Modallogik für Neuburg an der Donau: ein peinlicher Fall von Sensationsjournalismus

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Die SZ berichtete vorgestern, dass Neuburg an der Donau neuerdings wieder eine Adolf-Hitler-Straße hat. Peinlich. Aber noch peinlicher ist der Journalismus, der ins Bullshitting flüchtet.

Bullshit erzählen bedeutet nicht zwingend lügen. Bullshit erzählen kann heißen, eine Wahrheit zu sagen, die im konkreten pragmatischen Kontext mehr verdunkelt als beleuchtet. Tatsache ist, dass der Stadtrat von Neuburg an der Donau eine Straßenumbenennung rückgängig machte. Den Stadträten unbekannt, aber eine direkte Implikation aus diesem Rückgängigmachen, war, dass die betroffene Straße eben so hieß, wie keine deutsche oder sonstwelche Straße nach dem 2. Weltkrieg heißen darf.

Angenommen nun, irgendeine konservative Erweiterung des modallogischen Systems K und zwar eine zwischen S4 und S5 ist adäquat, um epistemische Kontexte zu formalisieren (so jedenfalls die überkommene Weisheit von etlichen Jahrzehnten der Forschung in der epistemischen Logik), so muss der Stadtrat gewusst haben, was er dabei tut. Denn jede bekannte Implikation q eines bekannterweise wahren Satzes p soll nach dem Axiom K: W(p->q)->(Wp->Wq) als bekannterweise wahr gelten. Logisches Allwissen ist die Folge davon – eine unhaltbare Folge über deren Reparatur immer noch Uneinigkeit herrscht. Allerdings sollten wir einem Stadtrat gegenüber, der nicht bedacht haben will, welcher genau der frühere Name der Straße war und damit im Unklaren über die Implikationen eines Beschlusses zu sein behauptet, etwas nachsichtig sein.

Klar, nachsichtig können wir einem Verbrecher gegenüber nicht sein, der behauptet, er könnte nicht wissen, dass das gesamte Zivilrecht impliziere, seine Taten seien strafbar. Damit hat das Desiderat des logischen Allwissens in bestimmten epistemischen Kontexten seine Berechtigung.

Diese Berechtigung für den allgemeinen Fall zu behaupten, ist allerdings eindeutig Bullshitting. Denn selbst die Logik gilt nicht für den allgemeinen Fall. Die Logik ist ein Instrument, das unter bestimmten Einschränkungen nützlich ist. Die Einschränkungen, die für unangenehme Fehlinformation und Ignoranz nützlich sind, sind wohl für Haftungsfragen nicht von Belang. Alles, was wir sagen, gilt nicht absolut, sondern muss einen bestimmten Zweck erfüllen. Soviel Aristoteles in die moderne Logik einfließen lassen können und sollen wir und sei es nur, um Klugscheißer zu hindern, auf die Logik zurückzugreifen.

Neuburg

Enough with scrolling

A German daily has the story: Neuburg, a Bavarian town at the river Danube has a street renamed to Adolf-Hitler-Straße. Of course, this is unpleasant. But a journalism that sees no other way to make a point than bullshitting is more unpleasant.

Bullshitting is not necessarily lying. You can bullshit someone by telling her the truth – however a truth that in the given situation is misleading. True, the city council of the town cancelled the renaming of the street some decades ago. Unknown to the members of the city council though – albeit an implication of their decision – the street has thereby automatically the name that no street may have after the 2nd World War, in Germany or elsewhere.

Suppose that – like the received wisdom of some decades of epistemic logic insists – some system between S4 und S5 is adequate to capture epistemic contexts. Therefore the city council must have known what they have been doing. This is for the reason that the mentioned systems are conservative extensions of the system K and K’s characteristic axiom: K(p->q)->(Kp->Kq) says that knowledge is closed under known entailment. The consequence of this is unacceptable: logical omniscience. I tend to indulgence, however, when I have to think of these members of the city council trying to defend themselves by declaring that they couldn’t imagine after whom the street was named and, consequently, they ignored the full implications.

Of course, indulgence wouldn’t be my choice against a criminal who claims that he couldn’t know all the implications of civil law concerning his deeds. In cases like this we appear to support epistemic closure.

Nevertheless, you cannot expand your support for epistemic closure to every other realm without committing bullshitting. It’s true that logic is valid for every interpretation. But since Aristotle we know that interpretations are dependent on fixed domains. And talking about who’s to blame for ignorance justifies a domain completely different than talking about penal responsibility.

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