Ristrexit

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Die Frage lautet: Wenn die EU beweist, dass ein Binnenmarkt zu protektionistischen Betrügereien hinter der Fassade führt, wo hat man keine protektionistischen Betrügereien? (Kleine Hilfe: logische Kontraposition!)

Vor der Beantwortung der Frage möchte ich allerdings einem Missverständnis vorbeugen: Trotz des Titels dieses Beitrags bleiben die Philosophischen Ristretti, wo sie gerade sind: unter http://www.philori.de mit einem „.de“ am Ende und bei WordPress. Meine Leser brauchen keine Lesezeichen zu ändern oder Ähnliches. Und es wird sogar meistens in Deutschland gepostet werden. Untertags wird aber der Autor dieser Beiträge in der Schweiz lehren – nach wie vor Grundlagen der Mathematik und Ethik und Religion.

Das ist natürlich keine politische Entscheidung – keine jedenfalls im herkömmlichen Sinn von „politisch“.

Und trotzdem…

In den letzten Jahrzehnten erlebte ich die EU aus meiner Berufsperspektive des Uni- und Gymnasiallehrers als eine Kulturlandschaft, die zwar bunt ist, deren Bewohner aber am liebsten eine Monokultur einrichten würden. Das Englisch meiner Aufsätze war immer stilistisch und grammatikalisch richtig, fanden die britischen Peers, bloß auf dem Flur eines britischen Philosophiedepartments habe man idiomatische (Mode-) Ausdrücke, die ich nicht verwende. Oder der Kandidat aus Oxford, den ich präferierte, hatte – wie schrecklich! – keine Note auf der Doktorurkunde, sagte der Erfurter Kollege. Es gab auch die besonders Kranken: den Kontinentalphilosophen der Fernuni Hagen etwa und das bayerische Schulamt: ersterer attestiert analytischen Philosophen – eigentlich mir – ein „korruptes Deutsch“, letzteres wollte feststellen, ob meine Semesterwochenstunden an der Uni Athen genau mit denen in München übereinstimmen, sonst keine Lehrgenehmigung in Bayern. Der bisherige Französischlehrer meiner Töchter darf in Mittel- und Oberstufe bayerischer Staats- oder Privatschulen nicht unterrichten, weil er kein bayerisches Staatsexamen im Fach Französisch hat. Da könnte ja jeder französische Französischlehrer mit Staatsexamen in Marseille nach Bayern kommen und bayerischen Kindern ein unbayerisches Französisch beibringen, oder? Ich muss zugeben, dass meine Karten mit griechischer Lehrgenehmigung und zwei Erfurter veniae natürlich schlechter als seine waren. In den bayerischen Behörden weiß man wenigstens, wo Marseille liegt. Aber Athen… Oder – noch schlimmer- Erfurt! In diesem Blog habe ich auch von meinen Erfahrungen in Griechenland berichtet.

Fazit: wo die Bauernschläue zum Staatsprinzip erhoben wird, da ist es nur heuchlerisch, von „Europa als Friedensprojekt“ zu reden.

Wir erleben den Untergang eines Transvestiten: einer als Friedensprojekt verkleideten Werbemaßnahme auf einer Party von Marktprotektionisten.

Auch deshalb trinke ich in der Früh meinen Ristretto woanders und zwar sehr gern.


Enough with scrolling

The question is: when the EU is the living example that the common market implies fraudulent protectionism behind the curtain, what’s the case when you have no fraudulent protectionism? (I’m giving you a hint: I just negated the consequent)

But first, I’d like to avoid a misunderstanding: despite the title of this post, Philosophische Ristretti, the blog, will remain at http://www.philori.de (with a „.de“ at the end) and at WordPress. Don’t change your bookmarks or anything else.

However, while you’ll be reading my posts, I’ll be in Switzerland- at least if you read during the day. Teaching maths and ethics and religion there, instead of Germany is not a political decision – not in the usual sense of „political“. But it’s also not out of the blue. In fact, it is due to the political culture in the EU.

In the last two decades, my impression of the EU vis-à-vis my profession is that of a big place where people pretend to affirm diversity but have a hidden agenda to promote their microinterests in the name of big ideas. The two things are complementary: affirming diversity is a big idea and pretending to do so serves the hidden agenda. Oxford is a great place to study, so I learned in Erfurt, but Erfurt PhDs are better because they’re graded on a scale from 1 to 4. And papers written by non British scholars can be inspiring – so you can see peers of English philosophy journals write – but the language should be more idiomatic for them to be publishable. And there are also the cases of sick provinciality: the continental philosopher from Hagen who calls analytic style „corrupted language“ or the Bavarian Ministry of Education that prohibits French teachers of French to teach French at Bavarian schools because they took one didactics module less than the Bavarian norm when they studied for their teacher’s degree in France. Try to persuade Bavarian ministries that the common market was established for things other than the BMWs…

The chancellor talked today about Europe as a „peace-making project“. This is inflationary language. Call it a marketing policy for industrial products in a party held by market protectionists but don’t call it a „peace-making project“… Not the EU… OK, call it what you like, but you can’t make it resemble what you call it.

