Smullyan’s kiss – the full story

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Den New-York-Times-Nachruf zu Raymond Smullyan habe ich sofort repostet. Der Held unserer logischen Jugendextravaganzen pendelt seit letzter Woche nicht mehr zwischen seiner eigenartigen Mystik und dem Agnostizismus. Entweder weiß er Bescheid und wurde definitiv zum Mystiker, oder er weiß nichts mehr und kann nicht mal als Agnostiker gelten. Tote sind Mystiker oder keine Agnostiker – die Disjunktion ist inklusiv.

Der New-York-Times-Nachruf ist schön geschrieben, aber ich vermisste eine ausführliche Besprechung des lediglich kurz erwähnten Tricks in demselben, mit dem Smullyan einen Kuss im ersten Date mit seiner späteren Ehefrau logisch herbeigeführt haben soll – einen Kuss aus logischer Notwendigkeit. Diese Lücke möchte ich schließen.

Mit dem Kuss aus logischer Notwendigkeit hat es sich folgendermaßen verhalten: Smullyan soll im Laufe des Abends Folgendes behauptet haben:

Wenn ich mich nicht irre, wirst du mich heute Abend noch küssen.

Die Implikation ist entweder wahr oder falsch. Falsch ist eine Implikation nur, wenn das Antecedens wahr aber das Konsequens falsch ist. Mit anderen Worten war die obige Implikation am Anfang des Abends nur dann falsch, wenn sich Smullyan zwar nicht irrte, aber keinen Kuss bekommen hätte. In diesem Fall wäre Smullyan jedoch vor Irrtum gefeit gewesen, während er eine laut Annahme falsche Implikation aussprach. Das ist ein Widerspruch, weshalb die Implikation nicht falsch sein konnte.

Also musste die Implikation wahr sein. Wohlgemerkt hätte Smullyan auch dann keinen Kuss bekommen unter der Bedingung, dass sowohl das Antecedens als auch das Konsequens falsch sind. Das würde allerdings heißen, dass Smullyan sich irrte und dass er keinen Kuss bekam. Aber wie kann sich jemand irren, der eine laut Annahme wahre Implikation ausspricht? Die Frage ist rhetorisch… Beide in Frage kommenden Interpretationen mit falschem Konsequens sind somit auszuschließen.

Deshalb muss das Konsequens („Du wirst mich heute Abend noch küssen“) wahr sein. Das ist auf logisch zwingende Weise die einzige nichtwidersprüchliche Interpretation der Behauptung von Smullyan. Aber das bedeutet, dass Smullyan geküsst wird. QED

Von einem abgeleiteten Sachverhalt zum tatsächlichen gibt es normalerweise keine Distanz, in diesem Fall allerdings schon. Damit der Trick funktioniert, muss die Angebetete erstens logisch geschult sein, ferner die Selbstreferenz, auf der das Ganze fußt, als nicht sinnlos betrachten, drittens Humor haben und – last but not least –  die Bivalenz (es gibt nur wahr und falsch und nichts dazwischen) für den für die gegebene Situation adäquaten semantischen Rahmen halten.

Da die Adäquatheit extralogisch ist, zeugte es nicht nur von Smullyans Genius, wenn Smullyan die Logikerin am Tisch – eigentlich eine Pianistin – zur Bivalenz und eo ipso zum Kuss überzeugte. Die Geschichte zeigt vielmehr, dass Blanche Smullyan drei gerne gerade sein ließ, wenn es um Raymond ging. Logisch geschulte Leser werden’s ja bemerkt haben: In einem vielwertigen Rahmen wäre der Witz pointenlos.

Aber wer denkt an Vielwertigkeit, wenn’s am Tisch nur Platz für zwei und viel Sympathie beiderseits gibt? (Gut, bei viel Sympathie braucht man sowieso keine Argumente, aber das führt jetzt zu weit…)

Als Smullyan jung war, war die Bivalenz zudem die Fachorthodoxie. Selbst die Bilder waren zweiwertig.

Schwarz-und-weiß halt‘.



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Many decades ago, Raymond Smullyan, whose obituary in the New York Times I reposted the other day, was a young scholar in a discipline whose semantical orthodoxy prescribed bivalence.

Pictures were, in a way, also bivalent: black and white.

One evening this magician and logician reserved a table for two – two being a very important number in this story that the New-York-Times mention only incompletely – that is for himself and the woman who was about to become his second wife.

