A natural thing: failing to draw conclusions

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Vor vielen Jahren verblüffte Paul Grice mit einem Beispiel eines Sprechakts, das zu kompliziert daherging, um mit Mitteln der Analyse formaler Sprachen angegangen zu werden, gleichzeitig sehr alltäglich war. Ich gebe es in vereinfachter Form wieder: Es ist spät abends, Grice liest etwas Spannendes, als seine Frau plötzlich aus dem Schlafzimmer hustet, so wie sie immer hustet, wenn sie ihn glauben lassen will: “Ich weiß, mein teurer Paul, dass du weißt, dass das nicht der Husten einer Kranken ist, aber gerade deswegen setze ich ihn ein, damit du gleich einsiehst, dass ich so tue, als ob, weil ich mir vernachlässigt vorkomme”.

Was Grice weiß, ist, dass seine Frau nicht krank ist. Was Frau Grice weiß, ist, dass Grice weiß, dass sie nicht krank ist. Was Grice weiß, ist, dass seine Frau weiß, dass er weiß, dass sie nicht krank ist – usw. usf.

In Anbetracht dessen ist es erstaunlich, dass Grice trotz allem zu ihr läuft und so tut, als wüsste er nicht, was dieser Husten ist. Das ist albern! Wieso passiert es?

Grices Erklärung für diese erstaunliche Wendung lautet, dass seine Frau letztendlich trotz allem ihre Meinung klar mitteilte, weil “meinen” in den natürlichen Sprachen eine sehr komplexe Situation darstellt.

Das Thema war sehr modisch in den 70ern und 80ern. Andreas Kemmerling, der die nicht seltene Eigenschaft hatte, eine Zeit lang mein Doktorvater zu sein (ich wechselte vier Stück, bevor ich meine Diss schließlich einreichte), bestritt, wenn nicht eine ganze, so mindestens eine halbe Karriere mit einem Aufsatz, in dem er zu der Einsicht gelangte, nach der vierten Iteration sei es unklar, was Grice und seine Frau wissen würden.

Kemmerling ist natürlich ein cooler Typ und man konnte ihm allein deshalb fast alles lassen. Aber ich denke, dass “Meinen” trotzdem eine viel einfachere Bedeutung hat. Hier ist ein Gedankenexperiment, das ich zur Bekräftigung meiner Behauptung anführen möchte:

Einem ehrlichen, moralisch integren jungen Mann (nennen wir ihn Jack) ist eine junge Frau (nennen wir sie Jenny) sympathisch, die er aber nicht belagert, weil sie, sagen wir, die Freundin eines Freundes ist. Immerhin zeigt er ihr, ehrlich wie er ist, seine Sympathie. Die ahnungslose Jenny fragt Jack in einem Moment, in dem die beiden allein unterwegs sind, warum er nervös ist. Jack ist, wie gesagt, ehrlich; grundsätzlich jedenfalls.

Opfert nun Jack seine Ehrlichkeit seiner Integrität oder umgekehrt seine Integrität seiner Ehrlichkeit? Die moralische Intuition spricht für Ersteres. D.h. er wird stets behaupten, er sei gar nicht nervös. Er wird lieber als Lügner erscheinen wollen! Das wird peinlich für ihn. Als ein Hypokrit wird er da stehen.

Trotzdem wird er bestreiten, nervös zu sein. Jenny wird das nicht hinterfragen. Wenn Jenny – angenommen – weiß, dass Jack seine Nervosität nie geleugnet hätte, wäre diese nicht suspekt, und auch weiß, dass er nervös ist, wird sie wohl denken müssen, dass etwas Suspektes vorliegt. Trotzdem weiß Jenny nicht alle Implikationen ihres Wissens. Sagt Jack: “Ich bin gar nicht nervös”, so steht sie auf der Leitung. Wissen ist nicht geschlossen unter Implikation. Das erscheint paradox, denn Wissen standardweise geschlossen unter Implikation ist. Aber im Alltag gibt’s kein logisches Allwissen.

Dieser Umstand allein lässt das Gricesche Beispiel auch als kein Wunder erscheinen. Paul geht zu ihr, bevor er nachgedacht hat, ob das für beide albern ist.

Zum Glück! Sonst wäre jeder Versuch, Bedürfnis zu signalisieren, ohne Schwäche zu signalisieren, albern. Mit schlimmen Erfolgen für Paare.