You can call my morning espresso a poison. I’ll still enjoy it. Every morning. On the other side of the border.

Zur Ontologie des Mangels

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Seit Roberto Casatis und Achille Varzis klassischer Studie „Holes“ gilt es als überkommene Weisheit, dass kein Loch Träger von einem anderen Loch sein kann. Daher ist ein Loch als ein Volumen ohne Materie – jedenfalls ohne ausgewiesenen Stoff –  zu definieren, das teilweise oder komplett von einem materiellen Träger umgeben ist.

Die überkommene Weisheit zieht Probleme nach sich. Stellen wir uns zwei über Kreuz laufende Löcher, etwa in einem Laib Appenzeller vor. Ich nenne sie A und B. Nun ist B etwas enger als A. Es stellt sich die Frage, welcher der Träger des mereologischen Schnitts A^B ist. Ein Teil von A? Das ist gegen die überkommene Weisheit. Gibt es dann kein Segment A^B, sondern ein langes, breites Loch A, das B in zwei nicht zusammenhängende Teile trennt, so dass die Löcher insgesamt drei sein müssen? Mag sein. Aber dann warum sollen wir nicht postulieren, dass A ebenfalls in zwei Teile zerfällt und die Kreuzung immer als eigenes Loch zu betrachten ist? Dass also die Löcher fünf an der Zahl sind? Das würde natürlich die Löcher ohne Notwendigkeit multiplizieren und Ockhamisten wären gut beraten, drei statt fünf Löcher anzunehmen. Jedoch wären sie besser beraten, verbundene Löcher als ein einziges, verwinkeltes Loch zu betrachten. Es sieht jedenfalls aus, als hinge die Entscheidung darüber, wie viele Löcher im Appenzeller sind, nicht von unserer Wilkür ab, wie wenn wir beliebige mereologische Summen aus homogenen materiellen Ganzen bilden, sondern von unseren ontologischen Grundsätzen. Als wären Löcher – anders als andere homogene Ganze – wegen unserer Mereologie nicht beliebig summierbar, obwohl sie homogene Ganze sind. Komisch!

Letzten Samstag wurde mir entgegengehalten, dass diese Rätsel bestehen, weil es keine Löcher gibt: wir erschließen „Löcher“, weil wir sie beleuchten, durchdringen, bohren. Unsere Sprache bezeichnet mit den Konstanten A und B nur, was materiell ist oder von Materie besetzt werden kann.

Das ist ein unmathematischer Ansatz. Aber wer behauptet, dass die halbformelle Verwendung von Konstanten mathematischen Intuitionen genügt? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich, dass die Probleme der Ontologie des Mangels im Endeffekt Probleme der unpräzisen Sprache sind. Ehrlich gesagt glaube ich das über viele ontologische Probleme. Keine Sprache durchdringt die Wirklichkeit. Die Sprache steckt bestimmte, bekannte Regionen der Wirklichkeit nur ab und zwar von innen. Die Kritik der reinen Vernunft und der Tractatus lassen grüßen.

Jahrelang denke ich, von jeder Spur Kantianismus und Wittgenstein-Jüngertum befreit zu sein, bis eine Scheibe aus dem Eisbecherdeckel und ein Gespräch mit Familie und Freunden bei Bad Tölz mich zurückwerfen.


Enough with scrolling

Since Roberto Casati’s and Achille Varzi’s influential monograph on the issue, holes are thought to be hosted by no holes but rather by material things. If Casati and Varzi are right, holes are to be defined as immaterial space segments surrounded by material hosts, entirely or partly.

I see problems in this famous account. Take A and B to be two longish holes in a Swiss cheese and to cross somewhere in the cheese. Additionally, assume B to be a bit narrower – its diameter is smaller than this of A. My question is: what is the host of the mereological intersection A^B? Is it A? This can’t be if Casati and Varzi are right. Rather, one must take A to be a hole and B to consist of two holes divided by A – total three. Or you can consider the junction to be an extra hole, at the same time the one end of four others – total five. Ockhamists would say that five is worse because it multiplies unnecessarily the number of entities. Is this to say that three is best?

It isn’t. It is more minimalistic, ergo Ockham-like, to say that interconnected holes are all one. A labyrinth of interconnected holes in your cheese is one hole. I.e. unlike material homogeneous wholes (with a „w“) – and despite their being homogeneous wholes – holes (without the „w“) are of the kind that you can’t add one to another to form an arbitrary mereological sum. Not always! And this is strange!