It was their very first date and thereby a very improbable occasion for their first kiss. Smullyan, however, inferred logically that he had to be kissed before.the end of the evening. This is the full story of a kiss said to be given for reasons a priori:

Fully out of the blue, Smullyan claimed:

If I’m not wrong, you’ll kiss me tonight.

This is, of course, a conditional, and one that’s either true or false. If false, then the hypothesis is true and the apodosis false. The hypothesis maintains that Smullyan’s not wrong. And it’s supposed to be true if the conditional is about to be false, but this is contradictory because if the conditional is false, Smullyan is wrong after all – against the assumption, that is, that the appdosis is true.

Therefore the conditional has to be  true. But it cannot be true in virtue of a false hypothesis („I’m not wrong“) because if the hypothesis were false then the conditional would be false against the assumption. Therefore the hypothesis must be true. But the only way for an hypothesis and the conditional to be true is that the apodosis („You’ll kiss me tonight“) is true. The a priori consequence was that Blanche (her name, as a matter of fact a pianist and as far as I know not a logician) had to kiss Raymond.

There’s normally no gap between a logical inference and the bringing about of the matter of fact that it describes. Paradoxically, this is not such a case. In order for the trick to work you must have someone with a sense of humour and one with logical training or the corresponding intuition. Plus, she mustn’t think that self-reference is nonsense.

And even then you have to persuade her first that bivalence is the adequate semantical setting for the situation described. This doesn’t go without an argument. Or she must like you, but then no arguments are needed anyway.

But, as I said, it was a time of bivalence and black-and-white pictures.

Brothers of invention

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Nachdem sich die Philosophen jahrhundertelang in der Rolle des Entdeckers, nicht des Erfinders gefallen haben, ist die Zeit reif für die erste philosophische Erfindung der Weltgeschichte. Sie geht aufs Konto der Besucher meiner Philosophie-Ethik-Stunde. Es ist die Schere des Barbiers aus Russells Paradoxie, der nur die und all diejenigen rasiert, die sich nicht selber rasieren (d.h. wenn er sich nicht rasiert, dann rasiert er sich – und umgekehrt).

Die Schere ist unserem Barbier angemessen, denn sie muss ausgeschnitten werden, damit sie gebraucht wird, und sie muss gebraucht werden, um ausgeschnitten zu werden.

(Ist der Joke rüber oder sind die einzigen, die darüber lachen können, meine Schüler und ich?)


Enough with scrolling

What you see above are the scissors of Russell’s barber, the man who shaves only and all those who don’t shave themselves and consequently shaves himself if and only if he doesn’t.

A student from my class constructed the scissors to fit to the needs of the legendary barber. You’ve cut off the scissors to use them if and only if you’ve used them to cut them off.

This is a premiere in the history of philosophy. For centuries now philosophers have discovered things but invented nothing – until my students managed to fruitfully make the step from philosophical discovery to philosophical invention.

(OK, I hope that the joke’s not too silly).

Kleine Religionssoziologie des Fastens

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Sie bekamen die Krise, unsere Mütter und Großmütter und Tanten, wenn sie uns ausgerechnet zu dieser Zeit, kurz vor Ostern, mit einer leeren Schokoladenhülle in der Hand entdeckten. Unser Seelenheil stand auf dem Spiel und – was folgenschwerer wäre – ihr Ruf als Mütter und Großmütter und Tanten, die während der Fastenzeit keine Milchprodukte, keinen Fisch, kein Fleisch anbieten.

Die Schokoladenverpackung haben wir, damals bei Istiäa herumstreunende Kinder einer Großfamilie, von einem der ganz seltenen Sünder bekommen. Sünder aßen freilich ihren Schokoriegel allein. Der Schokoriegel war uns aber sowieso egal – wir wollten ja nicht das Fasten brechen. Es war uns genug, wenn wir unsere Eltern mit der Verpackung der Schokolade eines Fastensünders nerven durften.

