a tribalist – and this independently from his values! Isn’t this improving one’s standard of living?

Today’s category mistakes

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„Wie unverantwortlich! Es schneit!“

„Im Elsass sind die Farben abgeschafft worden“

„Der Schnee ist megaabsurd“

PS: Ich bin mir nicht so sicher, ob Marie Liebys „Είναι γελοίο“ (griechisch für „Es ist lächerlich“) auf den Schnee angewandt ein Kategorienfehler ist. Jedenfalls verdanke ich ihr obiges Foto.

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„Irresponsibly enough, it’s snowing again“

„In Alsace colours are abolished“

„Snow is so absurd“

PS: I don’t know if Marie Lieby’s „Είναι γελοίο“ (Greek for „It’s ridiculous“) is a category mistake if you refer to snow. I just want to say that the credit for the first picture goes to her.

Termini

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Geographische Grenzen sind Rahmen. Es gibt keine geographische Entität, die sich ins Unendliche erstreckt. Sieht man zudem von eingekeilten Regionen ab, so gibt es höchstens ein Dreiländereck zwischen drei Gebieten. Es gibt genau eines zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich (unten habe ich ein Video von besagter Stelle), zwei zwischen der Schweiz, Österreich und Liechtenstein, da Letzteres eingekeilt ist.

Das alles bestärkt mich in der Annahme, dass die geographische Regionalontologie ein Spezialbereich der Topologie ist. Die bekannten Toponyme der Art: „Elsass“, „Baden“, „Kleinbasel“ (einen Blick auf das erste und das letzte vom mittleren aus sieht man unten) sind ihre Konstanten.

Natursprachliche Bezugnahmen auf Menschen aus dem jeweiligen Landstrich sind jedoch gründlich anders. Anders als Toponyme sind nämlich Ethnonyme keine Eigennamen, sondern Appellative. Als wäre das nicht genug, sind das Appellative mit in der Regel großen Bedeutungsverschiebungen in ihrer Vorgeschichte. Während man z.B. diachronisch sagen kann, wo das Elsass, wo Baden, wo Kleinbasel ist, kann man nicht ohne Weiteres sagen, wer ein Elsässer, ein Badener, ein Kleinbasler ist; auch nicht, wer ein Franzose, ein Deutscher, ein Schweizer ist. Ich meine: nicht diachronisch! Ein Elsässer sprach früher stets Elsässisch. Heute reicht’s zum Elsässersein, sich dafür zu entschuldigen, kein Elsässisch zu können. Einen Schweizer im heutigen Sinn gab es vor 1848 nicht – und das, obwohl es die Schweiz gegeben hat.

Die einzigen mir bekannten Grammatiken, die die Kultur besitzen, nicht so zu tun, als wäre die Herkunft ein Eigenname, sind die des Italienischen und des Deutschen. Erstere schreibt vor, „Grecia“ groß zu schreiben, „greco“ aber klein, „Germania“ groß, „tedesco“ klein usw. Letztere kapitalisiert alle Substantive sowieso. Ob das gegen die Selbstherrlichkeit des Provinzialismus hilft, ist eine andere Frage. Wenn ich an Adriano Celentanos „Lasciate mi cantare“ denke, dürfte es weniger helfen. Aber es ist wichtig, nicht so zu tun, als wäre „Makedonier“ ein rigide bezeichnender Terminus. Im Sinn einer demokratischen Bürgerkunde kann man grammatikalische Vereinbarungen zwar nicht nutzen, Signale in die richtige Richtung sind sie jedoch allenfalls – selbst wenn (oder weil) diese Richtung die nominalistische ist.

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The glimpse of the tri-country region consisting of the southwesternmost edge of the Black Forest in Germany (from where I took this video), Basel in Switzerland (urban, towers) and Alsace in France (vineyards at the other side of the river Rhine) I find interesting for reasons of ontology.

Borders are frames. Generally, geographical limits bound a geographical entity from all sides. Between three regions none of which is wedged among or inside the others, you can have one tri-country region. You have one between France, Germany and Switzerland. But you have two between Switzerland, Austria and Liechtenstein because this last country is wedged between the two former. Thus, the regional ontology of geography appears to be a branch of topology. Its constants are toponyms – NB proper names.

In contrast, ethnonyms, the names of the people of regions, are not proper but common names – and ones that resulted after huge semantic shifts.

As an aftermath, you can’t define „the Swiss“ as easily as you can define „Switzerland“. The only problem you have with the definition of the term „Switzerland“ is to capture territorial shifts through centuries while you maintain that it is a proper name. But it is not clear whether the term „the Swiss“ always referred throughout this time. It has been referring after 1848 for sure, but in the 15th century the only people you could call thus was the population of one landscape in the middle of the country. Another example: it’s been more or less clear for centuries where Alsace is. Still, who’s an Alsatian? – that’s the question of the century! Until the beginning of the XXth century, it was essential to Alsatians to speak their Germanic language. But an essential property of Alsatians today is to speak French whereas apologising for not speaking German.

The only grammars I know that clearly show that toponyms are proper names and ethnonyms common names is the Italian and the German: the former prescribes to capitalise „Ingleterra“, not however „inglese“, the latter capitalises all nouns. It’s so true! England will always be the country that the Angles once possessed. But the Angles, the English, the German, the Macedonians, all peoples of this world, are called thus simply because nominalism has a chance to be true.