Last Saturday, I was looking at the world through a hole I found (can I find a hole or do I always find its host?) in an ice-cream cup (no idea what the function of the perforated paper slice at the top of your ice cream is). One question led to another and I found myself explaining nonphilosophers the basics of Casati/Varzi. They were very interested. And they had a solution of the riddles also. There are probably no holes in the world, they told me, and if there are, language doesn’t refer to them. Language refers to non genuine holes: holes you penetrate, holes you illuminate, holes you see and feel, holes that are filled with matter like air, photons or your finger.

This is not a logician’s or a mathematician’s  way to put it but I have to admit that it’s appealing. My semi-formal usage of the constants A and B above doesn’t guarantee mathematical rigour.

In fact, I do believe that most, if not all problems of metaphysics are ones of language and that the riddles concerning holes are of this kind. Language does not map reality. It just delineates some known regions from inside. The idea is reminiscent of Kant and Wittgenstein.

Gosh! I’ve been totally clean of such influences for years and years and they come back during a day in the Alps?

1966

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Die Beatles brachten Revolver heraus und zwei Entitäten, mit denen ich mich identifiziere, erblickten das Licht der Welt. Die eine bin ich. Die andere ist diese:

http://www.buchmarkt.de/content/65517-philosophia-verlag-50-.htm

It was in 1966 when the Beatles released the album Revolver and when I was born. And when the publishing house Philosophia, was founded.

I spent a lot of time in my life enjoying orchestral parts of pop compositions, all the time of my life with myself, and I published on time at Philosophia; among other things I’ve done with them, much more forthcoming…

Logical playboyism

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Es gab eine Zeit, da hatte Theoriebildung mit dem Eingehen eines Risikos zu tun. Wer eine neue Lehre lanciert, publiziert, verteidigt hat, argumentierte nach dem Motto: „Das ist eine korrekte Beschreibung der Welt. So denke ich jedenfalls. Sollte dem nicht so sein, könnt ihr mich auseinandernehmen. Das werde ich mit Bravour ertragen. Aber bis dahin stehe ich da und bin meiner Sache treu“.

Das galt auch für die Logik. Łukasiewicz‘ Dreiwertigkeit, van Fraassens Supervaluationen, Lorenzens und Hintikkas dialogische Verfahren, überall wurde eine Entscheidung getroffen – eine richtige, falsche, wer weiß – und heldenhaft verteidigt. Bis Restall seine Unentschlossenheit auf den Namen „Pluralismus“ taufte:

The Logical Pluralist

3:am had this interview the other day. It’s about Greg Restall’s logical pluralism.

Once upon a time, launching a new theory was connected with risk: the risk to make a mistake while offering what you thought to be a new description of the world. Łukasiewicz’s decision for a third truth value, van Fraassen’s decision for supervaluations, Lorenzen’s and Hintikka’s decision for game semantics or you name it, all developments in logic involved the risk to fail defending your decisions and fall like heroes do.

Until Restall baptised indecisiveness to be called „pluralism“.

Ecclesia

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Unzählige Episoden sind über die Hagia Sophia oder einfach die Große Kirche (megale ekklesia) überliefert, wie die mittelalterlichen Quellen sie oft nannten: mal blutige, mal geschichtsträchtige, mal mystische. Darunter gibt’s eine philosophische, tradiert von Anna Komnena, einer Kaiserstochter und Chronistin des 11. Jahrhunderts. Der zu Folge verantwortete Johannes Italos, Vater des logischen Hexagons der Privation, Verfasser eines genialen Organon-Kommentars, dessen kritische Edition nur in wenigen Exemplaren weltweit existiert, schließlich Platoniker, er verantwortete, sage ich, über all diese Dinge – über was denn sonst? Im Grunde über die Rolle der Vernunft im Glauben. Und da er einen vernunftdurchfluteten Glauben vertrat, haben sie ihn in der Hagia Sophia am Ende seiner Ausführungen…

…geköpft?

(frohlockte, als ich erzählte, der Erfurter Professor für theoretische Philosophie)

Nein! Gefeuert als Lehrer der kaiserlichen Ausbildungsstätte.

Enttäuschung beim Publikum… Philosophiehistorisch gesehen kann man mit der Hagia Sophia wirklich nicht viel anfangen. Philosophisch schon. Die klaren Formen, die nüchternen aber grandiosen Farben… Philosophen zelebrieren sich in der Hagia Sophia.

Jetzt, fast ein Jahrhundert, nachdem Kemal Atatürk sie zum Museum bestimmt hat, beschloss der türkische Staat, in der Großen Kirche den Koran lesen zu lassen. Große Entrüstung usw.