Man kann wohl sagen, dass ich mit zehn, elf, zwölf die Fastenzeit nicht mochte. Das änderte sich spektakulär. Die Fastenzeit wurde in der Pubertät eine erstklassige Gelegenheit, um ohne Umschweife und Gewissensbisse Austern, Fischrogen, Seeigel und Oktopus als Wünsche für das Mittagessen zu äußern. Das hat zwar mit Verzicht zu tun, Verzicht auf Milchprodukte, Fleisch und Fisch, nicht allerdings mit Verzicht aufs Genießen. Als wir, die ehemalige Kinderschar, die mit einem leeren Schokoladenpapier in der Hand früher Fastensünde anzudeuten gepflegt hatte, gar entdeckten, wie gut der gekochte Löwenzahn oder die gekochte Bryonia schmeckt, wurde das Fasten zum Spaß.

Das Fasten als Verzicht aufs Genießen halte ich für eine masochistische Übung und den Masochismus für einen selbstreferentiellen Unsinn. Der richtige Masochist genießt es, den Hintern versohlt zu bekommen, und genau weil er es genießt, verzichtet er darauf. Aber dieser Verzicht bereitet dem Masochisten Lust, wohlgemerkt die Lust des Verzichts auf die Lust des Geschlagenwerdens bzw. die Lust des Nichtgeschlagenwerdens. Diese muss wohl mit Geschlagenwerden bekämpft werden, da es schließlich etwas Gutes ist, nicht geschlagen zu werden und der Masochist will den Schmerz usw. Es ist ein Widerspruch zu sagen, man verzichtet gern auf etwas, was man gern tut. Der Fastende, der um seiner Tugend Willen auf den Genuss verzichten will, sollte auf die Erfüllung seines Wunsches, tugendhaft zu sein, verzichten wollen – „Wer denke ich, wer ich bin, mit meiner Tugend zu protzen?“ – was einem Dialetheisten vielleicht Genuss bereitet, aber nicht jeder ist ein Dialetheist. Stopp! Habe ich gesagt „Genuss bereitet“?

Lange Rede, kurzer Sinn – halte ich das römisch-katholische Verständnis des Fastens als Verzicht auf Genuss für ein logisches Looping. Da logische Loopings im Sinn des Dialetheismus neuerdings hoffähig wurden, will ich das nicht anprangern. Aber eine Frage möchte ich doch noch stellen: Wie fühlt sich der Katholik dabei, der kein Dialetheist ist?

Der Orthodoxe befindet sich einerseits in einer leicht besseren, andererseits in einer viel schlechteren Lage. Ersteres, weil er fastet, ohne Tugenden an den Tag legen zu müssen (Garnelen, Austern, Wein – alles zulässig!). Letzteres, weil er fastet, ohne angeben zu können, warum… Und wieder Ersteres, weil er keine funktionale Legitimation für sein Fasten erdichten will, die letztendlich selbstreferentiell wäre. Der Katholik ist ein tugendhafter Mensch, der beim Fasten eine Überraschung im Sinne einer Rationalitätslücke erlebt. Der Orthodoxe ist ein Poet, der beim Fasten eine Überraschung im Sinne der Amoralität – obwohl nicht Immoralität – seines Handelns erlebt.

Der Katholik versucht sich in die Rolle der Legislative zu versetzen: „Übung zur Tugend wird die Begründung meines Fastens sein“. Der Orthodoxe ist die Exekutive. Das ist nicht automatisch schlecht. Sokrates trank sogar aus dem Schierlingsbecher, weil er sich nicht anmaßen wollte, die Legislative zu kritisieren.

Wenn ich beim Thema bin: Beim Saubermachen des Löwenzahns muss man freilich aufpassen, dass der Sammler nicht aus Versehen Schierling mitgepflückt hat. Außerdem sollte man eher im Wald pflücken und nicht auf dem Unicampus. Aber das versteht sich.

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ENOUGH WITH SCROLLING

We made them mad in case we held demonstratively chocolate wrapping paper in our hands just before Easter. And, yes, it’s this time of the year again – for the orthodox. Moms, grandmoms, aunts were worried about the salvation of our souls and – what was more serious – about their reputation as fasting-families-affirmative females. From our side, it was just a childish joke. We, the lads of the Gerogiorgakis-and-Agapitos clan – let’s call it a clan – of the glorious Istiaea municipality, didn’t belong to these lost souls who’d really buy a chocolate on Good Friday. We just spotted the sinners who ate chocolate while the church was full of people singing the 6th-century chants of the passion and asked them for the wrapping paper to shock our parents and grandparents. And the sinners gave us the wrapping paper with the contempt of the one who’s held a benefactor with peanuts.