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Quite a few years ago, Paul Grice launched a new way to understand “meaning” with a thought experiment that was too complicated to be analysed with formal tools of analysis, at the same time depicting an everyday communication. It’s late in the evening. Grice is reading something exciting when his wife coughs in the typical way she coughs when she insinuates: “I know, dear Paul, that it is clear to you that this is not the coughing of an ill person but what else can I do to make you see that I feel neglected, without making you believe that I’m ill and also without losing my pride?“

By assumption then, Grice knows that his wife is not ill and Mrs. Grice knows that Mr. Grice knows that she is not ill. And since he knows his wife well enough, Mr. Grice knows that Mrs. Grice knows that he knows that she’s not ill. Because – come on now! – the point is to make him stop reading this book. Etc…

Putting all this together, it is surprising that Paul interrupts his reading to go to the bedroom.

Grice’s explanation of this, was that in spite of regress his wife manages to send a meaningful message he understands. After all, in ordinary language, meaning corresponds to a very complex state of mind.

This is in the meanwhile old stuff. Not as old as Plato but, at least to analytic philosophers, so mainstream that it gets boring. And, I think, false. I’m inclined to analyse “meaning” – also “meaning” in a loop – in a much simpler manner.

Take this young and honest man of moral integrity (call him Jack) who’s in love with his best friend’s wife (call her Jenny). Since he’s honest, he’ll show her his admiration. But since he has a sense of moral integrity he will refrain from making any advances towards her. At a lonely moment, however, Jenny asks Jack why he seems to be nervous. Will Jack sacrifice his integrity for his honesty or vice versa his honesty for his integrity? There is a moral intuition for the latter. But how can the answer “I’m not nervous” not sound hypocritical?

Yet, even if Jenny knows that if Jack didn’t like her he wouldn’t deny his obvious nervousness and she also knows that he’s nervous, she does not necessarily reflect to know that ergo he likes her.

Therefore, of course, Jack will say that he’s not nervous and Jenny will not question this. Knowledge (at least her knowledge) is not closed under implication. Of course, the standard view in epistemic logic is that knowledge is closed under implication. But this does not mean that Jenny is constantly reflecting on what she knows. Therefore she is not aware of all the implications of her knowledge.

This is also why Grice goes to his wife. He doesn’t have the nerve to draw all the conclusions from the regress to decide that going to her would be silly.

Fortunately so. Otherwise every attempt to show need without showing weakness would appear silly with fatal consequences for couples.

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An everyday understanding of tropes

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Ich schätze, dass manche meiner Leser die Tropen, individuelle Eigenschaften, als einen sehr ausgeklügelten Nominalismus verstehen, Ausgeburten aus den Köpfen ausgeflippter Experten. Dabei sind die Tropen sehr alltäglich, wie mir Erich Fried (1921-1988) in diesem Gedicht klarmacht:

Ich lese das,

was du schreibst

von deinen schlechten Eigenschaften.

Gut schreibst du,

aber das kann mich

nicht trösten darüber,

dass alle diese

deine schlechten Eigenschaften

so weit weg sind von mir,

denn ich will sie

ganz nahe haben.

Und wenn ich versuche

einzeln an sie zu denken

– deine schlechten Eigenschaften, wie du sie aufgezählt hast –

dann wird mir bang

und ich finde,

ich muss mich zusammenreissen,

damit meine guten

deine schlechten

noch halbwegs wert sind.

Der Dichter liebt nicht etwa Schärfe, Unsicherheit, Provoziertheit par tout. Er liebt ihre schlechten Eigenschaften, weil sie eben ihre sind: ihre Schärfe, ihre Unsicherheit, ihre Provoziertheit. Ihre Tropen.

Passend dazu finde ich ein Foto der Frau mit den Tropen, der nicht unbedeutenden Bildhauerin Catherine Boswell (1936-2015). Ihre Anziehungskraft zu Fried war wohl noch ein Trope: niemand zieht an wie irgendjemand sonst.

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There are definitely some among my readers who think that tropes, i.e. individual properties, are an intellectualist nominalistic, posh concept for only a few madcaps. The Austrian-born poet Erich Fried (1921-1988) can show you why tropes reflect a very everyday understanding of properties.

I’m reading

what you write

about your bad qualities.

You have a good writing style

but this can’t console me over the point

that all these bad qualities you have

are so far away from me.

I want them to be

close to me, you see.

And when I try

to think of them one by one

– your bad qualities as you listed them –

I am concerned

and feel

under pressure

to make my good qualities

at least half as valuable

as your bad ones.

The poet doesn’t love bad qualities, say: sharpness, insecurity, and he doesn’t love provoking natures absolutely. He only loves her sharpness, her insecurity, her provoking nature. Because they are hers. Her tropes.