Nicht bei Philosophen hoffentlich. Wir sind an zeitlosen Strukturen interessiert. Politisches Muskelspiel auf symbolischer Ebene bemerken wir nicht einmal.

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If you’re a lover of the history of philosophy, you’ll not find much to inspire you in the Hagia Sophia, the Great Church (megale ekklesia) of the medieval sources. Among stories full of blood, historians‘ ink or supernatural visions, the only thing you can find to be of some philosophical relevance is the condemnation of John Italos. The scribe and emperor’s daughter Anna Komnena recorded this 11th-century episode for posterity: John, the father of an hexagon of opposition that assumes two different types of negation, the author of an extraordinary commentary of the Organon – critically edited ninety years ago and circulating in very few hand-written copies – and a Platonic, was trialed in the Great Church and found to focus on reason more than on faith to be eventually…

…beheaded?

(that was the guess of the Erfurt professor of theoretical philosophy when I told him the story)

No!…Fired from his post as teacher at the emperor’s school of higher education.

Not very spectacular… But the building is spectacular, harmonious, it’s the best building that late ancient architecture has to offer. It’s inspiring to philosophers.

The inspiration will continue also after the Great Church is converted anew to a mosque in a few days and for a few weeks – almost one century after Kemal Atatürk turned it to a museum. But, frankly: so what? We’re philosophers, we love timeless structures, we fail to notice political symbolism.

Instrumentelle Vernunft

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Am Hallenser Steintor-Campus sah ich obiges Bild. Es klebte auf einem Abfalleimer, in dem natürlich keine Werke Adornos steckten.

Die negative Botschaft in schwarzen Lettern, wohl so zu verstehen, dass ein vulgärer Materialist oder ein neoliberaler Ökonom sie äußert, steigerte meine Sympathie für den Aufkleber. Wie hat’s nochmal geheißen auf diesem Plakat in Erfurt vergangenen Dienstag? „BWL-Aufbaustudium für alle, die was Richtiges studiert haben“. In Klammern stand „Biologie, Informatik“ und noch so ein paar Berufungen. Wenn ich so als Vertreter eines „Unrichtigen“ gewatscht werde, dann gehört meine Sympathie wohl denjenigen, die darauf hinweisen, dass richtige Bildung etwas anderes ist als Ausbildung, ob „richtige“ oder nicht.

Was mir allerdings widerstrebt, ist, dass der Vertreter der kritischen Theorie auf dem Aufkleber als Opfer stilisiert wird. In meinen Augen ist er ein Peiniger.

Die kritische Theorie erlebte ich während meiner kurzen Zeit von 2000 bis 2003 an einer griechischen Uni als die Legitimation zur Machtausübung ohne Mehrheitsmandat – damals bestimmte der SyRizA die politische Agenda der Unis als drei-Prozent-Partei – und als „moralische“ Untermauerung der monströsen Bevorzugung von Außenlinken für universitäre Posten. Wer gegen den Neoliberalismus schrie und ein paar Publikationen im griechischen Abklatsch von „konkret“ hatte, ließ sich mit einem Pöstchen belohnen. Wenn das keine instrumentelle Rationalität ist… Adorno als Gegenstand seiner eigenen negativen Dialektik.

Das Geist-Materie-Problem, die analytische Theologie und die Grundlagenforschung – das Instrument par excellence – ja, das sind Forschungsfelder, die nie im Verdacht der instrumentellen Rationalität stehen werden. Total untauglich für die breite Öffentlichkeit und Diamanten der philosophischen Literatur.

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I saw the picture above „against the economism of higher education institutes“ on top of a waste bin in downtown Halle. Needless to say, no works of Adorno were to be found in the waste bin.

When I read the negative message „Is it practicable or disposable?“ – obviously polemically assigned to the vulgar materialist or the liberal economist – I thought that I do share the concerns of the leftist students that issued it after all. Concerns vis-à-vis the stronger and stronger tendency to produce specialisation instead of education.

However, I can’t see how comes that Critical Theory is supposed to be the victim and not the perpetrator. Critical Theory, as I witnessed it at work in Greece where I’ve been teaching from 2000 to 2003, is an instrument to attain power and to legitimise the absurdly high probability by which Greeks with tenured posts in philosophy are – or pretend to be – ideologists of the far left. Thus employed, Critical Theory can be as instrumentalised as anything. Adorno, as one sees, is the subject of negative dialectics himself: the more you protest against vulgar materialism and neoliberalism, the more you are legitimised to enjoy material goods with a professorial salary.

It’s rather the mind-body problem, analytical theology and logic (THE instrument of the instruments) that are beyond suspicion of promoting instrumental reason. Most ordinary people would say that they are impracticable…