No, we didn’t love Great Lent when we were children. The joy about the time without dairy products, without meat, without fish came only afterwards when we discovered how cool it was to dive into the cold waters for oysters and sea urchins and to ask the neighbor for lemons to eat them. Fasting is not about exercising extraordinary virtues. It’s rather about changing an attitude towards food. For a couple of weeks.

This is not the mainstream view. Most Christians see fasting as an exercise of virtues – for example against acrasy. But the struggle against acrasy can degenerate into masochism. Masochism can be stultifying. If you enjoy being spanked because it’s suffering, sooner or later you start prolonging the time until you’ll get spanked again because this is also suffering – you need to get spanked… And you end up enjoying the prolonging and, therefore you long not to prolong because this is also suffering etc. Avoiding what you enjoy in fasting is very similar to this. If you eat vegetables during Great Lent because you enjoy eating lamb, and you enjoy fasting, you have to end up not fasting because fasting is something you enjoy during Great Lend and you don’t want to enjoy during  Great Lent. This is alright if you’re a dialetheist and enjoy logical loopings. But – wait! – did I say enjoy loopings?

Anyway, I believe that most fasting Roman-Catholics fast for virtue. The orthodox are in a slightly better situation since their motive to fast is not virtue. I mean, eating oysters, caviar, gambas, octopuses while drinking raki is not exercising any particular virtue, is it? But the orthodox are, in a sense, also in a much worse situation than Roman-Catholics: giving an excuse for fasting – virtue – is at least an explanation even if it entails a rationality gap. Roman-Catholics are fasting rationalists who experience a surprise on the theoretical level. The orthodox are fasting poets who experience their own vice on the practical level as a blessing.

Roman-Catholics try to understand the legislation and to carry the responsibility: this is why we fast from luxury rather than anything else. The orthodox don’t even attempt to feel the role of the legislative. They rather feel they have to be the executive. This is OK, I think. Socrates drank the conium in order to show that you shouldn’t pretend you’re the legislative when you’re not.

Talking about Socrates: if you’re fasting the orthodox way, then do keep an eye open for conium when you’re cleaning the dandelion for the vegetable stew. And do find a less urban place to gather it than the university campus.

Erdogan und semantische Paradoxien

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Ein Journalist, der was verfasst,

das Erdogan nicht passt,

ist morgen schon im Knast

dichtete der Fernsehmoderator Jan Böhmermann, um den Betroffenen zu brüskieren und ein Strafverfahren zu riskieren (mehr über die juristischen Hintergründe finden die Leser hier. Ich bespreche nur die innere Logik des Falls).

Sollte Böhmermann allein deshalb wegen Verleumdung bzw. Schmähung eines ausländischen Staatsoberhaupts ins Gefängnis müssen, wird der Dreizeiler wahr, und wegen einer wahren Aussage darf Böhmermann natürlich nicht ins Gefängnis.

Geht aber Böhmermann wegen des Dreizeilers nicht ins Gefängnis, dann wird der Dreizeiler falsch und ist eventuell als Diffamie einzustufen. Also ist eine Gefängnisstrafe möglich.

Verhängt aber ein Gericht deshalb eine Freiheitsstrafe gegen Böhmermann, dann ist der Dreizeiler wieder wahr usw.

Ein Richter bestellt normalerweise keine Logiker als Sachverständige in Sachen Selbstreferenz und unendlicher Regress, oder? 

   

  Enough with scrolling

If a journalist suggested

Something Erdogan contested

Soon will he be arrested

was a German journalist’s rhyme that infuriated the Turkish president and made the former legally liable according to German law for „insulting a foreign head of state“ (you can read more about legal aspects of the case here. I’m just discussing the underlying logic).

If the journalist gets arrested for this rhyme only, then what he said is true and, therefore, he cannot be incarcerated for a true statement.

So, he won’t get arrested. But then what he said is false, which would make a prosecution more plausible and could lead to imprisonment.

But then what the journalist said would be true etc.

Normally, judges don’t appoint logicians as consultants of the court, isn’t it?

But who advises them on self-reference and infinite regress then?

Useless truths? A note on self-referentiality

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Wenn ich sage „Ich sage die Wahrheit“, indem ich mich nur auf diesen Satz beziehe, kann ich entweder die Wahrheit sagen oder etwas Falsches. Jedenfalls werde ich so annehmen.