The picture is one of Catherine Boswell (1936-2015), the woman with the tropes who was one of huge attraction (another trope, no one attracts like any one else) to Fried.

A Roman wilderness of pain

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Als J.M. Coetzee den Literaturnobelpreis erhielt, war ich der Macher einer Sendung für den Hessischen Rundfunk. Zwar ist es erstaunlich, wie wenig ich mich in meinem Leben mit zeitgenössischer englischsprachiger Literatur beschäftigt habe, aber sein Buchtitel Warten auf die Barbaren, reizte mich genug, um wenigstens eine kleine Rubrik in meiner Sendung wert zu sein. Da ich das Buch nicht lesen wollte, zapfte ich vom Schreibtisch im Funkhaus Frankfurt-Dornbusch aus die ARD-Medienbank an, um tatsächlich einen ganz frischen Bericht einer Journalistin von Stockholm zu finden – einen fürchterlichen Abklatsch dem ich nichts Nützliches entnehmen konnte. Verärgert, das weiß ich noch, dass jemand für so ‘nen Klatsch gleich eine Person nach Stockholm schickt mit Flugtickets, Übernachtungen usw. – ich hatte ein Interview mit dem Nobelpreisträger erwartet – ging ich am nächsten Tag zum Hugendubel.

Mein Verdacht war irgendwann bestätigt: Bei Coetzees Warten auf die Barbaren handelt es sich um eine offensichtliche und so intendierte Replik des Themas von K.P. Kavafis’ gleichnamigem Gedicht: das Reich (irgendeines – man erfährt nicht, welches) verkommt in eine bequeme Dekadenz, die nur durch einen fiktiven Krieg gegen einen konstruierten Feind – die “Barbaren” – vertuscht wird. Bis es sich herausstellt, dass die Barbaren keine Gefahr sind. Wie schade nun, dass die Zivilisation keine andere Wahl hat, als in ihrer eigenen Grausamkeit zu ersticken.

Die ersten Rezensionen des Romans sprachen von einer Kritik am Apartheid. Coetzee lebte und lehrte damals in seinem heimatlichen Südafrika. Der Film (Waiting for the Barbarians (2019) mit Johnny Depp in der Rolle des menschenverachtenden Obersts Joll) lenkt allerdings den Blick zurück auf die Hauptinspiration des Alexandriners Kavafis, der als überzeugter Bürger des British Empire Anfang des 20. Jahrhunderts, auf das römische Reich als eine Allegorie zurückblickte. Die Barbaren in Ciro Guerras Film schauen Zentralasiaten ähnlich, die Landschaft ist nordafrikanisch-levantinisch. Guerra führte Coetzee zu Kavafis; das Heute auf King George und Romulus Augustulus zurück; nahm den Roman aus der politischen Interpretation der 80er heraus und machte daraus ein offenes Kunstwerk. Heute kann ich den Roman dadurch als etwas Neues wieder lesen.

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When J.M. Coetzee won the Nobel prize for literature it was the time I was producing a radio broadcast for Radio Hessen, a state owned broadcasting corporation based in Frankfurt. Surprisingly enough, in my life I haven’t read much contemporary English literature but a title like Waiting for the Barbarians deserved definitely a mention in my radio broadcast.

However, I didn’t want to read the book. So I looked up in the German state-owned broadcasting stations’ media bank to find out that someone had allowed for a colleague to travel to Stockholm … for shopping! While I hoped for an interview with the laureate, she had sent 60 seconds full of boredom. Which is weird. Normally, in 60 seconds you didn’t have the time to get bored…

I had to read the book after all, to verify my suspicion: Coetzee’s Waiting for the Barbarians bears a clear reference to Cavafy’s poem of the same title: the empire (which empire? The reader never knows) enjoys a decadence covered up only with the help of a fictitious threat – the “barbarians”. Cavafy, the poet, and the Magistrate in Coetzee’s novel are the ones with the role to say that the barbarians are no enemy, let alone a threat – to be annihilated by sorrow (the poet) or the authorities (the Magistrate).

First reviews spoke of a work aiming at apartheid. Coetzee lived and taught in his native South Africa back then. Ciro Guerra’s movie Waiting for the Barbarians (2019) though, starring Johnny Depp as the inhumane colonel Joll, focuses on Cavafy’s main inspiration, an Anglogreek one from early-20th-century Alexandria. The empire – the British, the Roman – will not fall. Unfortunately… The movie’s barbarians resemble Central Asians, the landscape is North African and Levantine. Guerra reduces Coetzee back to Cavafy and makes the novel an opera apertà that can be read anew without the restrictions of its interpretations in the 80s.