Wäre obiger Satz (alias „Wahrheitssager“) falsch, dann würde ich nicht die Wahrheit sagen, d.h. es wäre falsch, dass ich die Wahrheit sage. Wenn aber seine Wahrheit angenommen wird, kann der Wahrheitssager nur wahr sein. Das einzige Kriterium seiner Wahrheit ist meine Annahme bezüglich seines Wahrheitswertes.

Ist der Wahrheitssager deshalb etwa nichtinformativ? Wohl kaum – so denke ich wenigstens seit gestern, als ich die Dienstwohnung auf dem Campus räumte und saubermachte, um in die Innenstadt umzuziehen. Ist die Selbstbezüglichkeit des sich selbst reinigenden, verstaubten Staubsaugers unnütz? Wohl nur, wenn es keinen Strom gibt. Funktionierende Staubsauger können sich selber reinigen. Das ist pragmatisch und OK.

Analog dazu sollten pragmatisch gerechtfertigte Sätze, die ihre eigene Wahrheit behaupten, als wahr gelten, wenn sie sich tatsächlich auf sich beziehen.

Die Frage bleibt natürlich, wann die Wahrheit eines selbstbezüglichen Satzes pragmatisch gerechtfertigt ist.


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When I say „I’m telling the truth“ and refer only to this sentence I can only lie or say the truth – let’s assume so…

If this sentence (alias „truth teller“) is false then I’m saying something false. If the truth teller is true then I’m telling the truth. The truth value of the truth teller is completely dependent on my assumption concerning its truth.

This sounds as if the truth teller were void of information. Since yesterday I have a reason to believe that this is not the case. This is what happened: I was tidying up the  campus flat because I moved downtown. The vacuum cleaner was dusty. So I used it to clean it up. Not the best method but pragmatically OK.

Like vacuum cleaners are useful to themselves when the surrounding circumstances make this possible (e.g. if there’s electricity) there’s nothing bad or vain in assuming self-referential sentences to refer truthfully to themselves if this is pragmatically justified.

One question remains: what does it mean to say that the truth of a self-referential sentence is pragmatically justified?

The disagreement paradox

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Ob das Gerücht stimmt, dass der Schlagabtausch Mitte Februar stattfand, weiß ich zwar nicht, aber das Ganze ist sowieso aus logischer Sicht interessant:

Wolfgang Schäuble: „Wir sind uns über unsere Uneinigkeit einig“.

Yanis Varoufakis: „Nein! Da sind wir uns uneinig“.

Erstens passt die Anekdote, weil Schäuble etwas sagt, was in der Politik oft gesagt wird; und zweitens, weil Yanis Varoufakis ein notorischer Monty-Python-Enthusiast ist.

Was Schäuble sagt, kann nur secundum quid aber nicht simpliciter gelten: Die Einigkeit BESCHRÄNKT SICH auf die Feststellung einer SONST VORHANDENEN Uneinigkeit.

Was Varoufakis sagt, ist der Fall, wenn WS behauptet, es gebe eine Einigkeit, was YV bestreitet, oder wenn WS behaupte, es gebe keine Einigkeit und YV bestreitet vielmehr das. WS behauptete tatsächlich eine Einigkeit über eine vorhandene Uneinigkeit – also müsste YV nach dieser Lesart behaupten, dass es eine vorhandene Uneinigkeit gäbe, aber keine Einigkeit darüber. Das ist aber falsch, weil YV damit bereits zugibt, dass es eine Uneinigkeit gibt – infolge dessen auch Einigkeit darüber, dass es die gibt!

Also kann, was YV sagte, nur den Sinn haben, dass WS eine Uneinigkeit befand, was er, YV, bestritt. WS sprach sinnvollerweise von einer Uneinigkeit secundum pecuniam. Nach dieser Lesart meint YV, dass sich WS diesbezüglich irrt.

Was daraus entsteht, falls man die Äußerung von YV annimmt und damit die Äußerung von WS widerlegt, ist natürlich seinerseits eine Uneinigkeit, aber die tut nichts zur Sache. In puncto Wirtschaft sind sich beide Minister einig!

Ich tendiere zu letzterer Lesart obiger Äußerungen, zumal die selbstreferentielle, die ich hier gar nicht besprach, einen Teufelskreis darstellt.

Lehre für die Argumentationstaktik: Wer bestreitet, dass es eine Einigkeit über Uneinigkeit besteht, verpflichtet sich IN DER SACHE, den Standpunkt seines Gegenübers zu akzeptieren.
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There are rumors that the exchange took place in mid-February. I don’t know if this is true but the story is anyway interesting for its underlying logic:

Wolfgang Schäuble: „We agree that we disagree“.

Yanis Varoufakis: „No, this is where we disagree!“

The story sounds plausible because, first, I expect Schäuble to say something which is commonly said in politics. And, second, he negotiated with someone who loves Monty Python.

What Schäuble said can be meaningfully maintained secundum quid, not however simpliciter: He claimed to agree with Varoufakis upon disagreeing on SOMETHING ELSE.

What Varoufakis says is the case if WS maintains that they agree and YV contradicts or if WS maintains that they disagree and YV contradicts. WS made a claim that they agree – upon disagreeing, but let’s forget this for a moment. According to this reading, YV is supposed to claim that THERE IS a disagreement but no agreement upon this. But this claim invites a contradiction since, straightforwardly, if YV says that there is a disagreement, he agrees with WS over it. Therefore, there is SOME agreement.

I conclude that YV’s words can have only the following meaning: „My dear WS diagnosed disagreement and this is not the case“. Giving WS a minimum of charity, WS must have talked of disagreement secundum pecuniam. If this is correct, YV has to be taken to say that WS makes a mistake concerning an alleged disagreement secundum pecuniam!

Of course, a disagreement emerges anyway when we take YV to say something true and WS something false secundum quid. This, however, is logically harmless. The two men can still be taken to agree on the big issues!

Since the only remaining interpretation, which entails self-reference is not viable (this being the reason I didn’t discuss it here) and after I’ve been studying the news lately, I tend to believe that what YV said is true to the facts.

The lesson to learn from this for argumentation and tactics is the following: when you deny that you agree over the existence of a disagreement with your opponent, the only thing that you can be supposed to be saying is that you are willing to accept your opponent’s view – at least his view on the major issue.

Lent

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Wäre der Verzicht auf alles, was gefällt oder schmeckt, der Sinn des Fastens, dann wäre das Fasten eine selbstreferentielle und sich selbst aufhebende Tätigkeit. Dazu eine Geschichte statt eines Arguments: Es gab einmal einen Masochisten, der es genoss, um fünf Uhr in der Früh aufzustehen, um eine kalte Dusche zu nehmen.

Da er aber ein Masochist war, nahm er statt dessen eine warme.

Der Sinn der heute beginnenden Fastenzeit ist es nicht, Verlangen zu unterdrücken. Es geht dabei eher darum, dass die Kirchenglieder alle zusammen ein Gefallen am Austernessen finden, während Fleisch, Eier und Milchprodukte bis Ostern aus ihrem Speiseplan verschwinden. Es handelt sich nicht primär ums Essen, sondern um Gruppenkohäsion.

Dem Monat März angemessenes biologisch-dynamisches Wirtschaften – zumindest für die Region, wo der orthodoxe Glaube wuchs – ist eine weitere Assoziation mit dem orthodoxen Fasten. Wirtschaften und politische Theologie hängen, wie so oft behauptet, zusammen.

Der Rosenmontag ist in Griechenland der Tag der Drachenflieger. Hierzu ein paar Seiten aus dem Lesebuch, das ich als Erstklässler benutzte.

Anagnostiko kath Deutera

Greeks fly kites on the last Monday before Lent. For the Orthodox Church this is today. But in my mind this custom, a very important one and a topic in the ABC-book which I used as a child, is also associated with fasting, abstinence…

If abstinence in our church were for the sake of controlling every desire, then it would be a kind of a stultifying self-referential masochism. A story instead of an argument: There was this masochist who enjoyed to wake up at five o’clock in the morning and to have a cold shower.

But a masochist as he was, he had a warm shower instead.

The Orthodox Lent that begins today is not about controlling desires. It’s rather about the members of the Church having certain desires like eating oysters, and about refraining from eating meat, eggs and dairy products until Easter – all together! It’s rather about group cohesion than it is about eating.

Organic food production in March – at least in the region from which the orthodox faith originates – has also to be connected with orthodox fasting. Economy and political theology are closely tied and this is not just a sociological cliché.